Youssef Ibrahim | Essay |

Gesellschaft von ihren Grenzen her gedacht

Über klimatische Nischen, planetare Grenzen und soziale Kipppunkte

1. Einleitung

Grenzen und Grenztheorien spielen in der Soziologie vielfach eine prominente Rolle, beispielsweise in Form von Sinngrenzen, Distinktionspraktiken oder Ausschließungssystemen; auch boundary work, boundary organizations und boundary objects gehören zu ihrem Begriffsrepertoire. Im Zentrum dieses Beitrags steht eine Produzentin von Gesellschafts- und Grenztheorien, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag. Ihre Forschungsarbeiten verstehen sich nämlich weder als Beiträge zu den Sozialwissenschaften im Allgemeinen noch zur Soziologie im Besonderen. Auch denkt sie die Grenzen der Gesellschaft nicht etwa von der Kommunikation, dem sozialen Handeln oder den Diskursen her, sondern bestimmt sie entlang natürlicher Grenzen. Ein konkretes Beispiel für eine Theoriebildung dieser Art findet sich bei der naturwissenschaftlichen Klimaforschung.

Ich möchte drei aktuelle Beispiele nennen. In der jüngeren Vergangenheit hat etwa der Begriff der menschlichen Klima-Nische einige mediale und wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Demnach gibt es einen schmalen Temperaturbereich, der gesellschaftliches Zusammenleben begünstigt und jenseits dessen Sterblichkeit, Konflikte und Vertreibungen zunehmen. Berechnungen zufolge könnte im schlimmsten Fall rund die Hälfte der Weltbevölkerung bis zum Ende dieses Jahrhunderts aus der globalen Klima-Nische ausgeschlossen werden.[1] Eng damit verwandt ist das Konzept planetarer Grenzen, wonach das Klima Belastungsgrenzen aufweist, die den „safe operating space for humanity“ definieren.[2] Diese Grenze liege bei einer atmosphärischen CO2-Konzentration von 350 ppm (parts per million), also umgerechnet rund 1 °C, und sei damit bereits überschritten.[3] Jenseits dieser Grenze drohten nicht lediglich graduelle oder regionale gesellschaftliche Folgeprobleme. Vielmehr berge die Überschreitung der Klimagrenze das Risiko eines globalen Gesellschaftskollapses, der durch die „‚four horsemen‘ of the climate change end game“[4] – Hungersnöte, Extremwetterereignisse, Konflikte und Zoonosen – eingeläutet werde.

Diskutiert wird schließlich auch über den Ansatz sozialer Kipppunkte. Damit verbindet sich die Hoffnung auf eine tiefgreifende Transformation, die den Eintritt der Klimakatastrophe doch noch abwenden soll. Ursprünglich wurden Überlegungen zur Bedeutung von Schwellenwerten, Irreversibilität und Nichtlinearität lediglich über klimatische Subsysteme angestellt. Doch zunehmend kommt der Begriff der Kipppunkte auch zur Beschreibung sozialer Systeme zum Einsatz. Unter einem sozialen System versteht die naturwissenschaftliche Klimaforschung ein „network consisting of social agents (or subsystems)“,[5] darunter etwa Klimapolitik, Finanzmärkte und Wertesysteme.[6] Wie klimatische Systeme sollen auch soziale Systeme durch kleinere Störungen derart irritiert werden können, dass sie einen Schwellenbereich überschreiten und abrupt in einen neuartigen Zustand wechseln. Im günstigsten Fall werde die Überschreitung natürlicher Kipppunkte, planetarer Grenzen und klimatischer Nischen auf diese Weise verhindert, im ungünstigsten werde ein disruptiver Zustandswechsel der Gesellschaft durch die steigenden Temperaturen herbeigeführt.

In allen drei Fällen zeigt sich, dass die Klimaforschung eine eigentümliche Form der Gesellschaftstheoretisierung pflegt und dabei mit einem Modell operiert, das a) die Grenzen der Gesellschaft entlang klimatischer Grenzen bestimmt, b) Gesellschaft als singuläre, globale Entität begreift, und c) die Überschreitung der Grenzen als Frage der Zeit behandelt. Das gilt für die Klima-Nischen, außerhalb derer es der Gesellschaft an ihren Bestandsgrundlagen mangele, für die planetaren Grenzen, jenseits derer der gesellschaftliche Zusammenbruch drohe, und für die sozialen Kipppunkte, die in jedem Fall (by design oder by disaster) überschritten würden.

In diesem Beitrag möchte ich nach den intellektuellen Vorläufern und Wegbereitern dieser grenztheoretischen Klima- und Gesellschaftsbeschreibungen fragen. Damit schließe ich an eine Grenzsoziologie an, die sich als „Beobachtung zweiter Ordnung“[7] versteht und Grenztheorien – seien es sozial- oder naturwissenschaftliche – als Gegenstände soziologischer Forschung begreift. Die folgenden Überlegungen, die hier nur knapp skizziert werden können, aber an anderer Stelle ausführlicher nachzuvollziehen sind,[8] entfalten die These, dass das Klima seit der Konsolidierung eines auf Klimafragen spezialisierten Forschungsfeldes als ein Spiegel fungiert, in dem Gesellschaft weltweit beobachtet wird. Damit argumentiere ich zum einen, dass naturwissenschaftliche Gesellschaftstheorien mit den jeweils vorherrschenden Klimatheorien variieren. Zum anderen möchte ich zeigen, dass das von der Klimaforschung vertretene Modell der klimatisch begrenzten Gesellschaft weltweit zur Anwendung kam und insofern bereits ein globales Modell darstellte, ehe es die globale Gesellschaft meinte.

Zunächst erläutere ich, warum ich die naturwissenschaftliche Klimaforschung eingangs zu Unrecht als ungewöhnliche Produzentin von Gesellschafts- und Grenztheorien bezeichnet habe (2). Im anschließenden Hauptteil widme ich mich einer historisch-soziologischen Betrachtung klimawissenschaftlicher Grenztheorien und unterscheide eine bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts dominante Theorie räumlicher Begrenzung von der heute selbstverständlich gewordenen Theorie zeitlicher Begrenzung (3). Am Ende schließe ich mit einem Ausblick auf vergleichbare Forschungsgegenstände (4).

2. Soziologie und Naturwissenschaft

Seit ihrer Konsolidierungsphase war die Soziologie mit den Naturwissenschaften in Grenzkämpfe um die Deutungshoheit über die soziale Wirklichkeit verwickelt.[9] Auf dem ersten Deutschen Soziologentag, der im Oktober 1910 in Frankfurt am Main stattfand, wollte Max Weber etwa von den „modernen Geographen“ wissen, „welche spezifischen konkreten Komponenten von Kulturerscheinungen im einzelnen Fall durch klimatische oder ähnliche rein geographische Momente bedingt sind“, da sie doch, wie er süffisant erklärte, „alle Kulturvorkommnisse ‚vom geographischen Standpunkt‘ aus behandeln“ wollten.[10] Einige Jahre zuvor hatte bereits Émile Durkheim in seiner 1897 erschienenen Studie über den Selbstmord gegen die „geheimnisvollen Eigenschaften des Klimas“[11] polemisiert und naturwissenschaftliche Erklärungsversuche zur Verteilung von Selbstmordraten als irrtümlich abgekanzelt. In den USA beteiligte sich Ende der 1920er-Jahre Pitirim Sorokin an der Grenzziehung und bezeichnete klimabasierte Gesellschaftstheorien als „questionable“, „contradictory“, „doubtful“.[12] Der Bedarf an Identitäts- und Abgrenzungsarbeit ist auch ein Jahrhundert später noch nicht abgeklungen. Vielfach ist mit Blick auf das Verhältnis von Natur- und Sozialwissenschaften heute eine Kritik an „Imperialismus“, „Marginalisierung“ und „Hierarchisierung“ zu vernehmen.[13] In dieser Perspektive erweist sich die Klimaforschung wie eingangs skizziert als ungewöhnliche Produzentin von Gesellschafts- und Grenztheorien, insofern sie nicht nur Gesellschaft unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, sondern dabei auch der Soziologie ihr vermeintliches Monopol streitig macht.[14]

Es gibt jedoch mindestens zwei gute Argumente, die gegen eine solche Auffassung sprechen. Das wissenschaftssoziologische Gegenargument lautet, dass Forschungsgegenstände kein hinreichend trennscharfes Kriterium für disziplinäre Differenzierung darstellen und das innerwissenschaftliche Binnenverhältnis folglich durch Multiperspektivität gekennzeichnet ist.[15] Die Kammmuschel kann demnach Gegenstand sowohl der Meeresbiologie als auch der Soziologie sein, und es ist lediglich die spezifische Perspektive auf die Muschel (etwa als Weichtier respektive als Akteurin), die sie voneinander unterscheidbar macht. In diesem Licht erscheinen auch klimawissenschaftliche Grenz- und Gesellschaftstheorien lediglich als naturwissenschaftlich konditionierte Perspektive einer multiperspektiven Wissenschaft. Komplementär dazu verhält sich das weltgesellschaftstheoretische Gegenargument. Demnach weist die Gesellschaft einen erheblichen Bedarf an Selbstaufklärung auf, den die Wissenschaft mit Problemdiagnosen, Historiografien, Prognosen, Statistiken und Grafiken fortlaufend bedient.[16] Solche Ordnungsleistungen, gerade wenn sie das Verhältnis der Gesellschaft zu ihrer Umwelt betreffen, werden eben nicht lediglich von den Sozialwissenschaften erbracht. Es sind nachgerade die Naturwissenschaften, und, wie ich zeigen möchte, die Klimawissenschaften, die in dieser Hinsicht am engagiertesten wie auch am erfolgreichsten auftreten und das gesellschaftliche Selbstverständnis nachhaltig infrage stellen können.

3. Die klimatisch begrenzte Gesellschaft

Als Durkheim, Weber und Sorokin sich gegen die Deutungsansprüche der Naturwissenschaften stemmten, waren seit der Herausbildung eines Forschungszweiges, der auf die Erklärung sozialer Phänomene durch klimatische Einflüsse spezialisiert war, bereits einige Jahrzehnte verstrichen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die sogenannte Klimatologie als entsprechendes Forschungsfeld hervorgetan. Sie war die Vertreterin eines Zugriffs auf Klima und Gesellschaft, der hier als Theorie räumlicher Begrenzung bezeichnet werden soll. Ausgehend von einem räumlich-geografischen Klimabegriff, der sowohl die Gesamtheit klimatischer Phänomene an einem Ort als auch die Gesamtheit unterschiedlicher Klimaverhältnisse umfasste, verschrieb sich die Klimatologie auch der ihr von ihrem Gründervater Alexander von Humboldt übertragenen Aufgabe, „die Gefühle und ganze Seelenstimmung des Menschen“ zu erklären.[17] In dieser Tradition galt es bis in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts, „the control of climate over crops, types of agriculture, dwellings, clothing, customs, occupations, travel and transportation, industries, habitability“,[18] also auch die Gesamtheit und Unterschiedlichkeit sozialer Verhältnisse, auf klimatische Tatsachen zurückzuführen. Die Grenzen der Gesellschaften kovariierten der Klimatologie zufolge mit den räumlichen Grenzen des Klimas. Demnach war die Welt räumlich in zahlreiche klimatische Container gegliedert, in denen – dem zeitgenössischen Sprachgebrauch entsprechend – „Nationen“, „Rassen“, „Kulturen“ und „Zivilisationen“ hervorgebracht, geformt und begrenzt wurden. Einige dieser Parzellen erstreckten sich über mehrere Kontinente und differenzierten die Gesellschaft der Tropenzone von der Gesellschaft der gemäßigten Zone; andere waren innerhalb ihrer Grenzen nochmals so diversifiziert, dass sie den Selbsterhalt großräumiger Gesellschaftsformationen wie Österreich-Ungarn sicherstellen sollten; nicht wenige waren so extravagant, dass sie eine besondere Ausstattung erforderlich machten (zum Beispiel Berge) oder nur aus besonderen Gründen (wie etwa dem Besuch von Kurorten) aufgesucht wurden.[19]

Diese Perspektive implizierte zugleich eine Abwertung der Zeit. Wer Gesellschaft in Kategorien wie „Zivilisation“ oder „Rasse“ beschreibt und entlang klimatischer Verhältnisse unterscheidet, muss voraussetzen, dass beide – Gesellschaft und Klima – vergleichsweise stabil sind. Der „W e c h s e l  d e s  K l i m a s“ meinte nicht etwa die zeitliche Varianz der Klimaverhältnisse, sondern die räumliche Variation: „das Verlassen der Heimat und das Versetzen in neue Verhältnisse“.[20] Da die Gesellschaften aber naturwüchsig in ihren Klima-Containern entstanden waren, galt jeder Übertritt über die räumlich-klimatischen Grenzen als risikobehaftet.

Solche Krisenerfahrungen machte die Klimatologie im Rahmen von Feldforschung, Forschungsreisen und insbesondere kolonialen Projekten. Die koloniale „Ethno-Klimatologie“ war dafür designiert,[21] verschiedenste Weltregionen auf ihre klimatische und soziale Passung als prospektive Siedlungsräume hin zu befragen. Dadurch trug sie maßgeblich dazu bei, das Modell der klimatisch begrenzten Gesellschaft(en) weltweit zur Anwendung zu bringen. Doch trotz der globalen Erfahrung korrigierte die Klimatologie weder ihren Klima- noch ihren Gesellschaftsbegriff; Austauschbeziehungen und Ähnlichkeiten klimatischer wie sozialer Art blieben weitestgehend unberücksichtigt. Im Gegenteil: Der globale Vergleich bekräftigte ihre Annahme einer räumlichen Differenzierung von Gesellschaften in divergierende Klima-Parzellen. So entwarf die Klimatologie, in den Worten Jürgen Osterhammels, „[a]nthropologische Gegenbilder[22] anderer „Kulturen“, „Rassen“, „Gesellschaften“ und ihrer klimatischen Prägung in Abgrenzung zu den imperialen Zentren.[23] Besonders einflussreich war dabei die Leitunterscheidung zwischen dem gemäßigten, zivilisierten ‚white man’s climate‘[24] und der unzivilisierten, enervierenden Tropenzone. Ein vegetationsreiches Klima begünstigte demnach Faulheit und verhinderte Industrialisierung; die Verbreitung des Islams wurde der Trockenheit zugerechnet; tropisches Klima galt als Nährboden für politische Anarchie; vermeintlich geschlechtsspezifisches Verhalten wie weibliche Trägheit wurde auf Hitze zurückgeführt usw. usf.[25]

Nach der Jahrhundertwende lagen schließlich so viele Beobachtungsdaten und Gesellschaftsstudien vor, dass sie zu globalen Zivilisationstheorien oder auch Differenzierungstheorien klimatischer Gesellschaftsverhältnisse ausgebaut wurden. Letztere unterschieden die „Tropenbewohner“ von den „Polarmenschen“, die „Nordländer“ von den „Nomaden“ und die „Wüstenvölker“ von den „Jägervölkern“ und erklärten ihre Unterschiedlichkeit (darunter die Arbeitsleistung, die Geschlechterdifferenzierung und die Wirtschaftsverhältnisse) aus den jeweiligen örtlichen Klimaverhältnissen.[26] Die klimatologische Zivilisationstheorie tat es ihr gleich und fragte nach den klimatischen Bedingungen und der globalen Verteilung vermeintlicher zivilisatorischer Eigenschaften wie „Power to lead and control other races“, „Standard of honesty and morality“, „Application of principles of hygiene“ und „Sense for beauty in literature“.[27]

Im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts verloren räumliche Klassifikationssysteme dieser Art an Überzeugungskraft. Mehrere Gründe kamen dabei zusammen. Zuzurechnen ist dies zum einen dem Einzug thermodynamischer Theorien im disziplinären Umfeld der Klimatologie, der räumliche Konzeptionen zunehmend delegitimierte, und zum anderen der steigenden Akzeptanz der Treibhaustheorie, die als Klimawandeltheorie reüssierte. War die Forschungslandschaft über die noch lediglich vermutete „a n t h r o p o g e n e  K l i m a s c h ä d i g u n g“[28] bis in die 1960er-Jahre durch Fragmentierung gekennzeichnet, formierte sich in den zwei Jahrzehnten darauf eine neue, global vernetzte und interdisziplinäre Klimawissenschaft der Gesellschaft. Sie wurde die Vertreterin der heute selbstverständlich gewordenen Gesellschafts- und Klimatheorie zeitlicher Begrenzung. Innerhalb dieser Theorie wurden die Grenzen der Gesellschaft nicht mehr durch den Raum gesetzt. Stattdessen rückten nun die globalen Interdependenzen und Feedback-Mechanismen, die langfristige, sich über Jahrhunderte, Jahrtausende und Jahrmillionen erstreckende Evolution des globalen Klimasystems sowie insbesondere das Bedingungsverhältnis von Klimawandel und Gesellschaft in den Fokus: Ohne die Gesellschaft wäre es nicht zum Klimawandel gekommen und ohne den Klimawandel wäre diese auf Kohle, Öl und Gas erbaute Gesellschaft nicht entstanden.

Damit erlebte die Klimaforschung im Spiegel des globalen Klimaexperiments zeitgleich mit der Soziologie eine „Entdeckung der Weltgesellschaft“.[29] Während man in den Anfangsjahren noch vorsichtig mit Begriffen wie „Tätigkeit des Menschen“[30] oder „human beings“[31] experimentierte, waren die 1970er- und 1980er-Jahre durch Begriffe und Vorstellungen geprägt, die der Sozialität, Singularität und Globalität der Gesellschaft Rechnung tragen sollten. Die Rede war nun von der „industrialized society“,[32] der „global society“,[33] der „world society“[34] und sogar der „pluralistic, multi-levelled society“.[35] Die Klimaforschung stellte sich die Gesellschaft fortan als multidimensionales, sich global erstreckendes Weltsystem vor.

Von wesentlicher Bedeutung für die Erforschung des Verhältnisses von Weltklima und Weltgesellschaft wurde die Computermodellierung. In Modelle ließ sich nicht nur eine beliebige Anzahl von Variablen, Subsystemen und Rückkopplungsschleifen einspeisen – sofern sie mathematisierbar und formalisierbar waren und die seinerzeit noch niedrigen technischen Kapazitäten dies zuließen –, mit ihrer Hilfe konnten auch Szenarien entworfen sowie die möglichen Effekte des Klimas auf die Gesellschaft und vice versa simuliert werden. Im Vordergrund stand dabei die Frage, wie weit die Gesellschaft mit den Grenzen des Klimasystems – man könnte auch sagen: mit den planetaren Grenzen – experimentieren konnte, ehe sie sich aus ihren bislang wohltemperierten Klimaverhältnissen – man könnte auch sagen: aus ihrer Klima-Nische – herauskatapultieren würde.

Die Klimaforschung begann verschiedenste Grenzwerte auszuloten. Dazu gehörte die Verdopplung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre im Vergleich zur atmosphärischen Konzentration bei der Geburt der Weltgesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als mit der Industrialisierung der Klimawandel seinen Lauf nahm. Als besonders einflussreicher Grenzwert erwies sich nicht zuletzt die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 2 °C. Weil diese weit größer als die bekannten historischen Abweichungen sei, handele es sich bei ihr um eine herausragende Kandidatin für einen ernstzunehmenden Grenzwert.[36] Welcher Art auch immer diese Grenze war und was auch immer jenseits dieser wartete, schien den Bestand der gegenwärtigen Gesellschaft existenziell zu bedrohen: „We play Russian roulette with climate, hoping that the future will hold no unpleasant surprises.“[37]

Doch wie sollte sich eine multidimensionale und nationalstaatlich fragmentierte Weltgesellschaft vor der selbstverschuldeten Bedrohung retten? In einer interdependenten Welt, in der die Menschen mit den Menschen, das Klima des Nordens mit dem Klima des Südens und die Menschen mit dem Klima verbunden sind, müsse die Weltgesellschaft um ihrer selbst willen aufhören, Weltgesellschaft zu sein, und Weltgemeinschaft werden. Die Klimaforschung sah in dieser Interdependenz eine „opportunity to catalyze international cooperation“[38] – man könnte auch sagen: einen sozialen Kipppunkt –, um an die Stelle der Partikularinteressen eine „world community“[39] mit einem global geteilten Bewusstsein und einer kollektiven Handlungsfähigkeit zu setzen. Denn es ging um nichts Geringeres als die „defense of the entire planet against a common threat“.[40]

4. Schluss

Welche klimawissenschaftliche Publikation man gegenwärtig auch aufschlagen mag, die Vorstellung einer singulären Weltgesellschaft, deren Vergangenheit und Zukunft durch das Weltklima begrenzt wird, wird dort zum Ausdruck kommen. Mit der Anerkennung des Klimawandels als „common concern of mankind, since climate is an essential condition which sustains life on earth“,[41] wird die grenztheoretische Gesellschaftsbeschreibung der Klimaforschung seit Ende der 1980er-Jahre auch völkerrechtlich gewürdigt. Die Klimaforschung ist nicht der einzige Forschungszusammenhang jenseits der Sozialwissenschaften, der Grenztheorien der Gesellschaft entwirft. Die COVID-19-Pandemie hat offenbart, dass eine Vielzahl technik- und naturwissenschaftlicher Disziplinen ebenso engagiert Gesellschaft in grenztheoretischen Begriffen operationalisieren kann. Neben der Virologie und Epidemiologie beteiligten sich auch Forschungsfelder wie die Verkehrsplanung und die Neurowissenschaften an der grenztheoretischen Beschreibung der Gesellschaft in Form von infektionsfreien Zonen, Risikogebieten oder – in zeitlicher Hinsicht – Infektionswellen, indem sie ihre Vorkenntnisse in der Verkehrssimulation oder der Modellierung neuronaler Netze mobilisierten, um die soziale Welt zu theoretisieren. Ein weiteres Beispiel stellt die Biodiversitätsforschung dar. Bei ihrem Gegenstand, dem Biodiversitätsverlust, handele es sich um eine der „globalen, miteinander verbundenen Krisen“, die durch „globale Interdependenzen“ charakterisiert seien und demnach keine nationalstaatlichen Grenzen respektierten.[42] Wie der Klimawandel, setze der Biodiversitätsverlust stattdessen der Menschheit planetare Grenzen.[43] In jedem Fall hat man es mit soziologischen Forschungsgegenständen zu tun, bei denen es lohnenswert erscheint, nicht nur die gesellschaftliche Erzeugung von Bedrohungslagen, sondern auch die mit derartigen Bedrohungslagen einhergehende Erzeugung von Gesellschaft und Gesellschaftsbeschreibungen systematischer in den Blick zu nehmen. Eine solche Perspektiverweiterung könnte Aufschluss geben über die Konkurrenzen und Konvergenzen zwischen natur- und sozialwissenschaftlicher Theoriebildung sowie über die Vielseitigkeit, Anschlussfähigkeit und Unverbindlichkeit wissenschaftlicher Gesellschaftsbeschreibung.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Anthropologie / Ethnologie Gesellschaft Globalisierung / Weltgesellschaft Methoden / Forschung Ökologie / Nachhaltigkeit Soziale Ungleichheit Wissenschaft

Abbildung Profilbild Youssef Ibrahim

Youssef Ibrahim

Youssef Ibrahim ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg. Seine Forschungsinteressen liegen in der historischen Soziologie, soziologischen Theorie und Wissenschaftssoziologie.

Alle Artikel

Teil von Dossier

Über Grenzen

Vorheriger Artikel aus Dossier: Von Durchlässigkeit und Dichtheit

Empfehlungen

Claus Leggewie

Technocracy revisited?

Rezension zu „Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft“ von Philipp Staab

Artikel lesen

Nicolina Kirby

Transformation ja, aber wie?

Bericht von der digitalen Jahrestagung "Unsustainable Past – Sustainable Futures?" der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe "Zukünfte der Nachhaltigkeit" am 11. und 12. Februar 2021

Artikel lesen

Newsletter