Julian Müller | Rezension | 05.09.2024
Das waren die zwanziger Jahre
Rezension zu „Glossar der Gegenwart 2.0“, herausgegeben von Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke
Schlägt man heute das von Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke herausgegebene Glossar der Gegenwart aus dem Jahr 2004 auf, so wird man mit einer Zeit konfrontiert, die zwar noch lebhaft in Erinnerung sein mag, aber – und dafür reicht schon ein flüchtiger Blick in das Inhaltsverzeichnis – eine längst vergangene ist. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte seinen fragwürdigen Auftritt in der Elefantenrunde noch vor sich, das meistverkaufte Mobiltelefon des Jahres war das Nokia 2600, Guido Westerwelle nutzte noch die Sohlen seiner Schuhe, um Content zu posten, und die (westliche) Welt stand noch immer unter dem Schock von 9/11. All das spiegelt sich auch in den damals versammelten Lemmata wider: ‚Terror‘ und ‚Risiko‘ natürlich, aber auch ‚Beratung‘, ‚Erfolg‘, ‚Projekt‘, ‚Aktivierung‘, ‚Branding‘ und ‚cool‘. Diese Begriffe taugen heute nicht mehr so recht, um die Gegenwart zu erfassen. Sie klingen etwas abgenutzt, so wie die von VHS-Kassetten überspielten und auf Youtube hochgeladenen Fernsehsendungen aus dieser Zeit aussehen. Zugleich vermitteln sie aber auch ebenso schnell ein Gefühl für den Tonfall dieser Jahre, in denen Christian Drosten noch Peter Scholl-Latour hieß.
Der Alterungsprozess ihres Glossars scheint auch den Herausgeber:innen nicht entgangen zu sein. Dass sie dieses Projekt nun 20 Jahre später wiederholt haben, ist eine erfreuliche Nachricht. Herausgekommen ist dabei nicht bloß eine überarbeitete Neuauflage, sondern ein „Update“ – ein Begriff übrigens, zu dem sich im Buch ein eigener Eintrag finden lässt (von Jan-Hendrik Passoth). Und so, wie Updates Neukonfigurationen vornehmen und dabei doch die Wiedererkennbarkeit des Betriebssystems gewährleisten, wirkt auch diese neue Version des Glossars der Gegenwart 2.0 gleichermaßen vertraut wie neu. Weiterhin misstrauen Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke allzu selbstsicheren soziologischen Zeitdiagnosen, die die Gesellschaft auf ein zentrales Prinzip oder Motiv zurückführen. Stattdessen versuchen sie, die Gegenwart auf eine Vielzahl von Begriffen zu bringen, und interessieren sich insbesondere dafür, wie diese Begriffe interferieren. Auch bleibt der Fokus derselbe wie im Vorgängerband: Unter Bezugnahme auf die Vorlesungen Michel Foucaults zur Geschichte der Gouvernementalität geht es um die Suche nach den Schlüsselbegriffen, die in aktuelle Formen, Prozeduren und Techniken des Regierens, Regiert-Werdens und Nicht-regiert-werden-Wollens eingeschrieben sind. Neu wiederum sind die Begriffe selbst. Die Liste reicht von ‚Achtsamkeit‘ (Ulrich Bröckling) über ‚Nachhaltigkeit‘ (Frank Adloff) und ‚Resilienz‘ (Thomas Lemke) bis hin zu ‚Vulnerabilität‘ (Stephan Lessenich).
Beim Lesen begegnen einem also viele jener ubiquitären Formeln, ohne die heute keine Rede des Bundespräsidenten und kein erfolgversprechender Forschungsantrag mehr auskommt. Und genau das ist das verfolgte Ziel der Begriffssammlung. Schließlich geben Bröckling, Krasmann und Lemke als entscheidendes Auswahlkriterium für die Lemmata an, dass diese eine nennenswerte Rolle in der Gegenwartssprache zu spielen haben; was auch heißt, dass die einzelnen Begriffe gerade nicht auf bestimmte soziale Felder beschränkt, sondern ausdrücklich mehrdeutig und umkämpft sein sollen. Ob die Herausgeber:innen ihrem eigenen Anspruch dabei vollends gerecht werden, ist eine andere Frage. So ist die Verwendung einiger Begriffe – aber das macht das Autor:innentrio in der Einleitung selbst zum Thema – womöglich doch zu stark auf den akademischen Kontext beschränkt.
Es ist an dieser Stelle nicht möglich, die einzelnen Beiträge wiederzugeben – und es widerspräche letztlich auch der Intention dieses Projekts, soll sich die Aussagekraft der Beiträge doch gerade „aus ihrer Konstellation“ (S. 18) ergeben. Daher lädt das Buch zum Vor- und Zurückblättern ein: Wenn man etwa von ‚Achtsamkeit‘ zu ‚Hass‘ (Ulrich Bröckling / Susanne Krasmann) und wieder zurück zu ‚Agilität‘ (Stefanie Graefe) springt, begegnen einem unterschiedliche Formen der Affektkontrolle, die wiederum auf je unterschiedliche, aber durchaus vergleichbare Affektpolitiken verweisen. Die verschiedenen Beiträge ergänzen und kommentieren sich dabei wechselseitig auf kluge Weise. Und es gelingt ihnen, die Balance zwischen Informativität und Prägnanz zu halten. Den Anschein einer streng akademischen Begriffsgeschichte versuchen die Artikel gar nicht erst zu erwecken. Die Texte, die sich als „Nahaufnahmen“ (S. 18) der Gegenwart verstehen, wissen bereits um das nächste Update.
Nun können Nahaufnahmen nicht nur leicht verwackeln, sie bergen ebenso die Gefahr einer misplaced closeness, bei der man so nah heranzoomt, bis auf dem Bild letztlich nichts mehr zu erkennen ist. Auch das Glossar der Gegenwart 2.0 steht vor der Herausforderung, den richtigen Abstand zu den untersuchten Begriffen zu wahren, die uns umgeben und die wir permanent selbst gebrauchen. Manche der Lemmata wie etwa ‚Digitalisierung‘ (Urs Stäheli), ‚Social Media‘ (Simon Strick), ‚Plattform‘ (Philipp Staab) oder ‚Ansteckung‘ (Sven Opitz) wirken auf den ersten Blick daher fast schon zu erwartbar und überevident, ziehen aber gerade daraus ihre Stärke. So erfahren wir nach Jahren der öffentlichen Diskussion um Infektionszahlen und R-Werte, wie sehr sich ‚Ansteckung‘ weit über die Covid-19-Pandemie hinaus zu einer plausiblen Beschreibung der Zirkulation von Menschen, Viren oder auch Informationen entwickelt hat. Dabei ist die Vorstellung unterschiedlicher Formen von Ansteckung historisch gesehen alles andere als neu; neu dagegen sind die Techniken, die bei der Simulation und Kontrolle multipler Ansteckungsrisiken zur Anwendung kommen und entsprechend in den sozialen Stoffwechselkreislauf eingreifen.
Überhaupt durchzieht die Beiträge – was bei der Bezugnahme auf Foucault nicht verwunderlich ist – ein gemeinsames Interesse für Kreislaufprozesse und Feedbackmechanismen. Man kann das als Effekt einer langanhaltenden Kybernetisierung des Wissens begreifen,[1] an dem dieses Glossar selbst mitwirkt. Die Texte sind schließlich darum bemüht, die vielfältigen Rückkopplungsprozesse zwischen Mensch und Technik (‚Nudging‘, ‚Tracking & Tracing‘), Medien und Affekten (‚Hass‘, ‚Populismus‘) oder Natur und Gesellschaft (‚Anthropozän‘, ‚Epigenetik‘) freizulegen. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem Beitrag zum Stichwort ‚Ökologie‘ zu. Darin geht Erich Hörl den Spuren einer „Proliferation des Ökologischen“ (S. 257) nach. Damit ist keineswegs nur die Bezugnahme auf Natur gemeint, vielmehr soll damit die Umstellung auf ein allgemeines „Umgebungsdenken“ (S. 262) bezeichnet sein. Dieses müsse bei der Beschreibung technischer Infrastrukturen und medialer Umwelten ebenso zur Anwendung kommen, wie es bereits in unserer alltäglichen Rede Niederschlag gefunden hat. Auch Sprechakte des Situierens und der kritischen Selbstpositionierung – lesenswert in diesem Zusammenhang die Beiträge von Florian Sprenger zu ‚Situiertheit‘ und von Onur Erdur zu ‚Dekolonisierung‘ – sind rhetorische Bezugnahmen auf soziale Umgebungen, die klassische Formen von Autorität und Macht zu unterlaufen versuchen und dadurch wiederum neue Formen der Machtausübung installieren.
Eine Stärke des Glossars der Gegenwart 2.0 ist sicherlich, auf welch disparate Klugheitslehren und Ratgeberliteratur es zugreift, um ein Bild aktueller Menschenregierungskünste zu zeichnen: aus dem Feld der Softwareentwicklung ebenso wie aus den Bereichen Meditation, Medizin oder Militär. Vielleicht bleibt bei all dem die ‚reale‘ Politik zu stark unterbelichtet. Zwar wird eine Fernsehansprache von Angela Merkel herangezogen, um die soziale Selektivität verschiedener Arten von ‚Vulnerabilität‘ zu demonstrieren, aber letztlich taucht die Politik nur in besonders drastischen Ausprägungen auf: als ‚Populismus‘ (Frieder Vogelmann) und als ‚Krieg‘ (Ulrich Bröckling). Was etwa ist mit dem politischen Einfluss, den nicht-majoritäre Institutionen heute ausüben?[2] Und wie lassen sich die Affektpolitiken beschreiben, die in der politischen Mitte derzeit eingesetzt werden, um in etwas pathetischem Tonfall die liberale Demokratie zu verteidigen?[3] Bei der Lektüre vermisst man das ein oder andere Lemma, das einem dabei behilflich sein könnte, derartige Entwicklungen zu entschlüsseln.
Es wäre nun aber zu billig, nach fehlenden Begriffen zu suchen. Dass dieses Buch dazu anregt, über mögliche weitere Lemmata nachzudenken, spricht dafür, dass das Vorhaben der Herausgeber:innen, ein dezidiert nicht auf Vollständigkeit abzielendes Glossar zu präsentieren, geglückt ist. Dass man in dem Band jedoch vergeblich einen Eintrag zum Wandel des Heroischen in der Gegenwart sucht, ist insofern erstaunlich, als sich Ulrich Bröckling in einer Vielzahl von Publikationen intensiv damit auseinandergesetzt hat. Nicht nur die augenfälligen Beispiele besonders autoritärer und viriler Machtausübung, gerade auch die derzeit beobachtbaren Fälle eines gewissermaßen nach-postheroischen Regierens, das um seine Situiertheit weiß und dieses Wissen auszustellen versucht,[4] hätten es verdient, im Hinblick auf den Formwandel politischen Regierens genauer untersucht zu werden.
Ebenso ist es verwunderlich, dass der ‚Unternehmer‘, dem in der Ausgabe aus dem Jahr 2004 noch ein eigenes Lemma gewidmet wurde, heute gänzlich aus dem Inhaltsverzeichnis verschwunden ist. Angesichts der Verführungskraft einer bestimmten Logik und Ästhetik des Unternehmerischen wie auch angesichts eindrücklicher Persönlichkeiten wie Donald Trump, Elon Musk oder Peter Thiel wirkt diese Entscheidung zunächst erklärungsbedürftig. Vermutlich hat das aber auch damit zu tun, dass die erste Fassung des Glossars insgesamt noch stärker auf die Figur des „unternehmerischen Selbst“ und somit auf vielfältige Prozeduren der Aktivierung gerichtet war. Das Selbst, das uns im Glossar der Gegenwart 2.0 begegnet, scheint dagegen weniger durch Kreativität, Aktivierbarkeit und eine projekthafte Existenz als vielmehr durch Reaktions- und Anpassungsfähigkeit gekennzeichnet zu sein.[5] Mit der Zukunft wird nicht länger die Möglichkeit des Abschlusses eigener Projekte verbunden, vielmehr geraten die Vorwegnahme zukünftiger Risiken (preemtion) und die entsprechende Vorbereitung (preparedness) zu den zentralen Aufgaben der Gegenwart.
Es ist das Verdienst von Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann, Thomas Lemke sowie allen beteiligten Autor:innen, eine Inventur aktueller Schlüsselbegriffe durchgeführt und die diesen Begriffen inhärenten normativen Annahmen und politischen Programme freigelegt zu haben. Dieses Glossar trägt so zu einem besseren Verständnis der Gegenwart bei, gerade weil es vermeidet, sie als zu eindeutig darzustellen. Nach der Lektüre jedenfalls fragt man sich unweigerlich, wie wir wohl als Leser:innen der nächsten Auflage im Jahr 2044 auf die heutige Zeit zurückblicken werden, die gleichzeitig durch die Antizipation einer katastrophalen Zukunft sowie den emphatischen Präsentismus diverser Achtsamkeitsübungen gekennzeichnet scheint.
Fußnoten
- Erich Hörl, Die technologische Sinnverschiebung. Über die Metamorphose des Sinns und die große Transformation der Maschine, in: Lorenz Engell / Jiří Bystřický / Kateřina Krtilová (Hg.), Medien denken. Von der Bewegung des Begriffs zu bewegten Bildern, Bielefeld 2010.
- Es sei erwähnt, dass Joseph Vogl in seinem Beitrag zu ‚Finanzialisierung‘ sehr wohl auf die Rolle von Zentralbanken und Rating-Agenturen eingeht.
- Astrid Séville / Julian Müller, Politische Redeweisen, Tübingen 2024.
- Julian Müller / Astrid Séville, Ist Dauerreflexion institutionalisierbar? Das Habeck-Paradox, in: Merkur 76 (2022), 873, S. 82–87.
- Vgl. Philipp Staab, Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft, Berlin 2024.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.
Kategorien: Gesellschaft Kultur Sozialer Wandel Zeit / Zukunft
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