Sina Laubenstein | Rezension | 24.09.2026
Die Regel, nicht die Ausnahme
Rezension zu „Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen“ von Veronika Kracher
Gekauft hätte ich mir Veronika Krachers zweites Buch Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen schon allein des Titels wegen. Er trifft, was viele im digitalen Raum und darüber hinaus zunehmend und tagtäglich erfahren: Frauen und queere Menschen werden abgewertet, bedroht, verfolgt – und ziehen sich deshalb zunehmend zurück, sowohl von Plattformen als auch aus gesellschaftlichen Debatten, im digitalen wie im analogen Raum. „Frauenhass ist keine Ausnahmeerscheinung im Internet, es ist die Regel“, bestätigt Veronika Kracher (S. 65) und macht diese Regel auf gut 270 Seiten konkret. Dabei nennt sie Täter teils explizit beim Namen, wie etwa den amtierenden US-Präsidenten, oder benennt ganze Gruppen: beispielsweise Teile der CDU/CSU-Fraktion sowie sich an Hetzkampagnen beteiligende linke cis Männer, aber auch Frauen, die mitmachen. Die Autorin scheut sich dabei nicht, unbequem zu werden: Sie macht deutlich, wie internalisiert und normalisiert Misogynie auch heutzutage ist und zeigt auf, dass sie sich längst zu einem lukrativen Geschäftsmodell entwickelt hat, von dem nicht mehr nur Manosphere-Influencer wie die Tate-Brüder profitieren, sondern inzwischen eine ganze Geschäftswelt aus Agenturen und Kampagnenstrateg:innen, die Misogynie gezielt als Mittel strategischer Kommunikation einsetzen. Genau das zeichnet Kracher exemplarisch in ihrer detaillierten Analyse des Prozesses von Amber Heard gegen Johnny Depp nach, bei deren Lektüre ich mich selbst häufig ertappt gefühlt habe. Schon während des Prozesses hatte ich schmerzhaft feststellen müssen, wie festgefahren ich in meiner Vorstellung davon war, wie ein Opfer häuslicher Gewalt sich zu verhalten hat. Krachers Analyse hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie tief ich selbst diese Denkmuster eigentlich internalisiert hatte. Es sind solche detaillierten Untersuchungen, die Bitch Hunt zu einem Buch machen, das den Nerv der Zeit trifft.
Was die misogyne Normalisierung im Alltag bedeutet, zeigt sich etwa daran, dass ein Aufschrei der breiten Bevölkerung in Fällen von Frauenhass und genderbasierter Gewalt häufig ausbleibt, sofern die Tat überhaupt als solche anerkannt wird. Das wirft die Frage auf: Sind wir als Gesellschaft so abgestumpft, dass wir uns kaum noch echauffieren, wenn Männer in Telegram-Kanälen nicht nur heimlich angefertigte Nacktbilder teilen, sondern Vergewaltigungen organisieren?[1] Oder ist die Unterdrückung von Frauen derart normalisiert, dass wir sie nicht als Bruch mit gesellschaftlichen Normen wahrnehmen? Genderbasierte Gewalt und misogynes Kontrollverhalten breiten sich aus, im persönlichen Umfeld von Frauen wie im digitalen Raum, zum Beispiel durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz, mit der sich die Körper von Frauen in Abbildungen beliebig aus- und anziehen, animieren oder in sexualisierte Handlungen versetzen lassen. Verbreitet werden solche Darstellungen der Körper von Frauen und Mädchen in Klassenchats, am Arbeitsplatz oder gar in der eigenen Familie. In solche Entwicklungen hinein erscheint Veronika Krachers zweites Buch Bitch Hunt. Während sich ihr erstes Buch Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults mit der Nische des sogenannten Inceltums auseinandersetzt, lässt sich ihr zweites sowohl eigenständig als auch als Fortsetzung lesen: Frauenhass ist nicht nur im Mainstream angekommen, er wird regelrecht zelebriert und auch politisch gewählt. Misogyne Narrative, Memes und Häme prägen längst nicht mehr nur nischige Internetforen und Imageboards, sondern die digitale Öffentlichkeit insgesamt. Die Dynamiken digitaler Gewalt speisen sich aus gezielten Hasskampagnen, aber auch aus dem Geschäftsmodell der Plattformen selbst. Den Rahmen des Buches setzen Krachers eigene, jüngste Erfahrungen: Die Autorin ist aufgrund ihrer aufklärenden Arbeit selbst zum Ziel von Shitstorms und Hetzkampagnen geworden und hat so am eigenen Leib erfahren müssen, wie sich Frauenhass aus der Nische in die eigenen Netzwerke und in die Breite der Gesellschaft bewegt hat.
Theoretisch fußt Krachers Analyse auf der Misogynie-Definition der Philosophin und Autorin Kate Manne, die den Hass auf Frauen als Straf- und Kontrollmechanismus des Patriarchats begreift: „Misogynie ist also eine Form der korrektiven Gewalt. Was jedoch korrigiert werden muss, entscheidet der misogyne Täter.“ (S. 49) Insofern verstehen Manne und eben auch Kracher misogyne Gewalt vor allem als Sanktion von Frauen, die sich den patriarchalen Anforderungen an ihr Geschlecht verweigern – und erklären damit auch, wieso Misogynie sich ausbreitet, Wahlen gewinnt und man damit auch Geld verdienen kann. Sobald Frauen, aber auch nonbinäre Menschen, vermeintlich ‚männliche' Eigenschaften, Tätigkeiten und Güter (gemeint sind damit beispielsweise Autorität, Führungspositionen, Geld und andere Machtformen) für sich in Anspruch nehmen, werden sie zum Ziel von Hasskommentaren und Drohungen, sind quasi zur Jagd freigegeben. Umgekehrt müssen Frauen und weiblich gelesene Personen ‚weibliche' Eigenschaften und Güter nicht nur an den Tag legen, sondern Männern bereitwillig zur Verfügung stellen. Wer diese Ansprüche nicht erfüllt, hat mit offenem Hass zu rechnen, bereitwillig und unsanktioniert – weil er, wie Kracher mit Bezug auf Manne schreibt, als vermeintlich legitim gilt: „In einer patriarchalen Ordnung haben Männer also ein Anrecht auf Güter, weil sie Männer sind, Frauen haben ihnen diese Güter zu geben und dürfen sie nicht selbst einfordern." (S. 51) Kracher verweist auch auf den Sozialpsychologen und Geschlechterforscher Rolf Pohl, der darlegt, dass die Konstruktion von Männlichkeit nicht nur die Abwertung des Nichtmännlichen meint, sondern vor allem der Bestätigung durch das Weibliche bedarf. Kurzum: Die Grundlage von Misogynie ist das Ungleichheitsdenken und der Glaube an eine sogenannte ‚natürliche Ordnung‘, eine Hierarchie, die Männer über Frauen stellt, auch wenn Kracher das selbst so nicht explizit benennt.
Wie sehr sich dieses Ungleichheitsdenken gesellschaftlich wie ökonomisch auszahlt, und zwar im wortwörtlichen Sinne, zeigt Kracher anhand zahlreicher Beispiele, angefangen schon in der Einleitung, später verdichtet im Kapitel zum „Misogynist Slop Ecosystem“ (S. 56 ff.). Der von der Journalistin Taylor Lorenz geprägte Begriff bezeichnet eine digitale Kultur, in der reichweitenstarke Accounts und mitunter ganze Karrieren allein darauf aufbauen, Frauen und genderqueere Menschen öffentlich zu demütigen. Über Andrew Tate etwa schreibt Kracher: „Frauenhass ist eine ausgesprochen lukrative Angelegenheit. Antifeministische Influencer wie Andrew Tate und ihre Nachahmer finanzieren sich eine goldene Nase damit, verunsicherten Männern zu erklären, wie sie vom unscheinbaren Loser zum unwiderstehlichen Alpha-Mann mutieren.“ (S. 14) Die Rechnung hinter dem Konzept ist so zynisch wie einfach: Das Geschäft mit der Demütigung von Frauen bringt zu viel Geld ein, um es nicht zu betreiben. Zugleich wird es als notwendiger Schutz vor einer vermeintlichen feministischen Agenda gerechtfertigt. Kracher sieht in diesem System ein „etabliertes Herrschaftsinstrument“, das „Mitglieder einer Gesellschaft, die sich deren normativen Werten, Regeln und Gesetzen widersetzen, durch öffentliche Demütigung“ sanktioniert (S. 67). Ganz überzeugt diese Gleichsetzung allerdings nicht: Denn was als „Widersetzen“ gilt, bestimmt ohnehin der Täter. Das kann die Kleidung sein, der Tonfall, die bloße Präsenz in der Öffentlichkeit: Die Grenze wird nicht von der Norm gezogen, sondern von demjenigen, der sie durchsetzen will.
Doch schon bevor das „Misogynist Slop Ecosystem“ existierte, gab es Akteur:innen, die Misogynie und Antifeminismus zu Geld gemacht haben. Das zeigt Kracher anhand von Gamergate, der 2014 losgetretenen Hasskampagne gegen Frauen in der Gaming-Branche, die zuvor auf Sexismus in der Onlinespiele-Industrie hingewiesen hatten. Bis heute gilt Gamergate als Blaupause für koordinierte Online-Mobs. Zudem fungierte die Kampagne für misogyne und antifeministische Gewalt im digitalen Raum gleichsam als Katalysator – ein Beleg dafür, wie schnell und in welchem Ausmaß Frauenhass online viral gehen kann. Und, so führt die Autorin aus, auch für eine digitale Kommunikationslogik, die längst sogar Wahlkämpfe prägt.
Das ausführlichste Kapitel widmet Kracher der Analyse des Gerichtsprozesses zwischen Amber Heard und Johnny Depp. Die Autorin fokussiert dabei insbesondere den Umgang der (digitalen) Öffentlichkeit mit Amber Heard und zeichnet nach, wie schnell die Gesellschaft in diesem Fall bereit war, sich der Erzählung anzuschließen, Heard habe gelogen, um an der eigenen Vorstellung von Depp als allseits beliebtem Schauspieler und unschuldigem Mann festhalten zu können. Kracher arbeitet zudem einen weiteren Aspekt aus: Frauen müssen einem vorgegebenen Opferbild entsprechen, um überhaupt Empathie zu erfahren. Wer nach häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen nicht leise und widerspruchsfrei leidet, sondern wütend anklagt und für sich selbst einsteht, verliert den Anspruch auf Mitgefühl. Gerade der Fall um Amber Heard zeigt exemplarisch, wie Misogynie zum Geschäftsmodell werden kann: Kracher führt aus, wie Content Creator auf den Fall aufsprangen, um mit reichweitenstarken Videos und damit einhergehenden hohen Klickzahlen Geld zu verdienen, teils sogar gezielt dafür angeheuert wurden, sich an der Kampagne gegen Amber Heard zu beteiligen. Und das ist der springende Punkt: Es braucht noch nicht einmal eine große, kostenintensive Kampagne. Es reicht, eine Welle in Gang zu bringen, auf die Menschen nur zu bereitwillig aufspringen.
Der Heard-Prozess diente, so Kracher weiter, auch als Blaupause für Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf 2024, popularisierte er doch antifeministische Narrative, etablierte die Dehumanisierung von Feindbildern durch memetische Kriegsführung gerade auch für junge Menschen, und normalisierte es, Desinformation der Wahrheit vorzuziehen (S. 194). Dieser eindrückliche Aspekt von Krachers Analyse geht im Kapitel beinahe unter und hätte mehr Raum verdient – genauso wie die Fälle Blake Lively, Meghan Markle und Megan Thee Stallion – die zwar beispielhaft genannt, aber vergleichsweise knapp behandelt werden. Das fällt vor allem deshalb auf, weil die Ausführungen zu Amber Heard so stark sind, dass man sich eine Fortsetzung anhand weiterer Beispiele wünscht.
Bei aller Schärfe der Analyse bleibt die titelgebende Frage – warum wir es lieben, Frauen zu hassen – in Teilen unbeantwortet. Kracher zeigt eindrücklich, dass Frauenhass die Regel und nicht die Ausnahme ist. Doch die Erklärung dafür bleibt oft an der Oberfläche. Strukturellen Elementen, wie beispielsweise das Ungleichheitsdenken als Ideologie, die Rolle von Gruppendynamiken und Zugehörigkeit, wird nur bedingt Raum gegeben. Kracher zeigt ihre Expertise und nutzt Incels, den Fokus ihres ersten Buches, häufig als Referenz. Dabei gerät in den Hintergrund, dass Misogynie sich auch in anderen Gruppen und Gewaltformen äußert. Das wird unter anderem an dem deutlich, was im Buch fehlt: Christlich-fundamentalistischer Extremismus etwa wird zwar benannt, aber seine zunehmende Bedeutung kaum vertieft; auch das Kapitel zu Transfeindlichkeit (S. 215 ff.) fällt sehr kurz aus. Krachers These, Antifeminismus fungiere immer wieder als „Türöffner nach Rechtsaußen“ (S. 57) überzeugt nur bedingt, schließlich macht die Autorin Misogynie als ein gesamtgesellschaftliches Problem aus; da dürfte es gleich sein, welche Türen sie darüber hinaus öffnet.
Fazit: Geht es um die Analyse des Prozesses Heard vs. Depp, das Geschäftsmodell Misogynie und ihre eigene Betroffenheit, ist Krachers Buch erfrischend direkt, präzise und mutig. An jenen Stellen aber, an denen die Autorin erklären müsste, warum wir es denn nun eigentlich lieben, Frauen zu hassen, bleibt der Text dagegen näher an der Diagnose als an der Ursache – zu sehr im Bann der Incels und der radikalen Rechten, zu wenig bei dem, was Misogynie auch in der gesellschaftlichen Mitte trägt. Der Band endet unaufgeregt und trotzdem kämpferisch mit den Worten: „Hoffnung ist nicht einfach, sondern sie muss aktiv hergestellt werden. Politische Hoffnung ist ein revolutionärer Akt.“ (S. 270) Diese Sätze fassen zusammen, was Bitch Hunt sein will: kein Buch der Resignation, sondern eines, das dazu einlädt, Hoffnung als aktive, politische Haltung zu begreifen.
Fußnoten
- Nur exemplarisch: Strg F-Recherche „Wir finden die Täter“ vom 28. Mai 2025, online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=CpE0twnQVPE; Anne Fromm/ Sophie Fichtner, „Man darf nicht zulassen, dass sie zu sich kommt“. Acht Männer organisieren in Telegram-Chats Vergewaltigungen. Danach prahlen sie mit ihren Taten. Vier von ihnen wird der Prozess gemacht, in: taz.de, 3. April 2026.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.
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