Jens Bisky, Thomas Schmidt-Lux, Hannah Schmidt-Ott, Karsten Malowitz | Veranstaltungsbericht | 30.09.2026
Mainzer Splitter II: Dienstag
Bericht vom 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Mainz
Nachts in den Städten
„Die Nacht ist das eigentliche Leben der großen Stadt“, behauptete 1846 der sozialistische Schriftsteller Ernst Dronke. Wenn es dunkel wird, fällt der Gegensatz von Glanz und Elend besonders auf. Dronke beschrieb ihn damals für das vorrevolutionäre Berlin. Die gegenwärtige Soziologie halte es nun eher mit dem Tag und den öffentlichen Institutionen. Gerate die Nacht in den Fokus, gehe es meist um pleasure oder panic, die Vergemeinschaftung im Feiern oder die Angst vor Kriminalität. Mit diesen Ausgangsbeobachtungen eröffneten Julia Hahmann (Wiesbaden) und Sascha Schierz (Mönchengladbach) am Dienstagnachmittag die Sitzung der Ad-Hoc-Gruppe 58: „Nachtarbeit. Zur Produktion der städtischen Nacht und nächtlichen Arbeitens“.
Sie wollten nicht die Ökonomie des Nachtlebens untersuchen und dieses nicht im Zusammenhang mit Individualisierung betrachten, sondern mit Blick auf Arbeit. Das geschieht nicht so häufig, auch weil nächtliche Arbeit oft migrantische Personen verrichten. Institutionen wie Krankenhäuser bieten meist nur eine „abgespeckte Version“ des Tagesbetriebs, familiäre Care-Arbeit kann nachts kaum auf formelle Unterstützung zugreifen. Die Sitzung bewies, wie sinnvoll es sein kann, auf derlei konkrete Wirklichkeiten zu schauen.
Ruth Martini (Bayreuth) warf die Frage nach gewerkschaftlicher Vertretung in der Sexarbeit auf. Gewiss finde Sexarbeit nicht nur nachts statt, aber sie sei doch mit dem städtischen Nachtleben verbunden und mehr noch mit dem öffentlichen Bild von diesem. Seit 2002 das Prostitutionsgesetz in Kraft trat, gilt Sexarbeit nicht mehr als sittenwidrig, Sexarbeiter:innen haben Zugang zu den Sozialversicherungen und können ihren Lohn einklagen. Die rechtliche Grundlage für eine gewerkschaftliche Organisation ist damit laut Martini gegeben. „Arbeitsplatz Prostitution“ hieß 2004 eine von Verdi, der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, in Auftrag gegebene Studie. Ein Musterarbeitsvertrag wurde erstellt, der jedoch in der Praxis keine Rolle spielt. In der Sexarbeit dominieren Solo- und Scheinselbstständigkeit. Damit fehlt ein Ansatzpunkt für Gewerkschaften, die mit dem klassischen Konflikt der Machtasymmetrie zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern groß geworden sind.
Für ihr Dissertationsvorhaben hat Martini 21 qualitative Interviews mit Sexarbeiter:innen und Expertinnen geführt. Sie zeigte, dass es bei Sexarbeit nicht eine einzelne Ursache für das Ausbleiben gewerkschaftlicher Organisation gibt, sondern dass verschiedene Faktoren zusammenspielen. Die Arbeitszeiten sind unregelmäßig, aber flexibel. Der Arbeitsort entscheidet über Autonomie oder Abhängigkeit. Legale und sichere Arbeitsorte sind eine wichtige Ressource, um als Sexarbeiter:in sicher und selbstständig arbeiten zu können. Die Betreibenden etwa von Bordellen haben oft große Kontrollmacht. Sichtbarkeit kann Kundschaft bringen, zugleich aber Stigmatisierung und Kontrolle erhöhen. Es handelt sich um ein migrantisiertes und feminisiertes Arbeitsfeld, in dem zu ökonomischem Druck und Zeitmangel Sprachbarrieren, Abwertung und Sexarbeitsfeindlichkeit hinzukommen. In Bordellen herrschen oft Isolation, Konkurrenz und hohe Fluktuation. Nur wenige Sexarbeiter:innen verfügen über die Ressourcen, sich zu organisieren. Die Nacht wirke dabei als Ungleichheitsverstärker, vieles sei deutlicher zu sehen.
Aufgrund des Stigmas wäre Organisierung, also kollektive Sichtbarkeit, mit hohen Risiken etwa in der Familie und der Nachbarschaft verbunden. Entstigmatisierung und Anerkennung zu erreichen, sei daher, so Martini, die vordringliche Aufgabe von Gewerkschaften. Sie müssten die Beschäftigten aufsuchen, beraten und für Preise, soziale Sicherung, vor allem aber für die Raumkosten Verhandlungsmacht gewinnen. Gegenüber den Bordellbetreiber:innen seien einzelne schwach, es bräuchte kollektive Standards. Zu wünschen wären: soziale Sicherung jenseits des Normalarbeitsverhältnisses, der Erhalt von Flexibilität, Sozialfonds nach dem Vorbild der Künstlersozialkasse, Schutz, der zugleich Autonomie gewähre. Für andere atypisch Beschäftigte und die Vertretung ihrer Interessen ergeben sich die gleichen oder doch sehr ähnliche Probleme. Sind die Gewerkschaften bereit und in der Lage, diese anzugehen? Sexarbeitsfeindlichkeit und Stigmatisierung gibt es auch in den Gewerkschaften.
Um Türsteher und Awareness-Arbeit ging es im Vortrag von Alexandra Klepp und Julia Teschlade (beide Berlin). Sie fragen, wer die Clubnacht trägt, wie und von wem jene sozialen und affektiven Bedingungen hergestellt werden, unter denen andere feiern können. „Ich bin Exzessbetreuer“, sagt der Türsteher Frank Küster. Die Formulierung enthält einen Widerspruch zwischen Enthemmung und Verantwortungsübernahme, zwischen Kontrollverlust und Fürsorge. Diesem gingen Klepp und Teschlade nach: Welche Arbeit braucht es, um Exzesse zu betreuen? Es handelt sich in ihrem Verständnis um Sorgearbeit. Die Nacht gilt ihnen als „sozialer Modus“, ein Club als möglicher Schutzraum, in dem Sicherheit, ja die Clubnacht selbst fortlaufend hergestellt und aufrechterhalten werden muss. Bislang haben sie drei leitfadengestützte Interviews geführt: mit Chloe, Bella und David, für die Clubarbeit nicht die Haupteinnahmequelle ist. Welchen Entscheidungslogiken folgen sie? An der Tür und im Club gilt es, Risiken zu antizipieren, Grenzen zu ziehen, problematische Situation zu bearbeiten. Entscheidungen müssen in unklaren Situationen getroffen werden, es gibt keinen Guide dafür. Diese Aufmerksamkeits- und Urteilsarbeit ist kaum zu standardisieren.
So ist etwa oberkörperfreies Tanzen nicht grundsätzlich verboten, aber es kann als männlich raumeinnehmendes Verhalten gedeutet werden, weshalb ein frühes Eingreifen erforderlich ist, um ebendiese Raumnahme rechtzeitig zu begrenzen. Sie erfülle eine „Exekutivfunktion in einem Mikrokosmos“, sagt Chloe. Im Konfliktfall geht es um rasche Abwägung zwischen dem Betroffenheitsgefühl einzelner und dem generellen Interesse des Feierkollektivs an der Aufrechterhaltung der fragilen Ordnung einer Clubnacht. Die Unsicherheit, was wirklich geschehen ist, und Gerechtigkeitsansprüche spielen dabei eine Rolle. Bella meint: „Wenn der eine Typ geht, ist das kein Verlust für die Party.“
Alexandra Klepp und Julia Teschlade bezogen sich vor allem auf Joan Trontos Care-Ethik. Ihr Projekt besticht durch Umsicht und große Aufmerksamkeit für oft übersehene Details und Selbstverständlichkeiten. In der Diskussion berichteten sie, dass einige der Feiernden sich rücksichtsloser verhalten, seit die Awareness-Teams sich um Streit, Probleme nach Drogenkonsum oder sexualisierte Gewalt kümmern. Sie geben die Verantwortung ab, passen nicht mehr so stark aufeinander und auf sich selbst auf. Dass David mit einem Obstteller durch den Club läuft, um den Gästen, die oft schon lange auf den Beinen sind, etwas zu essen anzubieten, erleichtert solches Verhalten – denn jemand anderes kümmert sich. Andreas Reckwitz hat am Eröffnungsabend mit guten Gründen zum Bücherschreiben aufgerufen. Die fragile Ordnung von Clubnächten wäre, bei deutlich größerer empirischer Basis, ein gutes Thema für ein Buch. Ob es „Betreute Exzesse“ oder anders heißen sollte, lässt sich später klären.
Braucht es eine neue, eine andere Soziologie der Nacht und des Nachtlebens? In der munteren Abschlussdiskussion hielten sich Skepsis und Begeisterung sowohl für das Thema als auch für die vorgetragenen Analysen die Waage. Die Nacht war immer ein Gegenstand der Stadtsoziologie. Dass alltags- und arbeitssoziologische Perspektiven sinnvoll sind, liegt auf der Hand. In der Nacht gelten andere Normalitätserwartungen und Verhaltensstandards. Wer von der Nachtschicht kommt, in der U-Bahn ein erstes Feierabend-, besser: Feiermorgenbier trinkt, muss mit scheelen Blicken und Tuscheleien rechnen; wer abends ein Bier in der Bahn trinkt, dem wünscht man eine gute Party. Reiner Keller (Augsburg) brachte das Stichwort der sozialen Rhythmik, der kollektiven Lebensrhythmen ein, die sich von Land zu Land unterscheiden, in Italien sehr andere als in Deutschland sein können. Ein Fazit des Nachmittags bleibt: Im Dunkeln sieht man manches besser. Man muss nur genau hinschauen.
(Jens Bisky)
Ästhetiken von Zukunftsbildern
Wie lässt sich Zukunft imaginieren? Damit ist die zentrale Frage der Dienstag-Session der Sektion Kultursoziologie gestellt, die inhaltlich gut an ein Panel des Vormittags anschloss, in dem ebenfalls Imaginationen des Zukünftigen im Mittelpunkt standen. Nun rückten jedoch stärker die Ästhetiken dieser Zukunftsbilder in den Fokus. Die von Uta Karstein und Oliver Berli organisierte Session „Kultursoziologische Perspektiven auf Ästhetiken des Zukünftigen“ versammelte dabei unterschiedliche mediale Formen und Ausbuchstabierungen des Zukünftigen.
Zum Auftakt führte Jörn Ahrens (Gießen) durch die TV-Serie The Walking Dead, die sehr lange und sehr erfolgreich produziert wurde, auch wenn sie es nicht in die kürzlich von der New York Times veröffentlichte Liste der Top 100 schaffte. Der Vortrag interessierte sich dafür, welche Gesellschaftsformen die Protagonist:innen der Serie als Reaktion auf die immer wieder neuen Krisen und Bedrohungen entwickeln und gewissermaßen erproben. Ahrens identifizierte hier eine beachtliche Vielzahl von Formen, die von nomadischem Leben über Ständegesellschaft und mimetischen Horden bis hin zum Beginn einer neuen Republik, die am Schluss der Serie errichtet wird, reichten. The Walking Dead ließ sich als ästhetische Reflexion auf eine Gesellschaft im Krisenmodus verstehen, als eine „dauernde Meditation über das Soziale“, wie Jörn Ahrens es pointierte. Auffällig war bei den identifizierten Entwürfen des Sozialen das Oszillieren zwischen solidarischen und autoritären Gesellschaften und die Priorität, die auf familialen Gemeinschaften und auratischer Führerschaft lag; pluralistische und egalitäre Sozialmodelle hatten es in der Serie eher schwer.
In anregendem Kontrast hierzu standen die Zukunftsvisionen, die Sabine Barthold (TU Dresden) anschließend diskutierte: das kulturelle Phänomen des Solarpunk einerseits und die Gelephu Mindfulness City in Bhutan andererseits. Beide entwerfen im „Zeitalter der Dystopie“ explizit positive Zukünfte und versuchen, diese auf unterschiedliche Weise umzusetzen. Solarpunk ist ein Mix aus Literatur und Computerspiel und verbindet erneuerbare Energien und eine fast schon kitschige Naturnähe mit antiautoritären und nicht hierarchischen Sozialvorstellungen. Die Mindfulness City wiederum soll der Abwanderung junger Menschen aus Bhutan entgegenwirken und setzt hierfür auf Naturmaterialien, Nachhaltigkeit und Digitalität. Als soziotechnische Imaginationen, so Barthold, sind beide Projekte von der Vorstellung „ökologischer Harmonie und technologischer Suffizienz“ geprägt.
Danach beschäftigte sich Judith Reinbold (Friedrichshafen) mit Imagefilmen von Rüstungsunternehmen. Diese versprächen einerseits eine sichere Zukunft, kommunizierten aber andererseits eher implizit diffuse Bedrohungs- und Konfliktszenarien. Die Filme enthielten eine überraschende Bandbreite an Themen: städtisches Familienleben und Partnerschaft sowie Kooperation und Zusammenarbeit in divers besetzten Teams (die Filme waren auch Teil von Anwerbekampagnen), hinzu kommt die Vorführung von Hochleistungstechnik. Insgesamt erwiesen sich die Filme nicht als sonderlich visionär; eher werde ein konservativer Wille zum Bewahren deutlich. Reinbolds Interpretation als „kommunikative Gattung“ war überzeugend, denn im Grunde schienen die konkreten Rüstungsprodukte austauschbar – mit nur wenigen Schnitten und Änderungen könnten die Videos auch Verkaufsfilme für Automobile oder Computer sein.
Dass nicht nur beim Verkauf von Produkten, sondern auch in der politischen Arena Bilder und Filme eine zentrale Rolle spielen, ist nicht grundsätzlich neu, wurde aber nochmals auf eindrückliche Weise von Johanna Wahl (Oldenburg) gezeigt. Sie analysierte die visuellen Praktiken der jüngeren Klimabewegung, insbesondere der Letzten Generation und von Fridays for Future. Die Mediatisierung von Protest lässt sich in beiden Fällen gut veranschaulichen; für Protestfotografie werden sogar Workshops angeboten. Bezogen auf die bei den Protesten kommunizierten Zukünfte unterschieden sich beide Bewegungen auffällig, so Wahl. Während sie bei der Letzten Generation als „schwindende Chance“ auftauche, erscheine sie bei Fridays for Future als „kollektive Möglichkeit“.
Stefanie Husel (Mainz) schließlich brachte eine weitere Perspektive in die Session ein. Sie analysierte große Projektausschreibungen im Feld der Kulturförderung und deren Umsetzung in der konkreten Projektarbeit: Wie konsistent sind eigentlich die in den Ausschreibungen formulierten Ziele und wie werden sie auf Projektebene angeeignet und interpretiert? Als Beispiel diente ihr das Future-Laboratory-Projekt von zwölf kooperierenden Theatern. Ungeachtet von Schwierigkeiten mit dem Beamer im Raum, der selbst wohl keine große Zukunft mehr hat, präsentierte Husel interessante Befunde. Diese lenkten den Blick vor allem auf die ökonomisch-politische und damit infrastrukturelle Dimension von konkreten (Kultur-)Projekten. Neben ihren offenkundig ökonomischen Anreizen enthielten beziehungsweise seien solche Ausschreibungen nicht zuletzt Legitimationserzählungen. Insofern stellten die „Kollateralerzählungen“ der Beteiligten umso wichtigeres Material für empirischen Analysen der sozialen Wirklichkeit eines Projektgeschehens dar.
Die Session war insgesamt auffällig empirisch orientiert, das war nicht immer so in der Kultursoziologie. Und auch wenn dies gerade bei Vortragsformaten doch sehr zu begrüßen ist, ging es doch etwas zulasten theoretischer Überlegungen. Aber sicherlich ist hier die Balance schwer zu finden, gerade bei derlei Großereignissen mit begrenzten zeitlichen Möglichkeiten. Inhaltlich fiel in allen Beiträgen die starke Bedeutung von Bildern auf. Zugleich scheint es keine spezifische Ästhetik des Zukünftigen zu geben, weder formell noch inhaltlich. Vielleicht sind dafür die imaginierten Zukünfte auch zu divers, die entworfenen Kontexte zu heterogen.
Hin und wieder thematisierten Vortragende und Publikum die Frage nach dem Verhältnis von Fallbeispiel und Generellem. So wurde das Spezifische an den Zukunftsvorstellungen von The Walking Dead diskutiert und woanders abgewogen, was populärkulturell eigentlich attraktiver ist: solche Dystopien oder vielleicht doch die heilen Welten des Solarpunk. Deutlich zeigte sich auch, dass sich mit Zukunft und deren Ästhetisierung Geld und Prestige erlangen lässt: Die Mindfulness City in Bhutan entwirft einer der teuersten Star-Architekten der Welt, es gibt große Programme zur Zukunftsforschung und die Rüstungsindustrie nagt auch nicht gerade am Hungertuch. Dass in Ästhetisierungen des Zukünftigen mehr über Vergangenheit und Gegenwart als über Zukunft erzählt wird, ist sicherlich eine Binse. Wie genau dies aber geschieht, mindestens das wurde am Dienstag deutlich, bleibt eine lohnende Frage.
(Thomas Schmidt-Lux)
Gegenwärtige Zukünfte und zukünftige Vergangenheiten
Dass Zeit – anders als die Alltagserfahrung vielleicht suggeriert – nicht linear verläuft, dass sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gegenseitig beeinflussen und verändern, ist eine etablierte zeittheoretische Erkenntnis. So sehr wie die Gegenwart in der Lage ist, unsere Deutung der Vergangenheit zu verändern, setzt sich die Vergangenheit in der Zukunft fort. Dieses Wirken des Vergangenen in Entwürfen möglicher Zukünfte zu erhellen, habe sich die Veranstaltung der Sektion Soziologische Theorie zum Ziel gesetzt, wie Katharina Hoppe (Frankfurt am Main) ausführte, die neben Fabian Anicker (Duisburg), Ulf Bohmann (Chemnitz), Daniel Witte (Aachen) und Katharina Block (Rostock) zu den Organisator:innen des Panels „Die Soziologie als Erbin der Moderne: Die zukünftigen Vergangenheiten der soziologischen Theorie“ gehörte.
Wie viel Vergangenheit – hier verstanden als die Arbeiten soziologischer Klassiker – wird in der Zukunft soziologischer Theorie stecken? Jakob Schultz (Bayreuth) maßte sich nicht an, hellseherische Aussagen über eine ungewisse Zukunft zu treffen, sondern plädierte in seinem Vortrag für eine Neubetrachtung der Vergangenheit, genauer: „Für eine Neue Theoriegeschichte in systematischer Absicht“. Damit forcierte er den Anschluss an eine Tradition, die vergangene Theoriearbeit ausdrücklich anerkennt, um auf ihrer Grundlage zu eigenständigen theoretischen Schlüssen zu gelangen. Als Vertreter dieser Tradition nannte er beispielhaft Talcott Parsons’ The Social Structure of Action (1937) und Jürgen Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns (1981). Allerdings unterscheide sich die Neue Theoriegeschichte in zentralen Punkten von diesen älteren Entwürfen. Erstens verzichte sie auf Metatheorie wie Methodologie, klammere also Fragen aus, die laut Schultz eher in den Arbeitsbereich der Philosophie gehören. Zweitens folge sie einem Werkzeugkastenprinzip, was bedeute, dass der Nutzen von Begriffen ausschließlich daran gemessen werde, ob sie interessante Aussagen über das Soziale ermöglichen. Unterschiedliche Theoriesprachen stellten dabei kein Problem dar. Drittens gehe es darum, neue Problembereiche zu erschließen und dort den Nutzen der alten Begriffe zu überprüfen.
So sei mit dem Begriff der „ultraphysischen Gewalt“ ein soziales Handeln beschrieben, das einen anderen nicht nur physisch vernichten, sondern auch jegliche Erinnerung an seine Existenz tilgen will. Dies sei etwa beim Raub afrikanischer Kultur- und Kunstgegenstände im 19. Jahrhundert geschehen oder bei dem Versuch der Nationalsozialisten, jüdisches Leben in Europa ebenso auszulöschen wie dessen Geschichte. Begrifflich, führte Schultz aus, greife er dabei – unterschiedlicher Theoriesprachen zum Trotz – sowohl auf Aurel Kolnai als auch auf Hannah Arendt und Heinrich Popitz zurück.
Das Publikum schien angesichts von Schultz’ Vorschlag eher skeptisch. So kam die Frage auf, was eine Aussage als „interessant“ qualifiziere, wenn es keine verbindlichen Maßstäbe gebe, sondern Begriffe spielerisch kombiniert würden. Schultz verwies auf Plausibilität als Maßstab, die er etwa an der Resonanz eines Publikums festgemacht wissen wollte. Ein anderer Diskutant gab zu bedenken, sowohl Habermas als auch Parsons hätten darauf insistiert, dass Sache und Systematik in einem Zusammenhang stünden. Das freie Kombinieren, wie Schultz es befürwortete, erteile diesem Umstand allerdings eine Absage.
Stephan Gruber (Köln) stellte ein gemeinsam mit seiner Kollegin Elizabeth Soer verfasstes Paper vor, das zum Ziel hatte, die Perspektive des Globalen Südens in soziologische Konzeptualisierungen von Zukunft zu integrieren. Am Anfang des Vortrags „Haunting, Reparation and Entanglement: Entangled Futures of Sociology from the South“ stand die einleuchtende Diagnose, dass soziologische Theorien der Zukunft blinde Flecken aufweisen: Kolonialismus, Imperialismus und Dependenzen würden nicht hinreichend bedacht, obwohl sie doch für die Zukunftsvorstellungen sowohl des Nordens als auch des Südens zentral seien. Gruber zeigte das maßgeblich an Ansätzen, die den Versuch unternehmen, von einer Theorie sozialen Handelns auf eine Theorie der Gesellschaft zu schließen, wie etwa Jens Beckerts Konzept der „Imagined Futures“, das auf einer eurozentrischen Geschichte des Kapitalismus fuße. Gruber wollte jedoch ausdrücklich nicht bei einer Kritik des Eurozentrismus stehen bleiben. Es müsse darum gehen, die Zukunftsverständnisse unterschiedlicher theoretischer Ansätze einzubeziehen und so die Verflechtung westlicher soziologischer Theorien mit Ansätzen und Ideen aus dem Globalen Süden sichtbar zu machen.
Einen „gnadenlos vereinfachenden Parforceritt“ durch verschiedene soziologische Felder kündigte Nicole Holzhauser (Braunschweig) gleich zu Beginn ihres Vortrags mit dem Titel „Theorien als Archive. ‚Archival Repair‘ als Zukunftsstrategie für die soziologische Theorie“ an. Dabei konzentrierte sie sich auf die Verzerrungen und erkenntnistheoretischen Probleme, mit denen die soziologische Theorie seit ihren Anfängen konfrontiert ist. So habe der Imperialismus dafür gesorgt, dass bestimmte Ideen weltweite Verbreitung gefunden hätten, während sich Ansätze aus dem Globalen Süden nicht hätten durchsetzen können. Der partikulare Universalismus unterstelle, dass Beschreibungen Europas für die ganze Welt gelten. Aufgrund des Eurozentrismus, also des Fokus soziologischer Theorien auf den Globalen Norden, könnten sich, so Holzhauser weiter, marginalisierte Stimmen nur dann Gehör verschaffen, wenn sie sich physisch im Globalen Norden aufhalten und sich dessen hegemoniale Konzepte zu eigen machen – wie etwa im Fall der afroamerikanischen Aktivistin, Pädagogin und Soziologin Anna Julia Cooper. Zwar habe es neben Cooper zahlreiche Frauen gegeben, die gesellschaftstheoretisch gedacht hätten, da es sich jedoch selten um Professorinnen gehandelt habe, sondern etwa um Literatinnen wie Virginia Woolf, seien sie im Zuge des allgemeinen Androzentrismus oftmals übersehen worden.
Diesen Problemen lasse sich zweifach begegnen: Der Relativismus setze der europäischen Perspektive eine andere, ebenfalls partikulare Sicht entgegen, der Perspektivismus verabschiede sich gänzlich von der Idee allgemeiner Erklärungen. Sind universale Aussagen über die soziale Welt angesichts all dieser Probleme und Herausforderungen also überhaupt möglich? Ja, konstatierte Holzhauser, allerdings sei dafür ein grundsätzliches Umdenken nötig. Sie plädierte dafür, Theorien als materielle wie kulturelle Archive zu begreifen. Das darauf aufbauende Programm des „Archival Repair“ betreibe methodologische Arbeit an der Theorie selbst. Wie das konkret aussehen kann, zeigte Holzhauser am Beispiel der Zitationshäufigkeit von Theoretiker:innen. Es wurden zwar viele Denker:innen erfasst, allerdings wurden nur einige wenige – männliche – vielfach referenziert. Dieser Befund sei nicht ohne ein androzentrisches Bias zu erklären, das gern bemühte Argument, es gebe eben schlicht keine Theoretikerinnen, auf die man sich beziehen könne, sei damit statistisch widerlegt.
Letztlich plädierte Holzhauser dafür, die Idee, allgemeine Aussagen über konkrete Gegenstände zu treffen, ad acta zu legen. Stattdessen gehe es darum, universale Vorgehensweisen zu erarbeiten, die abhängig von Thema und Region jedoch unterschiedliche Resultate zeitigen würden. In der Diskussion wurde die Referentin prompt gebeten, ein Beispiel für einen universalen Begriff zu nennen, der regional divergiere. Holzhauser winkte ab: Es gehe gerade nicht um bestimmte Begriffe, sondern um eine Verständigung darüber, auf welchem Weg und mit welchen Methoden man zu Begriffen gelange. Das erfordere kommunikative Arbeit – und einen intensiven, vielleicht schwer zu realisierenden globalen Austausch zwischen Forschenden. Wie es um die zukünftigen Vergangenheiten der soziologischen Theorie bestellt sein wird, so machte das Panel deutlich, ist also noch keineswegs entschieden.
(Hannah Schmidt-Ott)
Perspektiven der Soziologiegeschichte
Die Frage nach der Zukunft macht auch nicht halt vor jener Teildisziplin der Soziologie, die sich der Vergangenheit des Faches und der Erforschung seiner Geschichte widmet. Und so traf sich am Dienstagnachmittag eine Schar von Angehörigen der Sektion Soziologiegeschichte in einem der zahlreichen Hörsäle des Philosophicums, um über aktuelle Aufgaben, Ziele und Herausforderungen ihrer Subdisziplin zu diskutieren. Eröffnet wurde die Sitzung von Sebastian Klauke, Tatjana Trautmann (beide Kiel) und Alexander Wierzock (Essen), die in ihrer Einführung sogleich die Thesen vorstellten, die sie unter dem Titel „Who’s next? Kanonisierung in der Soziologie zwischen Editionen und digitaler Infrastruktur“ erörtern wollten.
Erstens, so die Organisator:innen, sei die mit editorischen Verfahren verbundene Datenproduktion in der Soziologie bislang epistemisch zu wenig reflektiert. Obwohl historische Materialien erst im Zuge ihrer Auswahl, Transkription, Modellierung und Kodierung zu analysierbaren Daten würden, seien die entsprechenden Arbeitsschritte im sozialwissenschaftlichen Methodenrepertoire bisher unterrepräsentiert. Zu häufig, so ihr Befund, würden Editionen immer noch als philologische Hilfsmittel und nicht als Bestandteil der Forschung angesehen. Zweitens brauche es eine Diversifizierung des soziologischen Kanons, die sich aber nicht auf die bloße Ergänzung einiger weiterer großer Namen beschränken dürfe. Vielmehr, so Klauke, Trautmann und Wierzock, gelte es, die individualisierende Logik der Kanonbildung selbst infrage zu stellen. Statt in der editorischen Praxis wie bisher einzelne – zumeist weiße und männliche – Persönlichkeiten in den Mittelpunkt zu rücken, komme es zukünftig darauf an, verstärkt Netzwerke und andere soziale Formationen in den Blick zu nehmen. Zur erfolgreichen Umsetzung dieser beiden Ziele bedürfe es aber, drittens, einer Wissenschaftsförderung, die nicht in erster Linie auf Innovationsbehauptungen und aktuelle Buzzwords abstellt, sondern sich stärker an epistemischen Kriterien orientiert. Neben den theoretischen Aspekten der Thematik waren damit auch die wissenschaftspolitischen Claims abgesteckt.
Den Auftakt machte Christian Marty (München), der sich mit „Wie ist Avantgarde möglich? Rekonstruktion der Antwort Theodor W. Adornos“ für ein klassisches ideengeschichtliches Thema entschieden hatte. Gestützt auf verstreute, aber thematisch (mehr oder weniger) zusammenhängende Ausführungen im Werk des Philosophen und Soziologen eruierte er im Folgenden die Bedingungen, die es Adorno zufolge zur Ausbildung eines fortschrittlichen und aufgeklärten Bewusstseins in Kunst und Wissenschaft braucht. Nach Marty sind es derer drei: institutionelle Freiräume, die nicht von politischen oder ökonomischen Zwängen beherrscht werden; geistige und finanzielle Unabhängigkeit, um sich den Anpassungsforderungen des Berufslebens zu entziehen; sowie eine intime Kenntnis des bestehenden Kanons und der kulturellen Tradition, um deren Grenzen zu überschreiten, ohne hinter erreichte Einsichten zurückzufallen. Dass Adorno damit in erster Linie Personen wie Max Horkheimer und sich selbst zu idealtypischen Vertretern geistiger Avantgarde stilisierte, musste Marty nicht eigens betonen. Unklar blieb indes, welche Relevanz die von ihm rekonstruierte Position Adornos für die eingangs skizzierten Fragestellungen soziologiegeschichtlicher Forschung besitzt.
Eine Lanze für die klassische Editionspraxis brach Petar S. Ćurčić (Belgrad) mit seinem Beitrag über „Werner Sombart und neue Publikationsperspektiven“. Ćurčić, der an einem Promotionsvorhaben über Werner Sombart als Historiker des Kapitalismus arbeitet, warb für eine umfassende Erschließung der Werke des nicht zuletzt aufgrund seiner Nähe zum Nationalsozialismus sowie wegen seines Antisemitismus lange Zeit marginalisierten Soziologen. Ausgehend von der Feststellung eines neu erwachten Interesses an Sombart und einer bisher nur selektiven Veröffentlichung seiner Werke skizzierte Ćurčić ein Editionsvorhaben, das sich – nicht ganz unbescheiden – am Vorbild der historisch-kritischen Max Weber-Gesamtausgabe mit ihren drei Abteilungen Schriften und Reden, Briefe sowie Vorlesungen orientiert. Ideal, so Ćurčić, sei eine digitale Ausgabe, die neben einer Such- und Navigationsfunktion auch umfangreiche Verknüpfungen mit anderen digitalen Ausgaben enthalte, um so neben Sombarts eigenen Schriften auch die vielfältigen Werkbezüge und Wissensbeziehungen des Autors sichtbar machen zu können. Ob das Ansinnen in der von materiellen Zwängen nicht freien Verlagswelt auf offene Ohren stoßen wird, scheint indes zweifelhaft.
Wie eine soziologiegeschichtliche Forschung aussehen könnte, die anstelle einzelner Personen vielmehr biografisch wie werkgeschichtlich prägende Beziehungen ins Zentrum rückt, skizzierten sodann Lara Pellner und Alexander Wierzock (beide Essen). Unter dem Titel „Kanon und Konstellationen. Doppeleditorische Annäherungen an Hanna Meuter und Mathilde Vaerting“ stellten sie die Grundzüge eines von ihnen zusammen mit dem leider verhinderten Jens Herold (Bremen) konzipierten Forschungsprojekts vor. Anhand von Briefen und weiteren persönlichen Aufzeichnungen der beiden Soziologinnen thematisierten sie sowohl die Vorteile als auch die Probleme einer soziologischen Konstellationsanalyse. So eröffne ein entsprechend kontextsensibler Ansatz die Möglichkeit, neben den publizierten Schriften weitere, für deren Entstehen wichtige Textsorten und persönliche Verbindungen sichtbar zu machen und diese Informationen in die Edition einfließen zu lassen. Zugleich stelle sich damit aber auch die Frage nach der Identifikation und Abgrenzung relevanter Konstellationen: Wo beginnt und endet der Textkorpus einer konstellationsfokussierten Edition, wenn dieser sich aus guten Gründen nicht allein am Beginn und Ende persönlicher Kontakte orientieren soll? Ohne die damit aufgeworfenen methodischen Schwierigkeiten kleinzureden, hoben Pellner und Wierzock zum Schluss ihres Vortrags noch einmal das Potenzial der soziologischen Konstellationsanalyse für eine Fachgeschichte jenseits des etablierten Kanons hervor. So könne eine entsprechend breitere Quellen- und Datenbasis dazu beitragen, den etablierten Kanon und seine Ordnung kritisch zu hinterfragen, neue, ansonsten verborgene Beziehungsmuster sichtbar zu machen und die vermeintlich bekannten Gebiete der Soziologiegeschichte neu zu kartieren.
Nach einer kurzen, von den Teilnehmenden dankbar für die Zufuhr von Frischluft und Koffein genutzten Pause eröffnete Mirjam Gräbner (Dresden) den zweiten Teil der Veranstaltung mit ihrem Vortrag „Digitalisate als Chance für eine kritische Kanonarbeit. Das Beispiel Harriet Martineau“. Ausgehend von der Feststellung, dass die selektiven Mechanismen und Kriterien der Kanonbildung in der Soziologie seit Längerem hinterfragt werden – Gräbner verwies in diesem Zusammenhang auf das zu dem Thema erschienene Soziopolis-Dossier –, hob sie damit einhergehende Bemühungen um die Erweiterung der bestehenden und die Berücksichtigung alternativer Traditionslinien hervor. Exemplarisch verwies sie auf die britische Frühsoziologin und Publizistin Harriet Martineau, deren beachtliches Schaffen von der akademischen Soziologie lange vernachlässigt wurde, bis es dank verschiedener Initiativen aus der Literatur- und Geschichtswissenschaft zumindest im angloamerikanischen Raum wieder breiter rezipiert und inzwischen auch umfassend digitalisiert wurde. Während Gräbner die Versuche einer Dynamisierung des Kanons und die daraus resultierende Präsenz der Schriften im Netz ausdrücklich begrüßte, diente ihr das Beispiel zugleich als Beleg ihrer These, dass kritische Editionsarbeit durch die Digitalisierung von Werken nicht entbehrlicher, sondern dringlicher werde, da fehlende Erläuterungen, Kontextualisierungen und Kommentare den wissenschaftlichen Nutzen der Texte sonst deutlich schmälerten. Mit der Verschiebung in den digitalen Raum, so Gräbner, änderten sich auch die Bedingungen der Wissensproduktion und -vermittlung. Durch die Erschließung und Verknüpfung neuer Materialen und Informationen böten digitale Editionen die Chance, den Prozess der Kanonisierung reflexiv und kritisch zu gestalten und die Grenzen des Faches offenzuhalten und zu hinterfragen. Vor allem aber, und hier trafen sich Gräbners Überlegungen mit denen von Pellner und Wierzock, eröffne Editionsarbeit im digitalen Raum die Chance, das bestehende Wissen durch die systematische Erschließung und Verknüpfung von Quellen und Materialien zu erweitern und so ein reicheres und differenzierteres Verständnis des Faches und seiner Geschichte zu ermöglichen.
Dass ein solches Versprechen – entsprechende Ressourcen und Laufzeiten vorausgesetzt – keineswegs leer sein muss, zeigten Denise Jurst-Görlach (Frankfurt) und Thomas Kollatz (Mainz). Unter dem Titel „Wie wird ,Die Gesellschaft‘ gemacht? Entdeckungen zur Herausgabe der Schriftenreihe im Netzwerk der Korrespondenzen Martin Bubers“ präsentierten sie ausgewählte Ergebnisse einer konstellationsorientierten Untersuchung des Entstehungsprozesses der von Buber herausgegebenen Reihe „Die Gesellschaft“. Beispielhaft stellten sie Namen, Verbindungen und Einflüsse von zeitgenössischen Wissenschaftlern und Gelehrten vor, die für die Gründung wie für die fortlaufende Publikation der Reihe von Bedeutung waren, in der Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Monografien erschienen, die heute zu den Gründungsdokumenten der deutschen Soziologie zählen. Zugleich boten die beiden Einblicke in die technischen Möglichkeiten sowie die Ordnungsschemata des im Rahmen des Akademienprogramms der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften angesiedelten und auf 24 Jahre (2021–2044) angelegten Langzeitprojekts Buber-Korrespondenzen.digital, dessen mehr als gute Rahmenbedingungen nicht wenige der Anwesenden in Staunen versetzte.
In der abschließenden, mit großem Engagement geführten Diskussion wurden schließlich noch einmal einige der zentralen Fragen aufgeworfen, die die Angehörigen der Teildisziplin Soziologiegeschichte derzeit umtreiben: Wie lässt sich die zunehmende Feminisierung der Soziologie im Kanon abbilden? Wie können Frauen, die aus der Geschichte des Faches herausgeschrieben wurden, in Zukunft stärker berücksichtigt werden? Wie kann die technische Umsetzung einer konstellationsorientierten Editionsarbeit aussehen? Wo lassen sich Gelder dafür akquirieren und wie lässt sich deren Nachnutzung sicherstellen? Vor allem aber: Wie gelingt eine Soziologiegeschichtsschreibung, die sich nicht mehr an wenigen Heroen orientiert, sondern die Vielfalt der Wissensbeziehungen und Netzwerke in den Blick nimmt? Die Sektionsveranstaltung hielt für die Beantwortung dieser Fragen wichtige Ideen und Impulse bereit. Was jetzt noch fehlt, ist der wissenschaftspolitische Wille, entsprechende Vorhaben finanziell zu fördern und die Digitalisierung der einschlägigen Schriften nicht Akteuren wie Google oder Open AI zu überlassen.
(Karsten Malowitz)
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.
Kategorien: SPLITTER
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