Lion Hubrich | Rezension | 21.10.2026
Das Produktionsmodell des 21. Jahrhunderts?
Rezension zu „Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking“ von Quinn Slobodian und Ben Tarnoff
In Muskismus zeichnen der Historiker Quinn Slobodian und der Tech-Journalist Ben Tarnoff anhand des Lebens und Wirkens des gegenwärtig reichsten Menschen der Welt die Konturen eines möglichen „Betriebssystem[s] für das 21. Jahrhundert“ (S. 7) nach. Dabei erscheint das Produktionsmodell des Muskismus – sicherlich zugespitzt – als dystopischer Nachfolger des im 20. Jahrhundert aufgekommenen Fordismus. Ging es Letzterem um allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritt durch Massenproduktion und -konsum, sollen, so die Autoren, Technologien im Muskismus explizit nur noch dem Wohlergehen einer weißen, patriarchalen und verbarrikadierten Ingenieursklasse dienen. Alle übrigen Menschen hingegen seien mithilfe von Digitaltechnologien erbarmungslos aus der Gemeinschaft zu verbannen – insbesondere „[d]ie migrantischen Horden und ihre linken Helfershelfer“ als „Überträger eines ‚woken Virus‘“ (S. 9), wie uns die Autoren mit Musks eigenem Vokabular berichten. Für Slobodian und Tarnoff gehört der Apartheitsstaat Südafrika, in dem Musk aufwuchs, nicht der Vergangenheit an, vielmehr erkennen sie in ihm einen unheilvollen Prototyp für zukünftige westliche Gesellschaften. Ihr Argument entwickeln sie in zwei Hauptkapiteln: Das erste behandelt das Leben und die unternehmerischen Tätigkeiten Elon Musks, das zweite fokussiert auf seine mediale und politische Einflussnahme in den letzten Jahren. Sie nähern sich der Programmatik des Muskismus anhand öffentlich zugänglicher Quellen, von denen es dank der medialen Hyperaktivität der Leitfigur mehr als genügend gibt: Im Jahr 2024 postete Musk durchschnittlich sechzig Beiträge pro Tag (!) auf seiner eigenen Plattform X.com (S. 139).
Aufstieg unter Protektion des US-amerikanischen Staates
Elon Musk wurde 1971 in Südafrika geboren und lebte dort, bis er 17 Jahre alt war (S. 19–37). Der jugendliche Musk sei in der herrschenden weißen Klasse ein Außenseiter gewesen, insbesondere weil er als „schüchterner Sonderling“ unter dem „vorherrschenden Männlichkeitswahn“ gelitten habe (S. 26). Musk habe sich als Schüler deshalb bereits in den 1980er-Jahren in die digitale Welt geflüchtet, so etwa mit dem Programmier-Computer Commodore VIC-20 oder durch Science-Fiction-Filme und -Serien wie Stark Trek, Robotech oder Per Anhalter durch Galaxis. Um den in Südafrika obligatorischen Militärdienst nicht antreten zu müssen, verließ Musk das Land mit finanzieller Unterstützung seiner Familie noch vor dem Erwachsenenalter und zog erst nach Kanada, später in die USA.
Musk kam 1995 ins Silicon Valley und damit genau zur richtigen Zeit, um im New-Economy-Boom reich zu werden (S. 38–56). Im selben Jahr gründete er das Unternehmen Zip2, das auf Basis von GPS-Daten, die das Pentagon damals gerade zur kommerziellen Nutzung freigegeben hatte, Software-Lizenzen für Stadtführer anbot. 1999 wurde Zip2 verkauft, Musk bekam einen Anteil von 22 Millionen Dollar. Einen Monat später gründete er das Finanzunternehmen X.com – damals noch ein Zahlungsdienstleister –, das ab 2000 zu Peter Thiels Paypal gehörte und Musk bei der späteren Übernahme Paypals durch Ebay 180 Millionen Dollar einbrachte. Für Slobodian und Tarnoff sind bei diesen ersten beiden Erfolgen zwei Aspekte wichtig: erstens, dass der Erfolg der Unternehmen nicht von einer genialen Produktentwicklung, sondern von Musks Charisma als Verkäufer abhing – Zip2 war nie profitabel, ehe es übernommen wurde. Und zweitens, dass Musk – wie im Prinzip das gesamte Silicon Valley – vor allem von der Kommerzialisierung von Technologien profitierte, die zuvor jahrzehntelang mit öffentlicher Finanzierung und insbesondere durch das US-Militär entwickelt wurden.
Mit dem 2001 gegründeten Raumfahrttechnologieunternehmen SpaceX kooperierte Musk explizit mit dem US-amerikanischen Staat und insbesondere dem Militär (S. 57–88). Die Autoren arbeiten heraus, wie SpaceX vor allem durch den sogenannten War on Terror nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wachsen konnte, in dem der Einsatz von satellitengesteuerten Waffen und satellitengestützter Kommunikation eine prägende Rolle spielte. Zwar wurden die dafür notwendigen Technologien von der US-Raumfahrtbehörde NASA entwickelt, aber der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld war aufgrund seiner Bürokratieskepsis der Auffassung, dass der Bau von kleinen und billigen Raketen, die den nahen Orbit mit mehr Satelliten besiedeln sollten, lieber der Privatwirtschaft zu überlassen sei. Obwohl SpaceX zu diesem Zeitpunkt noch keine einzige Rakete gebaut hatte, erhielt das Unternehmen aufgrund von Musks Ruf und seinen Netzwerken im Jahr 2005 von der US Air Force einen Auftrag über 100 Millionen Dollar, um neue Trägerraketen für den Satellitentransport zu produzieren (S. 66). Die Produktionsweise von SpaceX widersprach dabei dem Zeitgeist der frühen 2000er-Jahre, der von Globalisierung geprägt war: Statt auf Outsourcing setzte Musk auf zentrale Steuerung aller Produktionsschritte und auf sogenannte vertikale Integration, also die größtmögliche Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette. Er entwickelte damit einen „schlanken Fordismus“ (S. 75), der die Fehlerkultur des Silicon Valley und die Prinzipien der japanischen learn production mit klassischer fordistischer Steuerung kombinierte.
Die Firma Tesla, deren Geschäftsführung Musk ab 2008 übernahm, profitierte wiederum von der geoökonomischen Neuausrichtung des US-amerikanischen Staates (S. 89–126). Unternehmen wie Tesla wurden interessant, als der frisch gewählte Präsident Barack Obama den grünen Kapitalismus ausrief, um einerseits den Klimawandel zu bekämpfen und andererseits in Zeiten wachsender geopolitischer Spannungen die Abhängig der USA von Ölimporten zu verringern.[1] Tesla fiel zu einem Zeitpunkt, als es gerade einmal 200 Elektroautos gebaut hatte und diese zu einem Stückpreis von über 100.000 Dollar vertrieb, unter explizite staatliche Protektion auf höchster Ebene: Nach der Finanzkrise von 2008 erhielt das Unternehmen vom US-Energieministerium einen Kredit über 465 Millionen Dollar (S. 98 f.).
Politische Radikalisierung und Herrschaftsprogramm
Das gesellschaftliche Wirken Elon Musks beschreiben Slobodian und Tarnoff insgesamt als getrieben von einer „Fixierung auf den Cyborg“ (S. 123) – die von Science-Fiction geprägte Vorstellung einer erstrebenswerten Verschmelzung von Mensch und Maschine. Dementsprechend war Musk einer der ersten, die in Unternehmen wie OpenAI oder Neuralink investierten.
Musk sei zwar schon länger auf Sozialen Medien präsent gewesen, aber seit dem Jahr 2020 lasse sich in Musks öffentlichem Auftreten eine deutliche Politisierung beobachten: Der ehemalige Posterboy des weltoffenen, grünen Kapitalismus sei mittlerweile klar rechtslibertär (S. 152–175). Slobodian und Tarnoff zufolge kamen damals einige gesellschaftliche und persönliche Entwicklungen zusammen, die entweder Musks geschäftlichen Interessen zuwiderliefen oder seinen persönlichen Herrschaftswahn untergruben: Die Corona-Auflagen des Staates Kalifornien blockierten seine Tesla-Gigafabrik in Fermont; die BlackLivesMatter-Bewegung nutzte Soziale Medien, um auf gesellschaftliche Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen; die neu gewählte Biden-Regierung zeigte Ambitionen, die Macht von Tech-Monopolen zu verringern; und Musks Tochter Vivien outete sich öffentlich als Transfrau und erklärte, mit ihrem Vater nichts mehr zu tun haben zu wollen. In der Folge war Musk, so die Rekonstruktion der Autoren, von der Ausbreitung eines „woke[n] Gedankenvirus“ überzeugt (S. 169).
Um das ‚woke‘ Gedankenvirus aus der digitalen Maschinerie zu verbannen, so Slobodian und Tarnoff, will der Muskismus kontrollieren, mit welchen Informationen der Cyborg – also die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine – gefüttert wird (S. 176–198). Musks Übernahme Twitters im Jahr 2022 sowie das Protegieren von rechtsradikalen Accounts auf der Plattform sehen sie in diesem Zusammenhang – ebenso wie seine Unterstützung rechter Parteien, nicht nur in den USA, ab 2023. Zugleich verdeutliche der 2023 in Betrieb genommene Chatbot Grok – Musks Alternative zum zu ‚woken‘ ChatGPT – die offenkundigen Schwierigkeiten solcher Anstrengungen: Menschliche ‚Annotators‘ sollten die Antworten der KI händisch auf rechts drehen, jedoch mit dem Ergebnis, dass sich Grok – in Anlehnung an das Computerspiel Wolfenstein 3D – in seinen Antworten unter anderem als „MechaHitler“ (S. 194) bezeichnete.
Schließlich versuchte Musk als Chefberater von Donalds Trumps Department of Government Efficiency (DOGE) zwischen Januar und Mai 2025, eine „KI-Regierung“ (S. 211) zu implementieren (S. 199–222). Slobodian und Tarnoff erläutern, dass sich Musk den Staat und seine verschiedenen Funktionen wie ein Computerprogramm vorstellte, bei dem es unregelmäßige Daten zu finden und auszumerzen galt. Dieses Vorgehen, das von einem geringen Verständnis für bürokratische Strukturen zeuge, habe unter anderem die Existenzen zahlreicher Sozialleistungsempfänger zerstört, die fälschlicherweise als verstorben deklariert worden waren. Doch obwohl Musk die Abhängigkeit des US-amerikanischen Staates von Tech-Unternehmen erhöhte, indem er staatliche Strukturen zerschlug und behördliche Daten abgriff, markiert DOGE laut den Autoren zugleich „die Grenzen des Muskismus als Regierungsmethode" (S. 219): Der Staat sei für „Überlebensinfrastruktur“ verantwortlich, darum könne er eben nicht wie ein Unternehmen geführt werden, da er dann nicht in der Lage sei, seinen zentralen Funktionen nachzukommen.
Der Muskismus als Masterplan?
Der stärkste Beitrag des Buches liegt darin, dass es eine Rekonstruktion des strategischen Verhältnisses zwischen Muskismus und Staat bietet: Slobodian und Tarnoff arbeiten in vielen Facetten heraus, wie Musks verschiedene Unternehmen vor allem dank der großen finanziellen Unterstützung des US-amerikanischen (Militär-)Staates erfolgreich wurden, wobei sich der selbsternannte Technoking – so seine offizielle Position bei Tesla – sowohl republikanischen als auch demokratischen Regierungen andiente. Ein zentrales und überzeugendes Argument der Autoren ist dementsprechend, dass es Musk nie darum ging, mit seinen Unternehmen die Einflusszone des Staates zu verlassen. Vielmehr träume er von der Unterwerfung des Staates durch die Unternehmen. Einen erschreckenden Eindruck davon, wie dies aussehen kann, gibt der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, in dem die Ukraine bei der Nutzung des SpaceX-Satellitendienstes Starlink vom Wohlwollen Musks abhängig ist.
Offen bleibt, inwiefern der von Slobodian und Tarnoff herausgearbeitete Muskismus tatsächlich generalisierbar ist. Schließlich betonen die Autoren, wie sehr Musks Geschäftsstrategien oftmals gegen den Zeitgeist des Silicon Valleys liefen. Die klassischen Monopolisten des „digitalen Kapitalismus“[2] – Google, Amazon, Apple, Facebook und Microsoft – erwirtschaften ihre Gewinne primär im Privatkundengeschäft und sind deshalb einen Staat interessiert, der sich möglichst wenig in den Ausbau ihrer Marktmacht einmischt. Zwar investieren einige dieser Unternehmen mittlerweile in Überwachungs- und Militärtechnologien und folgen damit Musks Beispiel – möglicherweise geht es ihnen dabei aber nur um ein weiteres Standbein und nicht um eine umfassende Verschiebung der Unternehmensstrategie.
Slobodian und Tarnoff demonstrieren auch, dass Musks migrationsfeindliche und transphobe Aussagen keine Ausrutscher sind, sondern in ein übergreifendes ideologisches Programm eingebettet sind. Die Frage, wie aus dem sensiblen Elon Musk – der sich nicht so recht mit der südafrikanischen Apartheit arrangieren konnte (vgl. S. 26–30) – der gnaden- und empathielose Agitator von heute wurde, ist durch das Buch nicht endgültig geklärt. Aus soziologischer Perspektive lässt die Analyse eine sozialisationstheoretische Untermauerung vermissen. Bisweilen scheint es, als verstünden die Autoren die Person Elon Musk als ein Gefäß, in den der hochgradige Rassismus seiner Herkunftsgesellschaft hineingekippt und mit SciFi-Filmen, IT-Humor und Computerspielen vermischt wurde, sodass am Ende ein ideologisches Programm zur technologischen Unterwerfung der Menschheit entstand. So stamme Musks Obsession, den Sozialstaat von „woken Parasiten“ (S. 205) zu säubern, unter anderem aus dem Computerspiel Diablo IV, in dem man in labyrinthischen Kellern Monster tötet. Diese Herleitung der Autoren ist nicht sonderlich plausibel, sie erinnert an Reden von CSU-Politikern in der deutschen ‚Killerspiel‘-Debatte von vor 25 Jahren[3] und stellt keine stichhaltige Auseinandersetzung mit den Komplexitäten digitaler Medien dar.
Die Abfolge der Ereignisse in Musks Leben – Hochvermögen durch schnelle unternehmerische Erfolge, Monopolisierung von technologischer Infrastruktur und schließlich politischer Einfluss – lässt zwar die Interpretation zu, dass hier eine Art Masterplan verfolgt wurde und wird. Analytisch nicht zu ignorieren sind dabei aber die Widersprüchlichkeiten und Selbsttäuschungen, die die Biografie Musks – wie wohl die Biografie eines jeden Menschen – prägen. Die Alternativhypothese zu Slobodians und Tarnoffs Muskismus findet sich bei Adrian Daub, der (sicherlich ebenso zugespitzt) die Herrscher des digitalen Kapitalismus als nie erwachsen gewordene Kinder charakterisiert, die die Welt nun ohne Sinn und Verstand unter ihrem Geltungsdruck und ihrer Bindungsunfähigkeit leiden lassen.[4] Was genau von den Technokings im 21. Jahrhundert zu erwarten ist, bleibt also weiter zu beobachten und zu diskutieren.
Fußnoten
- Allerdings ist die USA durch die rapide Entwicklung und Verbreitung von Fracking-Technologien seit 2020 selbst wieder ein Nettoexporteur von Öl, wodurch die geopolitische Bedeutung einer etwaigen Elektrifizierung abgenommen hat.
- Philipp Staab, Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Berlin 2019.
- Für einen Überblick über diese Debatte siehe Falk Steiner, Missing Link. Ist das Ende der Killerspiel-Debatte erreicht?, in: Heise online, 17.11.2024.
- Adrian Daub, Was das Valley herrschen nennt, Berlin 2026.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.
Kategorien: Daten / Datenverarbeitung Digitalisierung Kapitalismus / Postkapitalismus Medien
Empfehlungen
Kybernetik und Kapitalismus
Rezension zu „Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst“ von Anna-Verena Nosthoff
„Sticky“ und „spreadable“
Rezension zu „Alltag als Arbeit. Wie Influencer:innen unser Selbstbild verändern“ von Tanja Prokić
Privacy im digitalen Kapitalismus
Rezension zu „Industry Unbound. The Inside Story of Privacy, Data, and Corporate Power” von Ari Ezra Waldman