Tobias Hauffe | Rezension | 20.05.2025
(Zwangs-)Arbeit als Herrschaftspraxis
Rezension zu „Sklaverei, Freiheit und Arbeit. Soziohistorische Beiträge zur Rekonfiguration von Zwangsarbeit“ von Theresa Wobbe, Léa Renard und Marianne Braig (Hg.)
Wir schauen oft nicht so genau hin, wie es nötig wäre. Zum Abschluss der Vorlesung Einführung in die Soziologie sollten Studierende der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg im Herbsttrimester 2024 eine Fotografie interpretieren. Sie zeigte, wie ein Fahrer des Lieferdienstes Lieferando auf einem Fahrrad eine Brücke überquerte. Nach vorne gebeugt, den orangenen Rucksack im Nacken, saß er auf dem Rad. Er hatte seinen Kopf in die linke Hand gestützt und wirkte erschöpft, seine Haut war gerötet. Quellwolken durchzogen den blauen Himmel über ihm, im Moment der Aufnahme schien die Sonne. Auf dem Wasser im Hintergrund segelten Boote.
Dass kaum einer der knapp 150 Studierenden erkannte, dass es sich um die Kennedybrücke handelte, eine der beiden Brücken die Innen- und Außenalster voneinander trennen, lässt sich damit erklären, dass viele der soldatischen Studierenden auf dem Gelände der Helmut-Schmidt-Universität am östlichen Rand der Stadt wohnen und, so erzählen sie, recht wenig in Hamburg unterwegs sind. Am Wochenende fahren die meisten von ihnen nach Hause. Ein anderer Aspekt überraschte mehr: Viele der Studierenden schrieben emphatisch über die (Arbeits-)Situation des Lieferanten, charakterisierten etwa die Körperhaltung als „verzweifelt“, aber niemand nahm die Beobachtung zum Anlass, um über die konkrete Form seines Arbeitsverhältnisses nachzudenken. Wer auf die Arbeitskonstellation einging, unterstellte ein klassisches Lohnarbeitsverhältnis, das nicht weiter hinterfragt wurde. Lieferando wirbt damit, „richtige Arbeitsverträge“ zu schließen, anstatt Fahrer auf selbstständiger Basis zu beschäftigen, aber dass die Form der Verträge auf der Firmen-Homepage prominent offengelegt wird, regt zu Rückfragen an. Im unteren, oft prekären Dienstleistungssektor gibt es spezifische Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse. Formal wie informal. In den Klausuren fehlte nicht das Mitgefühl mit einem erschöpften Menschen, sondern Konkretion – und davon angeregt: soziologische Fantasie. Diese Beobachtung lässt sich verallgemeinern. Wir fragen zu wenig: Was genau heißt Arbeit heute? Welche Formen gibt es? Wie unterscheiden sich Normalarbeitsverhältnisse von prekärer Arbeit? Was ist Scheinselbstständigkeit? Wie gestalten sich Zwangsarbeitsverhältnisse? Was bezeichnet der Begriff moderne Sklaverei? Und: In welchen früheren Formen von Arbeit gründen diese Verhältnisse? Welche Veränderungen, welche Kontinuitäten gibt es?
Der von der Historikerin und Soziologin Theresa Wobbe, der Soziologin Léa Renard und der Politikwissenschaftlerin Marianne Braig herausgegebene Band Sklaverei, Freiheit und Arbeit. Soziohistorische Beiträge zur Rekonfiguration von Zwangsarbeit versammelt Texte, die den Entstehungskontext obiger Kategorien im 19. und 20. Jahrhundert historisieren.
Die Beiträge der Autor:innen verbindet das Interesse, das Beziehungsgeflecht von Sklaverei, Freiheit und (Zwangs-)Arbeit (S. 6) zu differenzieren. Ausgehend von dem Werk des amerikanischen Soziologen Orlando Patterson und dessen herrschafts- und kultursoziologischem Verständnis von Sklaverei untersuchen sie ‚freie‘ und ‚unfreie‘ Arbeitsformen und -verhältnisse. Die Autor:innen leisten soziohistorische Begriffsarbeit, einige tun dies in Auseinandersetzung mit empirischen Fällen. Dabei stützen sie ihre Überlegungen auf historische Quellen, etwa Kommissionsberichte, Briefe, Regierungsdokumente, auf Erkenntnisse der globalen Arbeitsgeschichte, auf vielfältige geschichtswissenschaftliche, philosophische und soziologische Literatur.
Der Band, der vier Originalbeiträge, vier erstmalige deutsche Übersetzungen und einen deutschsprachigen Wiederabdruck verbindet, ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil, in dem Orlando Pattersons Vortrag Sklaverei in globalhistorischer Perspektive. Von der Antike bis in die Gegenwart (deutschsprachiger Wiederabdruck[1]) und Benedetta Rossis Überlegungen zu öffentlicher Sklaverei und sozialem Tod (erstmals in deutscher Übersetzung[2]) enthalten sind, bildet die theoretische Grundlage des Bandes. Die Beiträge des zweiten Teils beschäftigen sich mit einer Rekonfiguration von Zwangsarbeit. Theresa Wobbe fragt in ihrem Originalbeitrag Die Verstrickung von Sklaverei, Freiheit und (Zwangs-)Arbeit. Überlegungen zum westlichen Freiheitsideal, wie das moderne Verständnis von Zwangsarbeit aus einem Beziehungsgeflecht von Sklaverei und Freiheit hervorgegangen ist. Marie Rodet (Zwangsarbeit, Widerstand und Männlichkeiten in Kayes, Französisch-Sudan, 1919 – 1946, erstmals in deutscher Übersetzung[3]) und Alexander Keese (Zwangsarbeit (zögerlich) beenden: Kolonialmentalitäten, Debatten über „afrikanische Faulheit“ und Kontinuitäten in britischen und französischen Kolonien Zentralafrikas, 1945–1965, erstmals in deutscher Übersetzung[4]) untersuchen Verhältnisse von Sklaverei und Zwangsarbeit im kolonialen Kontext Westafrikas.
Im dritten Teil des Bandes setzen sich vier Beiträge mittels empirischer Fallstudien mit Orlando Pattersons Begriffen des „sozialen Tods“ und des „Parasitismus“ auseinander (Fiona Greenland, Kontinuitäten über lange Zeiträume in der historisch-vergleichenden Soziologie. Über den Parasitismus und die Versklavung von Frauen, erstmals in deutscher Übersetzung[5]; Theresa Wobbe, Zwangsarbeit im Nationalsozialismus (1939–1945). Überlegungen im Anschluss an Orlando Pattersons Konzept des menschlichen Parasitismus, Originalbeitrag; Léa Renard, Zwangsarbeit in Deutsch-Südwestafrika (1905–1915). Eine kritische Diskussion aus der Perspektive des sozialen Tods, Originalbeitrag; Marianne Braig, Praktiken unfreier Arbeit auf den Zuckerrohplantagen in Lateinamerika im Kontext der Aufhebung der Sklaverei, Originalbeitrag).
Der Band besticht durch eine kluge Textauswahl. Statt die Beiträge detailliert zu referieren, konzentriere ich mich im Folgenden auf drei Aspekte: erstens auf Pattersons herrschafts- und kultursoziologisches Verständnis von Sklaverei und auf die Frage, wie dieses zu einer Differenzierung von gewaltsamen und erzwungenen Arbeits- und Lebensverhältnissen beitragen kann; zweitens geht es um die soziohistorische – oder auch: prozessuale – Perspektive auf Sklaverei und (Zwangs-)Arbeit und hier besonders um die Frage, wie trotz formaler Abschaffung der Sklaverei Zwangsarbeitsverhältnisse fortbestanden und legitimiert wurden; und drittens sollen knapp Formen der Widerständigkeit betrachtet werden, vor allem solche, die sich erst erschließen, wenn man nach der historischen und kulturellen Spezifik von (erzwungenen) Arbeitsverhältnissen fragt. Diese Festlegung hat zur Folge, dass ich auf andere zentrale Aspekte nicht oder nur sehr kurz eingehe: Das gilt für den Begriff der Freiheit ebenso wie für den Zusammenhang von Versklavung/Zwangsarbeit und Geschlecht.
Die Beiträge des Sammelbandes (mit Ausnahme von Keese und Rodet) setzen sich direkt mit Orlando Pattersons herrschafts- und kultursoziologischem Verständnis von Sklaverei auseinander, das er in seinem Buch Slavery and Social Death entwickelt hat.[6] Patterson grenzte sich 1982 von Deutungen ab, die Sklaverei eindimensional ökonomisch, das heißt als Ausbeutungsverhältnis, oder rechtlich, das heißt als Besitzverhältnis, begreifen. In der Einleitung fassen die Herausgeber:innen seine Grundgedanken wie folgt zusammen:
„Patterson unterscheidet drei Dimensionen, die die Abhängigkeit und Versklavung allererst ermöglichen und erzeugen: (1) Durch die gewaltsame Entwurzelung aus Herkunftsbezügen (deracination) in Krieg, Eroberung, Raubzügen etc. werden Personen aus ihren soziokulturellen Zusammenhängen herausgerissen und in fremde Kontexte verbracht; (2) hiermit wird die gewaltsame Entfremdung von den Herkunftsrechten (natal alienation) qua Geburt und soziokulturellem Kontext in der neuen Umgebung umgesetzt; (3) die damit wirksam werdende Behandlung als Nichtperson und ihre soziale Isolierung hält die Betroffenen auf Abstand. Diese drei Modi lassen sich auch als Mechanismen der Desozialisierung im Prozess der Versklavung konzipieren. Daraus erwächst ein parasitärer Ehrzuwachs für den Herrn und die Herrin sowie gesellschaftlich für alle Nichtsklaven und Nichtsklavinnen, d. h. für Freie.“ (S. 14)
Zentral für Patterson sind die gewaltsame Entwurzelung aus den Herkunftsbezügen und die gewaltsame Entfremdung von den Herkunftsrechten. Sie bewirken den „sozialen Tod“ versklavter Menschen, die zu Nichtpersonen werden, isoliert und auf Abstand gehalten. Jeder Identität beraubt, haben sie keinen sozialen Status. Der soziale Tod hat damit auch eine gesellschaftsordnende und hierarchisierende Funktion: Der Herr gewinnt seinen Status aus dem Nichtstatus des versklavten Anderen. „Nicht der wirtschaftliche Nutzen“, so konstatiert Léa Renard in ihrem Beitrag, „sondern die direkte Erfahrung der eigenen Macht […] steht für den Herrn im Zentrum dieser Relation“ (S. 232). Der Herr, so Renard weiter, ziehe „seine Kraft und seine Ehre aus der Entkräftung und Entehrung seiner Sklav:innen und macht sich dabei selbst abhängig“ (ebd.). Ein solches Macht- und Herrschaftsverhältnis nennt Patterson „parasitär“. Für ihren eigenen Statusgewinn brauchen Herrin oder Herr – wie ein Parasit – den Nichtstatus des anderen. Sklaverei ist für Patterson als „institutionalisiertes mikrosoziologisches Herrschaftsverhältnis eine der extremsten asymmetrischen Beziehungsformen zwischen zwei Individuen“ (ebd.).
Benedetta Rossi kritisiert in ihrem Beitrag Überlegungen zu öffentlicher Sklaverei und sozialem Tod Pattersons Begriff des sozialen Todes. Interessant, da voller Widersprüche, sind ihre Überlegungen dort, wo sie, wie am Beispiel Anjay Isas, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts Sklave eines reichen Händlers in Timbuktu war, nicht nur die Selbstwahrnehmung versklavter Menschen (Anjay Isa bezeichnet sich als „Maus“, aber als eine „die die Menschen des Hauses nicht im Stich lässt“ und somit Bedeutung hat, S. 84) und die interne Hierarchie zwischen verschiedenen Sklaven, sondern auch die Möglichkeit, freigelassen zu werden, anführt. „Die Versklavung“, so Rossi, „ging häufig mit Bedingungen einher, die mit einem sozialen Tod vergleichbar sind, aber die Sklaverei ist in ihrem Kern ein deutlich vielfältigerer Zustand, als die Metapher vom Tod beinhaltet. […] Im Rahmen der legalen Sklaverei gab es viele Arten der Versklavung – genauso wie es viele Arten des Freiseins gab und gibt. Es gibt jedoch nicht viele Arten, tot zu sein.“ (S. 62 f.) Rossi formuliert ein wenig ungenau. Sie verwendet mal das Adjektiv „sozial“ und mal nicht, wenn sie die Begrifflichkeit Pattersons anführt. Aber es kommt darauf an, wie die Formulierung exakt lautet. Sklaven, das gilt vor allem für sogenannte öffentliche Sklaven (servi publici), auf die sich Rossi in ihrem Beitrag unter anderem bezieht, mögen unterschiedliche Positionen im gesellschaftlichen Gefüge eingenommen haben, die ihnen sogar eine gewisse Rechtsfähigkeit ermöglichten (S. 65), aber auch dann, wenn sie handeln durften, war ihr Handeln an ihre Stellung geknüpft. Wenn überhaupt durften sie stellvertretend für ihre Herren handeln, nicht als eigenständige Person. Sie waren letztlich Nichtpersonen. Diese Konstellation beschreibt Rossi zwar detailliert, jedoch ohne zuzuerkennen, dass Patterson doch genau das mit dem bildhaften Begriff des sozialen Tods aussagen wollte.
Trotzdem sehe auch ich ein vergleichbares, theorieimmanentes Problem; insbesondere dann, wenn man „sozialen Tod“ und „Parasitismus“ aufeinander bezieht. Beide passen schlecht zueinander. Der Begriff des Parasitismus bezeichnet ein Herrschaftsverhältnis, also ein relationales Verhältnis,[7] und ist damit nur schwer mit dem Begriff des sozialen Tods zu verbinden. Auch ich schlage hier einen ähnlichen Weg ein wie Rossi und reite auf Feinheiten herum, wo doch zuerst Gewalt und Unterdrückung herrschen. Denn nur weil Macht nie absolut sein kann – diesen Gedanken hat Heinrich Popitz in seinem Buch Phänomene der Macht am Beispiel der Figuren des Märtyrers und des Attentäters ausformuliert[8] –, heißt das nicht, dass wir noch in den letzten Winkeln gewaltsamer Verhältnisse nach Handlungsmacht suchen müssen. Oder vielleicht doch? Das ist eine der Fragen, die die Lektüre des Bandes provoziert.
Pattersons kulturelles Verständnis von Sklaverei scheint mir jedenfalls einen Punkt zu treffen: Sklaverei – und für Kolonialismus hat Frantz Fanon ähnlich argumentiert[9] – kann auch als ein Ausdruck der psychischen Kraft- und Hilflosigkeit der Herren(-menschen) und ihrer eigenen ‚Abhängigkeit‘ begriffen werden. Menschen, die keinen Schimmer davon haben, wer sie sind, die aus sich selbst heraus kein Selbstwertgefühl haben, brauchen den unterdrückten, gequälten, ermordeten Anderen. Sie müssen ihr Herren-Sein alltäglich erfahren. Es ist diese soziale Konstellation, die sich psychisch irgendwann auch gegen die Herren wenden kann.[10] Aber zuerst geht es um Statusgewinn, um Hierarchie, um konkret erfahrbare personale Macht, um Unterdrückung und Herrschaft.
In einer interaktionistisch-machtsoziologischen und/oder sozialpsychologischen Lesart leuchtet mir der Parasitismus-Begriff mit seiner Betonung auf einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis eher ein als in einer (makro-)ökonomischen. Beide Deutungen finden sich etwa in Theresa Wobbes Beitrag zu Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Die Einschätzung, dass sich das nationalsozialistische Regime aufgrund der wirtschaftlichen Notwendigkeit der Zwangsarbeit „von einer Personengruppe abhängig [machte], die als ‚jüdisch-bolschewistische Feinde‘ und ‚Untermenschen‘ bezeichnet wurde“ (S. 216), teile ich nur bedingt. Das nationalsozialistische Regime war zu einem bestimmten Zeitpunkt von Zwangsarbeit abhängig, aber nicht von Zwangsarbeiter:innen, die im tödlichen NS-Ausbeutungsregime austausch- und ersetzbar waren. Diese Akzentuierung scheint mir wichtig, wenn es um die Frage nach parasitärer Macht und Relationalität geht. Der Parasitismus-Begriff (mit seiner Betonung von Abhängigkeitsverhältnissen) wäre in Bezug auf die drei Ebenen Gesellschaft – Organisation – Interaktion auszudifferenzieren. Die Argumentation, dass Zwangsarbeit auch den Effekt hatte, eine Wir-Sie-Unterscheidung auf verschiedenen sozialen Ebenen alltäglich durchzusetzen und zu verstetigen, überzeugt hingegen.
„Die Statusgewinne beschränkten sich nicht auf die NS-Elite und ihre Organisationen. In Verbindung mit der stetig expandierenden Kriegspolitik und der Verfolgung umfangreicher Personengruppen fand eine Radikalisierung des Terrorapparats statt, die in wachsender Geschwindigkeit die Überwachung von Arbeitskräften im Betrieb, im Barackenlager, in der Öffentlichkeit verstärkte. In diesen Prozess wurden zunehmend mehr Personengruppen in bevorrechtigter Position zur Kontrolle und gewaltsamer Diskriminierung ausländischer Arbeitskräfte als Akteure parasitischer Herrschaft einbezogen, weitere Akteure beteiligten sich eigeninitiativ durch Denunziation; Unternehmer, Handwerksbetriebe, kirchliche Organisationen, Hausfrauen u. v. a. ‚suchten‘ für ihre eigenen Zwecke ‚Fremdarbeiter‘ aus.“ (S. 221 f.)
Die Bezugnahme auf Patterson ermöglicht dichotome Unterscheidungen – wie etwa die zwischen Ausbeutung und Vernichtung –, um eine Perspektive zu ergänzen, in der (erzwungene und gewaltsame) Arbeitsverhältnisse auch als eine Alltagspraktik vorstellbar werden, deren Zweck für die Herrschenden darin besteht, sich ihrer ‚Überlegenheit‘ im Kontakt mit „Nichtpersonen“/„Untermenschen“ leiblich versichern zu können.
Der Band betont die Relationalität von Herrschaft und vermittelt darüber hinaus Einsichten in die Geschichtlichkeit von ‚freien‘ und ‚unfreien‘ Arbeitsverhältnissen. In Rossis Kritik des Begriffs sozialer Tod ist enthalten, dass der Sklavenstatus nicht zwangsläufig ein lebenslanger Status sein musste. Sklaven konnten freigelassen werden, sie konnten ihren Status (oder zumindest den Status ihrer Kinder) durch Heirat verändern.[11] Auch in Zwangs- oder Pflichtarbeitsverhältnissen mussten Menschen nicht ewig stecken. Manchmal boten diese Verhältnisse sogar eine Möglichkeit, anderen erzwungenen Bindungen, etwa familiären und stammesförmigen, zu entkommen (vgl. etwa Rodets Beitrag Zwangsarbeit, Widerstand und Männlichkeiten in Kayes, Französisch-Sudan). In den Beiträgen wird diese Varianz an konkreten Fällen demonstriert. Die Lektüre macht dabei klar, dass eine Differenzierung der Formen von Sklaverei und (Zwangs-)Arbeit um eine Diskussion spezifischer rechtlicher Bedingungen nicht herumkommt.
Viele der Beiträge werfen die Frage auf, wie die offizielle Abschaffung von Sklaverei und Zwangs- sowie Pflichtarbeit mit der Fortsetzung gewaltsamer und erzwungener Arbeitsverhältnisse zusammengeht. Interessant sind hier vor allem die Rechtfertigungslogiken – und zwar sowohl im Hinblick auf die ‚zivilisatorische‘ Notwendigkeit der Abschaffung von Sklaverei und Zwangs- und Pflichtarbeit als auch in Hinblick auf eine Art ‚gemeinschaftlicher‘ Notwendigkeit von erzwungener Arbeit. Beides gehört zusammen: Die universalistisch-moralische Verurteilung und rechtliche Abschaffung auf der einen und die partikularistisch-kulturelle Rechtfertigung und Fortführung gewaltsamer und erzwungener Arbeitsverhältnisse auf der anderen Seite.
Zentral für die Frage nach der rechtlichen Entwicklung ist der erste der beiden Beiträge Wobbes (Die Verstrickung von Sklaverei, Freiheit und (Zwangs-)Arbeit.). In diesem spannt sie einen Bogen von frühen, oftmals religiös motivierten, Einwänden gegen Sklaverei, die vor allem in Großbritannien und in den entstehenden US-amerikanischen Einzelstaaten im späten 18. Jahrhundert aufkommen bis hin zu unter anderem von der International Labour Organization (ILO) erarbeiteten völkerrechtlichen Konventionen und Übereinkommen, in denen Sklavenhandel, Sklaverei, Zwangs- und Pflichtarbeit rechtlich sanktioniert werden.
„Die weltpolitischen Spielregeln des Internationalismus und der Säkularisierung veränderten im 19. Jahrhundert die Konfiguration, in der die Antisklavereibewegung bisher agiert hatte. Während die moralische Empörung über die Sklaverei um 1800 vor allem aus religiösen Quellen gespeist wurde und auf einer universalen Ethik beruhte, lässt sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine politische Verschiebung beobachten. Um 1900 beruhte die Legitimation der europäischen Politik auf dem Prinzip, als Retterin [Hervorhebung im Original] der Menschheit die Sklaverei zu beenden und damit die moralische Überlegenheit gegenüber dem Sklavenhandel zu demonstrieren. Dabei bereifen sich die Kolonialmächte auf abolitionistische Überzeugungen und machten aus der Bekämpfung der Sklaverei eine zivilisatorische [Hervorhebung im Original] Notwendigkeit, die ihr Recht auf Intervention und Ausplünderung des afrikanischen Kontinents rechtfertigte.“ (S. 101)
Die Rhetorik der Freiheit und der Befreiung, so lässt sich Wobbes Betrachtung zusammenfassen, hatte mit der Realität, in der es um imperiale Zugriffe und ökonomische Interessen geht, kaum etwas zu tun. Außerdem setzte sich im Zuge kapitalistischer Vergesellschaftung immer deutlicher die Erkenntnis durch, dass wirtschaftliche Ausbeutung durch formal ‚freie‘ Arbeit sogar effizienter verfolgt werden konnte (vgl. zur Unterscheidung von direkter und subjektloser Gewalt im Kapitalismus das ungeheuer interessante Werk Heide Gerstenbergers). Wobbe spricht daher auch von der „Abolition als Waffe der Imperialmächte“ (S. 101 f.). So wurde beispielsweise im ILO-Übereinkommen über Zwangs- und Pflichtarbeit von 1930 private Zwangsarbeit zwar verboten, „doch für öffentliche Zwecke[12] war sie weiterhin (für eine Übergangsperiode) erlaubt, sodass die Vielzahl kolonialer Projekte zur infrastrukturellen Erschließung fortgeführt werden konnten“ (S. 108).
Wie das konkret aussah, beschreibt Alexander Keese (Zwangsarbeit (zögerlich) beenden). Keese führt eine Reihe von Umständen an, die die Kolonialbeamten nutzten, um Zwangs- und Pflichtarbeit zu legitimieren. An erster Stelle nennt er das Element der „traditionellen Arbeit“, deren Abschaffung im lokalen Kontext seitens der Kolonialbeamten als Verstoß gegen „einheimische Bräuche“ umgedeutet wurde (S. 141). Auch „Notstandsituationen“ gehörten dazu. Eine solche wurde etwa während des Zweiten Weltkriegs für die gesamte Wirtschaft in den französischen und britischen Kolonialreichen im subsaharischen Afrika ausgerufen (S. 141 f.). Auch die Einführung spezifischer Gesetze, etwa des „Landstreicher“-Gesetzes, zielte nicht primär auf eine Bestrafung wegen Landstreicherei, sondern diente der Rekrutierung von Zwangsarbeitskräften. (Ähnliches gilt für ein Gesetz gegen Vertragsbruch.) Keese argumentiert, dass den Praktiken, mithilfe derer Kolonialbeamte versuchten, die Illegalisierung erzwungener Arbeit zu umgehen, eine Art „koloniales Denken“ zugrunde lag, das
„keine hochfliegende abgehobene Planung der europäischen Kolonialmächte in den Ministerien ihrer Hauptstädte oder andernorts weit entfernt von den Erfahrungen der kolonialen Untertanen [war], sondern das Ergebnis intensiver Aktivitäten vor Ort, bei denen die lokalen Erfahrungen und Interaktionen eine zentrale Rolle spielten – zusammen mit tief verwurzelten rassistischen Stereotypen“ (S. 137).
Keeses Verständnis, in dem koloniales Denken als konkrete Herrschaftspraxis vor Ort begreifbar wird, hat seinen Gegenpart in den an die Lebens- und Arbeitsverhältnisse angepassten (alltäglichen) Widerstandspraktiken. Diese stehen nicht im Mittelpunkt des Bandes, sind bei der Lektüre aber stets gegenwärtig. Das hat einerseits mit der Methodologie zu tun, denn die Autor:innen problematisieren die dichotome Unterscheidung zwischen ‚unfreier‘ und ‚freier‘ Arbeit anhand der Schilderung historischer Fälle. Sie ermöglichen den Leser:innen am Material nachzuvollziehen, was Sich-Widersetzen alles bedeuten kann. So beschreibt Marie Rodet widerständige Verhaltensweisen, die nicht konfrontativ gegen die Herrschenden gerichtet waren. Eine dieser „diskreten, lautlosen“ Praktiken bestand beispielsweise im Fortgehen. Zwangsarbeitskräfte (manchmal sogar ganze Dörfer) verließen eine Gegend und siedelten in benachbarte Kolonien über (S. 126). Zum anderen hat das mit der den Band strukturierenden Soziologie Pattersons zu tun, die auch Raum für das lässt, was Max Weber unter dem Minimum an Gehorchen-Wollen oder Motiven von Fügsamkeit fasst. Auch Erving Goffmans interaktionistisches Konzept der sekundären Anpassung kommt einem in den Sinn. Es geht um Praktiken, die das Leben unter Herrschaft erträglicher machen; Praktiken, die nicht direkt gegen die Herrschenden gerichtet sein müssen, aber dennoch die eigenen Handlungsspielräume vergrößern; um Praktiken schließlich, die gegen Menschen gerichtet sein können, die eine vergleichbare soziale Position wie man selbst innehaben. Herrschaft bezieht die Beherrschten in den Herrschaftsapparat ein (siehe hierzu im Band Rodet, S. 128 ff.; Keese, S. 156 ff.). Hinsichtlich der Frage nach Formen von Widerständigkeit bietet der Band eine Reihe von Anschlussmöglichkeiten.
Während ich die dichten, deskriptiven Fallschilderungen mit großem Interesse gelesen habe, störten mich manche der theoretisierenden und bilanzierenden Abschnitte und auch einige Begrifflichkeiten (etwa der herrschaftssoziologisch-unentschlossene Begriff der „Verstrickung“). Gerade in einem Band, der die Brutalität und Absurdität menschengemachter Verhältnisse mittels unterschiedlicher Quellen eindrücklich vor Augen führt, verunklaren Formulierungen wie etwa „in einen historisch informierten sowie theoretisch reflektierten Rahmen stellen (S. 22)“ oder „Methodisch gesprochen besteht die Herausforderung für die vergleichende und historisch-soziologische Forschung darin, sich davon zu verabschieden, Wandel und Kontinuität einander gegenüberzustellen (S. 196)“ die Gegenstände, die betrachtet werden, die Fragen, die gestellt werden, die Erkenntnisse, die gewonnen werden. Diese Kritik betrifft aber nicht nur den besprochenen Band, immer öfter passt eine wissenschaftlich-verdinglichte Sprache nicht zu den Lebenswirklichkeiten, die sie zu bezeichnen versucht.
Der Band Sklaverei, Freiheit und Arbeit vermittelt den Leser:innen ein differenziertes Bild von ‚freien‘ und ‚unfreien‘, von erzwungenen, verpflichtenden und gewaltsamen Arbeitsformen und -verhältnissen im 19. und 20. Jahrhundert. Die Stärke des Bands liegt in der Konzeption. Mit Patterson zu denken, zahlt sich ebenso aus, wie die Entscheidung, Begriffsarbeit ausgehend von einer globalen Arbeitsgeschichte und mithilfe detaillierter Fallbeschreibungen zu leisten. Der Band sensibilisiert dafür, dass (Zwangs-)Arbeitsverhältnisse nicht nur ökonomische oder rechtliche Verhältnisse sind, sondern auch soziale, die gesellschaftliche Herrschaftsordnungen im Alltagshandeln (re-)produzieren und zementieren. Und diese manchmal unterlaufen können.
Fußnoten
- Der Text wurde zuerst veröffentlicht in: Winfried Schmitz (Hg.), „Die Sklaverei setzen wir mit dem Tod gleich“ – Sklaven in globalhistorischer Perspektive. Beiträge der Tagung vom 14. Januar 2016 in der Akademie der Wissenschaften und Literatur, Mainz, Stuttgart, S. 67–104 (übers. v. Imogen Herrad), Stuttgart 2017.
- Eine englischsprachige Version wurde zuerst veröffentlich unter dem Titel: Reflections on Public Slavery and Social Death, in: Bulletin of the Institute of Classical Studies 64 (2021), 2, S. 92–104.
- Ein englischsprachiger Text wurde zuerst veröffentlich unter dem Titel: Forced Labor, Resistance, and Masculinities in Kayes, French Sudan, 1919–1946, in: International Labor and Working-Class History 86 (2014), S. 107–123.
- Eine längere englischsprachige Version wurde zuerst veröffentlich unter dem Titel: Slow Abolition within the Colonial Mind: British and French debates about “vagrancy”, “African laziness”, and forced labour in West Central and South Central Africa, 1945–1965, in: International Review of Social History 59 (2014), 3, S. 377–407.
- Eine englischsprachige Version wurde zuerst veröffentlich unter dem Titel: Long-range Continuities in Comparative and Historical Sociology. The case of Parasitism and Women’s enslavement, in: Theory and Society 48 (2019), S. 883–902.
- Orlando Patterson, Slavery and social death. A comparative study, Cambridge 2018 [1982].
- Patterson, so schreiben die Herausgeber:innen in einer Fußnote, diskutiert „parasitäre Macht dahingehend, dass die Herrin oder der Herr – wie der Parasit – den eigenen Statusgewinn aus der Verweigerung der Ehre denen gegenüber zieht, die er durch Versklavung entwürdigt und als ein Surrogat seiner selbst. Hiermit machen sich Herrin und Herr selbst abhängig.“ (S. 19).
- Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, Tübingen 1992.
- Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, übers. von Traugott König, Hamburg 1969.
- Ein Autor, der in seinen Romanen (etwa in James und The Trees) von der Erbärmlichkeit der Herren kompromisslos erzählt, ist Percival Everett.
- Selbstverständlich galt das nicht für alle Sklaven und zu allen Zeiten.
- Vgl. hierzu die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V.: „Nicht darunter fallen jedoch laut Art. 2, Abs. 2 jede Arbeit der Militärdienst, übliche Bürgerpflichten, Arbeit im Strafvollzug, notwendige Arbeit in Fällen höherer Gewalt – wie Umweltkatastrophen und Arbeiten bzw. Dienstleistungen, die dem unmittelbaren Wohl der Gemeinschaft dienen.“ Online verfügbar unter: https://menschenrechte-durchsetzen.dgvn.de/menschenrechte/moderne-sklaverei-und-zwangsarbeit#ca8877 [10.03.2025].
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.
Kategorien: Arbeit / Industrie Geschichte Gewalt Körper Rassismus / Diskriminierung Wirtschaft
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