Nina Degele | Rezension |

Geschichte einer enttäuschten Liebe

Rezension zu „Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden“ von Ulrike Herrmann

Abbildung Buchcover Das Ende des Kapitalismus von Herrmann

Ulrike Herrmann:
Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden
Deutschland
Köln 2022: Kiepenheuer&Witsch
352 S., 24,00 EUR
ISBN 978-3-462-00255-3

Man kann nicht nur von Menschen, sondern auch von Wirtschaftssystemen enttäuscht sein. Dies dokumentieren die Bücher der gelernten Bankkauffrau, Geschichtswissenschafts- und Philosophieabsolventin sowie taz-Wirtschaftsredakteurin Ulrike Herrmann: Noch vor einem Jahrzehnt verkündete die von Marx wie auch Keynes inspirierte Journalistin begeistert den Sieg des Kapitals (2013), dann wurde sie skeptisch (Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung, 2016), mittlerweile ist sie offenbar zutiefst desillusioniert, wenn sie Das Ende des Kapitalismus ausruft. Aber auch dabei erweist sie sich nicht als generelle Kapitalismusgegnerin, sondern bleibt fasziniert von einem System, das in globalem Maßstab die durchschnittliche Lebenserwartung verlängert, das Bildungsniveau gesteigert sowie Wohlstand und damit die materiellen Bedingungen für Demokratie geschaffen hat. Gleichwohl – das ist ihre bittere Nachricht – werde sich der historisch einmalige Heilsbringer namens Kapitalismus zwangsläufig und notwendig selbst zugrunde richten. Warum, das erzählt Herrmann als Geschichte einer enttäuschten Liebe: Es war schön, aber leider geht es nicht weiter. Herrmann zufolge sind weder die sozialen Revolutionen noch Konsumverweiger*innen für das Ende des Kapitalismus verantwortlich. Vielmehr seien – so der Untertitel – „Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar“, dies erzwinge einen ebenso schmerzhaften wie auch nüchternen Abschied vom jahrhundertealten Erfolgsmodell Kapitalismus.

Warum und wie das geschieht, zeigt Herrmanns klar strukturiertes Buch in drei Schritten. Zunächst rekonstruiert die Autorin den Aufstieg des Kapitalismus als eine im 18. Jahrhundert in England entstandene Wirtschaftsform, bei der man auf der Grundlage von Kohle und einer durch bahnbrechende Technik entstandenen Textilindustrie Güter im großen Stil herstellte, die sich gewinnbringend verkaufen ließen. Für ein solches Geschäftsmodell war von Anfang an Wachstum erforderlich, und das „zwingend, damit der Kapitalismus stabil bleibt“ (S. 110). Herrmann begründet den kapitalistischen Expansionszwang im Anschluss an Karl Marx wie auch an Mathias Binswanger[1] mit der ökonomischen Notwendigkeit von Investitionen, dazu erforderlicher Kreditaufnahme und Wettbewerb – da gebe es keine Rücksicht auf ökologische Kosten. Kapitalismus und Wachstum fallen in diesem ökonomischen Verständnis zusammen, die ökologischen Konsequenzen dessen redeten die Kapitalist*innen lange klein: „Da ein Abschied vom Wachstum so unerfreulich wäre, wird eben ‚grünes Wachstum‘ postuliert.“ (S. 182)

Dass daran geknüpfte Hoffnungen unerfüllbar bleiben, führt und rechnet Herrmann im zweiten Teil aus. Die nachträgliche Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre, die nur theoretisch endlose Verfügbarkeit von Wind- und Sonnenenergie, die Sackgasse Atomenergie oder die physikalisch begrenzten Speichermöglichkeiten von Energie – die geforderte Energiewende wie auch das CO2-arme Wachstum funktionieren nur unzureichend und bleiben teuer. Dafür ist der in den kapitalistischen Expansionszwang eingelagerte Rebound-Effekt verantwortlich: Technisch bedingte Effizienzgewinne werden durch Mehrkonsum überkompensiert, weshalb das Ziel der globalen Reduktion von CO2-Emissionen in weiter Ferne bleibt (S. 197); selbst bei einer umfassenden Umstellung auf Ökostrom.

Folgerichtig kritisiert Herrmann an den vielen klugen Arbeiten von Kapitalismuskritiker*innen und Postwachstumstheoretiker*innen, auf die sie im dritten Teil verweist, dass diese das richtige Ziel – eine nicht mehr an Wachstum orientierte Kreislaufwirtschaft – allzu idealistisch mit dem Weg dorthin verwechseln:

„Nur selten wird gefragt, wie man eigentlich aus einem wachsenden Kapitalismus aussteigen soll, ohne eine schwere Wirtschaftskrise zu erzeugen und Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit zu schicken. Es fehlt die Brücke aus der dynamischen Gegenwart in eine statische Zukunft.“ (S. 29)

Herrmann begibt sich auf die Suche nach einer solchen Brücke, die wenig populäre Alternative des grünen Schrumpfens sei unausweichlich. „Verzicht ist angesagt, was sofort zur Frage führt, wer sich in welcher Höhe einschränken soll.“ (S. 181) Ein Um- und letztlich Rückbau der Wirtschaft müsse aber nicht ins Verderben führen, sondern könne auch geordnet organisiert werden und gesellschaftliche Kreativität freisetzen. Wie, illustriert Herrmann auf leider nur 13 Seiten anhand der britischen Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg. Um sich gegen Hitlers Angriffskrieg zur Wehr zu setzen, musste das Vereinigte Königreich die eigene Wirtschaft ab 1939 schnell auf die Produktion von Kriegsgeräten umstellen. Dies gelang in Form einer privaten, aber staatlich organisierten Planwirtschaft und hatte durchaus positive Nebeneffekte: Man führte Planungsinstrumente wie das Bruttoinlandsprodukt als Messgröße für Wohlstand ein, die staatlich verordnete Rationierung sorgte für eine mehrheitlich bessere Ernährung und der Gemeinsinn stieg. Heute haben Planung und Rationierung zwar einen schlechten Ruf, aber bei Herrmann klingt das von ihr skizzierte Ende des Kapitalismus nur für hartnäckige Besitzstandswahrer*innen bedrohlich. Herrmanns Ausführungen lassen eine Begrenzung des Wachstums vorstellbar scheinen, dies mag ein Grund dafür sein, dass das Buch im September 2022 die Spitze der Buchbranchen-Charts erstürmte.

Der Erfolg des Buches ist nachvollziehbar, denn Herrmann betreibt eine gleichzeitig pessimistische, realistische und konstruktive Gesellschaftsanalyse. Der Kapitalismus ist für sie mehr als Ökonomie, nämlich „ein totales System. Er durchdringt nicht nur die Wirtschaft, sondern das gesamte Leben.“ (S. 23) Seine Totalität habe eine Mehrheit der Bevölkerung in the long run gebildeter, gesünder und reicher gemacht – der Fahrstuhl war lange auf dem Weg nach oben. Herrmann entwickelt ihre Argumentation konsequent ökonomisch, nämlich entlang des im Kapitalismus grundlegenden und strukturell verankerten Wachstumszwangs. Mit Ausbeutung wiederum sei dies nicht zwangsläufig verbunden, und auch auf Kolonialismus sei der Kapitalismus nicht angewiesen. Hier ist Herrmanns Perspektive ökonomisch verengt, denn historisch hat sich der Kapitalismus nun mal auf der Grundlage von Ausbeutung und Kolonialismus entwickelt. Wer, wie Herrmann, den Sklavenhandel als ökonomisch eher randständig bezeichnet – die Gewinnung von Edelmetallen habe nur zur Finanzierung von Luxusgütern in Ostasien gedient (S. 81 f.) –, der oder die muss auch nicht nach den unmittelbar monetären Werten solchen Handels fragen. Allerdings lassen sich auch Prestige und Macht – die damit ebenfalls verbunden waren – in Geldwert übersetzen.[2]

Herrmann nennt mögliche Strategien, um den Globalen Süden zu unterstützen, wie ein Mindestlohn für Arbeitskräfte bei Exportprodukten oder die Austrocknung von Steueroasen. Allerdings ignoriert sie in ihrer Analyse des gegenwärtigen Finanzkapitalismus andere konstitutive Bedingungen – etwa die selbstverständlich an Frauen delegierte Sorgearbeit und die postkoloniale Billigarbeit in Entwicklungs- und Schwellenländern. Solche Faktoren stehen in der kapitalistischen Wirtschaft, neben Luft, Energie, Boden, Wasser und Rohstoffen, zwar nicht (mehr) umsonst, aber immer noch kostengünstig zur Verfügung. Aufgrund ihrer unvollständigen Betrachtung fehlt Herrmann ein mehrdimensionales beziehungsweise intersektionales Verständnis historisch notwendiger Umstände und gesellschaftlicher Macht.

Den Staat – in seiner Funktion, Infrastruktur und Vertragssicherheit zu ermöglichen – bezieht Herrmann zwar oberflächlich ein,[3] allerdings streift ihre Untersuchung die Hintergrundbedingungen dessen nur rudimentär oder gar nicht: Gemeinsinn, Race und Gender sind Prämissen, die für den Kapitalismus immer noch notwendig, wenn auch nicht hinreichend sind. Eine solche Analyse der hidden abodes des Kapitalismus liefert Nancy Fraser in ihrem jüngst erschienenen Buch Cannibal Capitalism (2022), das seit Kurzem in deutscher Übersetzung vorliegt.[4] Wie Herrmann versteht Fraser die Totalität des Kapitalismus als institutionalisierte Gesellschaftsordnung, die ihr Ende in sich trägt. Sie verwendet dafür das noch drastischere Bild des sich selbst kannibalisierenden Ouroboros, der nicht anders kann, als die eigenen Lebensgrundlagen im Hinblick auf Gemeinwesen, Care, Rassifizierung und Natur zu vernichten. Bei Fraser wirken diese Faktoren ineinander und können in ihren Wertigkeiten nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Zwar hat es der Kapitalismus bislang noch immer geschafft, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen (oder, um im Bild zu bleiben, nur das letzte Stück des eigenen Schwanzes zu fressen), allerdings kommt inzwischen der Klimawandel als massiver Krisenverstärker hinzu.

Für Herrmann hingegen ist der Kapitalismus nicht aufgrund seiner grundlegenden Krisenhaftigkeit im Hinblick auf Klassengegensätze, Sexismus oder Rassismus am Ende. Sie fokussiert vielmehr auf die unhintergehbaren planetaren Grenzen, die den zwingenden Wachstumsimperativ des Kapitalismus eher früher als später verunmöglichen. Die planetare Übernutzung zu stoppen, bedeutet, wirtschaftlich zu schrumpfen, womit das titelgebende Ende des Kapitalismus erreicht wäre. Sowohl für Herrmann als auch für Fraser ist der Klimawandel der Sargnagel.

Was aber kommt dann? Eine Subsistenz- oder Kreislaufwirtschaft kann ebenso Ausbeutung und der Aneignung von Mehrwert bedeuten. Wettbewerb, die Bildung von Oligopolen oder eine demokratische Planwirtschaft sind auch ohne Wachstum vorstellbar: „Die Regierung lenkt, aber die Betriebe bleiben privat.“ (S. 255) Herrmann hofft auf die Entstehung einer Kreislaufwirtschaft, konkret skizziert sie eine sogenannte Überlebenswirtschaft. Handelt es sich dabei nicht immer noch um Kapitalismus? Möglicherweise ist dies gar nicht mehr die relevante Frage. Denn auf dem Weg in die zukünftige Gesellschaft geht es nicht um neue Begriffsdefinitionen, sondern um die auf gesellschaftlichem Konsens beruhende Bewältigung des kapitalistisch verursachten Klimawandels: Die Sache ist entscheidend, der Begriff zweitranging.

Wer also vom Kapitalismus enttäuscht ist, der oder die muss ihn nicht in Gänze verteufeln. Ein Neuanfang ist nicht nur bei Herrmann, sondern auch für die marxistisch verwurzelte Fraser möglich, solange die Wirtschaft dekarbonisiert, Sorgearbeit fairer verteilt, rassifizierte Gruppen und Natur nicht mehr ausgebeutet und demokratische Institutionen nicht mehr unterminiert würden. Herrmann argumentiert hier stringenter ökonomisch, das ist Stärke wie auch Schwäche des Buches. Denn im Kapitalismus zählt monetärer Gewinn, deshalb sind in ihrer Bilanz die Kosten für die notwendige Umstellung auf Ökoenergie entscheidend. Was dabei bezüglich Gender, Race und Gemeinwohl in die Gesamtbilanz eingehen müsste, ist weitaus kniffliger, denn diese Posten lassen sich nicht ökonomisch exakt und eindeutig berechnen – sie zu beziffern, hätte mehr soziologische Tiefenbohrung erfordert. Dass Herrmann dies nicht leistet, ist schade, sei ihr aber verziehen. Denn als versierte Ökonomin und professionelle Autorin und Journalistin begründet sie stattdessen den grundlegenden Wachstumszwang auf solide Art und Weise, sie unterfüttert ihre Analyse empirisch detailliert und illustriert sie an anschaulichen Beispielen. Die Naivität des Vorhabens, in Deutschland mehr erneuerbare Energie zu produzieren, verdeutlicht sie mit folgendem Vergleich: Wir haben hierzulande einem jährlichen Energiebedarf, der dem Einschlag von 13 Asteroiden entspräche, „die so groß wie die größte Pyramide in Ägypten wären“ (S. 163). Ihre Erkenntnisse und Ideen gießt sie dabei in eine Form, von der sich Interessierte am Klimawandel wie auch am Kapitalismus angesprochen fühlen dürften, egal ob Aktivist*in, Politiker*in, Wissenschaftler*in, Feuilletonist*in oder aufmerksame und Orientierung suchende Zeitgenoss*innen: Chapeau.

  1. Mathias Binswanger, Der Wachstumszwang. Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben, Weinheim 2019
  2. Pierre Bourdieu, Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhard Kreckel (Hg.), Soziale Ungleichheiten (= Sonderband 2 der Sozialen Welt), Göttingen 1983, S.183–198.
  3. Mariana Mazzucato, Wie kommt der Wert in die Welt? Von Schöpfern und Abschöpfern, übers. von Bernhard Schmid, Frankfurt am Main / New York 2019.
  4. Nancy Fraser, Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt, übers. von Andreas Wirthensohn, Berlin 2023. Vgl. auch dies., „Der Kapitalismus kannibalisiert seine eigenen Grundlagen“. Interview mit Nils Markwardt [22.2.2023], in: Die Zeit, 14.5.2022.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Kapitalismus / Postkapitalismus Kolonialismus / Postkolonialismus Ökologie / Nachhaltigkeit Sozialer Wandel Zeit / Zukunft

Nina Degele

Prof. Dr. Nina Degele ist seit 2000 Professorin für Soziologie und Gender Studies an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Soziologie der Geschlechterverhältnisse, Sport und Körper, sowie qualitative Methoden.

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