Beate Rössler | Interview |

„Diese Transformationen, die wir durch das Lesen erfahren, sind für mich das Kennzeichen einer gelungenen Lektüre“

Sieben Fragen an Beate Rössler

Je nach Erfahrungen und Lebenszeit sind sicher immer ganz unterschiedliche Bücher wichtig, wissenschaftliche wie literarische. Ich werde mich, um das Uferlose wenigstens ein bisschen einzudämmen, hier auf die schöne Literatur beschränken; zumal mir die Grenze zwischen beiden immer unwichtiger geworden ist. Das habe ich – widerstrebend – von Richard Rorty gelernt: dass es tatsächlich keine guten Argumente dafür gibt, eine genaue Trennlinie zwischen literarischen und philosophischen Büchern ziehen zu wollen.

Ohne die Lektüre welchen Buches wären Sie heute ein:e andere:r?

Ich denke mal, damit ist Folgendes gemeint: Welches Buch hat Sie besonders beeindruckt, an welches denken Sie zurück, werden Sie ab und an erinnert? – und das gilt wohl für die meisten. So verstehe ich auch Claire Messud in ihrem Roman The Emperors Children: Auf die Frage seines Neffen, warum er eigentlich Bücher lesen solle, die er häufig doch einfach nicht sonderlich interessant finde, antwortet sein Onkel, er müsse sie lesen, ja, und zwar unbedingt. „Novels, history, philosophy, science – the lot. You expose yourself to as much as possible, you absorb it, you forget most of it, but along the way, it’s changed you.” Diese Transformationen, die wir durch das Lesen (von Romanen) erfahren, und seien sie noch so klein, sind für mich das Kennzeichen einer gelungenen Lektüre (ich mache daraus keine ästhetische oder gar ethische Theorie). Ein klein bisschen eine andere wäre ich also wohl ohne die Lektüre jedenfalls sehr vieler Bücher.

Die Frage, was man so liest, ist ja zudem eine ziemlich private Frage und als Theoretikerin der Privatheit ist mir klar, dass das Preisgeben privater Details immer eine Selbstpräsentation (wie Goffman das nennt) ist. Das nehme ich hin, und daneben geht es mir bei der folgenden Auswahl auch um die Frage, welche Bücher man eigentlich so wichtig findet, dass man sie gerne weiterempfehlen will.

Zu meinen frühesten eigenen Leseerfahrungen gehört Ferien auf Saltkrokan von Astrid Lindgren, später habe ich es immer wieder vorgelesen und an alle Kinder in meiner Umgebung verschenkt. Es handelt von Liebe, Tod, Sehnsucht, Angst, Freundschaft, Kritik an kapitalistischen Hauskäufern, Heimat und vielen anderen Themen, denen man später im Leben und in anderen Büchern immer wieder begegnet. Ich kann es auch heute noch wärmstens empfehlen.

Da ich schon als Jugendliche und auch in meinen 20ern häufig krank war – und weil es noch kein Internet gab –, habe ich schon damals viele schöne dicke Bücher gelesen, etwa Anna Karenina, die Brüder Karamasoff, Josef und seine Brüder. Später kamen dann die Jahrestage von Uwe Johnson und der Zauberberg und natürlich Dr. Faustus hinzu – und es war im Übrigen absolut nichts Ungewöhnliches, diese Bücher zu lesen, weder im studentischen noch natürlich im bildungsbürgerlichen Milieu. All diese Bücher haben mich geprägt. Außerdem hatte ich einen inspirierenden Deutschlehrer, Dr. Otto, dem viel an unserer Bildung lag (er war sehr motivierend, doch auch die öffentliche Erniedrigung gehörte zu seinen pädagogischen Methoden – wenn man etwa während des Unterrichts bei der Lateinübersetzung stotterte und er zynisch-hilfreich bemerkte ‚et heißt und‘). Er hatte einen germanistischen Doktortitel und war einmal zu Besuch bei Hermann Hesse gewesen, auf beides war er auf eine geradezu berührende Weise verhalten stolz. Außerdem fuhr er zu Aufführungen am Theater am Turm in Frankfurt und erzählte uns davon.

Kurz vor dem Studium habe ich Franny and Zooey von J. D. Salinger so oft gelesen, dass ich es beinahe auswendig konnte, das galt dann schnell auch für die anderen Geschichten über die Familie Glass, die alle vielleicht (aus heutiger Sicht) ein wenig zu spiritualistisch sind (mit dem Fänger im Roggen konnte ich nicht so viel anfangen). Während des Studiums hatte ich, wie viele andere Frauen in meinem Freundinnenkreis, eine Phase, in der wir Frauenbücher verschlangen – ganz besonders Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann, aber auch Der geteilte Himmel und alles andere von Christa Wolf, und wer liest heute noch Irmtraud Morgner? Später kam A. S. Byatt (Possession!) dazu, noch später die Frauen des englischen 19. Jahrhunderts (vor allem George Eliots Middlemarch). All dies scheint mir generationentypisch zu sein, was es für jede Einzelne von uns nicht weniger wichtig macht. Im Gegensatz dazu wurden die Seminare, die wir besuchten und die uns beeindruckten, alle von Männern gegeben. Professorinnen gab es damals nicht. Dennoch haben mich während meines Studiums einige tief beeindruckt und deshalb wohl auch verändert, durch die Art und Weise, wie sie über die jeweiligen Texte sprachen und diskutierten. In Tübingen waren das damals Walter Haug in einem wirklich brillanten Seminar über den Tristan von Gottfried von Strassburg; Richard Brinkmann mit einem ebenso genialen Seminar über die Wahlverwandtschaften und Rüdiger Bubner in einem völlig überfüllten Seminar zu Hegels Rechtsphilosophie. Vielleicht lässt man sich ja auch mit den Jahren nicht mehr so faszinieren.

Wenn ich auf die Zeit seitdem schaue, dann will ich – und das ist natürlich wieder eine kleine und relativ willkürliche Auswahl – jedenfalls Philip Roth nennen, auch wenn die meisten meiner Freundinnen über seine Bücher sagen, dass sie ihnen nicht ins Wohnzimmer, geschweige denn ins Schlafzimmer kommen. Vielleicht sollte ich hier besonders seine frühe Zuckerman-Trilogie nennen. Weiterhin gehört zu denen, die ich erwähnen muss und empfehlen will, Wallace Stegners Crossing to Safety, das schon mit einem wunderbaren Gedicht von Robert Frost als Motto beginnt (das vergleichsweise bekannte I could give all to Time; übrigens wiederum eine Empfehlung von Freunden, denen ich vielerlei Hinweise verdanke) und schließlich Colson Whiteheads Harlem Shuffle, das so schwermütig und gleichzeitig so unglaublich komisch ist, dass es immer wieder aufmuntert (ich habe es deswegen mittlerweile auch als Hörbuch).

Und schließlich sind da noch Romane, die ich auch als Philosophin besonders interessant finde, nämlich Siri Hustvedt und ihr Blazing World (aber auch ihr essayistisches Werk), Joan Didions Year of Magical Thinking und James Baldwins Go Tell it on the Mountain. Abdulrazak Gurnahs Gravel Heart habe ich gelesen, weil ich es peinlich fand, noch nie von ihm gehört zu haben, als er den Nobelpreis bekam, und es hat mich sehr berührt.

Übrigens mache ich schon seit vielen Jahren zu allen Büchern, die ich lese, Notizen. Das hilft mir, nicht nur meine Lektüre, sondern auch mein Leben unter Kontrolle zu halten.

Welches war die beste/schlechteste Buchempfehlung, die Sie je bekommen haben?

Es gibt ja immer mal Bücher, mit denen man nichts anfangen kann, auch wenn Freund:innen sie sehr empfehlen – ich habe zum Beispiel keinen Zugang gefunden zu Lionel Shriver, und auch Arnon Grunberg, von dem ich frühe Bücher gerne gelesen habe, finde ich, trotz wärmster Empfehlungen, nicht mehr interessant, aber das sagt sicherlich mehr über mich als über die Qualität der Bücher selbst. Die beste Buchempfehlung gab es für mich nicht – ich habe jede Menge sehr guter Empfehlungen und Geschenke bekommen, aber keine, die heraussticht. Ich erinnere mich, dass mich Uwe Johnsons Jahrestage, die ich geschenkt bekam, umgeworfen haben (und mich viele Tage, vielleicht sogar Wochen Dissertationszeit gekostet haben), aber das gilt auch für andere Bücher, die ich später im Leben geschenkt bekam. Noch eines will ich nennen, das mir eine Freundin schickte, als ich wieder einmal krank darnieder lag: Anne Petry, The Street – es ist nicht gerade aufbauend, aber so interessant, dass man auch in leicht komatöser Kondition geradezu gefesselt wird.

Welches Buch hätten Sie gern selbst geschrieben?

Das ist kein Gedanke, der in mir aufkommt, wenn ich Bücher lese und von ihnen begeistert bin – ich bin keine Schriftstellerin und habe auch nicht den Ehrgeiz, eine zu sein. Das schiene mir auch vermessen. Es gibt allerdings ungeschriebene Bücher von mir selbst, die ich gerne geschrieben hätte. Oder vielleicht noch schreiben werde.

Welches Buch konnten Sie nicht zu Ende lesen?

Ich habe gerade wieder mal einen Anfang mit Prousts Suche nach der verlorenen Zeit gemacht, die ich nie zu Ende gelesen habe – und jetzt höre ich sie als Hörbuch, das geht erstaunlich gut und ist auch erstaunlich spannend. Seit ungefähr 10 oder 15 Jahren fühle ich nicht mehr die Verpflichtung, alle Bücher, die ich anfange, auch zu Ende zu lesen, das kommt jetzt also häufiger vor – ich glaube, das letzte war Julian Barnes‘ Elizabeth Finch.

Aus welchem Buch zitieren Sie am häufigsten?

Mit Blick auf die philosophische Literatur fürchte ich, dass es wahrscheinlich Kant ist. Aber auch das ist abhängig von der Zeit im Leben, in der man Bücher liest und schreibt – ich habe viel zitiert von Iris Murdoch, von George Eliot, von Jane Austen, aber auch von Ian McEwan oder Kazuo Ishiguro. Es schiene mir auch absurd – vielleicht sogar schlimm – würde man sich mit den Büchern, die man liest, nicht auch entwickeln und deshalb immer wieder andere zitieren.

Welches Buch hat Ihnen in der Retrospektive besser gefallen als während des Lesens?

Dazu fällt mir tatsächlich kein Buch ein. Die Frage impliziert ja, dass man irgendwann mal denkt ‚so schlecht, wie ich damals dachte, war das Buch eigentlich nicht‘ – und ich kann mich nicht erinnern, solch einen Gedanken in Bezug auf Literatur je gehabt zu haben. Passieren kann das eventuell bei philosophischen Werken (und ging mir vielleicht so bei Heidegger; oder Nietzsche), aber die klammere ich hier ja aus.

Welches Buch haben Sie am häufigsten verschenkt?

Astrid Lindgrens Ferien auf Saltkrokan an Kinder und an erwachsene nicht-deutsche Freund:innen häufig die Deutschstunde von Siegfried Lenz. Iris Murdochs The Sea The Sea habe ich einmal zu Weihnachten praktisch an alle Freund:innen und Verwandte verschenkt, einmal auch Uwe Johnsons Skizze eines Verunglückten – meistens wird das Buch, das ich am Ende eines Jahres gerade so fasziniert gelesen habe, dann am häufigsten verschenkt.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Bildung / Erziehung Kultur Medien

Beate Rössler

Beate Roessler ist Professorin für praktische Philosophie an der Universität von Amsterdam; zu ihren Veröffentlichungen gehört Der Wert des Privaten, Frankfurt 2001 (englisch Cambridge 2005); Von Person zu Person. Zur Moralität persönlicher Beziehungen, hg. mit Axel Honneth, Frankfurt 2008; The Social Dimensions of Privacy. Interdisciplinary Perspectives, hg. mit Dorota Mokrosinska, Cambridge 2015; Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben, Berlin 2017 (englisch Cambridge 2021); zahlreiche weitere Veröffentlichungen zu sozialphilosophischen und ethischen Themen.

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