Jens Bisky | Veranstaltungsbericht |

Mainzer Splitter I: Montag

Bericht von der Eröffnungsveranstaltung des 43. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Mainz

Um die bundesrepublikanische Öffentlichkeit wäre es besser bestellt, wenn mehr Leute dem Beispiel Monika Wohlrab-Sahrs folgen würden. Am Montagabend hat sie als Vorsitzende des Vereins in der Mainzer Rheingoldhalle den 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie eröffnet. Ihr Auftritt unterschied sich deutlich von den seit den Wahlen in Sachsen-Anhalt vertrauten Zäsurausrufungsroutinen, die in der Regel den Eindruck vermittelten, die Lage sei zwar hoffnungslos, aber nicht ernst – zumindest nicht ernst genug, um auf Floskeln zu verzichten. Monika Wohlrab-Sahr wiederum begann mit einem Gruß an die Wissenschaftler:innen in Sachsen-Anhalt. Harte Wochen hätten sie hinter sich, im Notfall einer AfD-geführten Regierung sollten sie mit Solidarität rechnen können, aus Mainz, Bielefeld, München, auf Unterstützung auch seitens der DGS. Das ist das politische Minimum. Und das Fach, die Soziologie? Wie wird es auf veränderte politische Verhältnisse reagieren beziehungsweise mit ihnen umgehen?

Wohlrab-Sahr nannte vier Möglichkeiten: eine verstärkte Politisierung (1), Reflexion und weitere Analyse (2), die Konzentration auf das eigene Thema, möglicherweise bis zum Rückzug (3), das Pochen auf Standards des Fachs (4). Letzteres schien ihr entscheidend. Auch unter dem gegenwärtigen Druck dürften die wissenschaftlichen Standards, das disziplinäre Selbstverständnis nicht außer Acht gelassen werden. Kurz: Sie erwartet, dass die Soziologie als Soziologie reagiert, nicht an der Oberfläche politischen Meinens verbleibt.

Dass die AfD Gender und Postcolonial Studies attackieren wird, wo immer man sie lässt, hat sie angekündigt. Die Soziologie, so Wohlrab-Sahr, verdanke diesen Subdisziplinen viel, sei sie doch von ihnen immer wieder auf Themen der Zeit gestoßen worden, müsse sich aber doch fragen, was sie als Soziologie ausmache, worin ihre Identität als Disziplin bestehe. Diese Frage dürfte wohl noch manchen Kongress beschäftigen. Der letzte, der Duisburger, liegt gerade ein Jahr zurück. Die DGS erfreut sich weiter großen Zuspruchs, hat derzeit circa 3900 Mitglieder, etwa die Hälfte nehme am diesjährigen Kongress in Mainz teil. Das spreche, sagte Wohlrab-Sahr, für die zentrale Bedeutung dieser Großveranstaltung, allerdings werde es immer schwieriger, Ausrichter für DGS-Kongresse zu finden. Daher sollen Planung und Organisation verstetigt, auf eine finanziell und personell ausreichend ausgestattete Basis gestellt, also professionalisiert werden. Die Mitgliederstruktur hat sich seit September 2025 kaum verändert. Es dominiert der Mittelbau, 47 Prozent sind Frauen.

Abbildung Foyer Rheingoldhalle
Das Foyer der Rheingoldhalle war in den DGS-Farben ausgeleuchtet (© Hannah Schmidt-Ott).

Inzwischen stellen junge Frauen die Mehrheit unter denen, die ein Soziologiestudium beginnen. Das sind allerdings nur 0,6 Prozent aller Studienanfänger:innen. Die „Feminisierung des Faches“ sei, so Wohlrab-Sahr, ein „zweischneidiges Schwert“, könne sie doch mit öffentlicher Abwertung einhergehen. Im Vorstand der Gesellschaft arbeiten derzeit nur Frauen, wichtig sei es, dies bei den kommenden Wahlen zu ändern und, soweit eben möglich, das Fach in seiner ganzen Breite zu repräsentieren.

Planung und schwindende Perspektiven

So hat Monika Wohlrab-Sahr in ihrem, wie sie es selbst nannte, „Hirtinnenwort“ wichtige Punkte genannt, um der Soziologie eine Zukunft als Fach zu sichern. „Zukünfte der Gesellschaft“ lautet das Thema des Kongresses. Das fordere die Soziologie heraus, sei sie doch eher Gegenwartswissenschaft, betreibe in erster Linie das Geschäft der Diagnostik. Doch seien ihr seit den Anfängen im 19. Jahrhundert Zukunftsvorstellungen eingeschrieben, vor allem eine Fortschrittserwartung. Diese habe noch die Theorie der Weltgesellschaft geprägt, ebenso wie die Vorhersage, das Nationale werde in einem globalen Gesellschaftssystem zunehmend in den Hintergrund treten. Jüngere Entwicklungen – ob in den USA, in Indien, Brasilien oder Sachsen-Anhalt – fügen sich kaum in dieses Bild. Als bloße Abwehrgefechte seien sie, so Wohlrab-Sahr, nicht angemessen beschrieben. Wer über Zukünfte redet, ließe sich folgern, bekommt auch Gelegenheit, über irrige und illusionäre Annahmen der Vergangenheit nachzudenken und darüber, wie Antizipation gegenwärtige Entscheidungen beeinflusst.

Erfreulich scheinen gegenwärtige Zukunftsvorstellungen kaum. Im Kampf der nationalistisch Identitätsversessenen gegen die offene Gesellschaft empfehlen viele mehr Gefühl und Hinwendung, als böte Vergemeinschaftung einen Ausweg. Man müsste wohl wieder einmal Grenzen der Gemeinschaft von Helmuth Plessner lesen, bemerkte Wohlrab-Sahr knapp. Während die Deutsche Bahn Sanierungspläne aufstellt, deren Erfüllung wohl nur die ganz jungen Kongressteilnehmer:innen erleben werden, und die AfD eine Rückkehr zu vermeintlich guten, auf jeden Fall unwiederbringlich vergangenen Zeiten verheißt, während die einen auf ein Weiter-so setzen und andere Katastrophen erwarten, Soziale Bewegungen wie die Letzte Generation das Problem schwindender Zukunftsperspektiven scharf ausdrücken und die Entwicklung von KI sich bald der Kontrollierbarkeit entziehen könnte, wird man in Mainz eine Woche lang über einander widersprechende Zukünfte reden. Moderne Gesellschaften haben auch die Produktion von Zukunftserwartungen professionalisiert. Damit, so Wohlrab-Sahr, solle man sich beschäftigen: mit Planung und Prognostik, mit Simulation und Modellbildung.

Grüßen und Preisen

Wer zur Eröffnung eines DGS-Kongresses geht, weiß, dass ihn oder sie wenigstens drei mit allerlei Reden vollgestopfte Stunden erwarten. Stadt, Land, Uni und Fachbereich grüßen, Preise werden verliehen, ein nicht soziologischer Vortrag soll die Perspektive weiten. Das kann sich ziehen. Dass es im übervollen Saal der Rheingoldhalle dennoch keine Qual wurde, lag zuerst an Tobias Boll vom lokalen Organisationskomitee, das sich selbst „Team Mainz“ nennt. Er führte souverän durch den Abend und kurz ins Meenzerische ein, traf den richtigen Ton, moderierte charmant, ohne ins Alberne zu kippen. Für die Stadt sprach der Oberbürgermeister Nino Haase. Angenehm phrasenfrei präsentierte er die Zukunftsstadt als einen Ort der Aufbrüche: mit Johannes Gutenberg in eine neue Medienära, mit der kurzlebigen „Mainzer Republik“ ins Zeitalter der Demokratien, mit Biontec zu neuen Impfstoffen. Stolz berichtete er vom Mainzer Staatstheater, das zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt wurde, und davon, dass die Stadt mit Mitteln aus dem Bundessondervermögen „Rheinland-Pfalz-Plan für Bildung, Klima und Infrastruktur“ eine Bibliothek einrichten wird. Diese Art gesellschaftlicher Infrastruktur, die Pflege „Dritter Orte“, an denen Menschen einander begegnen, Handlungswirksamkeit erfahren können, waren ihm offenkundig besonders wichtig. Zukünfte, so Haase, seien nicht gottgegeben, sondern entstehen aus dem, was wir heute entscheiden, was wir für möglich halten und möglich machen. Kommunalpolitisch scheint trotz der großen Finanzsorgen derzeit im Lande Besseres möglich als auf Bundesebene.

Dass man dem Abend gern folgte, lag an Sebastian Sternal, Frederik Köster, Marc Muellbauer und Jonas Burgwinkel, die Modern Jazz spielten, hinreißende Zukunftsmusik von der örtlichen Musikhochschule. Es soll hier nicht jedes der Grußworte rekapituliert werden: für die Johannes Gutenberg-Universität sprach die Kanzlerin Kerstin Burck, für den Fachbereich Sozialwissenschaften, Medien, Sport der Politikwissenschaftler Kai Arzheimer, spät kam dann auch der rheinland-pfälzische Minister für Wissenschaft und Gesundheit, Clemens Hoch.

Abbildung Musikalische Untermalung
Der Abend wurde musikalisch begleitet von Sebastian Sternal, Frederik Köster, Marc Muellbauer und Jonas Burgwinkel (© Hannah Schmidt-Ott).

Nicht übergangen werden dürfen die Preisträger:innen des Abends. Den Thomas A. Herz-Preis für qualitative Sozialforschung erhielt Annett Bochmann. Die Laudatorin Diana Lengersdorf lobte Bochmanns überzeugende Verbindung von Empirie und Theorie, etwa in der 2021 erschienenen Studie Public Camp Orders and the Power of Microstructures in the Thai-Burmese Borderland.[1]

Der Preis für die öffentliche Wirksamkeit der Soziologie ging an Andreas Reckwitz. Man wunderte sich, dass der Verfasser von Die Gesellschaft der Singularitäten, Das Ende der Illusionen und Verlust. Ein Grundproblem der Moderne diesen Preis erst jetzt bekam. Martina Löw hob hervor, wie diese Bücher, wie Begriffe und Thesen von Reckwitz Gesellschaftswahrnehmung und Denkweise vieler Menschen verändert haben. Der Preisträger nutzte die Gelegenheit für einige Überlegungen zur Zukunft der Soziologie. Diese stehe an einer Weggabelung. Er könne sich gut an die frühen 1990er-Jahre erinnern. Damals, in seiner Studienzeit, war ständig von einer Krise der Soziologie die Rede. Der Gegenwart schien sie nicht mehr viel zu sagen zu haben. Das, so Andreas Reckwitz, habe sich geändert. Das Fach habe eine Renaissance erlebt, sei deutlich relevanter geworden. Was wäre nötig, um diese Position zu konsolidieren?

Die Soziologie müsse, erstens, ihre innere Pluralität pflegen, diese nicht als Bedrohung verstehen. Zweitens solle sie ihre Verankerung in der Gesellschaftstheorie suchen. Das sei in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien nicht mehr üblich, doch spreche alles dafür, trotz kleinteiliger Spezialisierung, weiterhin die großen Fragen im Blick zu behalten und sie zu behandeln. Drittens forderte Reckwitz Offenheit für interdisziplinäre Bezüge, für den Dialog mit Geschichtswissenschaft, Sozialphilosophie, Kulturanthropologie. Er warb – viertens – für die Behandlung von Querschnittsthemen und verlangte – fünftens – Bücher zu schreiben, Bücher, nicht Aufsätze in peer-reviewed journals. Das widerspreche der derzeitigen Binnenlogik des Wissenschaftssystems und den Karrierewegen. Doch ließen sich viele Themen nicht angemessen auf 15 Seiten behandeln, zudem habe sich das Buch als ziemlich robustes Medium erwiesen. Bücher seien wissenschaftlich erforderlich und erfüllten ein Bedürfnis der allgemeinen Öffentlichkeit. Wenn dies ein Fazit des Mainzer Kongresses wäre, hätte er sich schon an seinem ersten Abend gelohnt: Ohne Bücher wird es nicht gehen.

Abbildung Nach der Auftaktveranstaltung
Nach der Veranstaltung gab es Wein und Mainzer Bauerntopf (© Stephanie Kappacher).

Cathryn Clüver Ashbrook hat in diesem Jahr das Buch Der amerikanische Weckruf veröffentlicht. Die deutsch-amerikanische Politologin ist Executive Vice President und Senior Advisor im Programm „Europas Zukunft“ der Bertelsmann Stiftung. In Mainz hielt sie den Gastvortrag, der viele aktuelle Entwicklungen und Sorgen aufgriff. Sie erinnerte daran, wie die MAGA-Bewegung seit 2016 ständig und immer neu dazugelernt hat. Sie konstatierte einen gefährlichen Fatalismus in der politischen Mitte in Europa. Es fehle vor allem an neueren liberalen Zukunftsentwürfen. Die Parteien der Mitte seien zu wenig originell. Einige Beispiele von Protesten und Widerstandsaktionen in den USA sollten zeigen, was „giving the world back to the people“ heißen könne. Man müsse wieder ins Handeln kommen. Für Diagnosen und Analysen setzte Ashbrook auf die Sozialwissenschaften, vor allem aber beschwor sie das Handeln. Das überzeugte nicht ganz. Schon diese scharfe Trennung könnte sich als Problem erweisen. „Welcome to the futures“ war das Motto des Abends, der mit Wein und Mainzer Bauerntopf endete. Es folgen vier Tage der Vorträge und Diskussionen.

  1. Aufmerksame Soziopolis-Leser:innen kennen Annett Bochmann von unserem Dossier „Über Grenzen. Erkundungen zu einem soziologischen Grundbegriff“.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.

Kategorien: SPLITTER

Jens Bisky

Dr. Jens Bisky ist Germanist und arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis. (Foto: Bernhardt Link /Farbtonwerk)

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