Veit Braun | Veranstaltungsbericht |

Aller Defizite zum Trotz

Bericht von der Jahreskonferenz des Sonderforschungsbereichs „Strukturwandel des Eigentums“ vom 4. bis 5. Oktober 2022 in Jena

Nach Jena zu reisen hat immer ein wenig von einer Pilgerfahrt. Tourist:innen steigen schon in Weimar aus dem Zug, die Gesellschaftswissenschaften zieht es weiter an die Saale. Seit nunmehr über zehn Jahren übt die Universität Jena eine ganz eigene Strahlkraft auf die deutschen Gesellschaftswissenschaften aus. Den Grundstein dafür hat vor allem das DFG-Kolleg „Postwachstumsgesellschaften“ (2011–2021) gelegt. Das Projekt war nicht nur Labor für eine kritische, aktivistische und öffentliche Sozialforschung, es hat vor allem auch zahlreiche Wissenschaftler:innen und noch deutlich mehr Studierende hervorgebracht, die den Jenaer Geist in alle Winkel der Republik getragen haben. Mögen in anderen Städten mehr ICEs halten, mögen andere Universitäten mehr Studierende und Gelder haben: In Jena wird unermüdlich und mit großem Erfolg daran gearbeitet, den Diskurs voranzubringen – und die deutschsprachigen Sozialwissenschaften verfolgen aufmerksam, was in der thüringischen Provinz vor sich geht.

Zahlreiche Gäste waren angereist, um der ersten Jahrestagung des SFB beizuwohnen, Foto: Veit Braun

Entsprechend groß war der Andrang bei der ersten Jahrestagung des SFB 294 „Strukturwandel des Eigentums“, die unter dem Titel „Contested Concepts of Property in Past and Present“ in Jena stattfand. Das im vergangenen Jahr gestartete Verbundprojekt, in vielerlei Hinsicht ein Nachfolger der ausgelaufenen „Postwachstumsgesellschaften“, ist der ambitionierte Versuch, Eigentum ins Zentrum wissenschaftlicher wie gesellschaftlicher Debatten zu rücken und der „Eigentumsvergessenheit“ der Sozialwissenschaften ein Ende zu setzen. In 23 Teilprojekten arbeiten über 100 Wissenschaftler:innen zu aktuellen und grundsätzlichen Fragen des Eigentums: vom Erbrecht über Eigentum an Körpern und genetischen Ressourcen bis hin zur Finanzialisierung des Wohnens. Fünf Universitäten – neben Jena sind es Erfurt, Oldenburg, Darmstadt und die HU Berlin – sind am SFB beteiligt, wobei der Friedrich-Schiller-Universität Jena als Heimat der drei Sprecher:innen Tilman Reitz, Hartmut Rosa und Silke van Dyk eine Schlüsselrolle zukommt. Erfurt und Jena teilen sich den Löwenanteil der Projekte, auf Oldenburg, Berlin und Darmstadt entfällt je ein Projekt. Der Verbund ist interdisziplinär konzipiert, gleichwohl sind disziplinäre Akzente unverkennbar, vor allem Soziologie in kapitalismuskritischer Tradition der „Postwachstumsgesellschaften“ in Jena, eher geschichts- und geisteswissenschaftliche Ansätze in Erfurt.

Von den Sozialwissenschaften sei Eigentum als Institution überwiegend als gegeben angesehen worden, so Rosa, der in seiner Eröffnungsansprache das Anliegen des SFB 294 unterstrich, der langen Vernachlässigung des Themas ein Ende zu bereiten. Kim Siebenhüner, Historikerin und Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der FSU Jena, eröffnete in ihrem anschließenden Grußwort einen interessanten Gegensatz zwischen Eigentum als anthropologischer Konstante und Universalie einerseits (zu allen Zeiten und in allen Teilen der Welt könne man eigentumsförmige Mensch-Ding-Verhältnisse finden) sowie Eigentum als Variable und Spezifikum andererseits (Geschichtswissenschaft und vergleichende Kulturwissenschaften zeigten die Wandelbarkeit und Situiertheit von Eigentumsverhältnissen). Wo sich die Tagung innerhalb dieses Spannungsfeldes verorten würde, darauf gaben bereits die einführenden Worte von Rosa wie auch von Tilo Wesche (Oldenburg) Hinweise: Aneignung durch die einen impliziere immer auch Enteignung der anderen (Rosa); die Annäherung an den Forschungsgegenstand erfolge vor allem über die Umstrittenheit der Institution Eigentum (Wesche). Der SFB geht dieser Umstrittenheit in drei Themengebieten nach: (1) im Spannungsdreieck privater, gemeinschaftlicher und öffentlicher Eigentümer:innenschaft, (2) in der umstrittenen Anwendung von Eigentum auf bestimmte Güter sowie (3) mit Blick auf den gesellschaftlichen Kontext von An- und Enteignung – klassische Jenaer Sozialwissenschaft also.

Die Schwierigkeit jedes Forschungsprojekts liegt zu Beginn vor allem darin, von der Programmatik der Antragsprosa auf empirisches Terrain zu gelangen. Forschungsergebnisse sind zu diesem Zeitpunkt nur wenige vorhanden, aber allen Beteiligten schwant bereits, dass sich die Dinge komplizierter darstellen, als im Projektantrag beschrieben. Nach dem öffentlichen Launch des Eigentums-SFBs im vergangenen Jahr erwarteten nun auch die nach Jena Gereisten nicht mehr nur Fragen und Programmatik, sondern Antworten und erste theoretische Ansätze. Die Veranstalter:innen begegneten dieser Aufgabe, indem sie den inhaltlichen Gehalt der Konferenz in erster Linie geladenen Gästen überließen, die sich in den letzten Jahren mit Beiträgen zum Eigentumsdiskurs verdient gemacht haben. Die Liste der Namen konnte sich durchaus sehen lassen: Von Katharina Pistor (New York) über Andreas Malm (Lund) bis hin zu Brenna Bhandar (London) war viel Prominenz vertreten. Die Mitglieder des SFBs – in diesem Jahr der Säule A mit dem Schwerpunkt „Historische und konzeptuelle Grundlagen“ – verlegten sich darauf, die gehaltenen Vorträge einzuordnen und zu kommentieren sowie anschließende Diskussionen zu moderieren.

Setzte Akzente: Hartmut Rosa bei seiner programmatischen Einführung, Foto: Veit Braun

Die programmatische Einführung durch Rosa und Wesche blieb denn auch die einzige Akzentsetzung dieser beiden Tage, die direkt aus dem Verbund kam. Wie gut das Tagungskonzept aufgehen würde, deutete sich bereits bei der Keynote von Dipesh Chakrabarty (Chicago) an. Chakrabarty war online zugeschaltet, weil er aus gesundheitlichen Gründen seine Teilnahme vor Ort kurzfristig hatte absagen müssen.[1] In seinem Vortrag widmete sich Chakrabarty dem Gegensatz von globalem und planetarischem Denken. Angesichts der aktuellen klimatischen, geografischen und geologischen Veränderungen auf der Welt plädierte er für eine Dezentrierung des Menschen, kritisierte das statische Verständnis der Moderne von der Erde als Globus und plädierte für Bewohnbarkeit statt Nachhaltigkeit als ökologischer Leitidee. Chakrabartys Ausführungen waren tiefgründig und aktuell, mit dem Fortschreiten der Keynote fragte man sich dennoch, wann der Bogen zum Eigentum geschlagen würde. „Ich bin freilich kein Eigentumsforscher“, räumte Chakrabarty ein, „ich erforsche die Moderne“, und man ahnte, dass der Vortrag nicht den Ton für den Rest der Tagung setzen würde. Lediglich gegen Ende und in der anschließenden Diskussion blitzte jeweils kurz das Argument auf, dass man die Erde – und damit auch Eigentumsobjekte – nicht als gegeben und beständig erachten dürfe. Aber selbst dieser Gedanke verlor sich nach der Keynote wieder.

Chakrabarty war nicht der einzige, der im Laufe der Tagung Mühe hatte, an das Thema des SFB anzuknüpfen. Aaron Sahr (Hamburg/Lüneburg) etwa trug seine Thesen zum „Pawnshop Capitalism“ (deutsch: Pfandleihhaus-Kapitalismus) nicht nur mit der ihm eigenen Mischung aus Anschaulichkeit und Understatement vor. Wie Chakrabarty entschuldigte auch er sich dafür, gerade kein Fachmann für das Thema Eigentum zu sein, und gab sich dennoch viel Mühe, aus seiner Forschung ein Argument zum Eigentum zu entwickeln: Geldschöpfung beruhe entgegen verbreiteter Annahmen nicht auf bei Banken hinterlegtem Vermögen, sondern werde von ihnen per Knopfdruck generiert. Eigentum bilde also gerade nicht die Basis der Geldwirtschaft, so Sahr, der das Gros der Geldwerttheorien damit widerlegt sah, und über Eigentum genau aus diesem Grund auch nur wenig sagen konnte. Womöglich hätte Philipp Staab, der zweite Referent des Panels, hier eine weitere Brücke schlagen können, wäre er nicht just am Vorabend erkrankt. Letztendlich hätten wohl beide Schwierigkeiten mit der ihnen angetragenen Aufgabe gehabt, gleichsam aus dem Stegreif eine Soziologie des Eigentums aus ihren Arbeiten zur Finanzialisierung und Digitalisierung zu generieren.

Im Lauf der Tagung entstand der Eindruck, dass andere Disziplinen, allen voran die Rechtswissenschaften, sich deutlich leichter damit tun, über Eigentum zu sprechen. Die vortragenden Jurist:innen, Rechtshistoriker:innen und -philosoph:innen konnten aus dem Vollen schöpfen, von Hohfeldt zu Locke und zurück zu Kelsen springen, während die Sozialwissenschaften, so schien es, sich erst noch sammeln müssen. Fast allen Vorträgen und Perspektiven war jedoch gemein, dass sie sich in erster Linie gegen das (Privat-)Eigentum in Stellung brachten – gegen Eigentum als historisches Faktum (Matthias Goldmann, Oestrich-Winkel), gegen Eigentum als Recht an der Sache (Christoph Menke, Frankfurt am Main), gegen Eigentum als Zuschreibung und Reduktion (Jennifer Morgan, New York), gegen Eigentum als Vektor von Ungleichheit (Stefan Gosepath, Berlin) sowie gegen Eigentum als herrschende Gesellschaftsordnung (Andreas Malm). Damit lagen sie auf einer Linie mit langjähriger Jenaer Tradition und konnten in normativer wie deskriptiver Hinsicht nur wenig Positives über Eigentum sagen. Die zeitweilige Verengung von Eigentum auf Vermögen und Kapital bot zwar Anschlüsse, verlor dafür aber schnell dessen kulturelle Dimension aus dem Blick, die in Diskussionen zum Postkolonialismus in den Vordergrund trat. Schwer tat sich die Tagung auch mit Siebenhüners Gegensatz des Universellen und des Spezifischen. Einerseits unterstellten viele Beiträge einen uniformen Kapitalismus oder ein globales Eigentumsregime; empirisch wurde aber in erster Linie auf deutsches und anglo-amerikanisches Recht Bezug genommen. Gleichzeitig schien immer wieder der Wunsch durch, dem Privateigentum bessere, sozial verträglichere Alternativen entgegenzustellen, was dieses aber weniger kontingent als hegemonial erscheinen ließ.

Die Blöcke der Tagung waren entweder als Einzelvorträge oder als Zweierpanels konzipiert. Gerade das letztere Format litt erheblich unter der teils geplanten, teils notgedrungen eingesetzten Videoschaltung vieler Vortragender, ging dabei doch viel Dynamik verloren. Vor allem die Koordination zwischen Vortragenden und Moderation gestaltete sich schwierig, so dass mehrere Vorträge das ihnen eingeräumte Zeitkontingent deutlich überzogen. Dieser Umstand ging zu Lasten der Diskussion mit dem Publikum sowie der Konferenzpausen, mitunter auch der Vortragenden.[2] Die einzigen, die den Widrigkeiten des Digitalen trotzten, waren Christoph Menke und Katharina Pistor: Die persönliche Chemie zwischen den beiden war auch über die Konferenzleinwand hinweg spürbar. Durchweg besser funktionierten diejenigen Panels, bei denen beide Gäste vor Ort waren. Das galt besonders für die Diskussion zwischen Stefan Gosepath und Thomas Gutmann (Münster), die beide virtuos und kurzweilig das deutsche Erbschaftsrecht zerlegten und sich im Anschluss versiert einer Reihe kluger und schwieriger Fragen stellten. Hier zeigte sich, wie gut das Format unter weniger widrigen Umständen funktionieren kann.

Und noch etwas wurde mit dem Duo Gutmann/Gosepath offenbar. Auch bei SFB-Jahrestagungen ist weniger manchmal mehr – ein lokaler, konkret sachbezogener und bescheidenerer thematischer Veranstaltungszuschnitt kann fruchtbarer sein als ein internationales Panorama. Gutmann und Gosepath kennen sowohl einander als auch ihren Forschungsgegenstand gut; sie haben sich vielleicht nicht mit weltweiten Bestsellern, dafür aber mit zahlreichen Fachartikeln profiliert; im Gegensatz zu manch anderem Vortrag hatten sie nicht den Anspruch, die Rolle des Eigentums in der Geschichte der Moderne oder im zeitgenössischen Kapitalismus zu erklären. Allerdings profitierten sie auch davon, dass die Keynote am Mittwoch entfiel und die Erbschaftsdiskussion entsprechend vorgezogen wurde: Anders als bei den Panels des Vortags lief damit keine andere Veranstaltung parallel. Am Dienstag hingegen hatte man sich stets entscheiden müssen, welchen der parallel gehaltenen Vorträge man hören wollte. Das wäre an sich nichts Ungewöhnliches oder gar Störendes gewesen, wären nicht just jene Panels parallel gelaufen, die sich dem gleichen Thema widmeten. Durch diese Planung verpasste nicht nur das Publikum die jeweils zeitgleich stattfindenden Debatten zu gleichen Fragen, sondern auch die Vortragenden selbst. So bedauerlich die vielen Absagen waren, so wohltuend entzerrten sie den zweiten Konferenztag.

Im Verlauf der beiden Konferenztage zeigten sich die Ambitionen des SFBs wie auch der Tagung – und wie viel sich davon realistisch umsetzen ließ. Das Anliegen, das eigene Thema über möglichst viele prominente Referent:innen sichtbar zu machen, kollidierte mit der straffen Zeitplanung ebenso wie mit den Schwierigkeiten der Logistik zwischen Jena, Chicago, Berlin und New York. Die zahlreichen Unterthemen und Teilprojekte machten viele Panels erforderlich, zwischen denen es mal leichter, mal schwerer fiel, Verbindungslinien zu ziehen. Das Ziel, eine möglichst globale Perspektive durch viele internationale Stimmen zu eröffnen, wurde durch deren Abwesenheit nach den Videoschalten konterkariert, wenn in den Konferenzpausen vorwiegend auf Deutsch diskutiert wurde. Der Wunsch nach theoretischem Tiefgang stand schließlich in Kontrast zum Anspruch öffentlicher und öffentlichkeitswirksamer Soziologie – entsprechend deutlich blieb auch der Bruch zwischen den beiden Veranstaltungsorten in der Jenaer Aula und dem Paradiescafé am anderen Ende der Innenstadt, den beiden Konferenzsprachen sowie den Zuschnitten der Hauptveranstaltung und der öffentlichen Abschlussdiskussion.

Bei der Abschlussdiskussion im Paradiescafé , Foto: Veit Braun

Die Abschlussveranstaltung im Paradiescafé zeigte die Herausforderungen der allgemeinen Thematik wie des konkreten Projektes noch einmal deutlich auf. Nicht weniger als sieben Gastredner:innen waren zur öffentlichen Podiumsdiskussion über die Vergesellschaftung von Energieversorgung und Wohnen geladen – wie van Dyk in ihrer Moderation freimütig zugab, hatte man sich nicht gegen eine:n von ihnen entscheiden wollen. So aber beanspruchte schon die Vorstellung der Gäste den Großteil des Abends und als nach knapper Podiumsdiskussion die Fragerunde für das Publikum geöffnet wurde, standen dafür offiziell noch zehn Minuten zur Verfügung. Van Dyk und ihre Co-Moderatorin Ute Tellmann (Darmstadt) vollbrachten das Kunststück, gerade einmal zehn Minuten zu überziehen, ohne dass sich das Gefühl einstellte, die Diskussion sei abgewürgt worden. Dass von den vielen interessanten Gästen einige ausführlich, andere dafür kaum zu Wort gekommen waren, war dennoch bedauerlich. Im Laufe der Podiumsdiskussion eröffneten sich sowohl die begrenzten Möglichkeiten als auch die ganze Komplexität kommunaler Infrastrukturpolitik, aber auch die Kluft zwischen ganz praktischen Fragen der Rechtsform, lokaler Besonder- und historischer Gegebenheiten einzelner Kommunen einerseits und den meist sehr akademischen oder verallgemeinernden Diskussionen der beiden Kongresstage. Nicht nur in zeitlicher Hinsicht lag die Tagung damit zwischen dem Bielefelder DGS-Kongress der Vorwoche und der anstehenden Vergesellschaftungskonferenz in Berlin, zu der viele Anwesende gleich weiterreisten: Jena scheint sowohl Theorielabor als auch aktivistische Werkstatt sein zu wollen. Gerade die Nähe zu den beiden größeren und klarer positionierten Konferenzen legte jedoch den Schluss nahe, dass sich beides womöglich leichter getrennt voneinander betreiben lässt.

Die erste Jahrestagung des SFB 294 zeichnete sich zum einen durch einige sehr weit gefasste, allgemeine Beiträge, zum anderen durch mehrere sehr spezielle Themen aus. Unter letzteren stach vor allem der Nexus des postkolonialen Eigentums – von der Restitution von Kulturerbe (Flower Manase, Dar es Salaam) bis hin zur Rekonstruktion von Biografien (Jennifer Morgan) – durch prominente und fundierte Vorträge hervor. Über beide Tage jedoch entstand gleichwohl weder ein umfassendes Bild von Eigentum noch von Strukturwandel, der im Verlauf der Tagung teils als historischer Bruch, teils als zu vollziehender Übergang zu Eigentumsalternativen interpretiert wurde: Zu eklektisch waren die Themen, zu losgelöst voneinander wurden sie diskutiert. Dass sich die Tagung über weite Strecken hinweg weniger für die Anatomie von Eigentum als für seine Kritik oder Gegenentwürfe interessierte, trug zur Schärfung des Begriffs nur wenig bei. Methodische Fragen wurden nur vereinzelt angeschnitten: zum Beispiel in Morgans und Goldmanns Überlegungen zur Unzulänglichkeit kolonialer Quellen oder in Lefeuvres Skizze zur soziologischen Beforschung von Vermieter:innen und ihren Motiven. Gerade so vermeintlich banale Aspekte machten aber deutlich, dass es mit der Diagnose der Umstrittenheit von Eigentum allein noch nicht getan ist. Es ist wohl nicht nur Amnesie, die die Sozialwissenschaften so lange das Eigentum hat vernachlässigen lassen: Auf der Tagung offenbarte sich Eigentum als ein weites Feld von Themen und Problemstellungen, für das es bislang weder eine übergreifende Erzählung noch eine Theorie gibt. Der Tagungskonsens über Eigentum als Problem hat aktuell sicher Konjunktur und dürfte auch in vielen Teilen der Öffentlichkeit einen Nerv treffen. Aber taugt er auch als Forschungsprogramm? Oder müsste man sich nicht der Frage stellen, die Rosa an Gutmann und Gosepath richtete, nachdem diese für die Abschaffung des Erbschaftsrechts plädiert hatten: Warum wünscht sich die Gesellschaft nach wie vor Eigentum, all seiner Defizite zum Trotz?

Diese Frage werden zukünftige Jahrestagungen des SFB 294 zu beantworten haben – mit anderen inhaltlichen Akzenten, wahrscheinlich in einem anderen Format und sicher mit mehr Beiträgen aus dem Projektverbund selbst. Dass dort interessante und vielversprechende empirische wie konzeptuelle Arbeit geleistet wird, war bereits in Bielefeld zu sehen; in Jena jedoch blieb es nur zu erahnen. Antworten und Impulse gab es hier, abgesehen von der postkolonialen Debatte, noch keine. Das hybride Format war auf Dauer ermüdend; der Ausfall so vieler Redner:innen enttäuschend, wenngleich nicht den Tagungsverantwortlichen anzulasten. Dass die Veranstaltung für viele der Angereisten dennoch ein Gewinn werden konnte, war vor allem den vielen Teilnehmenden (sowohl aus dem SFB als auch von externer Seite) zu verdanken, mit denen in den Pausen und nach den Konferenztagen so interessante wie aufschlussreiche Gespräche stattfanden. Mehr Raum für solche Begegnungen und Möglichkeiten des Austauschs wünscht man sich für die nächste Jahrestagung, zur Not auf Kosten der ein oder anderen Keynote. Schließlich sind es nicht große Namen, die in den letzten Jahren populäre Konzepte nach Jena getragen haben, sondern umgekehrt: Es sind der kritische Geist und kreative Ideen, die dort große Soziolog:innen hervorgebracht haben. Trotz aller Anlaufschwierigkeiten darf man zuversichtlich sein, dass das auch dem SFB 294 gelingen wird.

  1. Damit war er nicht allein; zahlreiche Referent:innen trugen entweder geplant beziehungsweise ungeplant per Zoom vor oder sahen sich gezwungen, gleich gänzlich abzusagen (Rahel Jaeggi, Berlin; Philipp Staab, Berlin; Stephan Lessenich, Frankfurt am Main).
  2. Malm etwa musste sich pünktlich aus der Videoschalte mit Robin Celikates (Berlin) verabschieden, weil sein nächster Termin anstand; immerhin stand Celikates noch über die geplante Dauer des Panels hinweg zur Verfügung.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Geld / Finanzen Kapitalismus / Postkapitalismus Kolonialismus / Postkolonialismus Recht Soziale Ungleichheit

Veit Braun

Veit Braun ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Interesse gilt den Verflechtungen von Wirtschaft, Wissenschaft und Recht.

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