Hanno Pahl | Rezension | 28.01.2026
Gegen die ökonomische Weltvergessenheit
Rezension zu „Wirtschaft im Anthropozän. Grundbegriffe der ökologischen Ökonomie“ von Oliver Schlaudt
Agenda und Kontext
Mit Wirtschaft im Anthropozän legt Oliver Schlaudt ein ambitioniertes Werk vor. Das mehrfach als „Werkzeugkasten für ökologische Ökonomie“ ausgewiesene Buch ist zwar im weitesten Sinne ein Lehrbuch, aber keine klassische Einführung, sondern eine Art Programm für den intellektuellen Neustart: Es will die Disziplin der Wirtschaftswissenschaften inmitten der ökologischen und gesellschaftlichen Krisen der Gegenwart neu aufstellen – nicht zuletzt hinsichtlich ihrer epistemologischen Voraussetzungen. Schlaudt zielt auf eine „Dekolonisierung“ des ökonomischen Denkens, die sich nicht in moralischer Kritik oder in grüner, alternativ-kapitalistischer Reformökonomik erschöpft, sondern bei der erkenntnistheoretischen Fundierung ansetzt.
Die ökologische Ökonomik zeichnet sich dadurch aus, dass dort mehrheitlich Wissenschaftler:innen aktiv sind, die aus anderen Disziplinen als der Ökonomik selbst stammen. Auch Schlaudt ist originär Physiker und Philosoph, später hat es ihn für lange Jahre in die historische Wissenschaftsforschung verschlagen, wo er insbesondere zum Thema der Messung profunde Beiträge produzierte.[1] Noch später erweiterte er seine thematischen Interessen um die aktuelle Kulturevolutionsforschung. Mit Wirtschaft im Kontext[2] hat Schlaudt bereits ein einführendes Buch zur heterodoxen Ökonomik vorgelegt, zuletzt ist eine gemeinsam mit Aldo Haesler und Frank Engster geschriebene und eher gegenwartsdiagnostisch ausgerichtete Monografie zur Philosophie des Geldes im Augenblick seines Verschwindens erschienen.[3] Dieses geballte Hintergrundwissen ist dem neuen Buch fraglos anzumerken.
Es steht in einer Reihe mit anderen Versuchen, Ökonomie im Horizont des Anthropozäns als Kultur- und Gesellschaftswissenschaft konsequent neu zu fassen. Anders als etwa in den neoklassisch ausgerichteten Environmental Economics, wo ökologische Schäden schlicht in bestehende Modelle eingepreist werden, ohne dass ihre „Messung“ problematisiert würde, wird bei Schlaudt das Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Wissen selbst zum Gegenstand einer kritischen Revision. Der Autor argumentiert, dass die ökologische Krise und die Krise der Wissenschaften zwei Seiten derselben Medaille darstellen. Die Entfaltung dieser Argumentation erfordert ein epistemologisch informiertes Mitdenkbuch, das reflexive Wissenschaftlichkeit kultiviert – und Schlaudt hat ein solches Buch geschrieben.
Aufbau und Anliegen
Das knapp 450 Seiten umfassende Werk gliedert sich in drei große Teile, die nochmals in insgesamt elf Kapitel unterteilt sind. Im ersten Teil („Ökonomie: Warum wir noch einmal ganz von vorne anfangen müssen“) diagnostiziert Schlaudt ein gegenwärtiges Ineinandergreifen von ökologischer, sozialer und epistemischer Krise. Zentral ist hier seine Kritik an der Lehrbuch- oder Mainstreamökonomik, die sich durch Realitätsblindheit und methodische Selbstbezogenheit auszeichne. Unter anderem anhand des berühmten Beispiels des Klimaökonomen William Nordhaus – dessen Modell eine globale Erwärmung von vier Grad als optimal ausweist – demonstriert Schlaudt, wie sich in der ökonomischen Rationalität ein struktureller Nihilismus artikuliert: Eine Wissenschaft, die in geradezu manischer Weise eine vernünftige Allokation knapper Ressourcen predigt, hat die materielle und planetare Basis der Wirtschaft aus ihrem Begriffsraum und ihrer Sensorik nahezu vollständig ausgeschlossen und kommt so zu irrwitzigen Diagnosen und Politikempfehlungen. Oder, wie der Rezensent anfügen würde: Die Mainstream-VWL begreift sich dezidiert als Wissenschaft vom Umgang mit Knappheit, hat aber die Chuzpe, die tatsächlichen knappen Güter — stabile Ökosysteme, tragfähige Böden, ein bewohnbarer Planet — systematisch zu ignorieren. Das ist mehr Kunst als Wissenschaft.
Der zweite Teil („Unser Handwerkszeug für die ökologische Ökonomie“) entwickelt das theoretische Rüstzeug für eine alternative Konzeptualisierung der Wirtschaft der Gesellschaft. Hier nimmt Schlaudt eine durchaus beeindruckende interdisziplinäre Synthese vor: von Thermodynamik über Systemtheorie, Erdsystemwissenschaft, Evolutionsbiologie bis zur kulturellen Evolutionstheorie. Zentral ist die Einsicht, dass wirtschaftliche Prozesse analytisch wie real nicht von der Natur ablösbar sind, sondern als Teil dissipativer, energetisch offener Systeme verstanden werden müssen. Ökonomisches Handeln ist – wie jede Lebensäußerung – Energiefluss, Strukturaufbau und Entropieproduktion. Schlaudt greift dabei auf klassische Denker wie Howard T. Odum, K. William Kapp und Hans Immler zurück, deren methodologische Sensibilität für die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Wirtschaftens er fortschreibt.
Im dritten Teil („Umrisse einer ökologischen Ökonomie“) entwirft der Autor schließlich die Konturen einer neuen, kritischen Theorie des Wirtschaftens. Diese basiert auf den Kategorien Metabolismus, Reproduktion, Wert und Preis – aber unter ökologischen Vorzeichen. Das Anthropozän selbst wird als eine Art begrifflicher Lehrmeister verstanden: Es zwingt dazu, ökonomische Grundbegriffe (Wachstum, Arbeit, Produktion, Konsum) von ihrer stofflich-energetischen Realität her zu rekonzeptualisieren. So wird die Ökonomie auf die Ökologie zurückgeführt, ohne einem Naturdeterminismus anheimzufallen.
Theoretische Grundlagen und Positionierung
Schlaudts theoretische Position ist nicht ganz einfach in gängigen Kategorien zu fassen. Sie verortet sich im Grenzbereich zwischen (mindestens) kritischer Wissenschaftstheorie, Sozialphilosophie und Naturökonomie. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass Erkenntnis nie von außen auf die Welt blicken kann. In Anlehnung an Donna Haraway kritisiert Schlaudt den „göttlichen Trick“ der Objektivität: Den Glauben, Wissenschaft könne neutral über eine von ihr getrennte Natur urteilen. Stattdessen schlägt er eine reflexive Wissenschaftlichkeit vor, die ihren eigenen Standpunkt mitdenkt und der epistemischen Gewalt des modernen Wissenschaftssystems so etwas entgegensetzt.
Dieser erkenntnistheoretische Zugriff verbindet sich mit einer gesellschaftstheoretischen Analyse des Neoliberalismus. Unter Rückgriff auf Autoren wie Grégoire Chamayou, Aldo Haesler und Mark Fisher beschreibt Schlaudt den neoliberalen Kapitalismus pointiert als ein Regime der Erschöpfung – und zwar in ökonomischer, politischer und imaginärer Hinsicht. Die Leute schleppen sich gegenwärtig durch die Ruinen ihrer zusammengebrochenen Ideale und Weltanschauungen, in einem Zustand reflexiver Ohnmacht und depressiver Hedonie. Die Krise des Anthropozäns ist für Schlaudt daher nicht nur ökologisch, sondern auch psychopolitisch – nämlich eine Krise der Vorstellungskraft. Die verbreitete Unfähigkeit, Alternativen zum Wachstumskapitalismus zu denken, wird als Symptom einer tiefen kulturellen Kolonisierung der Begriffe gedeutet. In diesem Sinne ist Capitalist Realism[4] bei Schlaudt nicht primär als kulturpessimistische Geste zu verstehen, sondern als Instrument zur Selbstdiagnose ökonomischer Vernunft.
Im Hintergrund steht ferner eine erkenntniskritische Linie, die bis zu Karl Marx, Alfred North Whitehead und Gernot Böhme zurückreicht. Ökonomische Rationalität, so die These, ist ein Sonderfall einer bestimmten, historisch gewordenen Naturauffassung – mechanistisch, dualistisch, extraktiv. Der Weg zu einer ökologischen Ökonomie führt daher über die Rekonstruktion alternativer Naturbilder, wie sie etwa in der Systemtheorie oder im Begriff der „Gaia“[5] vorgenommen wurden.
Beitrag und Innovation
Die Stärke des Buches liegt in seiner theoretischen und bildungspolitischen Breite. Schlaudt schreibt nicht primär für Fachökonomen, sondern für Lernende, Forschende und Lehrende, die sich selbst in der Krise des ökonomischen Denkens verorten. Wirtschaft im Anthropozän ist in der Tat ein Werkzeugkasten: Es will Begriffe bereitstellen, mit denen das Denken selbst als Form ökologischer Praxis verstanden werden kann. Der methodische Leitgedanke lautet, dass die richtigen Begriffe nicht nur analytische Instrumente, sondern auch Habitate des Denkens sind. In dieser Perspektive wird das Anthropozän – und das ist ein ziemlich genialer Schachzug – zu einem erkenntnistheoretischen Katalysator. Es zwingt uns, tradierte Unterscheidungen – Natur/Kultur, Subjekt/Objekt, Wirtschaft/Umwelt – zu hinterfragen. Indem Schlaudt interdisziplinäre Einsichten (Thermodynamik, Evolution, Systemtheorie) sozialtheoretisch vermittelt, entwirft er eine Art metabolische Gesellschaftstheorie: Wirtschaft erscheint als selbstreferenzielles, energiegebundenes Subsystem innerhalb planetarer Stoffflüsse.
Eindrucksvoll ist auch die didaktische Struktur des (Lehr-)Buches. Zwischen analytischen Kapiteln finden sich immer wieder „Denkaufgaben“, die Leser:innen dazu anregen sollen, Konzepte selbst zu durchdringen und zu reflektieren. Diese „intellektuelle Selbstverteidigung“ (Silja Graupe im Geleitwort) macht das Werk ebenso zum Lehrbuch wie zur kritischen Theorie. Trotz der theoretischen Dichte bleibt der Stil über weiteste Strecken klar und zugänglich. Schlaudt gelingt es, naturwissenschaftliche Konzepte, etwa Energie, Entropie oder Kippdynamiken, so zu entfalten, dass sie für sozialwissenschaftliche Fragestellungen anschlussfähig werden. Seine ökologische Ökonomie ist weniger eine empirische Umweltsoziologie als eine ontologische Kritik der Moderne – ein Versuch, die sozialen Naturverhältnisse[6] in eine umfassende Theorie energetischer und kultureller Evolution einzubetten.
Zum Schluss
Gibt es Kritik zu vermelden? Nicht wirklich. Freilich droht der Text gelegentlich in ein didaktisches Überangebot zu kippen: Die Fülle an Konzepten – von Dissipationsstrukturen über kulturelle Evolution bis hin zu Geldtheorien – wird nicht jeder Rezipient des Buches sinnvoll verarbeiten können. Und es gibt ja auch eine studentische Klientel, die gerade von der Stromlinienförmigkeit mainstream-ökonomischer Epistemologie und Didaktik angezogen wird. Dass die Lehrbuchökonomik Akteure unterstellt, die beim Hausbrand erst mal ausrechnen, ob Wasser oder Feuer langfristig den höheren Grenznutzen hat, ist dieser Klientel entweder nicht bekannt oder, schlimmer noch, egal. Gerade vor dem Hintergrund eines dominanten Mainstreams, der sich mit quasi-theologischer Autorität reproduziert, gewinnt Schlaudts Buch an Bedeutung. Es demonstriert eindrücklich, wie man anders über die Wirtschaft der Gesellschaft nachdenken kann.
Fußnoten
- Oliver Schlaudt, Messung als konkrete Handlung. Eine kritische Untersuchung über die Grundlagen der Bildung quantitativer Begriffe in den Naturwissenschaften, Würzburg 2009.
- Oliver Schlaudt, Wirtschaft im Kontext. Eine Einführung in die Philosophie der Wirtschaftswissenschaft in Zeiten des Umbruchs, Frankfurt am Main 2016.
- Frank Engster / Aldo J. Haesler / Oliver Schlaudt, Kleine Philosophie des Geldes im Augenblick seines Verschwindens, Berlin 2024.
- Mark Fisher, Capitalist realism. Is there no alternative? Winchester, Washington 2017.
- James E. Lovelock / Lynn Margulis, Atmospheric homeostasis by and for the biosphere: the gaia hypothesis, in: Tellus 26(1974), 1–2.
- Jason W. Moore, Capitalism in the Web of Life: Ecology and the Accumulation of Capital, London 2015.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.
Kategorien: Gesellschaft Ökologie / Nachhaltigkeit Philosophie Politische Ökonomie Wirtschaft Wissenschaft
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