Matthias Vetter | Rezension | 06.03.2026
Vom Autoritarismus zum Faschismus?
Rezension zu „Russia and Modern Fascism. New Perspectives on the Kremlin’s War Against Ukraine“ von Ian Garner und Taras Kuzio (Hg.)
Etwas „faschistisch“ zu nennen, ist zum weitgehend inhaltslosen Element politischer Polemik verkommen. Nicht zuletzt die sowjetische Propaganda hatte daran erheblichen Anteil, indem sie jeden Gegner – von Sozialdemokratie bis Zionismus – mit diesem Etikett belegte. Das Putin-Regime steht mit der Flankierung seines Angriffs auf die Ukraine in dieser Tradition. Ist es damit nur ein Umdrehen des Spießes, wenn dieser Vorwurf gegen Russland selbst vorgebracht wird? Darüber wird schon länger eine Debatte geführt; auch Forschende, die keineswegs apologetisch zur russischen Gewaltpolitik stehen, haben in der Vergangenheit Einwände gegen das „F-Wort“, gar die „F-Bombe“ geäußert.[1] Der vorliegende Sammelband mit zwölf Beiträgen von Forschenden aus Großbritannien, Polen, den USA, Deutschland und der Ukraine stellt sich dieser Diskussion. Der Titel – nicht „Russian Fascism“, sondern „Russia and Modern Fascism“ – deutet Vorsicht an. Ähnlich die Titel-Collage: Neben Putins Portrait sind weder Hitler noch Mussolini abgebildet, sondern Stalin; kein Hakenkreuz oder Rutenbündel, sondern Hammer und Sichel. Davor sehen wir nicht etwa grimmig marschierende Schwarz- oder Braunhemden, sondern locker schreitende junge Menschen, vorrangig sportliche Frauen in legerer weißer Kleidung.
Der Band erscheint in einer Buchreihe, in der – trotz ihres Schwerpunkts auf (post-)sowjetischen Themen – bereits 2006 eine wegweisende Essaysammlung zum generischen Faschismus veröffentlicht wurde.[2] Der Schwerpunkt jenes Bandes lag auf Roger Griffins Thesen zum palingenetischen Ultranationalismus als wesentlichem Element faschistischer Politik und wurde damals unter anderem durch den Aufstieg von Aleksandr Dugin geprägt. Die Einleitung der Herausgeber des vorliegenden Buchs (Ian Garner in Warschau, Taras Kuzio in Kyjiw lehrend) greift diesen Ansatz auf. Für sie ist die propagierte Wiedergeburt einer „degenerierten“ Nation seit 2020 eine moderne Form von Faschismus in Russland. Sie versuchen in ihrem eigenen Beitrag herauszuarbeiten, wie an der gnadenlosen Zerstörung von Mariupol der „cycle of destruction and rejuvenation“ (S. 272) deutlich werde, permanenter Krieg statt Friedensstreben. Diese Deutung von Erlösung durch Gewalt als Exempel einer faschistischen Projektion von Tod und Wiedergeburt ist einleuchtend. Aber ist die Zerstörung von Städten in Tschetschenien oder Syrien durch russische Truppen ebenfalls Ausdruck einer „Verjüngung“? Und bedeutet die geplante Kolonisierung Mariupols durch Hunderttausende russischer Siedler eine „Wiedergeburt“ Russlands selbst?
Der einzige Versuch im Band, sich der Frage systematisch über klare Kategorien zu nähern, stammt von Alexander Motyl. Autoritäre Diktatur, Massenunterstützung, Personenkult und personaler Führungsstil seien die entscheidenden Faktoren faschistischer Herrschaft. In einer vierstufigen Typologie von Demokratie, halb- und vollautoritärer Herrschaft und schließlich Faschismus erfülle Putin alle Kriterien des Autoritarismus. Darüber hinaus handle es sich um einen personalistischen Diktator mit Massenunterstützung. Dies mache aus dem Autoritarismus eine Art des Faschismus. Der Herausgeber der Buchreihe, Andreas Umland, setzt in seinem Beitrag stark auf die Palingenese-Formel, die von Motyl als zu allgemeingültig verworfen wird. Aber auch die Aufwertung von Ivan Ilyins Faschismus-naher Philosophie durch die Putin-Administration oder der Aufstieg Dugins ergebe keinen vollen, aber zumindest einen „quasi-Faschismus“. Umland gibt Einwänden recht, wenn er betont, dass der Vollangriff auf die Ukraine nicht auf einen Wandel zu einem ultra-nationalistischen, revolutionären Furor, sondern eher auf zynische Machtpolitik und Fehleinschätzungen zurückgehe.
Dass es eine marginale russische faschistische Tradition gibt, sowohl in der Emigration als auch nach dem Ende der UdSSR im Lande, führen Joanna Getka und Jolanta Darczewska an. Als Beleg für eine allmähliche Faschisierung (also nicht für einen ausgebildeten Faschismus) zitieren sie die berüchtigten Pamphlete über eine „Entnazifizierung“ der Ukraine – ein Faschismus mit antifaschistischer Maske, aber auch eine Karikatur, gleichwohl gefährlich und aggressiv. Ähnlich pendelt Michał Wawrzonek in seinem Beitrag über die Russische Orthodoxe Kirche und ihre Bedeutung im heutigen russischen „Imperismus“ zwischen der Faschismus-Diagnose und der vorsichtigen Aussage, dass die pan-russische Ideologie mit dem Faschismus und Nazismus der Zwischenkriegszeit „probably“ vergleichbar sei (S. 175).
Andreas Heinemann-Grüder stellt in seinem Beitrag das „Heiliger-Krieg“-Motiv in der antiukrainischen Propaganda heraus und kommt zur Einschätzung, dass es sich dabei eben nicht um eine Wiederholung totalitärer (einschließlich faschistischer) Ansätze aus dem 20. Jahrhundert, sondern eine religiös-fundamentalistische Staatsideologie handele. Dabei spielt das Narrativ einer Verteidigung Russlands in der Tradition des Zweiten Weltkriegs eine erhebliche Rolle; dieses wird in einer dann doch „neo-totalitären“ Gesellschaft als einzige erlaubte Deutung forciert. Wichtiger als eine konsistente Qualifizierung ist die Feststellung, dass diese quasi-religiösen Diskurse auf eine Rechtfertigung, ja Forderung eines andauernden Kriegszustandes hinauslaufen. Das ist auch den Anstrengungen im Erziehungswesen zu entnehmen, die Maria Domańska als „faschistische Erziehung“ in einem ebenfalls neo-totalitär genannten Regime nachzeichnet. Der Militarismus-Kult seit 2008 propagiert Geschichtsmythen; die Dämonisierung der „nazistischen“ Ukrainer gehört dazu. Tatsächlich ist die Wendung gegen „Nazis“ eine sprachliche Innovation, die gründlicher untersucht werden sollte. Haben die „neo-nazistischen“ Feinde die „faschistischen“ abgelöst, weil – unausgesprochen – im eigenen Lager zu viele Unterstützer erklärtermaßen Faschismus-nahen Konzepten anhängen?
Wie sehr die Propaganda fruchtet, können die Beiträge sicher nicht völlig erhellen. Immerhin ist es ein interessantes Signal aus einer von Domańska zitierten Untersuchung von 2024, dass die Kriegsrhetorik bei der jüngeren Generation nicht übermäßig Anklang finde. Wenig beruhigend ist dagegen, was Jaroslava Barbieri über die Indoktrination der Jugendlichen in den russisch besetzten Gebieten zusammenträgt. Dort wird mit Einschüchterung, erzwungener Assimilation und Einsatz von Lehrkräften aus Russland agiert; ukrainischer Online-Unterricht erreicht nur eine Minderheit. In seiner Abschlussbetrachtung gibt Paul D'Anieri zu, dass das Buch die Debatte um den Faschismus-Begriff nicht abschließen werde. Aber eine solche Bezeichnung, die dem Kult um Gewalt, Krieg und Maskulinität Rechnung trage, sei nötig, denn Russland sei anders als 2015 nicht mehr „just another authoritarian state“ (S. 304). So wirft das Buch mehr Fragen auf, als es beantwortet. Immer wieder blitzen Einschätzungen auf, die auch andere Einstufungen nahelegen. Selbst bei Motyl, dem entschiedensten Verfechter des Faschismus-Urteils, ist Putin einmal ein neuer „Zar“ (S. 52). Ähnlich diagnostizieren die Herausgeber, dass die Schlüsselkomponente des imperialen Nationalismus wie unter Zaren und „weißen“ Emigranten die Leugnung der ukrainischen Nation sei. Aber wie passt dazu, dass sie berichten, das Stadtmuseum in Mariupol solle nach Stalins engem Vertrauten Andrej Ždanov benannt werden?
Der Band diskutiert nicht, wie viel „Faschismus“ im Stalinismus steckte (was die faschistischen Führer zeitweise anerkannten). Vordergründig widerspricht dem Stalinismus-Etikett, dass der Terror heute sich nicht wie im Hochstalinismus gegen das eigene Volk richtet; aber das kann man auch anders sehen: Hält Putin die Ukrainer, die er für ihren „Verrat“ mit Krieg überzieht, nicht gerade für seine legitimen Untertanen? Und würde zu einer neuen Abart des Faschismus nicht weit mehr gehören, beispielsweise dass unterschiedliche Ethnien in eine Hierarchie eingeordnet werden und eine „natürliche“ Ungleichheit unter Menschen und Völkern propagiert wird? Gerade die angefeindeten Ukrainer werden nicht als grundsätzlich anders, sondern als gleich(wertig) mit den Russen eingestuft. Die Herausgeber zeigen, wie die russische Propaganda den Ukrainern vorwirft, sie wollten – von westlichen Propagandisten „verführt“ – sich als etwas Eigenständiges sehen. Die propagierte Homophobie wirkt wiederum „faschistisch“, anders das weitgehende Ausbleiben von antisemitischer Propaganda (beide Themen werden im Buch nicht diskutiert). Und auch die immer noch hochgehaltene (und, wie die Herausgeber schildern, bei der Rekonstruktion Mariupols in Denkmalen verbaute) Beschwörung der Einheit der Völker der Russischen Föderation ist nicht typisch für Faschismus.
Solche Einwände treffen das Buch nicht. Die Widersprüche sind unvermeidlich, denn sie spiegeln die Offenheit einer Suche. Nicht die Antworten sind das Wichtigste, sondern die Fragen. Die Diskussion um Begriffe und Kategorien hat ihren Sinn letztlich darin, Beobachtungen und Einschätzungen zu verschärfen und zu vertiefen. Andreas Umland betont in seinem Beitrag, dass solche Zuschreibungen nicht unumstößlich wahr oder falsch sein können, sondern stets auf einer Konvention beruhen. Neben einer wissenschaftlichen Klassifizierung gebe es auch die subjektive Analogie, gerade in der spezifischen Wahrnehmung durch die Menschen in der Ukraine. Gegenargumente zu provozieren, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. So kann das Buch viele fruchtbare Diskussionen auslösen. Wer immer über den „Putinismus“ weiterdenken will, sollte sich mit seinen Beiträgen auseinandersetzen.
Fußnoten
- Vgl. Maria Snegovaya, Is it Time to Drop the F-Bomb on Russia? Why Putin Is Almost a Fascist, in: World Policy Journal 34 (2017), S. 48–53; Marlene Laruelle, Is Russia Fascist? Unraveling Propaganda East and West, Ithaca 2001. Die Bezeichnung „F-Bomb“ lässt sich schon 2014 finden bei Christian Caryl, Dropping the Political F-Bomb, in: Foreign Policy, 14.03.2014.
- Vgl. Roger Griffin / Werner Loh / Andreas Umland (Hg.), Fascism Past and Present, West and East. An International Debate on Concepts and Cases in the Comparative Study of the Extreme Right, Stuttgart 2006.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Fabian Baumann. Zuerst erschienen in H-Soz-Kult.
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