Peter Wagner | Rezension |

Wenn sich die neugierige Katze in den Schwanz beißt

Rezension zu „Deliberate Ignorance. Choosing Not to Know“ von Ralph Hertwig und Christoph Engel (Hg.)

Abbildung Buchcover Deliberate Ignorance von Hertwig/Engel (Hg.)

Ralph Hertwig / Christoph Engel (Hg.):
Deliberate Ignorance. Choosing Not to Know
USA
Cambridge 2021: MIT Press
396 S., $ 45,00
ISBN 978-0262045599

Es gibt Dinge, von denen die Menschen lieber nichts wissen wollen – zumindest manche Menschen in manchen Situationen. Dies ist einerseits offenkundig und leicht nachzuvollziehen. Es fällt nicht schwer, sich etwas vorzustellen, von dem man, wäre es denn so, lieber nichts wissen wollen würde. Dazu gehören beispielsweise belastende Dinge, an denen man nichts ändern kann, etwa von einer unheilbaren Krankheit betroffen zu sein, die sich erst in ferner Zukunft bemerkbar machen wird. Andererseits ist das Nicht-wissen-wollen, wäre es denn eine generelle Maxime, nicht leicht zu verstehen und zu akzeptieren. Wie kann man es vorziehen, weniger zu wissen als man wissen könnte? Ist Wissen nicht ein Gut im doppelten Sinne, nämlich weil es gut ist, zu wissen, und weil Wissen eine Ware sein kann, die einen Wert hat, die man also erwerben muss?

Der Frage, ob, wann und warum Menschen sich dafür entscheiden, nicht wissen zu wollen, geht der Band Deliberate Ignorance nach. Die Herausgeber Ralph Hertwig und Christoph Engel legen eine recht eng geführte Definition vor. Die bewusste Entscheidung, Wissen nicht zu erlangen oder zu nutzen, nennen sie beabsichtigte Unwissenheit. Sie sind insbesondere an Situationen beabsichtigter Unwissenheit interessiert, in denen der Aufwand, sich das Wissen verfügbar zu machen, recht gering und der mögliche Nutzen, es verfügbar zu haben, groß wäre. Dabei gehen sie davon aus, dass derartige Situationen häufiger vorkommen als oft angenommen. Insbesondere sind sie der Ansicht, dass beabsichtigte Unwissenheit entgegen erstem Anschein oft gut und nützlich ist, weshalb ihre Bedingungen und Formen besser verstanden werden sollten. Zu diesem Zweck fordern sie – mit Unterstützung des Ernst Strüngmann Forums und der Deutschen Forschungsgemeinschaft – die Autoren des Bandes dazu auf, den Forschungs- und Wissensstand über Entscheidungen, etwas nicht wissen zu wollen, eingehend zu untersuchen und zu diskutieren.

Viele der Beiträger nehmen denn auch die genannte Definition – meist ohne große Erweiterung – zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen. Dies kann man als eine Stärke des Bandes ansehen, immerhin entsteht dadurch eine recht klare gemeinsame Perspektive. Dem Rezensenten erscheint die definitorische Einmütigkeit aber eher als Schwäche, weil hochinteressante Phänomene der Unwissenheit außerhalb oder am Rande des Blickfeldes bleiben.[1] Die Aufsätze betrachten nur Unwissenheit, die beabsichtigt ist, und – in der noch stärkeren Formulierung des Untertitels – es werden nur Entscheidungen, etwas nicht zu wissen, untersucht. Ein solch schmaler Zuschnitt wählt aus der Vielzahl und Vielfalt der Situationen, in denen Menschen Unwissenheit akzeptieren und nicht zu überwinden trachten, nur ein sehr kleines Spektrum aus.

Die Folge ist, dass sich die gewählten Beispiele in den Beiträgen wiederholen – oft ohne nennenswerte weitere Erkenntnisse hinzuzufügen. Der Musterfall ist die Entscheidung, nicht wissen zu wollen, ob man Träger der bislang unheilbaren Erbkrankheit Chorea Huntington ist. In weiteren der viel bemühten Exempel entscheiden sich die jeweiligen Personen gegen die Preisgabe anderer genetischer Informationen oder sie wollen – als Entscheidungsträger in Bewerbungsprozessen – Geschlecht oder Hautfarbe der Kandidaten nicht wissen, um Diskriminierung zu vermeiden, oder sie verzichten bewusst auf Zugang zu Informationen über vergangenes Unrecht.[2]

Die Wiederholungen hämmern dem Leser die Meinung der Autoren darüber, was an Unwissenheit wissenswert sein sollte, regelrecht ein. Dazu zählt zum einen die Entscheidung zur Unwissenheit, die einen handlungsfähigen Akteur voraussetzt. Im vorliegenden Band sind dies vor allem Einzelmenschen. Mehrere Beiträge erörtern die Frage, ob und unter welchen Umständen auch Kollektive handlungs-, entscheidungs- und wissensfähig sind; darunter verstehen die Autoren in der Regel Organisationen oder Institutionen. In jedem Fall ist eine Entität verlangt, die sich – aufgrund ihrer Kenntnis über ihre Umwelt – zu dieser Umwelt verhalten kann.

Zum anderen drängt sich die Frage nach den Charakteristika jenes Wissens auf, das man nicht wissen wollen kann. In allen Beispielen wissen die Protagonisten vorab recht genau, worüber sie nichts wissen wollen: Man hat die Anlage für Chorea Huntington oder man hat sie nicht; Geschlecht und Hautfarbe der Bewerberinnen stehen fest, ob man dies nun weiß oder nicht; und die Freunde und Kollegen waren Informelle Mitarbeiter der Stasi oder sie waren es nicht. Es werden keine Fälle betrachtet, in denen Wissen unvorhergesehene Neuheit mit sich bringen oder etwa selbst mit Ungewissheit behaftet sein könnte.

Die Herausgeber sind sich im Klaren über die Gründe, ihren eigenen Wissensdurst zu beschränken. Die Entscheidungen, nicht wissen zu wollen, sollen auf ihre Rationalität hin untersuchbar und außerdem modellierbar sein (siehe hierzu vor allem das Schlusskapitel). Dies ist natürlich legitim und nützlich. Der Rezensent fragt sich dann allerdings, wie sich die Beiträger jene Welt vorstellen, in der aus ihrer Sicht Menschen unter gewissen Umständen rational entscheiden, etwas nicht wissen zu wollen.

In dieser Welt entscheiden Akteure unablässig, was sie wissen und was sie nicht wissen wollen. Zu diesem Zweck müssen sie wiederum wissen, was sie wissen und auch was sie nicht wissen – und welchen Nutzen ihnen und anderen ihr Wissen oder Nichtwissen bringt.

Denn die Welt, die sich aus dem Vorgenannten ergibt, ist eine Welt, in der sich individuierte Akteure einer großen Menge an verfügbarem und potenziell nützlichem Wissen gegenübersehen. Dies trifft auf die gegenwärtige Welt zu, in der mutmaßlich individuelle Autonomie zum vorherrschenden Leitprinzip geworden ist und sich die Entscheidungen der Individuen nur noch durch den Nutzen für diese und die möglichen Auswirkungen auf andere bewerten lassen. Zudem machen Informations- und Kommunikationstechniken sowie maschinelles Lernen Informationen und Wissen (die Herausgeber gebrauchen diese beiden Begriffe bemerkenswerterweise als synonym, S. 5) neuer Art weltweit und schnell verfügbar. In dieser Welt entscheiden Akteure unablässig, was sie wissen und was sie nicht wissen wollen. Zu diesem Zweck müssen sie wiederum wissen, was sie wissen und auch was sie nicht wissen – und welchen Nutzen ihnen und anderen ihr Wissen oder Nichtwissen bringt.

Worauf gründet sich ein solches Weltmodell? Die Autoren sehen unsere heutige Welt in der Tradition einer Moderne, die seit Aufklärung und Französischer Revolution einerseits von unstillbarem Wissensdrang und andererseits von der Verpflichtung auf Freiheitsrechte gekennzeichnet ist (z.B. S. 4, 21). Die aufklärerische Verknüpfung von Freiheit und Vernunft übersetzt sich so in die Verbindung von individueller Autonomie und Informationsanhäufung. Seitdem gelte a priori, dass Wissen gut und Information wertvoll sei. Diese Annahme führt die Autoren zu einer Behauptung: dass nämlich das Phänomen beabsichtigter Unwissenheit durch den Fokus auf Wissenserwerb unterbeleuchtet und weithin unverstanden geblieben sei. So kommen sie zu ihrer, wie sie behaupten, innovativen Fragestellung: Unter welchen Umständen kann es in unserem wissensorientierten Kontext vernünftig sein, unwissend zu bleiben?

Dem liegt aber eine doppelte Operation zugrunde, deren problematische Anlage den Autoren zu entgehen scheint: Die Frage selbst lässt sich nur sinnvoll stellen, wenn die Behauptung vom modernen Streben nach Wissen zutreffend ist. Die These aber ist höchst fragwürdig, da sie nur derjenige aufstellen kann, der die Geschichte unserer Gesellschaften aus jenem radikal individualistisch-rationalistischen Blickwinkel liest, der Anlass zur oben gestellten Frage gegeben hat. So beißt sich die neugierige Katze nur selbst in den Schwanz.

Denn wie verhält es sich tatsächlich mit der Geschichte unserer angeblichen Moderne? Zunächst haben die Umbrüche seit dem späten 18. Jahrhundert etabliertes Wissen infrage gestellt und neue Unsicherheit und Ungewissheit geschaffen. Gegen Ende des Jahrhunderts entstanden neuartige soziale Institutionen, die sich genau darauf gründen, dass sie wirksam sind, ohne dass die Bewohner der Moderne sie kennen und verstanden haben müssen. Schon Max Weber hob im Jahre 1919 hervor, dass man Straßenbahn fährt, ohne zu wissen oder gar wissen zu sollen, wie diese sich bewegt (Wissenschaft als Beruf). Friedrich Dürrenmatt mahnte später technikkritisch an, dass man keinen Lichtschalter betätigen solle, wenn man nichts von Elektrizität versteht (Die Physiker). Dennoch bleiben die meisten von uns bewusst unwissend darüber, was in der Glühlampe oder in einem Kraftwerk geschieht. Anthony Giddens definierte die Moderne gar als eine Sozialform, die von Vertrauen in abstrakte Systeme geprägt ist (The Consequences of Modernity). Vertrauen ersetzt also oft Wissen, wie es im besprochenen Buch verstanden wird. Es ist damit ebenfalls eine Form von Nichtwissen, dessen man sich zwar nicht immer bewusst sein mag, das man sich aber leicht ins Bewusstsein rufen kann.

Der Band prüft durchaus, ob es sich bei Vertrauen, bei Vergessen oder auch bei heuristischer, also regelbasierter, Entscheidungsfindung um Ausdrücke beabsichtigter Unwissenheit handelt. Aber entweder endet die Prüfung direkt negativ oder die Betrachtung der Phänomene bleibt randständig. Vieles hängt hierbei am Begriff der „Absicht“, den die meisten Autoren eng fassen. Man muss offenbar das bereits vorhandene Wissen mit dem prinzipiell verfügbaren Wissen vergleichen und zusätzlich die Nutzen- oder Schadensdifferenz für sich selbst und möglicherweise betroffene Menschen berechnen und abwägen, um sich für „beabsichtigtes Nichtwissen“ entscheiden zu können. In den meisten Situationen, in denen Menschen bewusst handeln, ohne all das Wissen zu haben, das sie haben könnten, findet dies nicht statt.

Während die Begriffe von „Absicht“ und „Entscheidung“ im Verständnis von Unwissenheit ausführlich erörtert werden, findet sich überraschenderweise wenig Explizites zur Definition von „Wissen“. Der Band unterstellt, die Sozialwissenschaften hätten sich wenig mit Unwissenheit beschäftigt, während seine Perspektive maßgeblich von der Psychologie und den Wirtschaftswissenschaften geprägt ist (für institutionelle Aspekte ergänzt durch die Rechtswissenschaften). In diesen Disziplinen herrscht genau jener individualistisch-rationalistische Zugang vor, der zur Engführung dessen beiträgt, was als Wissen verstanden wird. In den Geistes- und Sozialwissenschaften im umfassenden Sinne ist die Einsicht aber durchaus verbreitet und sogar prominent, dass es Formen von Wissen gibt, die angemessenes Handeln nicht nur nicht ermöglichen, sondern sogar erschweren – weil sie Vertrauen zerstören, Erfahrung entwerten, Optionen ausschließen oder überbetonen, Vergangenes über Zukünftiges setzen und anderes mehr. Einiges davon findet sich angemerkt, aber nicht weiter ausgeführt.

Die Autoren des Bandes haben sich auf ein enges Verständnis beabsichtigter Unwissenheit konzentriert, um eine Typologie nützlicher Formen von Unwissenheit zu entwickeln. Aus der Sicht des Rezensenten wäre es fruchtbringender gewesen, Unwissenheit breit zu verstehen, um zu untersuchen, welches Wissen oder Nichtwissen welchen Situationen angemessen ist. So hätte man am Ende der Lektüre überlegen können, über welche der zahlreichen Aspekte und Dimensionen von Unwissenheit man gerne mehr wissen möchte. Nun aber haben die Herausgeber und Autoren für uns entschieden, was darüber wissenswert sein soll und was nicht.

  1. Wenn im Folgenden von „den Autoren“ die Rede ist, so lässt sich dies mit dem recht klar entwickelten gemeinsamen Schwerpunkt rechtfertigen. Dennoch gehen dabei Nuancen und Unterschiede verloren, auf die die vorliegende Besprechung nicht oder nur am Rande eingeht – die Abweichler unter den Autoren sind um Entschuldigung gebeten.
  2. Ein nützlicher Überblick über die hier als typisch angesehenen Fälle findet sich auf S. 266–271.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Daten / Datenverarbeitung Digitalisierung Moderne / Postmoderne

Peter Wagner

Peter Wagner ist Forschungsprofessor für Sozialwissenschaften am Katalanischen Institut für Forschung und höhere Studien (ICREA) und an der Universität Barcelona sowie Leiter des Projekts “Varieties of Modernity in the Current Global Context: the Role of BRICS and the Global South” an der Ural Federal University in Jekaterinburg. Von September 2019 bis Januar 2020 war er Fellow am DFG-Forschungskolleg "Zukünfte der Nachhaltigkeit" an der Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Gesellschaftstheorie, der historisch-vergleichenden Soziologie, der politischen Soziologie und der politischen Philosophie.

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