Tobias Adler-Bartels | Rezension | 10.03.2026
Ein konservativer Grenzgänger
Rezension zu „Armin Mohler und die intellektuelle Rechte in der Bonner Republik“ von Maik Tändler
Der betagte Altkanzler war persönlich anwesend, als sich die konservative Prominenz am 28. Februar 1967 in der Aula der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität versammelte, um den nach ihm benannten und erstmalig ausgelobten Konrad-Adenauer-Preis der Deutschland-Stiftung e.V. zu verleihen. Preisträger in der Kategorie Publizistik war der Schweizer Armin Mohler, Autor der ‚Konservativen Revolution‘, ehemaliger Privatsekretär von Ernst Jünger und nun Geschäftsführer der Carl Friedrich von Siemens Stiftung. Hier trafen zwei Konservative aufeinander, die mit diesem politischen Bewegungsbegriff allerdings sehr konträre Vorstellungen verbanden: Während Adenauer den rheinisch-katholisch imprägnierten, im Widerstand gegen den Nationalsozialismus geprägten und parlamentarisch eingehegten Konservatismus der gouvernementalen Christdemokratie repräsentierte, mokierte sich der Atheist Mohler – enfant terrible des deutschen Konservatismus – über diesen harmlosen „Gärtner-Konservatismus“. Mohler betrachtete den deutschen Konservatismus als völlig unschuldiges „Opfer des Faschismus“ und polemisierte vehement gegen die „Umerzieher von 1945“.[1] Die Preisvergabe provozierte daher unmittelbar kritische Nachfragen. So erkundigte sich etwa der SPD-Landtagsabgeordnete Rudolf Schöfberger in einer Anfrage an den bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel, ob dieser wisse, „daß der Preisträger in seinen Werken die undemokratische französische Rechte, ferner den Nationalbolschewisten Ernst Jünger, den staatsrechtlichen Wegbereiter des Nationalsozialismus Carl Schmitt sowie die von diesen getragene sogenannte ‚konservative Revolution‘ verherrlicht und diese ‚konservative Revolution‘ als Mittel zur Lösung der Probleme in der zweiten deutschen Demokratie vorschlägt?“[2]
Mit den Kontroversen um den Konrad-Adenauer-Preis 1967 leitet der Historiker Maik Tändler sein Werk Armin Mohler und die intellektuelle Rechte in der Bonner Republik ein. Es rückt einen Rechtsintellektuellen in den Fokus, der auch heute noch die Gemüter erhitzt, wie die jüngere Kontroverse über die Aufarbeitung der Geschichte der Carl Friedrich von Siemens Stiftung zeigt, als deren Geschäftsführer Mohler von 1964 bis 1985 wirkte.[3] Die noch ausstehende, kritischen Ansprüchen genügende politische Biografie Mohlers will Tändler mit seinem Buch allerdings nicht liefern, vielmehr konzentriert er sich auf die rechtsintellektuellen Netzwerke um den Schweizer und erkundet so ein Milieu in den „umkämpften und sich stetig verschiebenden Grenzregionen am rechten Rand des Konservatismus“ (S. 13). Eine Definition des Konservatismus sei jedoch ob der „normativ aufgeladenen Diskussionen darüber, was konservativ sei und was nicht (mehr)“ (S. 16) schwierig; Tändler wählt daher einen pragmatisch-nominalistischen Zugang, der die konservativen Selbstbekenntnisse und -verständnisse innerhalb dieses Netzwerkes in den Blick nimmt. Mohlers Biografie fungiert entsprechend „als Sonde für die Rekonstruktion sowohl von Bündnissen und Sammlungen als auch von Konflikten und Ausgrenzungen der intellektuellen Rechten im weiten Feld konservativer Politik und Publizistik“ (S. 24). Indem der „germanophile Schweizer“ (S. 8) dabei stets die Grenzen der politisch-gesellschaftlichen Konventionen auslotete und oftmals auch bewusst überschritt, lässt sich Mohler als ein nonkonformer Grenzgänger verstehen, der die Selbstverständigungsdebatten der Konservativen und (neuen) Rechten in seinen unterschiedlichen Rollen als Wissenschaftler, Publizist sowie metapolitisch versierter Rechtsintellektueller maßgeblich prägte.
Der 1920 in Basel geborene Mohler war zunächst ganz buchstäblich ein Grenzgänger, hatte er doch als junger Mann – nach eigener Aussage tief beeindruckt durch die Lektüre von Ernst Jüngers „Der Arbeiter“ – im Februar 1942 illegal die Schweizer Grenze überquert, um sich mitten im Zweiten Weltkrieg der Waffen-SS anzuschließen. Nach einem ernüchternden Aufenthalt in einer Stuttgarter Auffang- und Prüfstelle musste er dieses Vorhaben jedoch wieder aufgeben und studierte stattdessen in Berlin ein Semester Kunstgeschichte (sowie den realen Nationalsozialismus), ehe er sich nach seiner Rückkehr in die Schweiz einem Militärgerichtsverfahren zu stellen hatte und zu einer 150-tägigen Haftstrafe verurteilt wurde. Dem selbstgepflegten Mythos vom solitären Rechtsintellektuellen sollte diese Episode jedoch nicht schaden – vielmehr wob Mohler den Deutschland-Aufenthalt immer wieder in seine autobiografischen Betrachtungen ein, wobei die persönlichen Motive für seinen damaligen Grenzübertritt vermutlich deutlich trivialer waren als von ihm kolportiert.[4] Nach 1945 kehrte Mohler nach Deutschland zurück, arbeitete zunächst eine Zeit lang als Privatsekretär für Ernst Jünger, ehe er sich mit ihm überwarf, und schmiedete anschließend Pläne für eine wissenschaftliche Karriere.
Jedoch war Mohler als Historiker stets auch ideologischer Aktivist, wie das erste Kapitel (Die Erfindung der Konservativen Revolution) verdeutlicht. Es rekonstruiert die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte seiner berüchtigten Doktorarbeit, die er 1949 bei Herman Schmalenberg und Karl Jaspers an der Universität Basel einreichte. Wesentliche Impulse für diese Arbeit lieferte der aus dem Umfeld des George-Kreises stammende Nationalökonom Edgar Salin. Im Sinne einer invention of tradition konstruierte Mohler in seiner Arbeit das Bild einer vermeintlich nicht-nationalsozialistischen (geistigen) Rechten und belegte die von ihm identifizierten sehr diversen Gruppen mit dem prägnanten und zugleich paradoxen Label der Konservativen Revolution, das als zeitgenössischer Quellenbegriff bereits durch die Reihen der Weimarer Antidemokraten gegeistert war.[5] Aus diesem „Versuch einer historischen Dekontamination der Konservativen Revolution“ (S. 38) machte Mohler selbst keinen Hehl und es ist gerade diese geschichtsrevisionistische Volte des Werkes, die es für die alten und neuen Rechten bis heute so anziehend macht.[6]
Entsprechend ordnet Tändler das Buch in den Kontext weiterer revanchistischer Publikationen ein, wie etwa Ernst von Salomons Bestseller Der Fragebogen (1951), und rekonstruiert die verschiedenen Rezeptionslinien. Während der vermeintlich geläuterte Publizist Wilhelm Stapel – konfrontiert mit seiner eigenen Vergangenheit als konservativ-revolutionärer Frontkämpfer, der unter anderem die Monatsschrift Deutsches Volkstum herausgegeben hatte – Mohlers Begriffsbildung ob seiner antichristlichen Stoßrichtung als Widerspruch in sich abtat, priesen Autoren wie der aus dem Umfeld der Zeitschrift Christ und Welt stammende Giselher Wirsing oder die Journalistin Margret Boveri die vermeintlich ‚objektive‘ Arbeit Mohlers, der die konservativen Revolutionäre zu Opfern des Nationalsozialismus stilisierte. Überzeugte Nationalsozialisten wie Jakob Wilhelm Hauer, vormals Gründer der völkischen Deutschen Glaubensbewegung und Mitglied im antisemitischen Kampfbund für deutsche Kultur, monierten dagegen, dass Mohlers Werk die ‚guten‘ Seiten des Nationalsozialismus einfach ignoriere. Dabei beriefen sie sich auf die sogenannte Erzbischofschrift des völkischen Schriftstellers Hans Grimm von 1950, in der dieser zwischen einem ‚guten‘, das heißt jungen Nationalsozialismus und einem ‚schlechten‘, späteren ‚Hitlerismus‘ unterschied.[7] Die von Tändler herangezogenen Briefwechsel Mohlers mit diesen ‚alten Kameraden‘ belegen nachdrücklich die begriffs- beziehungsweise metapolitischen Motive des Schweizers, etwa, wenn er in einen Brief an Hauer aus dem November 1950 mit Blick auf Grimms Schrift erklärt: „Was er den guten Teil am Nationalsozialismus nennt, das nenne ich ‚Konservative Revolution‘.“ (S. 50) Der italienische Kulturphilosoph Julius Evola, der mit seinem Werk Rivolta contro il Mondo Moderno von 1934 zum Vordenker eines militanten Traditionalismus avancierte und im Frühjahr 1951 als Anstifter einer neofaschistischen Gruppe angeklagt wurde, berief sich in seiner Verteidigungsrede explizit auf das Werk von Mohler und bezeichnete sich ausdrücklich als ‚konservativen Revolutionär‘ – eine Exkulpationsstrategie, die offensichtlich verfing, denn schließlich wurde Evola in allen Anklagepunkten freigesprochen. Diese von Tändler rekonstruierten Fälle bezeugen eindringlich, dass Mohlers metapolitisches Konstrukt der Konservativen Revolution von Anbeginn darauf abzielte, eine ideen- und begriffspolitische Fährte zu legen, die alternative, geschichtsrevisionistische Lesarten der Vergangenheitspolitik ermöglichte und so die verhängnisvolle Radikalisierung des deutschen Konservatismus bagatellisierte.[8]
Nachdem Mohlers Versuch gescheitert war, am Münchner Institut für Zeitgeschichte seine dokumentarischen Forschungen zur Weimarer Rechten fortzuführen, konzentrierte er sich zunehmend auf das Feld der politischen Publizistik, wo das Thema der Vergangenheitsbewältigung das konservative Lager spaltete. Während etwa Kurt Sontheimer mit seiner Studie Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik (1962) für einen „bewältigungskonformen Linkskonservatismus“ stand, entwarf die Fraktion um Mohler einen „bewältigungsgegnerischen Rechtskonservatismus“ (S. 144), der ganz bewusst darauf abzielte, die NS-Verbrechen „in ein Kontinuum globaler Gewalt“ (S. 186) einzuordnen und so die Einzigartigkeit der deutschen Verbrechen und der Shoah zu relativieren. In öffentlichen Debatten verteidigte Mohler nun geschichtsrevisionistische Positionen, wie etwa David Hoggans Buch „Der erzwungene Krieg“ (1961) oder Peter Hofstätters ZEIT-Beitrag Bewältigte Vergangenheit? (1963), und setzte sich zudem für eine Generalamnestie für nationalsozialistische Täter ein. In seinem 1968 im Stuttgarter Seewald-Verlag erschienenen und Carl Schmitt gewidmeten Werk Vergangenheitsbewältigung ätzte Mohler gegen die kritische Aufarbeitung der deutschen Geschichte, kultivierte einen deutschen Opfermythos und markierte somit seine Distanz zur professionellen Geschichtswissenschaft, wie Tändler anschaulich am Briefwechsel mit dem konservativen Historiker Hans Rothfels zeigt. Mohler musste keine Rücksicht auf akademische Gepflogenheiten nehmen; entsprechend fanden seit den 1980er-Jahren unverhohlen antisemitische Motive Einzug in seine Schriften. Mit seiner Unterstützung für den sogenannten Leuchter-Report von 1988, in dem der US-Amerikaner Fred A. Leuchter behauptete, es hätte in den Gaskammern der Konzentrationslager keine Massentötungen gegeben, überschritt er dann ganz bewusst die Grenze von der Relativierung zur Leugnung der nationalsozialistischen Verbrechen.
Nicht nur auf dem Feld der Vergangenheitspolitik entwickelte sich Mohler so zum Lautsprecher einer radikalen Minderheit, der „die liberale Zersetzung im Inneren des Konservatismus als gefährlicher galt denn erwartbare Anfeindungen von links“ (S. 159). Dieser innerkonservativen Frontenbildung widmet sich das vierte Kapitel (Intellektuelle Rechte und konservative Politik). Es zeigt auf, wie Mohler publizistisch gegen den liberalen beziehungsweise liberalisierten Konservatismus zu Felde zog und hierbei auf die Unterstützung selbsternannter ‚neuer Rechter‘, wie die Brüder Marcel und Robert Hepp, bauen konnte. Dieser radikale Konservatismus von Mohler und Konsorten lief darauf hinaus, selbigen im Rückgriff auf die jungkonservative Tradition der Weimarer Republik als eine intransigente sowie militant-antiliberale Weltanschauung zu konturieren. Entsprechend problematisierte dieses radikale Denken permanent den staatstragenden Mehrheitskonservatismus, der im Zuge einer strukturellen Liberalisierung sowie ideellen Verwestlichung nach 1945 demokratisch eingenordet war.[9] Zum parteipolitischen Konservatismus wahrte Mohler daher stets Distanz, sieht man von kurzen Episoden ab, in denen er Kontakt zur Deutschen Partei (frühe 1950er-Jahre) sowie zu den Republikanern (1980er-Jahre) pflegte.[10] Eine prominente Ausnahme war jedoch Franz Josef Strauß, mit dem Mohler in den frühen 1960er-Jahren gaullistische Hoffnungen verknüpfte und in dessen Umfeld zahlreiche Rechtsintellektuelle wie Emil Franzel, William S. Schlamm, Kurt Ziesel oder Winfried Martini agierten. Mohler empfahl Strauß eine Öffnung der CSU nach rechts, 1965 vermittelte er ihm sogar Marcel Hepp als persönlichen Referenten. Tändler zeigt, dass der CSU-Vorsitzende, der rechtsintellektuellen Szene trotz der in den 1970ern einsetzenden „zunehmenden Entfremdung“ (S. 225) von Mohler zahlreiche Avancen machte, wie auch am Beispiel seiner vielzitierten, nur scheinbar saloppen Konservatismus-Bestimmung deutlich wird. Strauß erklärte auf dem CSU-Parteitag 1968, dass „konservativ“ heiße, „an der Spitze des Fortschritts zu marschieren“, nur um kurz darauf zu ergänzen, dass „konservativ“ zugleich bedeute, „ständig neue Werte zu schaffen, die der Konservierung wert sind“. Während der erste Teil also für einen technikaffinen, fortschrittlichen und modernen Konservatismus warb, rekurrierte der zweite Teil auf das radikalkonservative Credo von Arthur Moeller van den Bruck – ein anschauliches Beispiel für eine (neu-)rechte dog-whistle-Politik.[11]
Die große Stärke von Tändlers Buch liegt in der detaillierten Kartografierung der publizistischen Landschaft der alten und neuen Rechten beziehungsweise Konservativen, wie im fünften Kapitel deutlich wird. Es thematisiert zunächst die „konservative Wende“ (S. 246) der Springer-Tageszeitung Die Welt Mitte der 1960er-Jahre. Auf Vermittlung des Chefredakteurs Hans Zehrer schrieb Mohler, der vorher bereits für Die ZEIT, Christ und Welt, den Bayernkurier und unter Pseudonym auch für die rechtsradikale Deutsche National-Zeitung Artikel verfasste, nun exklusiv für die Welt. Dort traf er auf Gleichgesinnte wie Winfried Martini, William S. Schlamm oder Hans-Dietrich Sander, die dem Blatt ein neues, nationalkonservatives Profil geben sollten. Mohlers Arbeitsvertrag enthielt eine bemerkenswerte Sonderklausel, wonach es ihm verboten war, von der Redaktion abgelehnte Beiträge rechtsradikalen Blättern anzubieten. Die nationalkonservative Übernahme der Welt scheiterte letztlich zwar unter anderem am Widerstand liberalkonservativer Redaktionsmitglieder sowie dem Rückzug Zehrers aus der Redaktion 1966; gleichwohl resümiert Tändler, dass die Zeitungen des Springer-Verlags „der intellektuellen Rechten bis weit in die 1980er hinein eine Plattform [boten]“ (S. 294).
In den 1970er-Jahren folgt eine Welle von konservativen Zeitschriftengründungen, die von wechselseitigen Verflechtungen sowie persönlichen Animositäten zeugte, wie Tändler veranschaulicht. Aus dem Umfeld der 1968 gegründeten „Gesellschaft für konservative Publizistik“ ging 1970 zunächst die Zeitschrift Konservativ heute hervor – die zu Beginn von Jens Motschmann, später dann von seinem Bruder, dem Politikwissenschaftler Klaus Motschmann, redaktionell geleitet wurde –, und aus einer Kontroverse in der Redaktion der 1972 vom glühenden Antikommunisten William S. Schlamm gegründeten Zeitbühne entstand 1976 die Zeitschrift Epoche – Freiheitlich-konservative Monatsschrift um Karl L. Bayer, Winfried Martini und Walter Hoeres. Für die (radikal-)konservativen Debatten am relevantesten wurde jedoch die 1970 von Caspar von Schrenck-Notzing gegründete Zeitschrift Criticón, in der Mohler nun (unter anderem unter dem Pseudonym „Scribifax“) regelmäßig Rezensionen sowie über einhundert Beiträge veröffentlichte.[12] Hier sondierte Mohler die Lage der rechten Intelligenz sowohl in Deutschland als auch außerhalb (vor allem in Frankreich), schrieb Porträts etwa über Ernst Niekisch (59/1980), Georges Sorel (20/1973) oder Joachim Fernau (6/1971) und polemisierte gegen die „Invasion APO-geschädigter Liberaler ins konservative Lager“.[13] Mit jenen, so meinte er, sei Verständigung nicht möglich, während ihm linke Renegaten, die gegenüber dem Liberalismus grundsätzlich kritisch eingestellt waren, durchaus als potentielle Bündnispartner galten. Gleichwohl war Criticón keineswegs nur das Sprachrohr der radikalen Konservativen, wie Tändler darlegt. Vor allem in der Kontroverse um die Frage, ob die CDU (noch) die politische Heimat des Konservatismus sei, zeigte sich ein – wenn auch begrenzter – Pluralismus, als Mohlers radikale Absage an die gouvernementale Option auf Widerspruch stieß. Zunehmend isoliert suchte Mohler ab den 1980er-Jahren neue Foren und fand sie unter anderem in den rechtsextremen Staatsbriefen von Hans-Dietrich Sander sowie in der Jungen Freiheit, für die er eine regelmäßige Kolumne (Notizen aus dem Interregnum) verfasste – bis er selbst diesem Blatt zu radikal wurde.
Die Forschung zur radikalen Rechten sowie zum konservativen Denken in der Bundesrepublik profitiert von Tändlers Buch ungemein. Es besticht durch penible Detailarbeit (die thematisch unbedarfte Leser:innen gewiss auch abschrecken mag) sowie durch die vielen Miniaturporträts neuer und alter, bekannter und weniger bekannter Rechter. Wegen seines primär auf die personalen Netzwerke der Bonner Republik fokussierten Zuganges sind letzte Antworten zum Komplex Mohler mithin nicht zu erwarten, und so bleiben sowohl dessen frühe Schweizer Jahre als auch dessen Tätigkeit als Frankreich-Korrespondent der Schweizer Tageszeitung Die Tat (1953–1961) weitgehend außen vor. Mit Blick auf die persönlichen Konstellationen hätte man zudem ausführlichere Ausführungen zu Ernst Jünger oder Carl Schmitt erwartet, zeigt doch etwa ein Blick in den problematischen – weil von Mohler selbst edierten und mit zahlreichen Auslassungen versehenen – Briefwechsel mit Schmitt, dass dieser ihn mit vielen Akteuren in Kontakt brachte (oder zu bringen versuchte), ihn etwa in den ominösen Siedlinghauser Kreis um den Sauerländer Arzt Franz Schranz einführte oder auf die Marburger Clique um Rüdiger Altmann hinwies, die die Studentenzeitschrift Civis herausgab.[14] Von diesen beiden gerade nach 1945 für Mohler sehr prägenden Figuren liest man in Tändlers Werk allerdings erstaunlich wenig. Davon unbenommen legt der Autor viele neue Erkenntnisse für die (ideen-)historische Forschung zum politisch-publizistischen Milieu der alten Bundesrepublik vor und bietet so Vergleichsfolien für eine informierte sowie kritische Konservatismusforschung, etwa mit Blick auf jüngere Studien zu moderat-konservativen Zeitgenossen wie Matthias Walden.[15] Tändlers Arbeit dekonstruiert dabei zum einen die apologetische (Selbst-)Mystifizierung von Mohler innerhalb der sogenannten Neuen Rechten und relativiert durch ihren Fokus auf rechtsintellektuelle Netzwerke zum anderen die – wenn auch kritisch intendierte – allzu häufige Zuspitzung auf dessen Person.[16] So wirft die Studie Licht auf ein breites rechtsradikales beziehungsweise (radikal-)konservatives Milieu, das bis in die Gegenwart fortwirkt. Empfohlen sei die Lektüre daher nicht nur jenen, die sich mit diesen dunklen Seiten der Intellectual History der Bundesrepublik beschäftigen (müssen), sondern zugleich allen Konservativen, die sich an Adenauer und nicht an Mohler orientieren – resümiert Tändler doch am Ende sehr nachvollziehbar, dass „der Radikalisierung des Konservatismus nur durch innerkonservativen Widerstand wirksame Grenzen gesetzt werden konnten“ (S. 414).
Fußnoten
- Armin Mohler, Konservativ 1962, in: Der Monat 14 (1962), 163, S. 23-29.
- Bayerischer Landtag, Plenarprotokoll Nr. 6/7 PL v. 01.03.1967, S. 96.
- Dazu Patrick Bahners, Das braune Netzwerk, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.6.2023, S. 9 sowie Claus Leggewie, Das gibt einmal eine Explosion! Armin Mohler redivivus, in: Merkur 77 (2023), 894, S. 63-71. Tändler ist derzeit als Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Die Carl Friedrich von Siemens Stiftung: Wissenschaft, konservative Bürgerlichkeit und rechte Netzwerke“ des Instituts für Zeitgeschichte selbst an der Aufarbeitung der Geschichte dieser Institution beteiligt.
- Tändler verweist hier auf die durchaus plausible These des Historikers und Journalisten Jan Schönfelder, der eine tragische Liebesgeschichte als privates Motiv für Mohlers Republikflucht vermutet. Siehe Jan Schönfelder: Der Deutschland-Aufenthalt von Armin Mohler 1942, in: Historisch-Politische Mitteilungen. Archiv für Christlich-Demokratische Politik 29 (2022), S. 47-77.
- Siehe Michael Seelig, Die ‚Konservative Revolution‘ als historische Geisteshaltung und wissenschaftlicher Analysebegriff: Vom Nutzen eines umstrittenen Quellenbegriffs für die Forschung zur radikalen Rechten in der Weimarer Republik, in: Archiv für Kulturgeschichte 98 (2016), S. 381–418. Zur Kritik der ‚Nutzbarkeit‘ der KR als wissenschaftlichem Analysebegriff siehe die fast schon ‚klassische‘ Studie von Stefan Breuer, Die Anatomie der Konservativen Revolution, Darmstadt 1993.
- So erklärte später Mohlers Adept Robert Hepp unumwunden, dass die Konservative Revolution „seine höchst eigene, originelle Erfindung [ist], eine seiner überhistorischen Pointen“. Siehe Robert Hepp, Mohler sub specie aeternitatis. Ein Höllentelefonat, in: Ulrich Fröschle / Markus Josef Klein / Michael Paulwitz (Hg.), Der andere Mohler. Lesebuch für einen Selbstdenker. Armin Mohler zum 75. Geburtstag, Limburg a. d. Lahn 1995, S. 47–59, hier S. 55.
- Hans Grimm, Die Erzbischofschrift. Antwort eines Deutschen, Göttingen 1950.
- Dazu Thomas Rohkrämer, A Single Communal Faith? The German Right from Conservatism to National Socialism, New York/Oxford 2007 sowie Tobias Adler-Bartels, Radical Conservatism and the Liberal Question. Hermann Wagener and Paul de Lagarde as Promotors of the Radicalization of 19th Century German Conservatism, in: Comparative Political Theory 3 (2), S. 189–213.
- Dazu Martina Steber, Die Hüter der Begriffe. Politische Sprachen des Konservativen in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland, 1945–1980, Berlin/Boston 2017 sowie Michael Hochgeschwender, Der Verlust des konservativen Denkens. Eine Facette der bundesdeutschen Westernisierung, 1950–1980, in: Axel Schildt (Hg.), Von draußen. Ausländische intellektuelle Einflüsse in der Bundesrepublik bis 1990, Göttingen, 149–190.
- Zu den Republikanern um Franz Schönhuber und ihren Verbindungen zu Rechtsintellektuellen wie Mohler siehe jetzt Moritz Fischer, Die Republikaner. Die Geschichte einer rechtsextremen Partei 1983–1994, Göttingen 2024.
- Siehe Arthur Moeller van den Bruck, Das Dritte Reich, Berlin 1923, S. 215.
- Zur Geschichte von Criticón siehe demnächst: Matheus Hagedorny, Feinde machen. Islambilder der deutschen Neuen Rechten 1970–2005, Frankfurt / New York 2026 (i.E.).
- Armin Mohler, Die Kerenskis der Kulturrevolution. Zur Invasion APO-geschädigter Liberaler ins konservative Lager, in: Criticón 21 (1974), S. 23-25.
- Siehe: Armin Mohler (Hg.), Carl Schmitt – Briefwechsel mit einem seiner Schüler, Berlin 1995 sowie Norbert Dietka, Der Siedlinghauser Kreis. Carl Schmitt, Konrad Weiß, Josef Pieper und Friedrich Georg Jünger treffen auf Gleichgesinnte, Berlin 2020.
- Nils Lange, Matthias Walden. Ein Leben für die Freiheit, Berlin 2021.
- Siehe etwa jüngst den Podcast „Deutsches Denken – Rechte Intellektuelle der Bundesrepublik“ von Deutschlandfunk Kultur.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.
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