Simon Lieb | Rezension | 02.05.2023
Vom Dschungel in den Zoo
Rezension zu „Donna Haraway zur Einführung“ von Katharina Hoppe
Donna Haraway schreibt seit über vierzig Jahren Bücher und Aufsätze, die sich einer beachtlichen Bandbreite an Phänomenen und Themen widmen. So geht es neben Monarchfaltern, Labormäusen und Hunden auch um alternative Erdzeitalter, Patentrecht und eine Museumshalle in New York. Sie erzählt Science-Fiction-Geschichten über Schmetterlinge, formuliert politische Manifeste, die von genmanipulierten Mäusen inspiriert sind, und spürt mithilfe von Hunden neuen Konzepten von Materie nach. Der dichte Schreibstil Haraways sowie ihre strikte Antidogmatik bringen die LeserInnen immer wieder ins Stolpern und machen ihre Schriften anfällig für Missverständnisse. Trotz der wilden Mischung aus Text- und Tierarten stellen Haraways Hauptwerke eine prominente Referenz innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften dar. Für die anspruchsvolle und wirkmächtige theoretische Gemengelage legt Katharina Hoppe mit ihrer Einführung nun einen kritischen Lektüreschlüssel vor.
Als Autorin eines Einführungsbandes möchte Hoppe eine Theoretikerin in eine Systematik überführen, die sich nicht in eine Systematik überführen lassen will. Haraway arbeitet nicht an einer Metatheorie, vielmehr ist sie stets darauf bedacht, gedanklich „in Bewegung zu bleiben“ (S. 12). Sie unternimmt immer wieder Streifzüge in verschiedene Felder von Natur, Kultur und Kunst. Dass sich die Einführung in Haraway nun alphabetisch in Reih und Glied zwischen Habermas und Hayek einsortiert, wirkt angesichts dessen fast ein wenig zu geordnet. Und doch schafft es Katharina Hoppe, zu zeigen, dass einige Thesen und Konzepte im Verlauf von Haraways Arbeiten immer wieder auftauchen. Sie bilden die theoretischen Linien, anhand denen man Haraways Gedanken folgen kann. Hoppe nahm bereits in ihrer 460 Seiten starken Dissertation Die Kraft der Revision. Epistemologie, Politik und Ethik bei Donna Haraway (2021) eine grundlegende Inventur und Interpretation von Haraways Gesamtwerk vor. Im Lichte der Promotionsschrift wirkt die 190-seitige Einführung wie ein neuerlicher Verdichtungsprozess.
Primat, Cyborg, Kritter und Hund als Schlüsselfigurationen
Hoppe geht, wie bereits in Die Kraft der Revision, die Hauptwerke Haraways chronologisch durch und wählt aus den zahlreichen darin enthaltenen Figuren vier „Schlüsselfigurationen“ (S. 13) aus: der Primat, der Cyborg, der Kritter[1] und der Hund. Die Figuren/Figurationen stellen theoretische Verdichtungen dar, die nach Haraway sowohl diskursive wie auch materielle Praktiken beinhalten sollen. Hoppe nutzt sie als Ausgangspunkte für wiederum ein ausgewähltes Set von Ideen und Phänomenen. Laut Hoppe bieten die vier Schlüsselfigurationen eine gute Orientierung, mit ihrer Hilfe können die LeserInnen zwischen künstlerischen, literarischen und biologischen Orten navigieren. Sie bilden zugleich mögliche Einstiegspunkte, von denen aus Argumentationen nachvollzogen werden können. Wer also in einem von Haraways Texten auf einen Kritter oder einen Cyborg stößt, kann in der Einführung nachlesen, für was diese Figuren stehen. Dadurch wird die Einführung zu einer Art Donna-Haraway-Nachschlagewerk.
Wie ein Massepunkt in einem Gravitationsfeld besitzt jede Figur eine eigene Umlaufbahn. Die sich darin befindenden Gedanken und Streifzüge Haraways beziehen sich ständig auf die jeweilige Figur, gleichzeitig verweist die Figur auf die sie umkreisenden Gedanken und damit auch immer über sich selbst hinaus. Auf elegante Weise entstehen so vier Figurationen, denen man auf der einen Seite ein Set von Thesen und Charakteristika zuschreiben kann. Auf der anderen Seite bleiben die Figurationen unauflöslich spekulativ – und lassen sich damit (ganz nach Haraways Geschmack) doch nicht ganz einfangen. Hoppe stellt außerdem heraus, dass beinahe alle Figuren an einen ethischen Imperativ gebunden sind. So ruft die Figur des Cyborgs zu einer technologieaffinen Politik auf („Cyborgs fürs weltliche Überleben!“), und die Primaten raten einem dazu, den vereinheitlichenden Naturbegriff durch mannigfaltige Relationen zu anderen Dingen, Spezies und Wissen neu zu denken („Erfindet die Natur neu!“).
Ethik, Epistemologie und Politik als Argumentationsregister
Das Motiv der Relationalität, das Hoppe als das wesentliche Merkmal von Haraways Denken identifiziert, stellt eine Herausforderung dar, wenn es darum geht, ihre Theorien zu ordnen. Hoppe versucht anhand von drei Argumentationsregistern, Haraways verstrickte Thesen und Relationen zu entwirren: Haraway formuliert demnach klare ethische Imperative, die sich teilweise auf epistemischen Überlegungen gründen und deren Implikationen wiederum bestimmte politische Thematiken berühren. Diese Verwobenheit ist, so Hoppe, Absicht und lässt sich an vielen Stellen nicht vollständig auflösen. Dennoch ordnet Hoppe Haraways Texte zunächst einer der drei Kategorien zu; die damit einhergehende Zurichtung weist sie durchaus als solche aus (S. 13). Indem Hoppe die Verbindungen zwischen den drei Registern (vorerst) ignoriert, also bestimmte Argumentationen als eindeutig politisch, wissenschaftlich oder ethisch benennt, beschneidet sie Haraways erkenntnistheoretischen Ansatz. Denn ohne die ethischen Imperative verliert die Wissenschaft Haraway zufolge ihre Dringlichkeit und ohne die Verbindung zur Politik ihren Gestaltungswillen. Die Auflösung der Relationen zwischen den Registern widerspricht Haraways Intention. Sie will ja gerade aufzeigen, dass Wissenschaft, Politik und Ethik eben nicht auseinanderdividiert werden dürfen und können. Dementsprechend verwischt Haraway die Grenzen dieser Bereiche bewusst, ihre Schriften schöpfen genau daraus ihre besondere Qualität.
Letztlich trägt die vorläufige Trennung der Register jedoch wesentlich zum Verständnis ihrer Verwobenheit bei. Denn da sich Haraway einer einzelnen Betrachtung von vornherein verweigert, beinhalten bestimmte Argumentationen implizite normative Voraussetzungen, die ohne genaue Lektüre und/oder umfassende Kenntnis von Haraways anderen Werken unsichtbar bleiben. Nach ihrer Trennung der Register macht Hoppe das Moment der Relationalität vor allem an den Stellen wieder stark, an denen sie selbst die Verbindungen und Bezüge zu anderen Figuren, Werken und Ideen innerhalb von Haraways Gesamtwerk knüpft. Dass sich ab und an gewisse Stränge verlieren, die weder Haraway noch – in ihrer Spur – Hoppe konsequent verfolgen, ist der eklektischen Denkweise Haraways geschuldet. An diese Leseerfahrung sollte man sich rasch gewöhnen, stellt sie sich bei Haraway doch immer wieder ein.
Gelungene Verknüpfung von Inhalt und Kontext
Dagegen bietet Donna Haraway zur Einführung in weiten Teilen ein schlüssiges Leseerlebnis. Die enthaltenen Inhaltsangaben sind eine sinnvolle Zusammenfassung der Hauptwerke und die klare Benennung von ethischen, politischen und epistemischen Argumenten trägt zur Orientierung bei. Was dabei jedoch verloren geht, ist der metaphorische und verspielte Schreibstil Haraways, der einen essenziellen Teil des Haraway’schen Ansatzes bildet. Zwar gibt es immer wieder längere Zitate aus den jeweiligen Werken, dennoch liest sich Zur Einführung wesentlich aufgeräumter und unaufgeregter, was als Einführungswerk unter Umständen ein Gütekriterium sein mag. Gut gelingt auch die Verknüpfung von Inhaltswiedergabe und Kontextualisierung. So weist Hoppe an vielen Stellen auf Denkfiguren aus anderen Werken hin, arbeitet passende Artikel Haraways ein, nennt stichhaltige ebenso wie weniger gerechtfertigte Kritiken anderer WissenschaftlerInnen und verortet bestimmte Denkweisen in disziplinären Strömungen und Schulen.
Hoppe kritisiert bestimmte Gedanken Haraways, beispielsweise ihren Versuch, durch eine radikal normative Argumentation zu einer speziesübergreifenden reproduktiven Gerechtigkeit zu gelangen (S. 160–162). Hoppe zufolge beinhaltet der Zugriff über die abstrakte Variable Bevölkerung eine rassifizierende Logik, die versucht, mittels biopolitischer Begriffe die Probleme des Globalen Nordens auf den Globalen Süden abzuwälzen. Dass die Autorin hier selbst Stellung bezieht, mag für ein Einführungswerk ungewöhnlich sein, ist jedoch durchaus berechtigt. Zum einen schreibt sich Katharina Hoppe durch ihre bisherigen Veröffentlichungen zu Haraway im Speziellen, aber auch zu den Neuen Materialismen, zu feministischen Theorien und zur Umweltsoziologie immer wieder selbst in den Rezeptionskontext Haraways ein.[2] Zum anderen ruft deren dezidiert politisch-ethischer Schreib- und Denkstil förmlich dazu auf, sich selbst zu den behandelten Thematiken zu positionieren.
Hoppe erkennt, dass es wenig Sinn gemacht hätte, sich mit Haraway ‚von außen‘, also als unbeteiligte Beobachterin, zu beschäftigen. Vielmehr nähert sie sich ihr mit einer Haltung der „Re-vision“, einem wortwörtlich erneuten Durchblicken der Werke. Ihre kritische Herangehensweise rechtfertigt Hoppes Auswahl der behandelten Themen; außerdem funktioniert sie als informierte Deutungshilfe. Dass man trotz der vielen Gedankengänge und dichten Zusammenfassungen das Gefühl hat, nur einen kleinen Einblick in ein reichhaltiges Gesamtwerk bekommen zu haben, kann man als unbefriedigend empfinden. Oder man sieht es als Unabgeschlossenheit, die zu weiteren eigenen Lektüren und Überlegungen auffordert. Gerade die letzten fünf, mit „Schluss“ überschriebenen Seiten, die eine komprimierte Kritik von tausenden Seiten Lektüre beinhalten, urteilen sowohl über Grenzen als auch Potenziale von Donna Haraways Theorien. Der Wunsch nach mehr solch kenntnisreicher Urteilsbildung bleibt unerfüllt, dafür muss man wohl Hoppes Dissertation zur Hand nehmen.
Der „Schluss“ der Einführung aber ist eben kein Ende, sondern eine Einladung zum Weiterdenken. Ein derartiges Rezeptionsverständnis hält Haraway in Bewegung, schließlich hätte eine Einführung zu Donna Haraway, bei der sich der Eindruck einstellt, es bleibe nun nichts mehr offen und man wüsste genau, wo Haraway steht, ihr Ziel verfehlt. Hoppe schafft es, die Balance aus Verortung und Offenheit zu halten, die auch Haraways Denken charakterisiert. Ihr Einführungsband wird damit zum brauchbaren companion auf (studentischen) Spaziergängen durch Haraways dichten Dschungel aus Sozial-, Natur- und Kulturwissenschaften, begleitet von Primaten, Kritter, Cyborgs und Hunden.
Fußnoten
- critter (engl.) = Kriechtier, Viecher.
- Katharina Hoppe, Das Anthropozän kompostieren. Speziesübergreifende Verwandtschaft und sozial-ökologische Transformation [28.2.2023], in: Insert. Artistic Practices as Cultural Inquiries (2022); dies., Donna Haraways Gefährt*innen. Zur Ethik und Politik der Verwobenheit von Technologien, Geschlecht und Ökologie, in: Feministische Studien 37 (2019), 2, S. 250–268; dies., Autopoietische Systeme und sympoietische Gefüge. Niklas Luhmann meets Donna Haraway [28.2.2023], in: Nicole Burzan (Hg.), Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen, 39. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, 2019.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.
Kategorien: Epistemologien Gender Philosophie Politik Wissenschaft
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