Thomas Hoebel | Essay |

Rat suchen und Empfehlungen folgen

Mit dem Dossier Wissenschaft als Handwerk verfolgen wir das Ziel, Ihnen möglichst hilfreiche Empfehlungen zu geben, wie Sie zu einer fertigen wissenschaftlichen Arbeit kommen. Wir bemühen uns dabei um Prägnanz und Kürze, um Sie möglichst schnell (wieder) wieder ins eigene Lesen und Schreiben zu bringen. Gleichzeitig ist ein solches Dossier, das Ihnen nur in schriftlicher Form bei Ihren Studienarbeiten unter die Arme greifen kann, didaktisch äußerst begrenzt. Suchen Sie daher den Kontakt zu Ihren Kommiliton:innen und Lehrenden, wenn Sie sich daran machen, eine eigene Arbeit zu schreiben. Mit den Lehrenden zu sprechen lohnt sich schon allein, um die gegenseitigen Erwartungen zu klären. Darüber hinaus gibt es an Universitäten und Hochschulen zahlreiche Menschen, an die Sie sich vertrauensvoll wenden können, wenn Sie Rat bei Ihren Projekten brauchen. Sie finden sie zum Beispiel in sogenannten Schreiblaboren und vergleichbaren Anlaufstellen, aber auch in Seminaren, Übungen und Vorlesungen – nämlich auf den Sitzplätzen direkt neben Ihnen.

Ebenso setzt das Dossier eher auf knappe, pointierte Handreichungen mit Hilfestellungen. Wer es dagegen etwas ausführlicher möchte, kann und sollte einschlägige Monografien zum wissenschaftlichen Arbeiten nutzen. Doch dabei ist durchaus Vorsicht geboten. Die Ratgeberliteratur zu der Frage, wie man am besten wissenschaftlich arbeitet, ist nahezu unüberschaubar.

Legt man bei der Suche nach für sich passender Lektüre jedoch zwei Kriterien an, ist die Auswahl im Grunde gar nicht mehr so groß. Zum einen sollten Sie sich fragen, ob das Buch überhaupt praktische Tipps zu möglichst vielen Aspekten wissenschaftlichen Arbeitens enthält. Unsere Empfehlung für ein besonders leicht zugängliches Büchlein ist die hervorragende Broschüre Tipps zu Studientechniken und Lernmethoden, die die Zentrale Studienberatung der Universität Bielefeld (ZSB) herausgibt. Uneingeschränkt lesenswert für Studierende aller Qualifizierungsphasen sind zudem:

Andrea Frank / Stefanie Haacke / Swantje Lahm, Schlüsselkompetenzen. Schreiben in Studium und Beruf, Stuttgart/Weimar 2013.

Otto Kruse, Lesen und Schreiben. Der richtige Umgang mit Texten im Studium, Stuttgart 2010.

Swantje Lahm / Thomas Hoebel (Hg.), Kleine Soziologie des Studierens. Eine Navigationshilfe für sozialwissenschaftliche Fächer, Stuttgart 2021.[1]

Zum anderen ist entscheidend, dass das Ratgeberbuch zum eigenen Studienfach passt. Aus Sicht der Soziologie hieße das: Wird erläutert, wie man eine soziologische Fragestellung entwickelt? An welcher Stelle soziologische Theorien und Methoden zum Einsatz kommen sollten und welche Funktion sie jeweils haben? Wie man seine eigene Entdeckung am sinnvollsten darstellt, um sich verständlich zu machen? Auch hier entwickelt sich die Literaturlage mittlerweile recht günstig. Einsteiger:innen sei vor allem das Buch Schreiben im Soziologiestudium von Torsten Strulik ans Herz gelegt.[2] Fortgeschrittene sollten dagegen zu Howard Beckers Die Kunst des professionellen Schreibens greifen.[3]

In auffallend vielen Fällen wimmeln nicht nur die Hausarbeitsideen der Studierenden, sondern auch ihre fertigen Texte vor theoretischen Konzepten, jedoch ohne dass der Gegenstand klar ist, den sie untersuchen, oder die Fragestellung, an der sie sich beim Schreiben orientiert haben. Fragen die Lehrenden nach dem Grund für diese Unwucht, äußern die Studierenden immer wieder die Sorge, dass ihre Arbeiten „nicht wissenschaftlich genug“ seien. Es stellt sich dann schnell heraus, dass sie Wissenschaftlichkeit mit möglichst viel Theorie verwechseln, die außerdem möglichst kompliziert klingen soll.

Folgt man in diesem Punkt dem britischen Sozialwissenschaftler Michael Billig,[4] dann befinden sich die betreffenden Studierenden in guter Gesellschaft. Er kritisiert, dass soziologische Texte viel zu viele komplizierte Worte für Sachverhalte verschwenden, die sich wesentlich einfacher ausdrücken lassen. Seine These ist, dass die betreffenden Machwerke letztlich Überkompensationen sind. Indem die Autor:innen sehr viele Fremdwörter und theoretische Konzepte in ihre Texte hineinschreiben, verschleiern sie, dass sie eigentlich gar nichts herausgefunden haben.

Um den Verdacht, dass auch Sie von ihrer eigenen Unkenntnis ablenken wollen, erst gar nicht aufkommen zu lassen, setzen Sie sich am besten zum Ziel, verstanden werden zu vollen. „Einen Text klarer und verständlicher zu machen heißt, Erwägungen über seine potentiellen Leser anzustellen“, hebt Becker hervor.[5] Selbst vermeintliche Superwissenschaftler:innen lesen ungern Sachen, die unverständlich geschrieben sind. Vielleicht probieren Sie es daher einfach mal mit fünf einfachen Schreibregeln.[6]

  1. Benutzen Sie schlichte Wörter und konkrete Begriffe.
  2. Geizen Sie mit Worten.
  3. Bevorzugen Sie Verben und verzichten Sie auf Nominalkonstruktionen.
  4. Bauen Sie übersichtliche Sätze.
  5. Verzichten Sie auf stilistische Marotten.
  6. Wissenschaftssprache muss nicht kompliziert sein.[7]
  1. In 18 Essays untersuchen die Autor:innen spezifische Phänomene des Studierens, erörtern Schwierigkeiten und diskutieren, wie sich mit den geschilderten Herausforderungen umgehen ließe. Der Essay Die Themen liegen auf der Straße ist als Vorabdruck in diesem Dossier zu finden.
  2. Torsten Strulik, Schreiben im Soziologiestudium. Erfolgreich einsteigen in das Denk- und Schreibkollektiv Soziologie, Stuttgart 2016.
  3. Howard S. Becker, Die Kunst des professionellen Schreibens. Ein Leitfaden für die Geistes- und Sozialwissenschaften, übers. von Hanne Herkommer, Frankfurt am Main / New York 2000.
  4. Michael Billig, Learn to Write Badly. How to Succeed in the Social Sciences, Cambridge / New York 2013, S. 51.
  5. Becker, Die Kunst des professionellen Schreibens, S. 35.
  6. Markus Reiter, Schreibtipps für Studierende, Stuttgart 2011, S. 45–61.
  7. Valentin Groebner, Wissenschaftssprache. Eine Gebrauchsanweisung, Konstanz 2012.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Universität Wissenschaft

Thomas Hoebel

Thomas Hoebel, Soziologe, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er forscht zu organisierter Gewalt, schreibt an einer Methodologie prozessualen Erklärens und befasst sich mit dem Rätsel, wie gute wissenschaftliche Texte entstehen.

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