Youssef Ibrahim | Essay | 08.07.2026
Gesellschaft von ihren Grenzen her gedacht
Über klimatische Nischen, planetare Grenzen und soziale Kipppunkte
1. Einleitung
Grenzen und Grenztheorien spielen in der Soziologie vielfach eine prominente Rolle, beispielsweise in Form von Sinngrenzen, Distinktionspraktiken oder Ausschließungssystemen; auch boundary work, boundary organizations und boundary objects gehören zu ihrem Begriffsrepertoire. Im Zentrum dieses Beitrags steht eine Produzentin von Gesellschafts- und Grenztheorien, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag. Ihre Forschungsarbeiten verstehen sich nämlich weder als Beiträge zu den Sozialwissenschaften im Allgemeinen noch zur Soziologie im Besonderen. Auch denkt sie die Grenzen der Gesellschaft nicht etwa von der Kommunikation, dem sozialen Handeln oder den Diskursen her, sondern bestimmt sie entlang natürlicher Grenzen. Ein konkretes Beispiel für eine Theoriebildung dieser Art findet sich bei der naturwissenschaftlichen Klimaforschung.
Ich möchte drei aktuelle Beispiele nennen. In der jüngeren Vergangenheit hat etwa der Begriff der menschlichen Klima-Nische einige mediale und wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Demnach gibt es einen schmalen Temperaturbereich, der gesellschaftliches Zusammenleben begünstigt und jenseits dessen Sterblichkeit, Konflikte und Vertreibungen zunehmen. Berechnungen zufolge könnte im schlimmsten Fall rund die Hälfte der Weltbevölkerung bis zum Ende dieses Jahrhunderts aus der globalen Klima-Nische ausgeschlossen werden.[1] Eng damit verwandt ist das Konzept planetarer Grenzen, wonach das Klima Belastungsgrenzen aufweist, die den „safe operating space for humanity“ definieren.[2] Diese Grenze liege bei einer atmosphärischen CO2-Konzentration von 350 ppm (parts per million), also umgerechnet rund 1 °C, und sei damit bereits überschritten.[3] Jenseits dieser Grenze drohten nicht lediglich graduelle oder regionale gesellschaftliche Folgeprobleme. Vielmehr berge die Überschreitung der Klimagrenze das Risiko eines globalen Gesellschaftskollapses, der durch die „‚four horsemen‘ of the climate change end game“[4] – Hungersnöte, Extremwetterereignisse, Konflikte und Zoonosen – eingeläutet werde.
Diskutiert wird schließlich auch über den Ansatz sozialer Kipppunkte. Damit verbindet sich die Hoffnung auf eine tiefgreifende Transformation, die den Eintritt der Klimakatastrophe doch noch abwenden soll. Ursprünglich wurden Überlegungen zur Bedeutung von Schwellenwerten, Irreversibilität und Nichtlinearität lediglich über klimatische Subsysteme angestellt. Doch zunehmend kommt der Begriff der Kipppunkte auch zur Beschreibung sozialer Systeme zum Einsatz. Unter einem sozialen System versteht die naturwissenschaftliche Klimaforschung ein „network consisting of social agents (or subsystems)“,[5] darunter etwa Klimapolitik, Finanzmärkte und Wertesysteme.[6] Wie klimatische Systeme sollen auch soziale Systeme durch kleinere Störungen derart irritiert werden können, dass sie einen Schwellenbereich überschreiten und abrupt in einen neuartigen Zustand wechseln. Im günstigsten Fall werde die Überschreitung natürlicher Kipppunkte, planetarer Grenzen und klimatischer Nischen auf diese Weise verhindert, im ungünstigsten werde ein disruptiver Zustandswechsel der Gesellschaft durch die steigenden Temperaturen herbeigeführt.
In allen drei Fällen zeigt sich, dass die Klimaforschung eine eigentümliche Form der Gesellschaftstheoretisierung pflegt und dabei mit einem Modell operiert, das a) die Grenzen der Gesellschaft entlang klimatischer Grenzen bestimmt, b) Gesellschaft als singuläre, globale Entität begreift, und c) die Überschreitung der Grenzen als Frage der Zeit behandelt. Das gilt für die Klima-Nischen, außerhalb derer es der Gesellschaft an ihren Bestandsgrundlagen mangele, für die planetaren Grenzen, jenseits derer der gesellschaftliche Zusammenbruch drohe, und für die sozialen Kipppunkte, die in jedem Fall (by design oder by disaster) überschritten würden.
In diesem Beitrag möchte ich nach den intellektuellen Vorläufern und Wegbereitern dieser grenztheoretischen Klima- und Gesellschaftsbeschreibungen fragen. Damit schließe ich an eine Grenzsoziologie an, die sich als „Beobachtung zweiter Ordnung“[7] versteht und Grenztheorien – seien es sozial- oder naturwissenschaftliche – als Gegenstände soziologischer Forschung begreift. Die folgenden Überlegungen, die hier nur knapp skizziert werden können, aber an anderer Stelle ausführlicher nachzuvollziehen sind,[8] entfalten die These, dass das Klima seit der Konsolidierung eines auf Klimafragen spezialisierten Forschungsfeldes als ein Spiegel fungiert, in dem Gesellschaft weltweit beobachtet wird. Damit argumentiere ich zum einen, dass naturwissenschaftliche Gesellschaftstheorien mit den jeweils vorherrschenden Klimatheorien variieren. Zum anderen möchte ich zeigen, dass das von der Klimaforschung vertretene Modell der klimatisch begrenzten Gesellschaft weltweit zur Anwendung kam und insofern bereits ein globales Modell darstellte, ehe es die globale Gesellschaft meinte.
Zunächst erläutere ich, warum ich die naturwissenschaftliche Klimaforschung eingangs zu Unrecht als ungewöhnliche Produzentin von Gesellschafts- und Grenztheorien bezeichnet habe (2). Im anschließenden Hauptteil widme ich mich einer historisch-soziologischen Betrachtung klimawissenschaftlicher Grenztheorien und unterscheide eine bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts dominante Theorie räumlicher Begrenzung von der heute selbstverständlich gewordenen Theorie zeitlicher Begrenzung (3). Am Ende schließe ich mit einem Ausblick auf vergleichbare Forschungsgegenstände (4).
2. Soziologie und Naturwissenschaft
Seit ihrer Konsolidierungsphase war die Soziologie mit den Naturwissenschaften in Grenzkämpfe um die Deutungshoheit über die soziale Wirklichkeit verwickelt.[9] Auf dem ersten Deutschen Soziologentag, der im Oktober 1910 in Frankfurt am Main stattfand, wollte Max Weber etwa von den „modernen Geographen“ wissen, „welche spezifischen konkreten Komponenten von Kulturerscheinungen im einzelnen Fall durch klimatische oder ähnliche rein geographische Momente bedingt sind“, da sie doch, wie er süffisant erklärte, „alle Kulturvorkommnisse ‚vom geographischen Standpunkt‘ aus behandeln“ wollten.[10] Einige Jahre zuvor hatte bereits Émile Durkheim in seiner 1897 erschienenen Studie über den Selbstmord gegen die „geheimnisvollen Eigenschaften des Klimas“[11] polemisiert und naturwissenschaftliche Erklärungsversuche zur Verteilung von Selbstmordraten als irrtümlich abgekanzelt. In den USA beteiligte sich Ende der 1920er-Jahre Pitirim Sorokin an der Grenzziehung und bezeichnete klimabasierte Gesellschaftstheorien als „questionable“, „contradictory“, „doubtful“.[12] Der Bedarf an Identitäts- und Abgrenzungsarbeit ist auch ein Jahrhundert später noch nicht abgeklungen. Vielfach ist mit Blick auf das Verhältnis von Natur- und Sozialwissenschaften heute eine Kritik an „Imperialismus“, „Marginalisierung“ und „Hierarchisierung“ zu vernehmen.[13] In dieser Perspektive erweist sich die Klimaforschung wie eingangs skizziert als ungewöhnliche Produzentin von Gesellschafts- und Grenztheorien, insofern sie nicht nur Gesellschaft unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, sondern dabei auch der Soziologie ihr vermeintliches Monopol streitig macht.[14]
Es gibt jedoch mindestens zwei gute Argumente, die gegen eine solche Auffassung sprechen. Das wissenschaftssoziologische Gegenargument lautet, dass Forschungsgegenstände kein hinreichend trennscharfes Kriterium für disziplinäre Differenzierung darstellen und das innerwissenschaftliche Binnenverhältnis folglich durch Multiperspektivität gekennzeichnet ist.[15] Die Kammmuschel kann demnach Gegenstand sowohl der Meeresbiologie als auch der Soziologie sein, und es ist lediglich die spezifische Perspektive auf die Muschel (etwa als Weichtier respektive als Akteurin), die sie voneinander unterscheidbar macht. In diesem Licht erscheinen auch klimawissenschaftliche Grenz- und Gesellschaftstheorien lediglich als naturwissenschaftlich konditionierte Perspektive einer multiperspektiven Wissenschaft. Komplementär dazu verhält sich das weltgesellschaftstheoretische Gegenargument. Demnach weist die Gesellschaft einen erheblichen Bedarf an Selbstaufklärung auf, den die Wissenschaft mit Problemdiagnosen, Historiografien, Prognosen, Statistiken und Grafiken fortlaufend bedient.[16] Solche Ordnungsleistungen, gerade wenn sie das Verhältnis der Gesellschaft zu ihrer Umwelt betreffen, werden eben nicht lediglich von den Sozialwissenschaften erbracht. Es sind nachgerade die Naturwissenschaften, und, wie ich zeigen möchte, die Klimawissenschaften, die in dieser Hinsicht am engagiertesten wie auch am erfolgreichsten auftreten und das gesellschaftliche Selbstverständnis nachhaltig infrage stellen können.
3. Die klimatisch begrenzte Gesellschaft
Als Durkheim, Weber und Sorokin sich gegen die Deutungsansprüche der Naturwissenschaften stemmten, waren seit der Herausbildung eines Forschungszweiges, der auf die Erklärung sozialer Phänomene durch klimatische Einflüsse spezialisiert war, bereits einige Jahrzehnte verstrichen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die sogenannte Klimatologie als entsprechendes Forschungsfeld hervorgetan. Sie war die Vertreterin eines Zugriffs auf Klima und Gesellschaft, der hier als Theorie räumlicher Begrenzung bezeichnet werden soll. Ausgehend von einem räumlich-geografischen Klimabegriff, der sowohl die Gesamtheit klimatischer Phänomene an einem Ort als auch die Gesamtheit unterschiedlicher Klimaverhältnisse umfasste, verschrieb sich die Klimatologie auch der ihr von ihrem Gründervater Alexander von Humboldt übertragenen Aufgabe, „die Gefühle und ganze Seelenstimmung des Menschen“ zu erklären.[17] In dieser Tradition galt es bis in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts, „the control of climate over crops, types of agriculture, dwellings, clothing, customs, occupations, travel and transportation, industries, habitability“,[18] also auch die Gesamtheit und Unterschiedlichkeit sozialer Verhältnisse, auf klimatische Tatsachen zurückzuführen. Die Grenzen der Gesellschaften kovariierten der Klimatologie zufolge mit den räumlichen Grenzen des Klimas. Demnach war die Welt räumlich in zahlreiche klimatische Container gegliedert, in denen – dem zeitgenössischen Sprachgebrauch entsprechend – „Nationen“, „Rassen“, „Kulturen“ und „Zivilisationen“ hervorgebracht, geformt und begrenzt wurden. Einige dieser Parzellen erstreckten sich über mehrere Kontinente und differenzierten die Gesellschaft der Tropenzone von der Gesellschaft der gemäßigten Zone; andere waren innerhalb ihrer Grenzen nochmals so diversifiziert, dass sie den Selbsterhalt großräumiger Gesellschaftsformationen wie Österreich-Ungarn sicherstellen sollten; nicht wenige waren so extravagant, dass sie eine besondere Ausstattung erforderlich machten (zum Beispiel Berge) oder nur aus besonderen Gründen (wie etwa dem Besuch von Kurorten) aufgesucht wurden.[19]
Diese Perspektive implizierte zugleich eine Abwertung der Zeit. Wer Gesellschaft in Kategorien wie „Zivilisation“ oder „Rasse“ beschreibt und entlang klimatischer Verhältnisse unterscheidet, muss voraussetzen, dass beide – Gesellschaft und Klima – vergleichsweise stabil sind. Der „W e c h s e l d e s K l i m a s“ meinte nicht etwa die zeitliche Varianz der Klimaverhältnisse, sondern die räumliche Variation: „das Verlassen der Heimat und das Versetzen in neue Verhältnisse“.[20] Da die Gesellschaften aber naturwüchsig in ihren Klima-Containern entstanden waren, galt jeder Übertritt über die räumlich-klimatischen Grenzen als risikobehaftet.
Solche Krisenerfahrungen machte die Klimatologie im Rahmen von Feldforschung, Forschungsreisen und insbesondere kolonialen Projekten. Die koloniale „Ethno-Klimatologie“ war dafür designiert,[21] verschiedenste Weltregionen auf ihre klimatische und soziale Passung als prospektive Siedlungsräume hin zu befragen. Dadurch trug sie maßgeblich dazu bei, das Modell der klimatisch begrenzten Gesellschaft(en) weltweit zur Anwendung zu bringen. Doch trotz der globalen Erfahrung korrigierte die Klimatologie weder ihren Klima- noch ihren Gesellschaftsbegriff; Austauschbeziehungen und Ähnlichkeiten klimatischer wie sozialer Art blieben weitestgehend unberücksichtigt. Im Gegenteil: Der globale Vergleich bekräftigte ihre Annahme einer räumlichen Differenzierung von Gesellschaften in divergierende Klima-Parzellen. So entwarf die Klimatologie, in den Worten Jürgen Osterhammels, „[a]nthropologische Gegenbilder“[22] anderer „Kulturen“, „Rassen“, „Gesellschaften“ und ihrer klimatischen Prägung in Abgrenzung zu den imperialen Zentren.[23] Besonders einflussreich war dabei die Leitunterscheidung zwischen dem gemäßigten, zivilisierten ‚white man’s climate‘[24] und der unzivilisierten, enervierenden Tropenzone. Ein vegetationsreiches Klima begünstigte demnach Faulheit und verhinderte Industrialisierung; die Verbreitung des Islams wurde der Trockenheit zugerechnet; tropisches Klima galt als Nährboden für politische Anarchie; vermeintlich geschlechtsspezifisches Verhalten wie weibliche Trägheit wurde auf Hitze zurückgeführt usw. usf.[25]
Nach der Jahrhundertwende lagen schließlich so viele Beobachtungsdaten und Gesellschaftsstudien vor, dass sie zu globalen Zivilisationstheorien oder auch Differenzierungstheorien klimatischer Gesellschaftsverhältnisse ausgebaut wurden. Letztere unterschieden die „Tropenbewohner“ von den „Polarmenschen“, die „Nordländer“ von den „Nomaden“ und die „Wüstenvölker“ von den „Jägervölkern“ und erklärten ihre Unterschiedlichkeit (darunter die Arbeitsleistung, die Geschlechterdifferenzierung und die Wirtschaftsverhältnisse) aus den jeweiligen örtlichen Klimaverhältnissen.[26] Die klimatologische Zivilisationstheorie tat es ihr gleich und fragte nach den klimatischen Bedingungen und der globalen Verteilung vermeintlicher zivilisatorischer Eigenschaften wie „Power to lead and control other races“, „Standard of honesty and morality“, „Application of principles of hygiene“ und „Sense for beauty in literature“.[27]
Im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts verloren räumliche Klassifikationssysteme dieser Art an Überzeugungskraft. Mehrere Gründe kamen dabei zusammen. Zuzurechnen ist dies zum einen dem Einzug thermodynamischer Theorien im disziplinären Umfeld der Klimatologie, der räumliche Konzeptionen zunehmend delegitimierte, und zum anderen der steigenden Akzeptanz der Treibhaustheorie, die als Klimawandeltheorie reüssierte. War die Forschungslandschaft über die noch lediglich vermutete „a n t h r o p o g e n e K l i m a s c h ä d i g u n g“[28] bis in die 1960er-Jahre durch Fragmentierung gekennzeichnet, formierte sich in den zwei Jahrzehnten darauf eine neue, global vernetzte und interdisziplinäre Klimawissenschaft der Gesellschaft. Sie wurde die Vertreterin der heute selbstverständlich gewordenen Gesellschafts- und Klimatheorie zeitlicher Begrenzung. Innerhalb dieser Theorie wurden die Grenzen der Gesellschaft nicht mehr durch den Raum gesetzt. Stattdessen rückten nun die globalen Interdependenzen und Feedback-Mechanismen, die langfristige, sich über Jahrhunderte, Jahrtausende und Jahrmillionen erstreckende Evolution des globalen Klimasystems sowie insbesondere das Bedingungsverhältnis von Klimawandel und Gesellschaft in den Fokus: Ohne die Gesellschaft wäre es nicht zum Klimawandel gekommen und ohne den Klimawandel wäre diese auf Kohle, Öl und Gas erbaute Gesellschaft nicht entstanden.
Damit erlebte die Klimaforschung im Spiegel des globalen Klimaexperiments zeitgleich mit der Soziologie eine „Entdeckung der Weltgesellschaft“.[29] Während man in den Anfangsjahren noch vorsichtig mit Begriffen wie „Tätigkeit des Menschen“[30] oder „human beings“[31] experimentierte, waren die 1970er- und 1980er-Jahre durch Begriffe und Vorstellungen geprägt, die der Sozialität, Singularität und Globalität der Gesellschaft Rechnung tragen sollten. Die Rede war nun von der „industrialized society“,[32] der „global society“,[33] der „world society“[34] und sogar der „pluralistic, multi-levelled society“.[35] Die Klimaforschung stellte sich die Gesellschaft fortan als multidimensionales, sich global erstreckendes Weltsystem vor.
Von wesentlicher Bedeutung für die Erforschung des Verhältnisses von Weltklima und Weltgesellschaft wurde die Computermodellierung. In Modelle ließ sich nicht nur eine beliebige Anzahl von Variablen, Subsystemen und Rückkopplungsschleifen einspeisen – sofern sie mathematisierbar und formalisierbar waren und die seinerzeit noch niedrigen technischen Kapazitäten dies zuließen –, mit ihrer Hilfe konnten auch Szenarien entworfen sowie die möglichen Effekte des Klimas auf die Gesellschaft und vice versa simuliert werden. Im Vordergrund stand dabei die Frage, wie weit die Gesellschaft mit den Grenzen des Klimasystems – man könnte auch sagen: mit den planetaren Grenzen – experimentieren konnte, ehe sie sich aus ihren bislang wohltemperierten Klimaverhältnissen – man könnte auch sagen: aus ihrer Klima-Nische – herauskatapultieren würde.
Die Klimaforschung begann verschiedenste Grenzwerte auszuloten. Dazu gehörte die Verdopplung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre im Vergleich zur atmosphärischen Konzentration bei der Geburt der Weltgesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als mit der Industrialisierung der Klimawandel seinen Lauf nahm. Als besonders einflussreicher Grenzwert erwies sich nicht zuletzt die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 2 °C. Weil diese weit größer als die bekannten historischen Abweichungen sei, handele es sich bei ihr um eine herausragende Kandidatin für einen ernstzunehmenden Grenzwert.[36] Welcher Art auch immer diese Grenze war und was auch immer jenseits dieser wartete, schien den Bestand der gegenwärtigen Gesellschaft existenziell zu bedrohen: „We play Russian roulette with climate, hoping that the future will hold no unpleasant surprises.“[37]
Doch wie sollte sich eine multidimensionale und nationalstaatlich fragmentierte Weltgesellschaft vor der selbstverschuldeten Bedrohung retten? In einer interdependenten Welt, in der die Menschen mit den Menschen, das Klima des Nordens mit dem Klima des Südens und die Menschen mit dem Klima verbunden sind, müsse die Weltgesellschaft um ihrer selbst willen aufhören, Weltgesellschaft zu sein, und Weltgemeinschaft werden. Die Klimaforschung sah in dieser Interdependenz eine „opportunity to catalyze international cooperation“[38] – man könnte auch sagen: einen sozialen Kipppunkt –, um an die Stelle der Partikularinteressen eine „world community“[39] mit einem global geteilten Bewusstsein und einer kollektiven Handlungsfähigkeit zu setzen. Denn es ging um nichts Geringeres als die „defense of the entire planet against a common threat“.[40]
4. Schluss
Welche klimawissenschaftliche Publikation man gegenwärtig auch aufschlagen mag, die Vorstellung einer singulären Weltgesellschaft, deren Vergangenheit und Zukunft durch das Weltklima begrenzt wird, wird dort zum Ausdruck kommen. Mit der Anerkennung des Klimawandels als „common concern of mankind, since climate is an essential condition which sustains life on earth“,[41] wird die grenztheoretische Gesellschaftsbeschreibung der Klimaforschung seit Ende der 1980er-Jahre auch völkerrechtlich gewürdigt. Die Klimaforschung ist nicht der einzige Forschungszusammenhang jenseits der Sozialwissenschaften, der Grenztheorien der Gesellschaft entwirft. Die COVID-19-Pandemie hat offenbart, dass eine Vielzahl technik- und naturwissenschaftlicher Disziplinen ebenso engagiert Gesellschaft in grenztheoretischen Begriffen operationalisieren kann. Neben der Virologie und Epidemiologie beteiligten sich auch Forschungsfelder wie die Verkehrsplanung und die Neurowissenschaften an der grenztheoretischen Beschreibung der Gesellschaft in Form von infektionsfreien Zonen, Risikogebieten oder – in zeitlicher Hinsicht – Infektionswellen, indem sie ihre Vorkenntnisse in der Verkehrssimulation oder der Modellierung neuronaler Netze mobilisierten, um die soziale Welt zu theoretisieren. Ein weiteres Beispiel stellt die Biodiversitätsforschung dar. Bei ihrem Gegenstand, dem Biodiversitätsverlust, handele es sich um eine der „globalen, miteinander verbundenen Krisen“, die durch „globale Interdependenzen“ charakterisiert seien und demnach keine nationalstaatlichen Grenzen respektierten.[42] Wie der Klimawandel, setze der Biodiversitätsverlust stattdessen der Menschheit planetare Grenzen.[43] In jedem Fall hat man es mit soziologischen Forschungsgegenständen zu tun, bei denen es lohnenswert erscheint, nicht nur die gesellschaftliche Erzeugung von Bedrohungslagen, sondern auch die mit derartigen Bedrohungslagen einhergehende Erzeugung von Gesellschaft und Gesellschaftsbeschreibungen systematischer in den Blick zu nehmen. Eine solche Perspektiverweiterung könnte Aufschluss geben über die Konkurrenzen und Konvergenzen zwischen natur- und sozialwissenschaftlicher Theoriebildung sowie über die Vielseitigkeit, Anschlussfähigkeit und Unverbindlichkeit wissenschaftlicher Gesellschaftsbeschreibung.
Fußnoten
- Timothy M. Lenton et al., Quantifying the Human Cost of Global Warming, in: Nature Sustainability 6 (2023), 10, S. 1237–1247.
- Johan Rockström et al., A Safe Operating Space for Humanity, in: Nature 461 (2009), 7263, S. 472–475.
- Katherine Richardson et al., Earth Beyond Six of Nine Planetary Boundaries, in: Science Advances 9 (2023), 37, Article eadh2458.
- Luke Kemp et al., Climate Endgame: Exploring Catastrophic Climate Change Scenarios, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 119 (2022), 34, S. 6.
- Ricarda Winkelmann et al., Social Tipping Processes Towards Climate Action: A Conceptual Framework, in: Ecological Economics 192 (2022), Article 107242, S. 6.
- Ilona M. Otto et al., Social Tipping Dynamics for Stabilizing Earth’s Climate by 2050, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 117 (2020), 5, S. 2354–2365.
- Georg Vobruba, Grenzsoziologie als Beobachtung zweiter Ordnung, in: Monika Eigmüller / Georg Vobruba (Hg.), Grenzsoziologie. Die politische Strukturierung des Raumes, Wiesbaden 2006, S. 217–225.
- Youssef Ibrahim, Soziale Klima-Nischen. Eine historische Soziologie naturwissenschaftlicher Gesellschaftsbeschreibung, Weilerswist 2025.
- Zum Folgenden ausführlicher Reiner Grundmann / Nico Stehr, Klima und Gesellschaft, soziologische Klassiker und Außenseiter. Über Weber, Durkheim, Simmel und Sombart, in: Soziale Welt 48 (1997), 1, S. 85–100.
- Max Weber, Debatte zu dem Vortrag von Alfred Plötz „Die Begriffe Rasse und Gesellschaft und einige damit zusammenhängende Probleme“, in: Deutsche Gesellschaft für Soziologie (Hg.), Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19.–22. Oktober 1910 in Frankfurt a. M., Tübingen 1911, S. 137–165, hier S. 156.
- Émile Durkheim, Der Selbstmord, übers. von Sebastian und Hanne Herkommer, Frankfurt am Main 1983, S. 102.
- Pitirim A. Sorokin, Contemporary Sociological Theories, New York / London 1928, S. 143, 154, 180.
- Noel Castree, Speaking for the ,People Disciplines‘: Global Change Science and Its Human Dimensions, in: The Anthropocene Review 4 (2017), 3, S. 160–182, hier S. 160; Esther Turnhout, A Better Knowledge Is Possible: Transforming Environmental Science for Justice and Pluralism, in: Environmental Science & Policy 155 (2024), Article 103729; Steven Yearley, Sociology and Climate Change after Kyoto: What Roles for Social Science in Understanding Climate Change?, in: Current Sociology 57 (2009), 3, S. 389–405, hier S. 401.
- Als gewöhnlich erscheinen dagegen Gesellschaftsbeschreibungen, die jenseits der Wissenschaft vorgenommen werden, die also die innerwissenschaftliche Deutungshoheit der Soziologie nicht bedrohen. Siehe beispielhaft Armin Nassehi, Gesellschaftstheorie und Zeitdiagnose. Soziologie als gesellschaftliche Selbstbeschreibung, in: Cornelia Bohn / Herbert Willems (Hg.), Sinngeneratoren. Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive, Konstanz 2001, S. 551–570, hier S. 557, der zwar eine „ökonomische, politische, massenmediale, religiöse und literarische“ Bandbreite an Gesellschaftsbeschreibungen anerkennt, aber der Soziologie immerhin die „wissenschaftliche[n] Selbstbeschreibungen der Gesellschaft“ vorbehält (Hervorh. im. Orig.).
- Vgl. etwa Simone Rödder, Disziplinarität, in: Tobias Schmohl / Thorsten Philipp (Hg.), Handbuch Transdisziplinäre Didaktik, Bielefeld 2021, S. 67–78; Rudolf Stichweh, Die Unhintergehbarkeit von Interdisziplinarität: Strukturen des Wissenschaftssystems der Moderne, in: Balz Engler (Hg.), Disziplin – Discipline, 28. Kolloquium (2013) der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, Fribourg 2014, S. 5–14.
- Siehe dazu beispielsweise Niklas Luhmann, Die Weltgesellschaft, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 57 (1971), 1, S. 1–35; Gili S. Drori et al., World Society and the Authority and Empowerment of Science, in: Gili S. Drori et al., Science in the Modern World Polity. Institutionalization and Globalization, Stanford, CA 2003, S. 23–42.
- Alexander Humboldt, Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Erster Band, Stuttgart/Tübingen 1845, S. 340.
- Robert DeCourcy Ward, The Importance of Field-Work in the Study of Climates, in: Proceedings of the American Philosophical Society 64 (1925), 1, S. 64–77, hier S. 66.
- Deborah R. Coen, Climate in Motion. Science, Empire, and the Problem of Scale, Chicago, IL / London 2018.
- E. Heinrich Kisch, Die Klimatotherapie als Lehre von der Verwerthung der klimatischen Einflüsse, in: Albert Eulenburg / Simon Samuel (Hg.), Lehrbuch der allgemeinen Therapie und der therapeutischen Methodik, Bd. 1, Wien/Leipzig 1898, S. 641–688, hier S. 661 (Hervorh. im. Orig.).
- James Hunt, On Ethno-Climatology; or the Acclimatization of Man, in: Transactions of the Ethnological Society of London 2 (1863), S. 50–83.
- Jürgen Osterhammel, Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 1995, S. 113.
- Für eine Übersicht vgl. Martin Mahony / Georgina Endfield, Climate and Colonialism, in: Wiley Interdisciplinary Reviews: Climate Change 9 (2018), Article e510.
- Robert DeCourcy Ward, The Economic Climatology of the Coffee District of Sao Paulo, Brazil, in: Bulletin of the American Geographical Society 43 (1911), 6, S. 428–445, hier S. 436.
- David N. Livingstone, Race, Space and Moral Climatology: Notes toward a Genealogy, in: Journal of Historical Geography 28 (2002), 2, S. 159–180.
- Wladimir Köppen, Grundriss der Klimakunde, 2., verb. Aufl. der Klimate der Erde, Berlin/Leipzig 1931, hier S. 107 ff.
- Ellsworth Huntington, Civilization and Climate, New Haven, CT / London 1915, S. 160.
- Hermann Flohn, Die Tätigkeit des Menschen als Klimafaktor (Sammelreferat), in: Zeitschrift für Erdkunde 9 (1941), 1/2, S. 13–22, hier S. 22 (Hervorh. im Orig.).
- Jens Greve / Bettina Heintz, Die „Entdeckung“ der Weltgesellschaft. Entstehung und Grenzen der Weltgesellschaftstheorie, in: Bettina Heintz / Richard Münch / Hartmann Tyrell (Hg.), Weltgesellschaft. Theoretische Zugänge und empirische Problemlagen (= Sonderheft der Zeitschrift für Soziologie), Stuttgart 2005, S. 89–119.
- Flohn, Die Tätigkeit des Menschen als Klimafaktor.
- Roger Revelle / Hans E. Suess, Carbon Dioxide Exchange between Atmosphere and Ocean and the Question of an Increase of Atmospheric CO2 during the Past Decades, in: Tellus 9 (1957), 1, S. 18–27, hier S. 19.
- William W. Kellogg, Influences of Mankind on Climate, in: Annual Review of Earth and Planetary Science 7 (1979), S. 63–92, hier S. 79.
- World Meteorological Organization, Executive Summary. in: World Meteorological Organization (Hg.), Report of the International Conference on the Assessment of the Role of Carbon Dioxide and of Other Greenhouse Gases in Climate Variations and Associated Impacts, Villach, Austria, 9–15 October 1985, Genf 1986, S. 18–23, hier S. 23.
- Philip H. Abelson / Thomas F. Malone, Foreword, in: Geophysics Study Committee (Hg.), Energy and Climate, Washington, DC 1977, S. VII–IX, hier S. VIII.
- Hermann Flohn, Estimates of a Combined Greenhouse Effect as Background for a Climate Scenario during Global Warming, in: Jill Williams (Hg.), Carbon Dioxide, Climate and Society. Proceedings of a IIASA Workshop Cosponsored by WMO, UNEP, and SCOPE, February 21–24, 1978, Burlington 1978, S. 227–237, hier S. 234.
- Stephen Seidel / Dale Keyes, Can We Delay a Greenhouse Warming? The Effectiveness and Feasibility of Options to Slow a Build-Up of Carbon Dioxide in the Atmosphere, Washington, DC 1983, S. 16.
- Wallace S. Broecker, Unpleasant Surprises in the Greenhouse?, in: Nature 328 (1987), 6126, S. 123–126, hier S. 123.
- Stephen H. Schneider / Lynne E. Mesirow, The Genesis Strategy. Climate and Global Survival, New York / London 1976, hier S. 290 (dt. Ausgabe: Klima in Gefahr. Strategien zur Beherrschung des Wetters, übers. von Joachim A. Frank, Frankfurt am Main 1978).
- Charles F. Cooper, What Might Man-Induced Climate Change Mean?, in: Foreign Affairs 56 (1978), 3, S. 500–520, hier S. 517.
- Earl W. Barrett, Inadvertent Weather and Climate Modification, in: Critical Reviews in Environmental Control 6 (1975), 1, S. 15–90, hier S. 79.
- UN General Assembly, Resolution: Protection of Global Climate for Present and Future Generations of Mankind, New York 1988.
- Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES), Das thematische Assessment über Die zugrundeliegenden Ursachen des Biodiversitätsverlustes und die Einflussfaktoren eines transformativen Wandels sowie Optionen zur Verwirklichung der Vision 2050 für Biodiversität. Zusammenfassung für die politische Entscheidungsfindung, Bonn 2024, S. 12, 16.
- Rockström et al., A Safe Operating Space for Humanity.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.
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