Herfried Münkler | Interview | 30.08.2023
Über Lesen mit Bewunderung und nachhaltig angeeignete Lektüren
Sieben Fragen an Herfried Münkler
Ohne die Lektüre welchen Buches wären Sie heute ein anderer?
Das ist nicht leicht zu beantworten, weil es eine ganze Reihe von Büchern gibt, von denen ich vermute, dass die Beschäftigung mit ihnen einen starken Einfluss auf mich gehabt hat. Aber keines von ihnen hat bei mir zu einem Damaskuserlebnis geführt. Also muss ich gewichten und komme dabei zu Machiavellis Discorsi. Sie – und nicht Il Principe – haben mich motiviert, über Machiavelli eine Dissertation zu schreiben, die dann zum Einstieg in eine akademische Karriere geworden ist. Hätte ich diese Dissertation nicht oder eine über ein anderes Thema geschrieben, wäre mein Leben sicherlich anders verlaufen und ich wäre heute ein anderer.
Welches war die beste/schlechteste Buchempfehlung, die Sie je bekommen haben?
Die beste Buchempfehlung erhielt ich als Geschenk von meiner damaligen Freundin und späteren Frau an Weihnachten 1980: Clausewitz‘ Vom Kriege. Ich hatte meine erwähnte Dissertation gerade eingereicht und lief Gefahr, nach einer Phase intensiven Arbeitens mit klaren Vorgaben in ein „tiefes Loch“ zu fallen: Ich hätte alles Mögliche lesen können, wusste aber nicht recht, wofür ich mich entscheiden soll. Mit dem Geschenk war mir die Entscheidung abgenommen, denn die gebundene, gut kommentierte Clausewitz-Ausgabe nahm mich sofort für sich ein. Die erste Lektüre ist mir nicht ganz leichtgefallen. Ich habe mich eher durchgekämpft, als dass mir alles leichthin zugeflogen wäre. Aber gerade die damit verbundene Mühe und eine Reihe offener Fragen haben dazu geführt, dass ich anschließend viel über den Verfasser gelesen und mich tiefer in die Materie eingearbeitet habe.
Welches Buch hat Sie bei der Lektüre in Rage versetzt?
Ganz ehrlich: Ich kann mich an kein Buch erinnern, das mich jemals wirklich in Rage versetzt hätte. Ich war eher mit dem Gegenteil konfrontiert, also mit Büchern, die mich gelangweilt haben. Aber das sind zu viele, um sie aufzuzählen.
Einige Bücher hätten mich gewiss in Rage bringen können, doch ahnte ich das zuvor bereits, und habe bei der Lektüre meinen Gefühlshaushalt gezielt heruntergefahren, bewusst analytisch gelesen, mit Bleistift Anmerkungen gemacht und bin so durchgekommen, ohne zum Blutdrucksenker greifen zu müssen.
Welches Buch hätten Sie gern selbst geschrieben?
Dafür gibt es eine Reihe von Kandidaten; einen aber präferiere ich: Nietzsches Menschliches – Allzumenschliches. Wegen des präzisen Blicks auf die Charaktere und ihrer verqueren Selbstpräsentation, wegen des Blicks hinter die Selbstdarstellung, wegen der feinsinnigen Sprache, dem Spiel mit der Vieldeutigkeit und vielem anderen mehr. So etwas würde ich gerne selbst schreiben können. Kann ich aber nicht – nicht von der Beobachtung her, aber auch nicht mit einer solchen Leichtfüßigkeit der Sprache. Also lese ich mit Bewunderung Montaigne, Gracián, La Rochefoucauld– und eben Nietzsche.
Welches verliehene Buch hätten Sie gern zurück?
Daniel Heller-Roazens Der Feind aller. Der Pirat und das Recht, 2010 in deutscher Übersetzung bei S. Fischer erschienen. Ich hatte das Buch gelesen, mit Anmerkungen und Anstreichungen versehen, also nachhaltig angeeignet – und dann einem Studenten geliehen, der behauptete, es sei in keiner Bibliothek Berlins zu bekommen. Zurückerhalten habe ich es nie, und der Bursche ist auch nicht mehr bei mir aufgetaucht.
Welches Buch haben Sie nur seines schönen Covers wegen gekauft?
Ich kann mich nicht erinnern, je ein Buch wegen seines Covers gekauft zu haben – was freilich nicht ausschließt, dass das gelegentlich doch der Fall war. Das ist dann über das Unterbewusstsein gelaufen und hat es nicht ins Bewusstsein geschafft. Ich erinnere mich aber, dass ich mit meiner ersten Publikation, dem eingangs erwähnten Machiavelli-Buch, zur damaligen Europäischen Verlagsanstalt gegangen bin, weil die sehr schöne Bücher gemacht haben.
Aus welchem Buch lesen Sie am liebsten vor?
Meinen Studenten und Studentinnen habe ich häufig Passagen aus Kant und Hegel vorgelesen, weil lautes, der Syntax folgendes Vorlesen das Verstehen eines Arguments leichter macht. Das ist vorbei, seit ich im Ruhestand bin. Jetzt lese ich gelegentlich meinen Enkelkindern vor, aus Kinderbüchern eben, bevorzugt denen von Otfried Preußler, weil darin das Pädagogische gut im Narrativen versteckt ist.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.
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