Dorna Safaian | Essay | 15.04.2026
Iran im Krieg
Revolutionsgarde, Schattenwirtschaft, soziale Krise
Bevor die USA und Israel am 28. Februar 2026 Iran angriffen, kursierte in Teilen der hiesigen öffentlichen Debatte eine quasireligiöse Erzählung, der zufolge die Bombe die große Erlösung bringen würde: Sie allein könne das iranische Volk vom Joch der Islamischen Republik befreien. Die Endzeit des Regimes schien eingeläutet. Ein großes Danach wurde imaginiert, das – wie auch immer es aussehe – jedenfalls besser sei als die Hölle der Gegenwart. Zur Beglaubigung dieses Versprechens wurden in Talkshows und Artikeln Zeug:innen aufgerufen: Kontakte im Iran, die am Telefon oder im Chat um die befreiende Bombardierung gebeten hätten (was zutreffen mag). Man stellte sich also vor, die Erlösung für den Iran werde buchstäblich vom Himmel fallen – wie einst Ayatollah Khomeini, der 1979 mit dem Flieger aus Frankreich am Teheraner Flughafen landete. Die Rettungsfantasien der unmittelbaren Vorkriegszeit ließen wenig Denkraum für die nun sichtbaren Szenarien des Krieges. Das US-Militär setzte auf eine schnelle Köpfung des Regimes – doch der Revolutionsgarde, dem zentralen iranischen Akteur in diesem Krieg, wachsen laufend neue Köpfe nach. Sie hat in den letzten Jahren ein dezentrales Verteidigungssystem geschaffen und – in Allianz mit dem Klerus – eine Schattenwirtschaft etabliert, auf Kosten der Bevölkerung.
Revolutionsgarde: Machtkomplex und Verteidigungsstrategie
Die Revolutionsgarde (Sepah-e Pasdaran) ist eine (para-)militärische Einheit, die – im Unterschied zur regulären Armee (Artesh) – nicht nur das Territorium, sondern auch die theokratische Ordnung sichert. Zudem ist sie Geheimdienst, sozialer und kultureller Akteur sowie Businesskomplex in einem,[1] kurzum: die mächtigste Organisation im Land, unterstellt dem Obersten Führer, wobei Expert:innen mittlerweile diskutieren, wer eigentlich wen führt. Um zu verstehen, wie sich dieses System an widrige Umstände anpasst, lohnt sich ein Blick auf die Herrschafts- und Wirtschaftsordnung der Sepah, wie sie im Persischen informell genannt wird. Fangen wir mit dem Ökonomischen an, genauer: mit einer Schattenwirtschaft, die den Umgang mit externen Stressoren gewohnt und darin entsprechend geübt ist. Die Revolutionsgarde hat sich seit den frühen 2000er-Jahren von der Prätorianergarde des Regimes zum zentralen Akteur einer Günstlingswirtschaft entwickelt, die eng mit dem Amt des Obersten Führers verknüpft ist. Dieser förderte die sich herausbildende Parallelwirtschaft 2006 per Dekret, wonach 80 Prozent der staatlichen Unternehmen privatisiert werden sollten, darunter Ölraffinerien, Versicherungen sowie Flug- und Telekommunikationsfirmen. Tatsächlich gingen nur rund 13 Prozent an den privaten Sektor,[2] während das Gros parastaatlichen Organisationen zufiel, dem sogenannten Anfal-Sektor. Diesen Begriff aus Artikel 45 der Verfassung der Islamischen Republik beschreibt Mehrdad Vahabi als res nullius des schiitischen Rechts.[3] Artikel 45 überträgt dem Obersten Führer alle herrenlosen Güter des Landes, zum Beispiel beschlagnahmte Vermögenswerte vergangener Herrscher, Bodenschätze (Öl, Gas), Küsten, Berge, Moore, Flüsse, Wälder, Dickichte und verlassene Ländereien. Die Machtfülle des Anfal umfasst nicht nur die Verwaltung, sondern, jenseits staatlicher Kontrolle, auch die Verfügung über dieses Vermögen und dessen Erträge.[4]
Generiert und verteilt werden die Erträge in der Praxis durch Institutionen und ‚wohltätige‘ Stiftungen (bonyad-ha), die mit den Revolutionsgarden verstrickt sind. Um nur zwei Konglomerate zu nennen: Die Bonyad-e Mostazafan (Stiftung der Unterdrückten) unterhält mehrere hundert Unternehmen unter anderem in Bau, Entwicklung, Tourismus und Energie, Khatam al-Anbiya ist ein Baukonglomerat der Revolutionsgarden.[5] Dieser „military-bonyad-complex“ machte – Stand 2021 – schätzungsweise 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus.[6] Da er sich den Kontrollmechanismen des staatlichen Haushalts entzieht, an der Quelle von Devisen und Ressourcen sitzt, Grenzregime kontrolliert und über zentrale Gewaltmittel im Staat verfügt, beutet er die Ressourcen des Landes weitgehend uneingeschränkt aus und profitiert zugleich von den Wirtschaftssanktionen. Denn diese verdrängen ausländische Akteure und schwächen die traditionelle Wirtschaftsklasse des Bazars; die dadurch entstehende Lücke füllt die Garde.[7] Sanktionierte Güter werden geschmuggelt, darunter Öl, Geld und Konsumgüter. Darüber hinaus speisen sich die Einnahmen dieser Schattenwirtschaft aus Wechselkursdifferenzen und sanktionsbedingter Devisenknappheit, die die Bevölkerung unter Druck setzen, während sie die Stellung der Garde stärken.
Der mächtige Nexus zwischen dem Amt des Führers und der Revolutionsgarde ist auch sozial-ideologischer Natur: Er wurzelt in der historisch gewachsenen Allianz zwischen Teilen des schiitischen Klerus und Rackets, die mittels Einschüchterung und Erpressung lokale Angstregime etablierten, Schutzgeld erpressten und Klientelinteressen durchsetzten.[8] Als religiöse und soziale Autoritäten nutzten Kleriker seit dem 19. Jahrhundert dieses Droh- und Anstachelungspotenzial, um ihre Ziele in politischen Konflikten zu verfolgen.[9] Die Revolutionsgarde, die 1979 als Metaorganisation revolutionärer Agitations- und Schlägertrupps gegründet wurde, ist das institutionalisierte Erbe dieser proklerikalen Rackets, deren historisches Straßenschlägerprofil sich heute am deutlichsten in den Basij wiederfindet. Die Freiwilligenmiliz ist ein Kontroll- und Propagandaorgan sowie eine Mobilisierungs- und Repressionsmacht gegen Protestierende und Andersdenkende, etwa schiitische Mystiker. Das gewalttätige ‚Ehrenamt‘ wird mit Privilegien belohnt, beispielsweise dem Zugang zu Universitäten, finanziellen Boni und sozialen Zuwendungen.[10]
Strategische Bedeutung kommt der Miliz im Rahmen der Mosaikverteidigung (defa-e mozaik) zu, einer 2008 implementierten Doktrin, die verhindern soll, dass das System kollabiert, wenn ein entscheidender Kopf fällt. Sie unterteilt die Revolutionsgarden in 31 Einheiten, je eine für jede Provinz, mit Ausnahme Teherans, wo es zwei Kommandanturen gibt. In dieser dezentralen Sicherheitsarchitektur werden militärische Großverbände in semiautonome, flexibel agierende Kommandoeinheiten überführt.[11] Jedes Mosaik verfügt über ein eigenes Hauptquartier, eigene Kampfkräfte sowie Basij-Einheiten, deren Ortskenntnis zur Mobilisierung, bei Guerilla- und Sabotageaktionen und in der inneren Sicherheit eingesetzt wird. Diese Struktur entspricht der übergeordneten Strategie, das Gefechtsfeld im Angriffsfall zu fragmentieren. Neben dem Einsatz des Raketenprogramms bedeutet das unter anderem die Blockade der Straße von Hormus und des Golfs von Oman, die Aktivierung von Proxys, die Destabilisierung der benachbarten Regionen sowie jene wirtschaftliche Zermürbungs- und Eskalationstaktik,[12] die sich in der Propaganda der Islamischen Republik dieser Tage abbildet: Grafiken mit steigenden Ölpreiskurven werden ebenso zelebriert wie Bilder von Raketeneinschlägen in Israel. Bislang hat das Regime mit dem Verteidigungsmosaik den Zusammenbruch des Systems verhindert; zugleich schreitet die Revolutionsgarde, trotz ihrer militärischen Schwächung, auf ihrem Weg zur sukzessiven Machtübernahme voran. Nicht nur der neue Generalsekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats Mohammad Bagher Zolghadr ist ein hitziger Islamist erster Stunde und ehemaliger Offizier der Revolutionsgarde,[13] vor allen gilt der neue Oberste Führer Mojtaba Khamenei als ihr Mann.
Existenzielle Dimensionen des zivilen Lebens
Der Bruch zwischen der Bevölkerung und dem Regime der Islamischen Republik liegt seit Jahren offen zutage: Todeswünsche gegen den Obersten Führer sowie Verfluchungen der Sepah und ihrer Basij-Schlägertrupps sind an der Tagesordnung. Im Januar 2026 schlug das Regime Massenproteste, die von traditionell eher regimetreuen Basarhändlern ausgingen, gewaltsam nieder. Mit dem Massaker sandte das Regime das Signal, dass es ohne Hemmungen gegen seine inneren wie äußeren Feinde vorgeht, sobald diese die Existenz des Systems infrage stellen. Die exzessive Gewalt, die über eine rein instrumentelle Unterdrückung der Proteste hinausging, belegte einmal mehr den geringen Stellenwert eines Menschenlebens in einem System, das von Opferkult ebenso wie von Patronage und Korruption geprägt ist. Wie wenig ein Leben zählt, zeigt sich nicht nur im Einsatz des Repressionsapparats, sondern auch in der strukturellen Vernachlässigung der Bevölkerung. Mit Folgen, die im Krieg umso deutlicher werden: fehlender Zivilschutz und mangelhafte Grundversorgung.
Bevölkerungsschutz: Bunker und Sirenen
Schon während der Bombardierungen im Iran-Irak-Krieg (1980–1988) mussten sich die Menschen selbst retten, denn Luftschutzbunker gab es keine. Indessen befand der Revolutionsführer Ayatollah Khomeini, der Krieg sei „ein göttlicher Segen“.[14] Seitdem hat das Regime für sein eigenes Überleben im Kriegsfall und die Pflege des Märtyrerwesens viel getan, hingegen kaum etwas für den Bevölkerungsschutz. Nach Beginn des Zwölftagekriegs, den am 13. Juni 2025 eine israelische Angriffswelle einleitete, bedauerte Mehdi Chamran, der Vorsitzende des Teheraner Stadtrats, dass es dort – wie auch in anderen Städten des Landes – keine flächendeckenden (zivilen) Luftschutzbunker gebe.[15] Die bittere Realität ist, dass es bis heute keine gibt. Nach Berichten aus Teheran und anderen Städten bleiben Menschen, die nicht fliehen, in ihren Wohnungen; Metrostationen, wo es sie gibt, taugen bei längeren Aufenthalten schon mangels Sanitäranlagen nicht als Zufluchtsorte.
Wenn es an Katastrophenarchitektur fehlt, gibt es auch kein akustisches Warnsystem. In dem um Zivilschutz unbekümmerten Staat galt im Juni 2025: Die Nachricht von der Rakete bringt die Rakete selbst. Sind die meisten iranischen Städte weiterhin überwiegend bunker- und sirenenlos,[16] scheint das Regime indessen, mit dem nächsten Krieg im Nacken, in Teheran dünn nachgerüstet zu haben. Ein Mitglied des dortigen Stadtrats erklärte nach dem Zwölftagekrieg: „Aufgrund der Abschaltung des Internets müssen wir Lautsprecher einsetzen, um die Bevölkerung zu informieren.“[17] In anderen Worten: Digitale Warnsysteme scheiden aus, da das Internet in Kriegs- und Protestphasen zur Kontrolle von Informationsflüssen blockiert wird. Ausgenommen ist ein Kreis von laut Berichten circa 50.000 Personen mit sogenannten weißen SIM-Karten. Die Regierungsmitglieder und regimenahen Akteur:innen, darunter auch Journalist:innen, haben freien Internetzugang, während die Bevölkerung mit teils überteuerten VPN-Diensten versucht, online zu gehen;[18] momentan in der Regel vergeblich. Immerhin scheinen die Lautsprecher in Teheran tatsächlich vorhanden zu sein, auch wenn sie nicht immer aktiviert werden.[19] Zivilist:innen, die dem, was vom Himmel kommt, nahezu schutzlos ausgeliefert sind, müssen entscheiden: bleiben oder fliehen. Umso drängender stellt sich diese Frage in dicht besiedelten, mit Behörden- und Sicherheitsanlagen gespickten Städten wie der 9,8-Millionen-Stadt Teheran. Ein Krieg verstärkt die herrschenden sozialen Verhältnisse. Die Haushaltskassen der Menschen im Iran lassen tief in die Misere von Wirtschaft und Gesellschaft blicken.
Kosten des Krieges: Grundversorgung
Will man etwa Teheran verlassen – sofern man überhaupt mobil ist –, gilt es zu klären, wohin man geht, ob das Geld reicht und vor allem, für wie lange. Der Reihe nach: Während des Zwölftagekrieges flohen viele ans Kaspische Meer, in die Türkei oder ins Teheraner Umland, darunter auch nach Pardis. Ein Blick auf den Preisspiegel für Übernachtungen in Pardis, den die Teheraner Wirtschaftszeitung Donya-e Eqtesad am 8. März 2026 veröffentlichte, zeigt: Man entkommt im Zweifel den Raketen, nicht aber den Preisen des Krieges. Möblierte Einzimmerwohnungen kosten demnach zwischen 2 und 3,5 Millionen Toman pro Nacht, Zweizimmerwohnungen zwischen 3 und 6 Millionen.[20] In persönlichen Gesprächen wurden mir Hotelpreise für die Region nördlich Teherans von bis zu 7 Millionen Toman pro Nacht genannt, die sich jedoch nicht unabhängig bestätigen lassen.
Schwindelerregend wirken diese Zahlen erst in Relation zum Einkommen, etwa zum Mindestlohn. Dieser wurde im März 2026 nominal um 60 Prozent auf 16,625 Millionen Toman pro Monat angehoben; die Wohnbeihilfe beträgt nun 3 Millionen Toman.[21] Angesichts der anhaltend hohen Inflation handelt es sich jedoch nicht um eine reale Erhöhung, sondern um eine Stabilisierung des ohnehin zu niedrigen Lohnniveaus. Bereits 2014 lag der Mindestlohn unter den Lebenshaltungskosten und der offiziellen Armutsgrenze.[22] Nach Schätzungen staatlicher Stellen lebten 2018 rund 70 Prozent der Arbeiter:innen unter dieser Schwelle.[23] Die Härten, denen Geflüchtete und Undokumentierte, darunter viele Afghan:innen, ausgesetzt sind, bilden eine eigene, nochmals verschärfte Dimension sozialer Verwundbarkeit. Bereits 3,2 Millionen Menschen wurden in diesem Krieg temporär vertrieben.[24] Für viele, die erwägen, ihre Stadt noch zu verlassen, und die nicht privat unterkommen können, ist die Bilanz schnell gezogen: Schon mehrtätige Übernachtungen übersteigen das monatliche Einkommen.
Dabei ist die Rechnung noch unvollständig. Ein Krieg erscheint von außen immer als totaler Ausnahmezustand. Menschen sterben, Gebäude kollabieren, aber die Zwänge des Alltags bleiben bestehen: Fixkosten laufen weiter, Einkommen müssen erwirtschaftet, horrende Lebensmittelpreise bezahlt werden, und die Mieten sind fällig wie eh und je. Bereits in Vor- und Zwischenkriegszeiten war dies ein sozialer Sprengsatz. Nach Angaben der World Bank machten Wohnkosten in den Jahren 2022/2023 im Durchschnitt bereits 51 Prozent der Haushaltsausgaben aus.[25] Nationale Quellen bestätigen diesen Trend. Donya-e Eqtesad berichtet für 2026, dass durchschnittlich 44 Prozent der Ausgaben auf Wohnen entfallen, in Teheran sogar rund 60 Prozent.[26] Auch wenn sich diese Zahlen derzeit nicht überprüfbar lassen – Webseiten iranischer Behörden sind nicht erreichbar –, erscheinen sie als plausible Folge eines weitgehend privatisierten, von parastaatlichen Akteuren und Banken dominierten Wohnmarktes, der auch als „neo-feudal“ beschrieben wird.[27]
Einer der Gründe für die Überhitzung des Mietmarktes ist die geringe Profitabilität der iranischen Industrie, die Kapital in renditestarke Anlagefelder verlagert. Neben partiell kommodifizierten Bereichen wie Gesundheit und Bildung betrifft dies vor allem den Wohnsektor.[28] Sozialer Wohnungsbau – etwa im Rahmen des unter Präsident Mahmud Ahmadinejad initiierten Mehr-Wohnungsbauprogramms (2006–2012)[29] – hatte keine positiven Auswirkungen auf die Preisdynamik, nicht zuletzt weil Bauaufträge vergeben wurden, ohne zugleich den Markt zu zügeln.[30] Infolge der seit den 1990er-Jahren vorangetriebenen Deregulierung gibt es kaum staatliche Eingriffe bei Miethöhen, Kautionen und Besteuerung.[31] Entsprechend nimmt der finanzielle Druck auf die Haushalte stetig zu.
Der eigentliche Glutkern der allgemeinen Teuerungsdynamik im Iran ist jedoch die Lebensmittelinflation. „Brot, Arbeit, Freiheit“ riefen Protestierende im Iran 2018 – der Ruf ist längst verklungen, dabei wäre er aktueller denn je. Mit der Währungsabwertung Ende 2025 erreichte eine langjährige Entwicklung ihren Höhepunkt, die Lebensmittelinflation kletterte damals zeitweise auf rund 72 Prozent im Jahresvergleich.[32] In einer importabhängigen Wirtschaft, die unter anderem Grundnahrungsmittel wie Weizen, Speiseöl und Reis, aber auch Tierfutter einführt, treibt der Wechselkurs die Inflation. Das Geschäftsglück all jener, die in Dollar einkaufen, steigt und fällt mit seinen Launen auf dem freien Markt. Allerdings gelten in der Islamischen Republik die Gesetze des Marktes nie für alle gleichermaßen. Es existieren mehrere Wechselkurse parallel: Seit 2024 gibt es einen verhandelten, staatlich beaufsichtigten Wechselkurs zwischen Importeuren und Exporteuren.[33] So werden günstigere Dollars an privilegierte Akteure verteilt, die billiger importieren, aber zu Preisen verkaufen, die sich am höheren Wechselkurs des Marktes orientieren: Profit durch eine Kursdifferenz, die die Konsument:innen bezahlen. Korruption, Arbitrage und Rent-Seeking sind Strukturmerkmale einer Devisenbewirtschaftung,[34] die mitverursacht, dass die Menschen weniger zu essen haben. Ein Kilo Reis soll in Teheran im Februar 2026 für 380.000 Toman über den Ladentisch gegangen sein, ein Kilo Fleisch für 1,9 Millionen.[35] Haushalte mit niedrigem Einkommen, deren Ausgaben 2024 zu 80 Prozent auf Wohnen und Ernährung entfielen,[36] sparen an tierischen Proteinen. Was sie verdienen, lässt sich mittlerweile in Kilogramm Fleisch bemessen. Dass das Regime einen Essenszuschuss in Höhe von weniger als drei Kilogramm Reis pro Monat verteilt, nämlich 1 Millionen Toman, steht für sich.[37] Bleiben oder fliehen? Das ist, fängt man einmal zu rechnen an, für viele nicht einmal eine Frage, die sich ernsthaft stellt.
Verschärfte Repression
Mit Bevölkerungsschutz und Lebenshaltungskosten sind nur zwei existenzielle Dimensionen des zivilen Lebens unter (Vor-)Kriegsbedingungen angesprochen. Eine andere zeigte sich, wie schon erwähnt, im Massaker im Januar 2026 sowie in der Rede, die Hojjatoleslam Taheri, ein schiitischer Geistlicher aus Schiraz, kürzlich bei einer „Trauerzeremonie für die Märtyrer des auferlegten Krieges“ hielt: Nachdem er in Anspielung auf das berüchtigte vulgär-metaphysische Diktum von Ayatollah Khomeini den Krieg zur „verborgenen göttlichen Gnade“ erklärte, forderte er die Justiz auf, zügig und entschieden gegen „Vaterlandsverräter“ vorzugehen und sie auf öffentlichen Plätzen zu bestrafen – „zur Freude der Bevölkerung“.[38] Diese Bevölkerung wird in urbanen Räumen mittlerweile an Check-Points kontrolliert[39] und bekommt im Staatsfernsehen von einem Mitglied der Sicherheitskommission des Parlaments mit weitreichender Vergangenheit als Revolutionsgardist gesagt: „Wenn euer Sohn oder eure Tochter, wenn irgendjemand heute auf dem Boden Irans einen Ton aus seiner Kehle hervorbringt, der mit dem Feind im Einklang ist, dann ist unter seinen Füßen Tel Aviv und in seinem Kopf Netanjahu. Gegen ihn ist der Schießbefehl erlassen worden.“[40] In den Städten patrouillieren die Agitationstrupps der Basij und schüchtern die Menschen selbst nachts mit Schlachtrufen ein. – Im Schatten des Krieges ist die Radikalisierung des Regimes in vollem Gange.
Fußnoten
- Vgl. Ostovar Afshon, Vanguard of the Imam. Religion, Politics, and Iran’s Revolutionary Guards, New York 2016, S. 5.
- Vgl. Kevan Harris, The Rise of the Subcontractor State. Politics of Pseudo-Privatization in the Islamic Republic of Iran, in: International Journal of Middle East Studies 45 (2013), 1, S. 45–70, hier S. 46.
- Vgl. Mehrdad Vahabi, Recurrent Exchange Rate Shocks and Anfal in Iran, in: Journal of Institutional Economics 21 (2025), S. 1–18, hier S. 14.
- Vgl. Ali Khamenei, Anfal [31.3.2026], in: Khameini.ir, 24.10.2014.
- Vgl. Mehrdad Vahabi, Destructive Coordination, Anfal and Islamic Political Capitalism. A New Reading of Contemporary Iran, Basingstoke 2023, Kap. 5 und Kap. 6; sowie ders., Recurrent Exchange Rate Shocks and Anfal in Iran, S. 14. Zu Artikel 45 der Verfassung der Islamischen Republik: Im persischen Original ist von „Anfal und öffentlichem Eigentum“ die Rede. Der Begriff Anfal wird in englischen Übersetzungen der Verfassung weggelassen. Der Oberste Führer definiert alles, was in der Verfassung auch als öffentliches Eigentum bezeichnet wird, als ausschließlich Anfal.
- Kayhan Valadbaygi, Neoliberalism and State Formation in Iran, in: Globalizations (2022), S. 1–15, hier S. 6.
- Vgl. Ali Alfoneh, All the Guard’s Men. Iran’s Silent Revolution, in: World’s Affairs 173 (2010), 3, S. 73–79, hier S. 78.
- Vgl. Ulrich Bröckling, Gewaltdrohung und Schutzversprechen. Zur Theorie des Rackets, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 15 (2018), 2, S. 139–152.
- Vgl. Afshon, Vanguard of the Imam, S. 11–12; sowie Juan R. I. Cole / Moojan Momen, Mafia, Mob and Shiism in Iraq. The Rebellion of Ottoman Karbala 1824–1843 [31.3.2026], in: Past and Present 112 (1986), 1, S. 112–143.
- Vgl. Marek Brylew, Basij. Iranian Militia as an Element of „Mosaic Defence“ and the Guarantee of the Islamic Regime [31.3.2026], in: Journal of Modern Science 62 (2025), 2, S. 529–551, hier S. 543.
- Vgl. Hossein Arin, Sepah, „tarh mozaik defa'i“ va negarani az amniyat-e dakheli [31.3.2026], in: Radio Farda, 31.7.2008.
- Vgl. Brylew, Basij [31.3.2026], S. 534.
- Vgl. Yeganeh Torbati, Iran’s New Security Chief Is a Hard-Line Former Guards Commander [31.3.2026], New York Times, 24.3.2026.
- Zit. nach Peyman Vahabzadeh, Historical and Conceptual Preparations for a Multidisciplinary Study of Social Justice in Iran, in: ders. (Hg.), Iran’s Struggle for Social Justice. Economics, Agency, Justice, Activism, Cham 2017, S. 9–28, hier S. 10 (meine Übers., D.S.).
- Vgl. Instagram/@alarabiya.farsi [31.3.2026].
- Vgl. United Nations (Hg.), UN Expert Warns of Deepening Human Rights Crisis in Iran [31.3.2026], in: United Nations Media Center, 16.3.2026.
- Vgl. O.A., Pas-larze-ha-ye nasb-e bolandga dar meydan-ha-ye Tehran / movafeqan va moxalefan ce miguyand? [31.3.2026], in: Donya-e Eqtesad, 28.7.2025 (meine Übers., D.S.).
- Vgl. Massud Azar, Sim-kart-e sefid; internet bara-ye khass, filter bara-ye omum [31.3.2026], in: BBC Persian, 28.11.2025.
- Vgl. Shabnam von Hein, Amid Iran War, Civilians Trapped between Bombs and Regime [31.3.2026], in: Deutsche Welle, 10.3.2026.
- Vgl. O.A., Panahgah-e geran atraf-e Tehran [31.3.2026], in: Donya-e Eqtesad, 8.3.2026.
- Vgl. O.A., Dastmozd-e kargaran bara-ye sal-e jadid ta‘yin shod / afzayes-e 60 darsadi-ye hadaqal-begiran [31.3.2026], in: Tasnim, 14.3.2026.
- Vgl. Shadi Yousefi / Ilia Farahani, Spatial Inequality in Tehran, a Structural Explanation, in: Urban Research & Practice 15 (2022), 1, S. 25–46, hier S. 26.
- Vgl. ebd.
- Vgl. Ayaki Ito, Up to 3.2 Million Iranians Temporarily Displaced in Iran as Conflict Intensifies [31.3.2026], in: UNHCR, 12.3.2026.
- Vgl. International Bank for Reconstruction and Development / The World Bank (Hg.), Iran Economic Monitor. Sustaining Growth Amid Rising Geopolitical Tensions, Washington, D.C. 2024, S. 3.
- O.A., Rah-karha bara-ye kontrol-e motor-e afzayes-e qimat-e maskan dar sarayet-e jang / cera edame-ye saxt-e maskan-ha-ye hemayati hayati ast? [31.3.2026], in: Donya-e Eqtesad, 10.3.2026.
- Vgl. Yaser Bagheri, Interest Groups. The Amalgamation of Neu-feudalism and Neo-liberalism. Housing Policy in Iran [31.3.2026], in: Social Policy Worldwide, 23.2.2024; vgl. Azadeh Mashayekhi / Vafa Dianati / Iman Vaghefi, Revolutionary Charitable Foundations and Politics of Land Acquisition and Land Conflict in Peri-Urban Areas of Tehran, in: City. Analysis of Urban Change, Theory, Action (2026), S. 1–14, hier S. 3.
- Vgl. Yousefi/Farahani, Spatial Inequality in Tehran, a Structural Explanation, S. 37.
- Mehr bedeutet auf Persisch Liebe und Zuneigung. Der Name sollte wohl den wohltätigen Charakter des Projekts unterstreichen.
- Vgl. Bagheri, Interest Groups [31.3.2026]; Yousefi/Farahani, Spatial Inequality in Tehran, a Structural Explanation, S. 27.
- Vgl. Bagheri, Interest Groups [31.3.2026].
- Vgl. Djavad Salehi-Isfahani, Die Wut des Basars [31.3.2026], in: Internationale Politik und Gesellschaft, 15.1.2026.
- Vgl. Vahabi, Recurrent Exchange Rate Shocks and Anfal in Iran, S. 9.
- Vgl. Salehi-Isfahani, Die Wut des Basars [31.3.2026].
- Behrang Tajdin / Ghoncheh Habibiazad, ‚People Are Getting Poorer‘. How Iran’s Struggling Economy Is Changing How Families Live [31.3.2026], in: BBC, 26.2.2026.
- Vgl. International Bank for Reconstruction and Development / The World Bank (Hg.), Iran Economic Monitor, S. 10.
- O.A., Etebar-e kalaberg-e 4 milyuni feʿlan baqi ast [31.3.2026], in: Tasnim, 21.3.2026.
- O.A., Shahadat nemad-e istadegi-ye mellat-e Iran ast [06.04.2026], in: Tasnim, 30.3.2026 (meine Übers., D.S.).
- Ghoncheh Habibiazad, Iran Using Children in Security Roles in War, Reports and Witnesses Say [6.4.2026], in: BBC, 31.3.2026.
- O.A., Euronews Persian [6.4.2026], in: Facebook, 5.3.2026.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.
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