Lukas Betzler, Hauke Branding | Essay |

„L’Internationale des Gouines et des Pédales“

Guy Hocquenghem und der Front homosexuel d'action révolutionnaire

Das Jahr 1971 gilt mit Recht als Meilenstein der westeuropäischen Homosexuellenbewegung. Schwule und Lesben erhoben ihre Stimmen gegen soziale Stigmatisierung und juristische Diskriminierung und erlangten größeres politisches Selbstbewusstsein denn je. In Paris gründete sich im März 1971 die erste radikale Homosexuellengruppe Frankreichs, der Front homosexuel d’action révolutionnaire (FHAR), und brachte Bewegung in die französische Linke. In Deutschland feierte Rosa von Praunheims Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt seine Premiere auf der Berlinale. Die anschließenden Vorführungen in unterschiedlichen westdeutschen Städten gaben vielfach Anstoß zur Gründung radikaler Homosexuellengruppen wie der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) und der Roten Zelle Schwul in Frankfurt.[1] Der Film selbst war aber bloß Auslöser, nicht Ursache der Mobilisierung: „Gay Liberation“ lag in der Luft, nahezu überall in Europa.

Denn vor dem Hintergrund der Ereignisse des Jahres 1968 und inspiriert durch die New Yorker Stonewall-Riots und die Gründung der US-amerikanischen Gay Liberation Front im Jahr 1969 waren auch in Europa neue Bewegungen entstanden, die mit radikalen politischen Forderungen und einem revolutionären Selbstverständnis aufwarteten. Mit den zaghaften juristischen und gesellschaftlichen Liberalisierungstendenzen, die sich in Deutschland etwa in der Reformierung des §175 StGB zeigten, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe gestellt hatte,[2] gaben sich die Homosexuellengruppen nicht zufrieden. Sie stritten zwar auch für ein Ende der rechtlichen Diskriminierung, doch sie wollten sich dabei nicht von der bürgerlichen Gesellschaft vereinnahmen lassen. In Frankreich, wo es eine besonders aktive und radikale Homosexuellenbewegung gab, lautete die Devise der Bewegung daher: „Der einzig mögliche politische Standpunkt ist der revolutionäre Standpunkt“.[3]

„Nieder mit der Diktatur der Normalen!“

Ohne die Arbeiter- und Studierendenproteste von 1968, ihre marxistische Gesellschaftskritik und ihre Parolen – von „L’imagination au pouvoir“ („Die Fantasie an die Macht“) bis „Il est interdit d’interdire“ („Es ist verboten zu verbieten“) – hätte es die Homosexuellen- und Frauenbewegungen in dieser Weise wohl kaum gegeben. Doch die Erfahrungen, die Feministinnen und Homosexuelle 1968 machten, waren häufig widersprüchlich. Zwar proklamierte die Protestbewegung die Befreiung der Sexualität und kritisierte die bürgerliche Sexualmoral, aber sie tat sowohl die Frauenemanzipation als auch die Homosexualität immer wieder als Nebenwiderspruch und Privatangelegenheit ab oder verunglimpfte sie gar als Ausdruck kleinbürgerlicher Dekadenz.[4] Als Konsequenz daraus schloss sich 1970 in Paris eine Reihe radikalfeministischer Gruppen zum Mouvement de Libération des Femmes (MLF) zusammen.[5] Der MLF machte durch zahlreiche Aktionen auf sich aufmerksam, mit denen die Befreiung der weiblichen Sexualität, das Recht auf Abtreibung und den legalen Zugang zu sicheren Verhütungsmethoden gefordert wurde. Das Thema Homosexualität jedoch war innerhalb des MLF Gegenstand kontroverser Auseinandersetzungen: Aus Sorge um seine vermeintliche Mehrheitsfähigkeit erklärte sich das Bündnis nicht öffentlich mit Lesben solidarisch, woraufhin einige Aktivistinnen den Kontakt zur überwiegend männlich geprägten Homophilen-Organisation Arcadie suchten, um dort eine lesbische Untergruppe zu gründen.[6] Das so entstandene Bündnis radikaler Feministinnen und Lesben vom MLF und von Arcadie fiel zu Beginn des Jahres 1971 zunächst mit einer Reihe von Aktionen gegen Abtreibungsgegner auf. Schon bald schlossen sich ihnen schwule Genossen an. Im März 1971, nach einer aufsehenerregenden Intervention in einer Live-Radiosendung, gab sich die Gruppe dann auch einen Namen: Front homosexuel d’action révolutionnaire (FHAR).[7] „Emanzipierte Frauen und Homosexuelle reichen sich die Hand“ – diesen Satz, 1953 von dem reaktionären Priester Xavier Tilliete noch als Warnung gemeint, machte der FHAR also zum Leitspruch einer neuen Politik.[8] Denn der Zusammenschluss teilte eine radikale Kritik nicht nur der patriarchalen und homophoben gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern auch der sozialen Bewegungen, denen sie selbst entstammten: Einerseits lehnten sie die auf Anpassung und Integration ausgerichtete Politik der bürgerlichen Homophilen ab („Sie sagen, dass die Gesellschaft die Homosexuellen integrieren müsse, ich sage, dass die Homosexuellen die Gesellschaft desintegrieren müssen“, soll Françoise d’Eaubonne, eine der Gründerinnen des FHAR, dem Vorsitzenden von Arcadie, André Baudry, entgegnet haben),[9] andererseits kritisierten sie die alte und alteingesessene Linke, deren Organisationen radikalen Feministinnen und homosexuellen Aktivist*innen keine politische Heimstätte boten und deren proklamierte ‚sexuelle Revolution‘ nicht hielt, was sie versprach, da es allzu oft nur die Sexualität des heterosexuellen Mannes war, die ‚befreit‘ wurde. Damit sollte nun Schluss sein. Die Schwulen und Lesben wollten sich nicht länger anpassen, weder an die bürgerliche Gesellschaft noch an die radikale Linke. So entstand dort der zwar auf Paris beschränkte und relativ kurzlebige, aber in seiner Bedeutung und Ausstrahlung kaum zu überschätzende FHAR.

Die scharfe, im besten Sinne schamlose Kritik der Bewegung richtete sich also sowohl gegen die bürgerliche Gesellschaft und ihre Sexualmoral als auch gegen die in Bezug auf Sexualität, Geschlechterverhältnisse oder Familie oft reaktionären linken Parteien und Organisationen. Die Homosexuellenbewegung proklamierte aber nicht nur neue Inhalte, sondern zuvorderst eine neue Form der Politik. Der FHAR erhob Provokation und Subversion zu politischen Mitteln und erregte Aufsehen durch radikale, anarchische Aktionen – konservative Abtreibungsgegner wurden mit Würsten beworfen, der esprit de sérieux linker Demonstrationen mit Tanz, Fummel und Schminke durchbrochen und mittels satirischer Umdichtungen marxistischer Parolen und Lieder aufs Korn genommen.[10] Ein Transparent des FHAR auf der traditionellen 1.-Mai-Demo 1971 forderte beispielsweise: „Nieder mit der Diktatur der Normalen!“.[11] Und auch das Denken sollte wild, konkret und subjektiv sein. Abstrakte Theoriesysteme, die den Einzelnen mehr von der Wirklichkeit distanzierten als sie ihm zu erschließen, wurden verworfen; stattdessen dominierte in den Texten des FHAR eine radikale Subjektivität, die die je eigene Erfahrung und das eigene Begehren ins Zentrum stellt. Verdeutlicht wurde das auch mittels einer neuen Terminologie, die die Verschränkung von Herrschaft und Sexualität offenlegen sollte: „hétéro-flic“ (Heterobulle) zum Beispiel, oder „Phallokratie“.[12]

Nachvollziehen lässt sich die Lebendigkeit, Offenheit und Radikalität dieses Denkens insbesondere an den Dokumenten, die die Bewegung und ihre Aktivist*innen hinterlassen haben.[13] Hervorzuheben ist darunter zunächst die vom FHAR gestaltete Sonderausgabe der maoistischen Zeitschrift Tout! vom April 1971.[14] Deren Beiträge behandeln Themen wie Abtreibung, homophobe Gewalt und Klappensex und fordern aus Perspektive der ersten Person ein neues Selbstbewusstsein. Fragen der Sexualität, des Begehrens und der körperlichen Selbstbestimmung werden im Dienste eines emphatischen Revolutionsbegriffs ins Zentrum gestellt: Das „Ziel der Revolution“, heißt es im Editorial, sei „die Erfüllung des Glücks“.[15] Das Heft löste einen handfesten Skandal aus: Ein Teil der Auflage wurde vom Innenministerium beschlagnahmt, gegen den als Herausgeber fungierenden Jean-Paul Sartre wurde wegen des Verstoßes gegen die Sittlichkeit ermittelt und auch eine ganze Reihe linker Buchläden weigerte sich, die Ausgabe zu verkaufen. Für den FHAR wurde sie aber zum Erfolg: Die Gruppierung erlangte schlagartig Bekanntheit in der gesamten Republik.[16]

Eine weiteres beeindruckendes Zeugnis dieses Denkens ist die größtenteils von FHAR-Mitgliedern gestaltete und von Félix Guattari herausgegebene Ausgabe 12 der Zeitschrift Recherches, die 1973 erschien und den Titel Trois milliards de pervers (Drei Milliarden Perverse) sowie den ironischen Untertitel Grande encyclopédie des homosexualités trägt.[17] An der aufsehenerregenden Ausgabe, die wegen vermeintlicher Jugendgefährdung konfisziert wurde,[18] waren neben Hocquenghem unter anderem Félix Guattari, Christian Maurel sowie die Schauspielerin und Trans-Aktivistin Marie-France Garcia beteiligt. Drei Milliarden Perverse vereint akademische wie nicht-akademische, zum Teil polemisch-rücksichtslose Auseinandersetzungen mit Themen wie Cruising, Kolonialismus und Migration sowie Masturbation, thematisierte das Verhältnis von Lesben und Schwulen, Sprache und Politik sowie die Entwicklung der Homosexuellenbewegung insgesamt.[19]

Dem FHAR war allerdings keine lange Lebenszeit beschieden. Schon früh gab es Austritte, vor allem Lesben verließen die Gruppe, weil Männer die Gruppe mehr und mehr dominierten und aus den Treffen zunehmend entpolitisierte Sextreffs wurden. Als die Gruppe sich 1974 auflöste, war sie nicht viel mehr als ein schwacher Abglanz ihrer öffentlichkeitswirksamen Anfangsmonate.

© Jean-Pierre REY / Fond Photographique Jean-Pierre REY

„Ich heiße Guy Hocquenghem...“

Das wohl bekannteste Mitglied des FHAR war der junge Philosoph und Aktivist Guy Hocquenghem. Der 1946 geborene Hocquenghem, der am 10. Dezember 2021 seinen 75. Geburtstag gefeiert hätte, war bei seinem Beitritt gerade einmal 24 Jahre alt und sollte dennoch nicht nur die Politik der Gruppe entscheidend prägen, sondern auch eine der zentralen Figuren der französischen Homosexuellenbewegung werden.[20]

Trotz seines jungen Alters war Hocquenghem, als er 1971 zum FHAR stieß, schon fast ein Polit-Veteran: Als Schüler war er Mitglied in der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei, wurde dort als ‚Linksabweichler‘ ausgeschlossen und schloss sich einer trotzkistischen Gruppierung an. An der Revolte des Mai 68 war er von Beginn an beteiligt, unter anderem als Mitglied des Besetzungs-Komitees an der Sorbonne. Nach dem Mai 68 schloss er sich der Mao-Spontigruppe Vive la révolution (VLR) an.

Doch Hocquenghem war nicht nur Aktivist: Schon seit 1966 hatte er Philosophie an der École Normale Supérieur (ENS) studiert. Nach Abschluss seines Studiums wurde er 1970 Lehrbeauftragter an der neugegründeten Reformuniversität von Vincennes, wo er 1974 mit einer Sammlung von Texten zur Homosexualität promoviert wurde. Seine eigene Homosexualität war lange ein Geheimnis, wenn auch ein zunehmend offenes. Und vom schwulen Aktivisten zum Schwulenaktivisten wurde Hocquenghem erst mit seinem Beitritt zum FHAR.

In den Fokus der französischen Öffentlichkeit trat Hocquenghem am 10. Januar 1972. An diesem Tag outete er sich in der linksliberalen Zeitung Nouvel Observateur als schwul.[21] Im Text, der mit den Worten beginnt: „Ich heiße Guy Hocquenghem. Ich bin 25 Jahre alt“, erzählt er nicht nur, wie er „ein Homosexueller wurde“, sondern schildert auch seine Erfahrungen mit und in der Linken.[22] Sein mediales Coming-out machte Hocquenghem über Nacht zum Gesicht der Bewegung, und auch wenn es im FHAR alles andere als unumstritten war, sollte dessen Bedeutung für die Homosexuellen in Frankreich nicht unterschätzt werden. Durch den Artikel wurde der Leiter des Verlags Editions Universitaires auf Hocquenghem aufmerksam und lud ihn ein, ein Buch zum Thema zu schreiben. Es erschien wenige Monate später im Herbst 1972 unter dem Titel Le désir homosexuel, „Das homosexuelle Begehren“.

Dieser furiose Essay, eine Mischung aus Manifest, historischer Abhandlung und politischer Intervention, speist sich aus Hocquenghems Erfahrungen im FHAR, seinen Recherchen zur Geschichte der Homosexualität, seiner durchaus klassischen Bildung, die sich insbesondere in der Wahl seiner literarischen Kronzeugen Marcel Proust, Robert Musil und Thomas Mann ausdrückt und, in nicht zu unterschätzendem Maße aus einem damals gerade neu erschienenen Buch zweier Kollegen aus Vincennes: dem Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Félix Guattari.

Das homosexuelle Begehren

Obwohl lange vor dem Aufstieg der Queer Theory verfasst, denkt Das homosexuelle Begehren Geschlecht, Begehren und Sexualität bereits anti-identitär und jenseits binärer Schemata. Hocquenghem geht von einem universellen Begehren aus, lehnt die Vorstellung jeder stabilen (sexuellen) Identität ab und versteht den Kampf der Homosexuellen als Teil eines Ringens um gesamtgesellschaftliche Befreiung. Das Begehren soll nicht in einer (homosexuellen) Identität stillgestellt werden, sondern vielmehr Angelpunkt der Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse sein.

Einer der zentralen Ausgangspunkte für Hocquenghem ist die Beobachtung, dass das, was gemeinhin unter Homosexualität verstanden wird, eine im 19. Jahrhundert aus den Diskursen um Sexualität hervorgegangene „psychopolizeiliche Kategorie“[23] ist. Eine Kategorie, die dazu dient, dem Begehren seine Vieldeutigkeit zu nehmen, es einzuhegen und damit beherrschbar zu machen. Die theoretische Nähe zu Michel Foucault ist nicht zu übersehen: „Die Kategorie – und sogar das Wort selbst – sind eine relativ neue Erfindung. [...] Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Gottesleugner, diejenigen, die nicht sprechen konnten, und die ‚Sodomiten‘ in ein und dasselbe Gefängnis geworfen. So wie das Aufkommen der Psychiatrie und des Irrenhauses bezeugt, welche Fähigkeit die Gesellschaft bei der Erfindung spezifischer Mittel zur Klassifizierung des nicht Klassifizierbaren entwickelt, so erschafft das moderne Denken eine neue Krankheit: die Homosexualität. […] Damit kennzeichnete sie das, was am Rande steht, doch indem sie das tat, rückte sie es ins Zentrum.“[24]

Theoretische Anleihen nimmt Hocquenghem einerseits bei der Freud’schen Psychoanalyse und andererseits beim frisch erschienenen Anti-Ödipus von Deleuze und Guattari. Freuds bahnbrechende Entdeckung besteht für Hocquenghem in dessen nicht-normativer Bestimmung des Begehrens. Wie Freud geht auch Hocquenghem davon aus, dass am Ausgangspunkt der Sexualitätsentwicklung weder Sexualziel noch Sexualobjekt a priori feststehen, sondern es eine Vielzahl von Lust- und Befriedigungsmöglichkeiten gibt – die also auch außerhalb der als Norm gesetzten Heterosexualität verortet sein können. Freud charakterisiert das Begehren am Beginn der Sexualentwicklung als polymorph-pervers, eine Annahme, die Hocquenghem prominent aufgreift und universalisiert: „Homosexuelles Begehren: Dieser Begriff ist nicht selbstverständlich. Es gibt keine Unterscheidung des Begehrens in Homosexualität und Heterosexualität. […] Das Begehren tritt in vielfältiger Form hervor, deren einzelne Bestandteile a posteriori trennbar sind, entsprechend den Behandlungen, denen wir es unterziehen. Wie das heterosexuelle Begehren ist auch das homosexuelle Begehren eine willkürliche Unterteilung innerhalb eines ununterbrochenen und vieldeutigen Stromes.“[25]

Hocquenghem nimmt Freuds Entdeckung eines universellen Begehrens, das keine feste Objektwahl kennt, tatsächlich ernster als dieser selbst. Er betont, dass Freud vor den revolutionären Implikationen seiner Entdeckung zurückgeschreckt sei, indem er sie in das ödipale Dreieck (Kind – Vater – Mutter) eingegliedert und angenommen habe, dass die Einschränkung des Polymorphismus, also die entweder homo- oder heterosexuelle Fixierung der Objektwahl, Bestandteil einer gesunden beziehungsweise reifen psychosexuellen Entwicklung sei. Über diese Relativierung der eigenen Erkenntnis durch die Psychoanalyse, die auch ideologische Funktionen übernimmt, bemerkt Hocquenghem im Anschluss an Deleuze und Guattari: „Das Begehren hat als autonome und polymorphe Kraft zu verschwinden; es darf für die Institution Psychoanalyse nur als Mangel bestehen. Stets muss das Begehren etwas bedeuten, sich auf ein Objekt beziehen, das seinen Sinn in der ödipalen Triangulierung erhält. Und genau so nimmt die nach-Freud’sche Psychoanalyse ihren Platz als Institution der bürgerlichen Gesellschaft zur Kontrolle der Libido ein.“[26]

Die Abwertung und Verfolgung von Homosexualität, die sich für Hocquenghem sowohl in offener Repression als auch in vermeintlich liberaler Duldung zeigt, gilt ihm als Ausdruck einer paranoiden Verfolgungssucht, deren Ursprung die Angst des heterosexuellen Mannes vor dem eigenen homosexuellen Begehren sei. Schwulenfeindlichkeit ist für ihn so Kennzeichen der Herrschaft des Mannes, der patriarchalen und phallokratischen Gesellschaft – einer Gesellschaft, deren Institutionen sich um den Phallus herum organisieren: „Die Gesellschaft ist phallokratisch, da alle gesellschaftlichen Beziehungen nach Art jener Hierarchie aufgebaut sind, in welcher sich die Transzendenz des Großen Signifikanten ausdrückt. Der Schulmeister, der General, der Büroleiter, sie alle sind der Vater-Phallus […]. Der Körper ist auf den Phallus ausgerichtet wie die Gesellschaft auf den Chef: Auch diejenigen, denen der Phallus fehlt, und diejenigen, die gehorchen, gehören noch dem Reich des Phallus an. Dies ist der Triumph des Ödipus.“[27]

Der zentrale Ort dieses Triumphs ist für Hocquenghem die auf Reproduktion ausgelegte heterosexuelle Familie, in der die Zwänge der bürgerlichen Sexual- und Eigentumsordnung reproduziert werden. Die Sphären der Ökonomie und der Sexualität sind für ihn aufs Engste miteinander verbunden, und in der Familie zeigt sich diese Verbindung am deutlichsten: Heterosexuelle Reproduktion sei bestimmt durch Hierarchie und hierarchische Abfolge (Nachkommenschaft, Eigentum, Erbe usw.), die Familie gewährleiste über ihre Form und die ödipale Zwangsheterosexualität die gesellschaftlichen Besitz- und Eigentumsverhältnisse – und damit auch das Konkurrenzprinzip. Das homosexuelle Begehren hingegen sei der Schrecken der Familie und des Kapitalismus, weil es sich produziere, ohne sich zu reproduzieren. „Die Homosexualität sucht die ‚normale Welt‘ heim. [...] In ihrem unaufhörlichen Kampf gegen die Homosexualität stellt die Gesellschaft stets von Neuem fest, dass ihre Verurteilung eben jene Plage, die loszuwerden sie beabsichtigt, selbst reproduziert. Und dies nicht ohne Grund: Die kapitalistische Gesellschaft erzeugt den Homosexuellen, wie sie den Proletarier produziert, wodurch sie ständig ihre eigenen Schranken hervorbringt.“[28]

Die Kanalisierung des Begehrens im Ödipus, die Aufteilung in Heterosexualität und abweichende Sexualitäten, ist Hocquenghem zufolge der zentrale Mechanismus, mittels dessen das Begehren in die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft integriert wird. Alles Begehren wird in Bezug zum Phallus gesetzt und so alle nicht-phallische Sexualität (insbesondere die anale) unterdrückt, verdrängt und privatisiert. Dem Phallus müsse daher die Öffentlichmachung des Anus entgegengesetzt werden. Hocquenghem bezeichnet diesen Prozess als „Gruppalisierung“, die neue nicht-phallische und horizontale Beziehungsweisen hervorbringe: „Das auf den Anus gerichtete Begehren, das eng mit dem homosexuellen Begehren zusammenhängt, konstituiert eine Art von Beziehungen, die wir […] als ‚gruppale‘ Art von Beziehungen bezeichnen. […] Die Öffentlichmachung oder genauer: die begehrende Gruppalisierung des Anus hingegen bewirkt gleichzeitig die Auflösung der sublimierenden Phallus-Hierarchie und den Zusammenbruch des double bind Individuum-Gesellschaft.“[29]

Diese Überlegungen führen Hocquenghem letztlich auch dazu, homosexuellen Sexualpraktiken und Beziehungsformen, die er als Gegenmodelle zum bürgerlichen Verständnis von Liebe und Partnerschaft versteht, ein grundsätzlich revolutionäres Potenzial zuzuschreiben. Diese Idealisierung homosexueller Subkultur, die Annahme der „enormen Überlegenheit der homosexuellen Liebschaften“[30] hat Hocquenghem viel Kritik eingebracht, und das sicher nicht ganz zu Unrecht. Die bloße Umkehr der gesellschaftlichen Abwertung schwuler Begehrensformen bleibe den „Mechanismen der homosexuellen Subkultur“ verhaftet und mache sich „schließlich zum Lobsänger eines typisch männlichen Umgangs mit der Sexualität“, schrieb etwa Martin Dannecker.[31] Mag diese Kritik durchaus auch einen Punkt treffen: Entgegen Hocquenghems eindeutigem, manchmal auch einseitigem Fokus auf männliche Homosexualität und seiner Vernachlässigung weiblicher und lesbischer Perspektiven, macht er doch deutlich, dass er diese Beschränkung transzendieren will. Etwa, wenn er schreibt: „Dem Begehren zu begegnen, heißt zuallererst, den Unterschied der Geschlechter zu vergessen.“[32] Der homosexuelle Kampf könne daher auch nicht (nur) einer um gleiche Rechte und Anerkennung sein, sondern es müsse ihm um die grundlegende Überwindung der bestehenden Sexualordnung, der Idee einer Opposition zweier klar begrenzter Geschlechter, der imaginären Gegensätze und falschen Alternativen (privat – öffentlich, Individuum – Gesellschaft, weiblich – männlich usw.) gehen. Hocquenghem schwebt eine Gesellschaft vor, in der die Objektwahl keine Identifizierung mehr nach sich zieht, in der also alle ohne Repression verschieden lieben und begehren können.

Das ambivalente Verhältnis zur Psychoanalyse

Hocquenghem und der FHAR rezipieren die Psychoanalyse in sehr spezieller und ambivalenter Weise. Zum einen lässt sich über die Lektüre des Anti-Ödipus ein Bezug auf die Freud’sche Psychoanalyse, insbesondere zu den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, beobachten, deren verunsichernde und entpathologisierende Momente aufgegriffen werden.[33] Zum anderen kritisieren sie die (institutionalisierte) Psychoanalyse und greifen sie zum Teil scharf an; dieser Angriff richtet sich im Wesentlichen gegen die Weiterentwicklung der Psychoanalyse durch Jacques Lacan. In Das homosexuelle Begehren arbeitet Hocquenghem die homophoben Tendenzen der Psychoanalyse heraus, verwirft ihre exklusive Ausrichtung der Geschlechts- und Sexualitätsentwicklung am Phallus beziehungsweise Penis und zeigt, dass die Psychoanalyse ihre Phänomene nicht bloß beschreibt, sondern auch selbst hervorbringt und insofern sowohl normierend als auch pathologisierend wirkt. Lacan wird in Das homosexuelle Begehren zwar nur am Rande erwähnt, doch gehen zahlreiche der dort verwendeten (und kritisierten) Konzepte auf ihn zurück: die jouissance, das Spiegelstadium, die ‚ganze Person‘, das Imaginäre, der ‚Große Signifikant‘, der Mangel etc.

Ähnlich wie Lacan stellt Hocquenghem nicht die Identität ins Zentrum seiner Theorie der Sexualität, sondern das Begehren.[34] Allerdings möchte Hocquenghem das Begehren nicht, wie Lacan, als Ausdruck eines Mangels verstanden wissen, sondern unter Rückgriff auf Deleuze und Guattari als produktive Kraft, als Begehrensmaschine, die im Stande sei, neue Kopplungen hervorzubringen.[35] Eine weitere Kritik an Lacan zielt darauf, dass er die Geschlechterdifferenz allein in Bezug auf den Phallus definiere – Männer haben den Phallus, Frauen sind der Phallus. „Der Phallus ist die einzige Verteilungsinstanz der Identität“[36], schreibt Hocquenghem, und kritisiert damit den Zusammenhang von phallischer Gesellschaft, Herrschaft und Konkurrenz. Hocquenghems Forderung nach Sichtbarmachung des Anus lässt sich so als direkte Gegenposition zu Lacan verstehen.

Eine weitere Kritik Hocquenghems richtet sich gegen das Lacan’sche Konzept des Spiegelstadiums. Die Integration des vielstimmigen Begehrens in der Einheit der ‚ganzen Person‘, die bei Lacan als wünschenswert gilt, kritisiert Hocquenghem als repressiv. Denn vor dem Hintergrund der ‚ganzen Person‘ können die Partialtriebe, die insbesondere den einzelnen erogenen Zonen zugeordnet sind und die „unabhängig voneinander nach Befriedigung [streben]“[37], nur als Mangel gesehen werden, der immer auf die fehlende Einheit verweist. Dagegen fordert Hocquenghem eine Emanzipation der Partialtriebe, deren Keim er bei Freud angelegt sieht, denn „[n]ach Freud funktionieren die Partialtriebe stets unabhängig, sie suchen, ‚jeder für sich, ihre Lustbefriedigung am eigenen Leibe‘.“[38] Den emanzipierten, sich frei verkoppelnden Partialtrieben schreibt Hocquenghem revolutionäres, die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft angreifendes Potenzial zu, während die eingehegte Homosexualität als Beziehung zwischen ‚ganzen Personen‘ mit einer klar definierten Objektwahl – entweder männlich oder weiblich – fast reibungslos in die phallokratische Gesellschaft integriert werden könne: „Die streng fixierte Objektwahl sichert gegen die Dezentrierung ab, die Phallus und Genitalität ohne sie erleiden müssten.“[39] Die Verkoppelungen des Begehrens hingegen sollen nicht schon in bestimmten, vorgegebenen Vorstellungen, ‚Trugbildern des Imaginären‘, verankert sein und sich nicht auf die ‚ganze Person‘ richten. Vielmehr sollen die Partialtriebe aus der Integration ins genitale Ideal beziehungsweise ins (ödipale) Subjekt gelöst werden, für sich selbst bedeutsam werden und so neue Beziehungen zum Anderen und zum Selbst hervorbringen. Hocquenghem richtet seine Kritik einerseits gegen die verbreitete Abwertung aller nicht-genitalen erogenen Zonen, die damit einhergehende Reduktion von Sexualität auf den Orgasmus und die Unfähigkeit, sich anderen hinzugeben. Andererseits richtet er sich auch gegen das (ödipale) Subjekt insgesamt, dessen Auflösung für ihn zu einem Ziel emanzipatorischer Veränderung wird. Die Preisgabe des Subjekts konterkariert allerdings dieses Ziel, insofern unklar bleiben muss, wer sich dann noch wovon emanzipiert beziehungsweise wer die Emanzipation begehren soll.

Rezeptionsweisen: Hocquenghem und der FHAR heute

Das Erscheinen von Das homosexuelle Begehren im Jahr 1972 war ein Ereignis. Es wurde über die Homosexuellenbewegung hinaus rezipiert und schon bald in andere Sprachen übersetzt: 1973 ins Italienische, 1974 ins Deutsche und Spanische, 1978 ins Englische. Doch nach nur wenigen Jahren wurde es still um Das homosexuelle Begehren, und lange Zeit war Hocquenghem nahezu vergessen. Daran hatten auch sein Rückzug aus der Schwulenbewegung und sein früher Tod einen Anteil: Hocquenghem, der von 1975 bis 1982 als Redakteur bei der neugegründeten Tageszeitung Libération gearbeitet hatte und nach seinem Ausscheiden aus der Redaktion vor allem als Autor von Romanen in Erscheinung getreten war, starb 1988 im Alter von nur 41 Jahren an den Folgen von Aids. In den 90er-Jahren wurde Hocquenghem dann von Vertreter*innen der amerikanischen Queer Theory wiederentdeckt.[40] Auf diesem Wege gelangte er – mit einiger Verzögerung – wieder zurück nach Frankreich, wo Le désir homosexuel auf Initiative von Didier Eribon 2000 erneut erschien. Es benötigte dann jedoch nochmal einige Jahre sowie die Biografie von Antoine Idier aus dem Jahr 2017[41], bis Hocquenghem tatsächlich wieder breiter diskutiert wurde.[42] Mittlerweile liegen Übersetzungen in weiteren Sprachen vor,[43] die englische Erstübersetzung von Hocquenghems Textsammlung L’Après-Mai des Faunes ist in Vorbereitung[44] und in Frankreich wurden Texte des FHAR neu herausgegeben. Es gibt also ein neues Interesse an der radikalen Homosexuellenbewegung der 1970er-Jahre im Allgemeinen und am Denken Guy Hocquenghems und des FHAR im Besonderen, wobei stets dessen scheinbar überraschende Aktualität und Radikalität gepriesen wird. Dieses neuerliche Interesse rührt unseres Erachtens daher, dass sich dort neben den eher historischen Auseinandersetzungen ein sehr frühes, noch tief in den Begriffen des Marxismus und der 68er-Bewegung verankertes, anti-identitäres Denken findet. Dieses Denken, das rückblickend häufig als ‚Queer Theory avant la lettre‘ bezeichnet wird,[45] ist eng mit gegenwärtigen Debatten verknüpft. Es stellt den aus heutiger Perspektive so sehr gebotenen Versuch dar, Gesellschaftskritik und -theorie ausgehend von der Materialität des Körpers und vom eigenen Begehren zu formulieren, Sexualität und Utopie zu verknüpfen und Anerkennungskämpfe mit Identitätskritik zu verbinden. Sich mit diesem Versuch auseinander zu setzen, die Radikalität, die das Denken Hocquenghems und des FHAR auszeichnet, nachzuvollziehen und daran anzuknüpfen, ist ein aufregendes, erhellendes, zuweilen irritierendes und nicht zuletzt beglückendes Unterfangen.

  1. Vgl. zur Geschichte der westdeutschen Schwulenbewegung etwa Andreas Pretzel / Volker Weiß (Hg.), Rosa Radikale. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre, Hamburg 2012; Patrick Henze, Schwule Emanzipation und ihre Konflikte. Zur westdeutschen Schwulenbewegung der 1970er Jahre, Berlin 2019 oder Craig Griffiths, The Ambivalence of Gay Liberation. Male Homosexual Politics in 1970s West Germany, Oxford 2021.
  2. Vgl. zum ehemaligen § 175 StGB Fritz Bauer u.a. (Hg.), Sexualität und Verbrechen. Beiträge zur Strafrechtsreform, Frankfurt am Main 1963 sowie Elmar Kraushaar, Unzucht vor Gericht. Die „Frankfurter Prozesse“ und die Kontinuität des § 175 in den fünfziger Jahren, in: Ders. (Hg.), Hundert Jahre schwul – Eine Revue, Berlin 1997, S. 60–69.
  3. So wird die FHAR-Aktivistin Anne-Marie Grélois von der ehemaligen MLF-Aktivistin Marie-Jo Bonnet zitiert (Marie-Jo Bonnet, Mon MLF, Paris 2018, S. 39).
  4. Auch Guy Hocquenghem machte diese Erfahrung. In seiner unvollendeten Autobiographie berichtet er davon, wie er bei einer studentischen Vollversammlung 1967 von anderen Linken als „degenerierte[r] und perverse[r] Kleinbürger“ bezeichnet wurde (Guy Hocquenghem, Amphithéâtre des morts, Paris 1994, S. 89).
  5. Vgl. Jacqueline Feldman, De FMA au MLF. Un témoignage sur les débuts du mouvement de libération des femmes, in: Clio. Femmes, Genre, Histoire 29 (2009), S. 193–203.
  6. Vgl. Bonnet, Mon MLF, S. 30–39.
  7. Vgl. zu diesem Gründungsmoment Michael Sibalis, Gay Liberation Comes to France. The Front Homosexuel d’Action Révolutionnaire (FHAR), in: French History and Civilization. Papers from the George Rudé Seminar 1 (2005), S. 265–276.
  8. Der Ausspruch Tilliettes wird von der Mitbegründerin des FHAR Françoise d’Eaubonne vielfach zitiert, zuerst in ihrem Buch Éros minoritaire von 1970 (Françoise d’Eaubonne, Éros minoritaire, Paris 1970, S. 232).
  9. Zit. n. Jacques Girard, Le mouvement homosexuel en France. 1945–1980, Paris 1981, S. 81.
  10. Eine Provokation ersten Grades war etwa die Parole: „Proletaires de tous les pays, caressez-vous!“ – „Proletarier aller Länder, streichelt euch!“ (wobei ‚se caresser‘ auch ‚masturbieren‘ bedeutet). Und auch das berühmteste Lied der Arbeiterbewegung wurde nicht verschont, sondern in die „Internationale der Lesben und Schwuchteln“ umgedichtet: „C’est l’orgasme final / Couchons-nous et demain / Les gouines et les pédales / Seront le genre humain.“ (zit. n. Christine Bard, Le lesbianisme comme construction politique, in: Éliane Gubin u.a. (Hg.), Le siècle des feminismes, Paris 2004, S. 111–126, hier S. 113).
  11. Vgl. Guy Hocquenghem, Wir sind nichts, seien wir alles, in: Bernhard Dieckmann / François Pescatore (Hg.), Elemente einer homosexuellen Kritik. Französische Texte 1971-77, Berlin 1979, S. 57-59, hier S. 58.
  12. Vgl. o.V., Notre vocabulaire, in: FHAR, Rapport contre la normalité, Paris 1971, S. 12; sowie den Film „Le F.H.A.R“. von Carole Roussopoulos (Carole Roussopoulos, Le F.H.A.R., 26 Minuten, 1971).
  13. Eines dieser Dokumente, auf das hier nicht näher eingegangen wird, ist der Rapport contre la normalité des FHAR, der 1971 erschien und zuvor in Zeitschriften und auf Flugblättern veröffentlichte Texte versammelte. Die Sammlung wurde 2013 in Frankreich neu herausgegeben: FHAR (Hg.), Rapport contre la normalité, Montpellier 2013. Eine Auswahl von Texten aus dem Rapport erschien 1979 im Verlag Rosa Winkel auf Deutsch: Dieckmann / Pescatore, Elemente einer homosexuellen Kritik.
  14. Die Zeitschrift ist online einsehbar unter archivesautonomies.org/IMG/pdf/maoisme/tout/tout-n12.pdf.
  15. O.V. [Guy Hocquenghem], [Editorial], in: Tout! Nr. 12 vom 23. April 1971, S. 1.
  16. Vgl. hierzu Antoine Idier, Les vies de Guy Hocquenghem. Politique, sexualité, culture, Paris 2017, S. 88–90.
  17. Félix Guattari (Hg.), Trois Milliards de Pervers. Grande Encyclopédie des homosexualités, Paris 1973. Eine deutsche Übersetzung erschien sieben Jahre später: Bernhard Dieckmann / François Pescatore (Hg.), Drei Milliarden Perverse, Berlin 1980.
  18. Vgl. zu diesem Vorgang das „Dossier de l’affaire“ in Recherches 15 (Juni 1974), S. 179–199.
  19. Einer der längeren Beiträge dieser bemerkenswerten Ausgabe ist Christian Maurels Les culs énergumènes, der auf Deutsch kürzlich als Für den Arsch erschienen ist: Christian Maurel, Für den Arsch, Berlin 2019 [Zur Rezension auf Soziopolis].
  20. Vgl. zum Biografischen Antoine Idiers 2017 erschienene Biografie: Idier, Les vies de Guy Hocquenghem oder auch dessen kürzlich erschienenen Beitrag im Jahrbuch Sexualitäten: Antoine Idier, Eine homosexuelle Politik der Zerstreuung. Zu Guy Hocquenghems „Das homosexuelle Begehren“, in: Melanie Babenhauserheide u.a. (Hg.), Jahrbuch Sexualitäten 2021, Göttingen 2021, S. 85-107.
  21. Vgl. Guy Hocquenghem: La révolution des homosexuels, in: Nouvel Observateur Nr. 374 vom 10. Januar 1972, S. 32–35.
  22. Ebd., S. 32.
  23. Guy Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, Hamburg 2019, S. 12.
  24. Ebd., S. 13 f. Obschon diese Beobachtung prominent zu Beginn von Das homosexuelle Begehren platziert ist, wurde sie erst vier Jahre später durch den ersten Band von Michel Foucaults Sexualität und Wahrheit einer größeren (vor allem wissenschaftlichen) Öffentlichkeit bekannt. Zur Frage, warum Foucault, der Hocquenghems Text natürlich kannte, diesen an keiner Stelle des Bandes erwähnt, siehe: Didier Eribon, Betrachtungen zur Schwulenfrage, Frankfurt am Main 2019, S. 433 f.
  25. Ebd., S. 12.
  26. Ebd., S. 48.
  27. Ebd., S. 73.
  28. Ebd., S. 12 f.
  29. Ebd., S. 93.
  30. Ebd., S. 122 f.
  31. Martin Dannecker, Der Homosexuelle und die Homosexualität, Frankfurt am Main 1978, S. 115 f.
  32. Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, S. 121.
  33. Hier sei insbesondere auf die nicht-normative Bestimmung des Begehrens beziehungsweise Freuds relativ bekannte und einflussreiche Idee der ursprünglichen Bisexualität verwiesen: „Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert, erfährt sie, daß alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben. […] Der Psychoanalyse erscheint […] die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des Objektes, die gleich freie Verfügung über männliche und weibliche Objekte […] als das Ursprüngliche [...]. Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit [...]. Die Entscheidung über das endgültige Sexualverhalten fällt erst nach der Pubertät und ist das Ergebnis einer noch nicht übersehbaren Reihe von Faktoren, die teils konstitutioneller, teils aber akzidenteller Natur sind. […] Im allgemeinen aber wird die Vielheit der bestimmenden Momente durch die Mannigfaltigkeit der Ausgänge im manifesten Sexualverhalten der Menschen gespiegelt.“ (Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1915), in: Ders., GW 5, Frankfurt am Main 1968, S. 27–145, hier Fn. 1, S. 44 f.).
  34. An diese identitätskritische Tendenz Lacans schließen auch die etwa von Tim Dean oder Eve Watson unternommenen Versuche an, Lacan für die Queer Theory fruchtbar zu machen (vgl. Esther Hutfless, Wider die Binarität, in: Journal für Psychoanalyse 57 (2016), S. 99–115, hier S. 108).
  35. Vgl. Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, S. 94. Dort heißt es: „Das homosexuelle Begehren ist nicht das sekundäre Resultat des Ödipus, es ist der Betrieb einer an den Anus gekoppelten Begehrensmaschine.“
  36. Ebd., S. 80.
  37. Sigmund Freud, ‚Psychoanalyse‘ und ‚Libidotheorie‘ (1922), in: Ders., GW 13, S. 209–233, hier S. 220.
  38. Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, S. 102.
  39. Ebd., S. 104 f.
  40. Vgl. exemplarisch: Bill Marshall, Guy Hocquenghem. Theorising the Gay Nation, London 1996.
  41. Idier, Les vies de Guy Hocquenghem.
  42. Idier gab außerdem eine Sammlung von Hocquenghems Artikeln aus seiner Zeit bei der Tageszeitung Libération heraus (Guy Hocquenghem, Un journal de rêve. Articles de press (1970–1987), Paris 2017). 2018 erschien außerdem ein deutschsprachiger Sammelband zu Hocquenghem (Heinz-Jürgen Voß (Hg.), Die Idee der Homosexualität musikalisieren. Zur Aktualität von Guy Hocquenghem, Gießen 2018), der zu einer „queeren (Neu-)Lektüre der Schriften Guy Hocquenghems“ beitragen möchte (ebd., S. 24).
  43. In den vergangenen Jahren wurde das Buch ins brasilianische Portugiesisch, ins Polnische, ins Deutsche und ins Spanische übersetzt. Letztere wurde von Paul B. Preciado angestoßen und mit einem ausführlichen Nachwort versehen.
  44. Die Sammlung erscheint im Mai 2022 unter dem Titel Gay Liberation after May ’68 bei Duke University Press. Weiterführend zur Rezeption Hocquenghems vgl. Idier, Homosexuelle Politik der Zerstreuung, S. 86–89.
  45. Am prominentesten von der Queer-Theoretikerin Eve Kosofsky Sedgwick: Eve Kosofsky Sedgwick, Anality. News from the Front, in: Dies.: The Weather in Proust, hg. von J. Goldberg, Durham 2011, S. 166–182, hier S. 175.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Gender Körper Philosophie Politik Psychologie / Psychoanalyse Queer

Lukas Betzler

Lukas Betzler ist Doktorand am Institut für Geschichte und Literarische Kulturen der Leuphana Universität Lüneburg. Er forscht und veröffentlicht zur Kritischen Theorie, zur Literatur der Moderne, zu Queer und Gender Studies sowie zum Antisemitismus. Gemeinsam mit Hauke Branding gab er Guy Hocquenghems "Das homosexuelle Begehren" (2019) heraus. Außerdem übersetzte er Antoine Idiers "Eine homosexuelle Politik der Zerstreuung" (Jahrbuch Sexualitäten 2021) sowie Guy Hocquenghems "Monsieur le Sexe und Madame la Mort" (Phase 2, 2017) aus dem Französischen. Buchveröffentlichung: "Antisemitismus im deutschen Mediendiskus. Eine Analyse des Falls Jakob Augstein" (zus. mit Manuel Glittenberg, 2015).

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Hauke Branding

Hauke Branding forscht und publiziert zur Kritischen Theorie sowie zur (Theorie-)Geschichte der Schwulenbewegung und des Feminismus in Europa. Er ist Mitherausgeber von Guy Hocquenghems „Das homosexuelle Begehren“ (2019).

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