Jean-Pierre Wils | Rezension |

Das Lebensende als soziale Herausforderung

Rezension zu „Sterben und Ehrenamt. Eine Ethnographie der Ausbildung zur Sterbebegleitung“ von Melanie Pierburg

Abbildung Buchcover Sterben und Ehrenamt von Melanie Pierburg

Melanie Pierburg:
Sterben und Ehrenamt. Eine Ethnographie der Ausbildung zur Sterbebegleitung
Deutschland
Bielefeld 2021: transcript
258 S., 45,00 EUR
ISBN 978-3-8376-5625-1

An Literatur über das Sterben in der heutigen Gesellschaft herrscht kein Mangel. Sterben und Tod sind mittlerweile beredte Themen, sowohl ihre traditionell medizinische als auch ihre vormalig weltanschauliche Rahmung sind Gegenstand von Kritik. Darüber hinaus haben sich die mit Tod und Sterben verbundenen Praktiken erheblich pluralisiert und ausdifferenziert. Wenn man auf die vergangenen vier Jahrzehnte zurückblickt, dann gehört die Hospizbewegung zu den bemerkenswertesten neuen Institutionen im Umgang mit dem Sterben. Die Begleitung Sterbender auf ihrem letzten Gang, vor allem von Ehrenamtlichen geleistet, ist mittlerweile nicht mehr wegzudenken aus den Praktiken, die sich auf das Sterben und auf den Tod richten. Umso bemerkenswerter ist der Umstand, dass die Sozialwissenschaften die Ausbildung zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter bisher kaum unter die Lupe genommen haben. Diesem Desiderat hat sich Melanie Pierburg in ihrer Arbeit angenommen.

Die Promotionsarbeit umfasst drei gesonderte Teile: einen theoretischen Part (S. 17–81), einen großen empirischen Abschnitt (S. 87–219) und einen kurzen literarischen Exkurs (S. 225–242). Beschreibung und Untersuchung des Forschungsgegenstands befinden sich im zweiten Teil, der die ethnografische Durchforstung eines Hospizkurses enthält. Die Ethnografin Pierburg legt zu Recht großen Wert auf die genaue Umzäunung ihres Vorhabens. Anders als medizinische oder pflegerische Expertinnen, so die Autorin, konzentrierten sich die Hospizmitarbeiter nicht in erster Linie auf die körperliche Verfassung der Sterbenden, sondern auf die soziale Dimension des Ablebens, auf den „sozialen Typus“ (S. 8) des Moribunden. Dabei begreift die Hospiztätigkeit das Sterben nicht nur als eine soziale Herausforderung, sondern sie bringt diese Aufgabe zugleich hervor: Sie konstruiert gleichsam eine bestimmte Art des Sterbens.

„Den damit verbundenen Herstellungsprozessen möchte ich […] nachgehen, indem ich nicht Hospize und Palliativstationen aufsuche, die zumeist durch Multiprofessionalität gekennzeichnet sind, sondern einen Hospizkurs, der darauf gerichtet ist, Novizen in die eigenlogische Haltung der Bewegung einzuführen. Die Forschungsfrage, die allen weiteren Ausführungen zugrunde liegt, lautet: Wie werden Sterben und Sterbebegleitungen in einem Hospizkurs konstruiert und vermittelt?“ (S. 9)

Bereits in diesen anfänglichen Bemerkungen macht die Autorin ihre kritische Haltung deutlich, mit der sie sich klar von allzu normativen und idealisierten Sterbevorstellungen abgrenzt. Aber sie sitzt nicht nur als beobachtende Wissenschaftlerin im Hospizkurs, sondern auch als überaus sensible Teilnehmerin. Die Doppelrolle bewahrt sie vor wissenschaftlichen Kurzschlüssen und vor voreiligen Urteilen. Während des Kurses begegnet ihr jedenfalls eine „Bedeutungsproduktion“ (S. 24) im Umgang mit den kontemporären Herausforderungen des Sterbens, die sie mit akademischem Abstand vermutlich nicht angemessen wahrnehmen, geschweige denn untersuchen hätte können.

Im theoretischen Teil richtet sich Pierburgs Augenmerk vor allem auf die gegenwärtige Kontur des Sterbens in unserer Gesellschaft. Das Sterben ist – anders als in der Vergangenheit – nicht mehr geprägt von Hunger und Kriegsgewalt (und vor Corona auch nicht von Pandemien). Es hat sich weitgehend ins hohe Alter verlagert und ist geprägt von Multimorbidität. Heutzutage stirbt man langsam, Sterben dauert also lange und wird dadurch zum Gegenstand verschiedener Modi der Begleitung. Ins Sterben wird sozial investiert, was sich unter anderem daran zeigt, dass sich zahlreiche gesellschaftliche Initiativen mit der letzten Lebensphase befassen. Diese kann als ein „präexitales Produkt der Kultur“ bezeichnet werden (S. 35), denn „das Sterben ist […] zu einer gesellschaftlichen Bewährungsaufgabe geworden“ (S. 37).

Im Sterben und um das Sterben herum entstehen Sinnfragen, die eine modernitätstypische Signatur besitzen: „Sinn ist zu einer Glaubensfrage geworden und nicht mehr im Glauben fundiert.“ (S. 37) Das Leben war immer geprägt von Ambivalenzen, also von Mehrwertigkeiten, die eine kulturelle Umgangsweise mit ihnen verlangen, aber unter postmodernen Vorgaben ist dies zur Aufgabe des Individuums geworden. Pierburg spricht in diesem Zusammenhang von einer „Privatisierung der Ambivalenz“ (S. 41), die auch im Umgang mit dem Sterben gilt. Ganz allein wird man allerdings nicht gelassen – dies hat sich die Sterbebegleitung zur Aufgabe gemacht.

Verschiedene gesellschaftliche Akteure und Institutionen modellieren das Sterben: Die Vokabel des „guten Sterbens“ mit ihrer unübersehbar ethischen Komponente hat ein hohes Maß an Zustimmung erreicht und ist zum Leitbild der Hospizarbeit avanciert. Aber sie ist ihrerseits ambivalent:

„Das gute Sterben kann sowohl als Gegenentwurf zum schlechten Ruf des Ablebens in modernen Gesellschaften verstanden werden als auch als konkrete Anrufung auf eine bestimmte, bewertbare Weise zu sterben, was alle an der Sterbesituation Beteiligten unter Erwartungsdruck setzt. Dem Ideal kann auf der Ebene konkreter Sterbebegleitungen die Funktion zugesprochen werden, das Dahinscheiden in hospizlichen Zusammenhängen bewertbar zu machen.“ (S. 55)

Gemäß dem ethnografischen Vorhaben verzichtet die Autorin auf eine normative Gewichtung dieser so interessanten Feststellung.

Es wäre dem Buch zu wünschen gewesen, dass sie ihre diesbezügliche Enthaltsamkeit hin und wieder (vorsichtig) über Bord geworfen und uns mit einer etwas ausführlicheren Interpretation der Sterbephänomenologie ausgestattet hätte. Beispielsweise im Anschluss an folgende (theoretische) Bemerkung: „Medizinisches Expertenwissen exkludiert Sinnfragen, die das Sterben über seine Körperlichkeit hinaus betreffen. […] So obliegt den Sterbenden ohne metaphysischen Überbau ihren antizipierten Autonomieverlust zu bewältigen.“ (S. 56)

Dem ausführlichen empirischen Teil vorangestellt sind ethnografische und thanatosoziologische Bemerkungen, welche die methodische und methodologische Vorgehensweise der Untersuchung thematisieren. Die Analyse des Kurses geschieht akribisch und zeigt, mit welcher ethnografischen Kompetenz und mit welchem eindrucksvollen theoretischen Gepäck Pierburg arbeitet.

Philosophisch interessanter und ergiebiger sind natürlich die Schlussfolgerungen am Ende der beiden ersten Teile ihrer Arbeit. Das Ergebnis ist durchaus überraschend. Im Gegensatz zur Hospizforschung, in der sowohl das Ideologem des guten Sterbens als auch die Individualisierung des Sterbens eine große Rolle spielen, geht es im Hospizkurs nicht um Definition oder Erreichbarkeit eines guten Sterbeprozesses, dafür umso mehr um dessen Idiosynkrasie.

„Individualisierung als Orientierung ist eines der Hauptmotive des Kurses. Sie wird ins Absurde gesteigert, wenn Sterbende als Dechiffrierungsaufgaben erscheinen, die unter Zuhilfenahme aller Sinne und einer sich zum Teil ins Spirituelle verlagernde Empathie gelöst werden müssen. Die Zuschreibungen des individuellen Sterbens und der idiosynkratischen Moribunden führen hier zu einer Hermeneutik der Sterbesituation, des Sterbenden und des Sterbebegleitenden. Unabhängig davon, ob solche Anforderungen an die Ehrenamtlichen in spe einlösbar sind, wird deutlich, wie sich Individualisierung in verdichteter Form zeigt.“ (S. 218)

Natürlich ist die Autorin, nicht zuletzt angesichts des disziplinären akademischen Kaders, darauf bedacht, die ihr auferlegten ethnografischen Grenzen nicht allzu oft zu überschreiten. Als Philosoph wünscht man sich allerdings, dass sie das öfter getan hätte. Sie verfügt zweifelsohne über die Mittel dazu. Wenn Pierburg feststellt, dass die Ausbildung zur Sterbebegleitung das Ideal des guten Sterbens gänzlich ausspart, wäre es interessant gewesen, Gründe für ihre evaluierende These zu erhalten. Der Verweis auf „die übersteigerte Individualisierung“ (S. 219) als ein Erklärungsfaktor scheint in diesem Zusammenhang etwas dürftig.

Der kleine letzte Teil besteht im Wesentlichen aus einem „autofiktionale[n] Schreibversuch“ (S. 225). Hier lässt die Autorin die Akademie hinter sich, berichtet dezidiert aus einer persönlichen Perspektive über ihre Erfahrungen und Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Kurs und erzählt von tatsächlichen Sterbebegleitungen. Der Part ist ihr sowohl stilistisch als auch inhaltlich grandios gelungen, er entschädigt für längere Durststrecken im empirischen Teil. Nicht ohne Herzklopfen (und nicht ohne Bewunderung) liest man Pierburgs Schilderungen und wer eigene Erfahrung hat in diesem Bereich, wie der Autor dieser Rezension, der einst seinerseits als Seelsorger auf Intensivstationen gearbeitet hat, wird vieles des Berichteten wiedererkennen.

Aber Pierburgs Schreibversuch enthält noch mehr. Ihre Erfahrungen vor Ort befähigen sie zu einer packenden Zusammenfassung der erworbenen Einsichten: „Sterben wird […] zu einer moralischen Herausforderung, der sich neu gestellt werden muss. Ein Grundpfeiler dieser neuen Ausrichtung sind Hospize, die den affirmativen Umgang mit dem Sterben als Leitlinie etablieren.“ Das Ehrenamt ist schwierig, denn es ist mit „Unbestimmtheit“ konfrontiert. „Im Gegensatz zu professionalem Handeln gibt es hier keine wissens- und methodengeleitete Handlungssicherheit. Vielmehr wird eine selbstzweckhafte soziale Beziehung etabliert, die eine bedingungslose Anerkennung symbolisiert.“ (S. 232).

Die beschriebene Anerkennung mobilisiert aufseiten des Ehrenamtlichen Schübe der Selbsterkenntnis.

„Sterbebegleitungen beenden keine Sinnsuche. Sie machen einem [sic] zu einem ständigen Sinnsucher, der nicht nur mit der eigenen Unsicherheit hadert, sondern ebenso mit der Unbestimmtheit existenzieller Situationen und den Ängsten der Betroffenen. Die Professionalität dieses Handelns liegt darin, keine Antworten zu haben, nicht schlauer zu sein als der, um den es geht, und trotzdem zu bleiben. Vielleicht gibt es Menschen, die sich am Ende einer Begleitung erhaben fühlen, demütig und weise. Mir geht es nicht so. Ich fühlte mich bei jeder Begleitung in jeder Beziehung unangemessen.“ (S. 233)

Pierburgs Gefühl dürfte weit über die private Mittelung der Autorin hinaus relevant sein. Hier artikuliert sie die Ohnmacht, die auch ihre wissenschaftliche Arbeit am Phänomen des Sterbens begleitet. Am Ende bleibt das Buch ein Stückwerk, ein reflektierendes Rätseln angesichts des großen Rätsels des Todes. Es wäre schön, wenn wir von Melanie Pierburg auch in Zukunft hörten.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Gesundheit / Medizin Körper

Jean-Pierre Wils

Prof. Dr. Jean-Pierre Wils ist Ordinarius für Philosophische Ethik und Kulturphilosophie an der Radboud Universität Nimwegen (NL). Nach einem Studium der Theologie und Philosophie in Leuven (B) und Tübingen promovierte (1987) und habilitierte (1990) er sich in Tübingen. Anschließend war er, neben zahlreichen Gastprofessuren, Werner-Heisenberg-Stipendiat der DFG (1990–1995) und Professor am Humboldtzentrum der Universität Ulm.

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