Veit Braun, Vicky Kluzik | Essay | 25.09.2026
Beck to the Future
40 Jahre „Risikogesellschaft“ von Ulrich Beck
Mit dem Band 1365 der edition suhrkamp erschien am 25. September 1986 ein Buch, wie es die deutsche Soziologie bis dahin noch nicht gekannt hatte. Auf warmem Giftgrün kündete der Titel den „Weg in eine andere Moderne“ an; gleich auf der ersten Seite bemühte sich der Autor, dem Publikum begreiflich zu machen, wo es sich zum damaligen Zeitpunkt befand. Fast auf den Tag genau fünf Monate zuvor, am 26. April desselben Jahres, war es im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl zur Explosion eines Reaktorblocks gekommen. In direkter Folge starben rund 50 Menschen an Strahlenvergiftung, an den Neben- und Langzeitfolgen mehrere Tausend; die benachbarte Stadt Prypjat musste aufgegeben werden und weite Teile Ost- und Westeuropas wurden durch von Wind und Wetter verteilte Radioaktivität belastet.
Von all dem hatte Ulrich Beck bei der Niederschrift seines Manuskripts nichts wissen können. Das eigentliche Vorwort, fertiggestellt noch im April 1986 in Bamberg, spricht nur ganz allgemein über die Risiken moderner Technologie als eine von vielen Unsicherheiten, die die 1980er-Jahre kennzeichnen. Umso bemerkenswerter ist, dass sich in der Reaktorkatastrophe gleichsam eine Prophezeiung erfüllte, die Beck in seinem knapp 400 Seiten langen Essay skizzierte.[1] Und umso weniger verwunderlich, dass dieses Buch, Risikogesellschaft, zu einem Bestseller für Suhrkamp und einem Exportschlager für die deutsche Soziologie wurde: 25 Auflagen[2] und Übersetzungen in 35 Sprachen[3] sind bis heute erschienen. Kein anderes deutschsprachiges Werk des oft leicht verächtlich „Feuilletonsoziologie“, „Gegenwarts-“ oder „Zeitdiagnose“ genannten Genres hat es zu einem vergleichbaren Erfolg gebracht. Über zwei Jahrzehnte hinweg, von der Erstveröffentlichung bis zur Emeritierung Ulrich Becks und dem Ende des Sonderforschungsbereichs 536 „Reflexive Modernisierung“ im Jahr 2009, schien es für große Teile der deutschen Soziologie keinen Weg zu geben, der an den Thesen des Buchs und der darin vertretenen Theorie einer „Modernisierung der Moderne“ vorbeiführte.
40 Jahre nach Tschernobyl ist davon wenig zu spüren. Zwar gibt es in der Technik- und Umweltsoziologie nach wie vor vereinzelte Re-Lektüren und Verweise auf die Risikogesellschaft, zuletzt etwa in Ingolfur Blühdorns Unhaltbarkeit, das einen anderen „Weg in eine andere Moderne“ skizziert, oder Fossile Moderne von Andreas Folkers, das den Fokus von den Risiken zu den Residuen der Moderne verschiebt.[4] Von den Lehrplänen der meisten Soziologie-Studiengänge ist Becks Buch indessen verschwunden. Vielleicht auch, weil es um die Beck-Schule immer leiser wird: Ulrich Beck verstarb unerwartet im Januar 2015; seine Lebens- wie Arbeitspartnerin Elisabeth Beck-Gernsheim folgte ihm letztes Jahr nach langer Krankheit nach, kurz nachdem sie noch den DGS-Preis für ihr wissenschaftliches Lebenswerk erhalten hatte.[5] Man täte sich schwer, unter den Verbliebenen des Beck-Wirkungskreises und des SFB 536 ein gemeinsames Programm zu identifizieren – wüsste man nicht, dass sich ihre Arbeiten zu nicht unerheblichem Teil auch aus den Ideen speisen, die in Risikogesellschaft zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurden.
Wenn man aber dieses Buch heute, vier Jahrzehnte nach seinem Erscheinen, doch wieder aufschlägt, dann stutzt man unmittelbar über seine Aktualität. Von einer Flut an potenziellen Gefahrenstoffen, die die menschliche Gesundheit und den Fortbestand von Ökosystemen bedrohen, ist da die Rede; von der Überforderung von Beziehungen und Familien durch die Anforderungen moderner Karrieren; von normalisierter Arbeitslosigkeit im Verlauf von Mittelschichtsbiografien; von der Erosion wissenschaftlicher Expertise; von der Überforderung der Parlamente und der Entstehung von Graswurzelbewegungen, die Politik nicht länger an Parteien delegieren wollen. Selbst Homeoffice, bedingungsloses Grundeinkommen und Informationstechnologie sind schon Themen bei Beck – zu einer Zeit, als der Eiserne Vorhang noch quer durch Europa lief, der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl hieß und Telefonanschlüsse bei der Bundespost angemeldet werden mussten.
Vier Jahrzehnte trennen uns heute von der Risikogesellschaft, ebenso viele wie zwischen dem Erscheinen des Buchs und dem Ende des Zweiten Weltkriegs liegen. Und doch mutet seine Diagnose der eigenen Gegenwart erstaunlich zeitgemäß an. Was macht diese bis heute andauernde Aktualität aus? Und wie ist zugleich zu erklären, dass Becks Buch im Fach heute kaum noch rezipiert wird, sodass man selbst in der Soziologie nicht voraussetzen kann, dass sein Inhalt allgemein bekannt ist? Was war Risikogesellschaft – das Buch – und was ist die Risikogesellschaft – jene andere Moderne, die Beck prophezeit?[6]
I. Vom Ende der Moderne, wie wir sie kennen
„Alles Leid, alle Not, alle Gewalt, die Menschen Menschen zugefügt haben, kannte bisher die Kategorie der ‚anderen‘ – Juden, Schwarze, Frauen, Asylanten, Dissidenten, Kommunisten usw. Es gab Zäune, Lager, Stadtteile, Militärblöcke einerseits, andererseits die eigenen vier Wände – reale und symbolische Grenzen, hinter die die scheinbar Nichtbetroffenen sich zurückziehen konnten. Dies alles gibt es weiter und gibt es seit Tschernobyl nicht mehr. Es ist das Ende der ‚anderen‘, das Ende all unserer hochgezüchteten Distanzierungsmöglichkeiten, das mit atomarer Verseuchung erfahrbar geworden ist. Not läßt sich ausgrenzen, die Gefahren des Atomzeitalters nicht mehr. Darin liegt ihre neuartige kulturelle und politische Kraft. Ihre Gewalt ist die Gewalt der Gefahr, die alle Schutzzonen und Differenzierungen der Moderne aufhebt.“
Diese Zeilen bilden den Auftakt von Becks Risikogesellschaft. Die Krise, die Tschernobyl verkörpert, ist nicht einfach nur ein Versagen eines technologischen Apparats oder die Gefährdung der öffentlichen Gesundheit: Sie stellt die Kategorien des modernen Selbstverständnisses fundamental in Frage. Was auf den Seiten danach folgt, ist ein wilder Ritt durch die westdeutsche Gesellschaft der 1980er-Jahre. Vom Übergang von der Klassen- zur Risikogesellschaft, von ökologischer Entwertung und Enteignung (Kapitel I), über die Mitverantwortung und Ohnmacht von Wissenschaft und Technik in Umweltkrisen (Kapitel II), das allmähliche Verschwinden von Klassen und Schichten in der Sozialstruktur der BRD (Kapitel III), kriselnde Geschlechter- und enttraditionalisierte Familienverhältnisse (Kapitel IV), die Lösung des Individuums aus den traditionellen und seine Einbindung in neue Institutionen (Kapitel V), über die Entstandardisierung der Erwerbsarbeit (Kapitel VI), den Protest gegen Technokratie (Kapitel VII) bis zu einer politischen Theorie außerparlamentarischer „Subpolitik“ (Kapitel VIII) prescht Beck durch sämtliche Themen, die das Land wie die Soziologie damals beschäftigten.
Feuilletonsoziologie ist das schon deshalb, weil es die Themen am Küchentisch und in den Kommentarspalten der Tageszeitung ernst nimmt. Beck unterstellt, dass die Individuen sehr wohl wissen, was sie tun, und dass sie mit ihren Sensibilitäten auf die Veränderungen in ihrer Welt reagieren. Diese Parteinahme für die „einfachen Leute“, seien es verkrachte Mittelschichtspaare, umweltbewegte Grünen-Wähler:innen oder Gelegenheitsarbeitslose, zieht sich durch das ganze Buch, ohne dass Beck sie dabei romantisieren oder sich bei ihnen anbiedern würde. Soziologie heißt hier nicht, die Erfahrung der Subjekte wegzuerklären, sondern sie in einer Theorie ihrer Zeit zu kontextualisieren, verdichten und miteinander zu verbinden.
Zwei konzeptuelle Klammern halten dieses Potpourri von Themen und Thesen zusammen: der Begriff des Risikos in seiner ganzen Vieldeutigkeit und die „Zweite Moderne“, die von der Soziologie und der Gesellschaft verlangt, nochmal neu anzusetzen, um über den Prozess der Modernisierung nachzudenken. Risikogesellschaft greift ein diffuses Gefühl des Umbruchs und Zeitenwandels auf und gibt ihm einen Namen. Die Unsicherheiten des eigenen Lebenslaufs, die Unbestimmtheiten der gesellschaftlichen Entwicklung und die ungeahnten Folgen des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts werden von Beck in eine gemeinsame Linie gestellt. Sie sind die logischen Folgen des Modernisierungsprozesses, der nicht einfach Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Vollendung der klassischen Moderne einen Endpunkt erreicht, sondern weiter voranschreitet – mit Konsequenzen für das, was bis dahin als Errungenschaften dieses Prozesses galt: „Das Koordinatensystem, in dem das Leben und Denken in der industriellen Moderne befestigt ist – die Achsen von Familie und Beruf, der Glaube an Wissenschaft und Fortschritt –, gerät ins Wanken, und es entsteht ein neues Zwielicht von Chancen und Risiken – eben die Konturen der Risikogesellschaft.“ (S. 20) Der Umgang mit Unsicherheit wird so zur biografischen wie politischen Schlüsselqualifikation auserkoren.
Entsprechend der Breite seiner Themen speist sich Risikogesellschaft aus einer Vielzahl dessen, was gemeinhin „spezielle“ oder „Bindestrich-Soziologien“ genannt wird: politische Soziologie, Wissenssoziologie, Wissenschafts- und Techniksoziologie, Geschlechter- und Familiensoziologie, Arbeits- und Industriesoziologie, Umweltsoziologie, vor allem aber Becks eigentliches Fachgebiet, die Sozialstrukturanalyse. Ulrich Beck hatte bei Karl-Martin Bolte, dem Doyen der westdeutschen Sozialstrukturanalyse, promoviert und habilitiert; nach dessen Emeritierung 1992 folgte er ihm auf den Lehrstuhl 2 des Instituts für Soziologie der LMU München nach. Vieles von dem, was damals Sozialstrukturanalyse war, findet sich an heutigen Universitäten vor allem in der quantitativen Beforschung sozialer Ungleichheit. In den Hintergrund getreten sind gegenüber den 1980ern dagegen die gesellschaftstheoretischen Ansätze, die sich in Modellen wie der „Bolte-Zwiebel“ oder dem „Dahrendorfhäuschen“ visuell niederschlugen. Gesellschaft war für die Sozialstrukturanalyse der Nachkriegs-BRD kein abstrakter Gesamtzusammenhang; sie war etwas, das man befragen, vermessen und an die Wand werfen konnte.
Dass Mitte der 1980er bereits ein gehöriges Maß an Unordnung in die geregelten Verhältnisse dieser Häuser und Zwiebeln gekommen war, war Beck willkommener Anlass, modernisierungstheoretisch weiter auszuholen. Risikogesellschaft wird von der These getragen, dass die institutionellen Fundamente der Industriemoderne – seien es das Parlament, die Familie, die Wissenschaft, der Beruf, der Betrieb – im Zuge der Modernisierung selbst einem Wandel unterzogen werden. Die Vormoderne war gleichsam Reservoir für diese Institutionen, die sie liquidierten und vaporisierten. Als dieser Prozess weitgehend abgeschlossen war, begann sich der Modernisierungsprozess eine neue Aufgabe zu suchen, indem er seine eigenen Institutionen und Fixpunkte überholte.
Das, was die Menschen als Umbruch empfinden – die Verschiebung von alltagsweltlichen Bezugspunkten wie Paarbeziehung, Familie oder Arbeit – ergibt sich aus der Dynamik der Moderne, die nicht einfach beim Alten verharren kann. Die Demokratisierung macht nicht vor den Parlamenten halt, an die der Vorwurf mangelnder Demokratie herangetragen wird; die Feudalverhältnisse der Kleinfamilie und damit die Voraussetzung für die klassische Berufslaufbahn werden immer weiter abgebaut; Arbeitslosigkeit betrifft zunehmend alle, aber nicht mehr als Schicksal; Technisierung und Ökonomisierung unterlaufen die Prozesse der kollektiven Willensbildung, die vermeintliche Trennung von Natur und Gesellschaft bröckelt und wird vielmehr verklammert („Natur kann nicht mehr ohne Gesellschaft, Gesellschaft nicht mehr ohne Natur begriffen werden“, S. 107). „Reflexive Modernisierung“ nennt Beck diese Selbstverdauung der Moderne in Risikogesellschaft; und auch wenn er sieht, dass sie seine Zeitgenoss:innen vor allem verunsichert, so ist die andere Moderne aus dem Untertitel des Buchs für ihn auch eine Verheißung.
II. Skizzen, Konturen, Spekulationen
Mit „vollmundigen Formulierungen, waghalsigen Wortspielen und mutigen Metaphern“, so mussten Rezensenten anerkennen,[7] zeigt sich Beck in Risikogesellschaft dabei, diesen kollektiven Erfahrungen Namen und Bilder zu geben. Etwa den längst zum stehenden Begriff gewordenen „Fahrstuhl-Effekt“, der besagt, dass Unterschiede zwischen den Klassen im Zuge der allgemeinen Hebung des Wohlstands zwar nominell konstant bleiben, das allgemeine materielle Niveau aber wächst und Konsum auch für Milieus möglich wird, die zuvor keinen Zugang hatten. Entsprechend löst sich auch die materielle Bindung an solche Herkunftsmilieus immer weiter auf und weicht Diversifizierung und Individualisierung (S. 122). Oder die Vorstellung von Arbeitslosigkeit als U-Bahn, in die wir alle einmal einsteigen, aber in der wir unterschiedlich lange mitfahren: manche von uns nur ein paar Stationen, andere weiterhin von einer Endhaltestelle zur nächsten. Kein gemeinsames Klassenbewusstsein verbindet dieses Proletariat auf Zeit mehr (S. 147). Dagegen gleicht die Problembearbeitung von Umweltschäden für Beck „Verschiebebahnhöfen“, auf denen die Folgen der Chemieindustrie als Rückstände von Deponien ins Grundwasser, vom Grundwasser ins Gesundheitssystem, von den behandelten Symptomen zu den Nebenwirkungen der Medikamente wandern (S. 296).
Es ist die Leichtigkeit, mit der Risikogesellschaft solche griffigen Beschreibungen aus dem Hut zaubert, die dieses Buch auch heute noch zu einer so vergnüglichen Lektüre macht; es ist aber auch die Sorglosigkeit, mit der sie umgehend wieder fallen gelassen und nicht mehr aufgegriffen werden, die dem Buch den Vorwurf eingebracht hat, es mit der Theorie nicht übermäßig genau zu nehmen. Beck sah sich schon unmittelbar nach der Erstveröffentlichung unterschiedlich gelagerten innerdisziplinären Kritiken ausgesetzt. Der Soziologe Ditmar Brock (1991) hat Becks Risikogesellschaft unter dem Diktum des „Risiko[s] soziologischer Zuspitzung“ dahingehend kritisiert, dass die These des Epochenbruchs zwischen der Ersten und Zweiten Moderne überspitzt und nicht haltbar sei.[8] Die Geschlechterforscherin Ursula Beer (1992) brachte die feministische Kritik in Anschlag, dass Beck die geschlechtsspezifischen Dimensionen des gesellschaftlichen Wandels vernachlässige, indem er die ökonomischen Zusammenhänge von „Erwerbs- und Versorgungsarbeit“ nicht ausreichend beleuchte.[9] Und selbstverständlich gab es harsche Kritik am generalisierenden Impetus, die Demokratisierung von Unsicherheiten in allen Gesellschaftsbereichen zu identifizieren, konkret: Produktionsverhältnisse und Klassenlagen durch eine Analyse von Risikoverteilungen zu ersetzen. Wenige geflügelte Worte haben derart scharfen Widerspruch ausgelöst wie die These vom „demokratischen Smog“ (S. 48). Mit dieser saloppen Formulierung übergeht Beck, wie Kapitalkonzentration, globale Ausbeutungsverhältnisse und koloniale Kontinuitäten die Gegenwart kennzeichnen, um eine neue Art sozialer Probleme herauszustellen.
Die „Konturen der Risikogesellschaft“ (S. 14) abzustecken verspricht Beck in der Einleitung, und tatsächlich bleibt es in vielen Aspekten bei einer Skizze. Das betrifft vor allem den Risikobegriff, dessen Umrisse über das Buch hinweg vage bleiben, es bleibt gewissermaßen ein Spekulationsobjekt für ein „spekulatives Zeitalter“ (S. 17). Mal sind damit, wie in den Eingangs- und Schlusskapiteln, die ganz greifbaren gesundheitlichen und ökologischen Schäden der modernen Industrie gemeint. Dann wieder handelt es sich um Dinge, die die moderne Wissenschaft nicht ganz oder überhaupt nicht weiß; vor allem in der Sozialstrukturanalyse der mittleren Kapitel handelt es sich um individuelle, biografische Unsicherheit. Vielleicht ist es gerade das spekulative Moment, das nicht wenigen Gegenwartsdiagnosen innewohnt, das als Motor für dessen Popularisierung gelten kann.
Über diese Unschärfen hinaus hat der Risikobegriff ohne Zweifel einen großen Vorteil, nämlich die Ungewissheiten der neuen, Zweiten Moderne nicht als Überbleibsel eines unabgeschlossenen Modernisierungsprozesses zu begreifen, die im Laufe der Zeit verschwinden würden. Vielmehr ist es die Modernisierung selbst, die fortlaufend solche Ungewissheiten produziert: Modernisierungsrisiken sind für Beck ein „pauschales Produkt der industriellen Fortschrittsmaschinerie“ (S. 29), die eine „Risikovermehrungsbeiseitigungsindustrie und -politik“ (S. 75) auf den Plan gerufen hat. Das ist heute einerseits zum Allgemeinplatz geworden. Auch die Governmentality Studies, die Wissenschaftsforschung und die Neoliberalismuskritik haben sich etwa an Risiko und Unsicherheit abgearbeitet.[10] Dabei haben sie nicht selten deutlich sorgfältiger als Beck Risiko in Form von konkreten politischen Technologien, Rationalitäten und Sicherheitsdispositiven untersucht.[11] Aber wenige Autor:innen sind dabei in ihrer Haltung zu Risiken so weit gegangen wie Beck in Risikogesellschaft, der nicht davon ausgeht, dass sie sich wegmodernisieren lassen werden.
Risikogesellschaft liegt die Annahme zugrunde, dass die Moderne selbst weder ein Zustand noch eine Errungenschaft, Modernisierung selbst aber grundsätzlich etwas Wünschenswertes ist. Was sich für die Betroffenen als Bruch mit der Vergangenheit und Auflösung von Institutionen und Sicherheit darstellt, das ist für Beck letztendlich ein großer, positiv zu gestaltender Umbau. Das Gebäude der Moderne wird nicht abgerissen, es wird nur fortlaufend an die Bedürfnisse der Zeit angepasst, und zwar nach modernen Gesichtspunkten. Jeder institutionelle Pfeiler und jede tragende Struktur haben ihre eigene Halbwertszeit und müssen, wenn sie sich einmal überlebt haben, weichen oder eine andere Form annehmen. Welche Form das sein soll, ist nicht vorgezeichnet, aber es wird gewiss eine tragfähigere sein. Das ist kein linearer Fortschritt und auch keine Regression. Vielmehr ist es das dezidiert reflexive Moment, um das das Buch kreist: Die Moderne überholt sich gleichsam selbst.
Dabei stehen nicht nur Vergangenheit und Gegenwart in einem konstitutiven Verhältnis. Mit Becks Anspruch, „ein Stück empirisch orientierter, projektiver Gesellschaftstheorie – ohne alle methodischen Sicherungen“ (S. 13) zu schreiben, geht es ihm ebenfalls um die Verschränkungen und Faltungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Durch das gesamte Buch zieht sich eine große Sensibilität für die Zeitlichkeit der gesellschaftlichen Strukturen und Horizonte. In manchen Passagen kommt Risikogesellschaft einem historischen Materialismus nahe, in anderen umreißt das Buch eine soziologische Geschichtsphilosophie. Die Vergangenheit verliert die „Determinationskraft“ für die Gegenwart, da an ihre Stelle die Zukunft tritt, als „Nichtexistentes, Konstruiertes, Fiktives“ (S. 44). Die Zukunft erscheint hier nicht nur als temporaler Horizont, sondern wird selbst zum sozialen Konstrukt und Konfliktfeld. Sie wird fortlaufend produziert (durch Wissenschaft und Technologien), verteilt (ungleich, aber potenziell alle betreffend) und ist politisch gestaltbar (Subpolitik).
Es ist nicht überraschend, dass Risikogesellschaft mit dieser These so ein großer Erfolg werden konnte. Wo heutige Zeitdiagnosen von Polykrisen, Abstiegs- und Externalisierungsgesellschaft, Überwachungskapitalismus und regressiver Moderne sprechen, nimmt Beck sein Publikum in seinen Sorgen ernst, verkauft ihm aber ein soziologisches Versprechen: Es wartet trotz aller Ungewissheiten ein besseres Morgen auf uns. Paradigmatisch kann man es an der Umweltbewegung sehen, die für Beck gleichsam die Speerspitze der Reflexivierung von Politik und Wissenschaft ist (S. 263 ff.). Wem gefiele es nicht, das eigene Projekt als integralen Bestandteil der Geschichtsphilosophie beschrieben zu sehen?
III. Umweltsoziologie vor ihrer Zeit
Risikogesellschaft gilt heute gemeinsam mit Niklas Luhmanns Ökologische Kommunikation, das ebenfalls 1986 erschienen ist, gemeinhin als ein Gründungsdokument der deutschen Umweltsoziologie.[12] Dabei wird oft übersehen, dass die Institutionalisierung des Feldes – angefangen mit der Einrichtung der entsprechenden DGS-Sektion 1996, die von Beck maßgeblich mit vorangetrieben wurde – noch rund ein Jahrzehnt auf sich warten ließ.[13] Die Umweltsoziologie, die wir heute kennen, ist denn auch nicht unbedingt die, die in Risikogesellschaft vorgezeichnet wird. So stehen Diskurs-, Einstellungs- und Konsumforschung stärker im Vordergrund als bei Beck. Die Erforschung neuer sozialer Bewegungen findet sich heute in der Aktivismusforschung wieder, die kritische Stoßrichtung gegen Politik und Technokratie, die die Soziologie der 1980er- und 1990er-Jahre noch von der Umweltbewegung übernommen hatte, ist dabei ein Stück weit verloren gegangen.[14]
Der wichtigste Unterschied ist aber wahrscheinlich die Dominanz der Klimafrage. Sie überschattet heute all die materiell disparaten Umweltprobleme der 1980er-Jahre und dient sich als Gesamtzusammenhang ökologischer Probleme an. Tatsächlich ist in Risikogesellschaft von CO2 und Klimawandel noch keine Rede (das sollte Beck in späteren Arbeiten nachholen). Vielmehr ging es noch um viel lokalere und unmittelbarere Schäden, vor allem darum, wie sich diese in den menschlichen Körper einschreiben und die Natur „vor der Haustür“ transformieren:
„In der Gefährdung erfährt der Mensch, daß er atmet wie die Pflanze und vom Wasser lebt wie der Fisch im Wasser. Die Vergiftungsbedrohung läßt ihn fühlen, daß er mit seinem Körper teilhat an den Dingen – ein ‚Stoffwechselprozeß mit Bewußtsein und Moral‘ – und folglich mit den Steinen und Bäumen im sauren Regen erodieren kann. Es wird eine Gemeinsamkeit zwischen Erde, Pflanze, Tier und Mensch spürbar, eine ‚Solidarität der lebenden Dinge‘, die in der Bedrohung gleichermaßen jeden und alle(s) trifft.“ (S. 99)
Dass Beck noch vor dem Klimawandel schreiben konnte, ermöglichte ihm vielleicht ein soziologisches Verständnis von Umwelt und Ökologie, das heute von der Allgegenwart des symbolisch verallgemeinerten Kommunikationsmittels CO2 erschwert wird. Auch stehen Becks Überlegungen zur Ökologie in Risikogesellschaft nur in Teilen im Dienste einer allgemeineren Modernisierungstheorie. An vielen Stellen weisen sie deutlich über diese hinaus, etwa in Richtung heutiger posthumanistischer und neomaterialistischer Ansätze. Man meint bei der Lektüre zu erkennen, dass sich in Risikogesellschaft noch eine andere Umweltsoziologie verbirgt als die, die sich seitdem in Deutschland und anderswo etabliert hat: eine, die nicht scharf zwischen Diskurs und Materie differenziert, die bewusst von „Industrie“ statt von „Kapitalismus“ spricht und für die Umwelt anders als für Luhmann weder „Außen“ noch „Voraussetzung“ von Gesellschaft ist, sondern vielmehr eine ganz eigene, genuin soziologische Formulierung verlangt.
Eine solche Umweltsoziologie ist aber, wie so vieles, unvollendet geblieben, trotz der Mühen vor allem der Mitarbeiter:innen von Ulrich Beck, sie in den Jahrzehnten nach Risikogesellschaft auszubuchstabieren.[15] Ähnliches gilt für Becks Gedanken zur Subpolitik als verteilter, außerparlamentarischer Form demokratischer Partizipation sowie seine Vorstellungen von Gesellschaft als inhärent dynamisch. Erstere lassen auf eine soziologische Alternative etwa zu den Gouvernementalitätskonzepten von Michel Foucault hoffen, die heute den Kern soziologischer Machtanalyse und -kritik bilden. Die zahlreichen Ausführungen zur begrenzten Haltbarkeit der Fundamente der Moderne versprechen eine Theorie gesellschaftlicher Zeitlichkeit und Entwicklung, die sich nicht einfach in den Bahnen der funktionalen Differenzierung vollzieht, die Luhmann postuliert. Aber auch hier bleibt es in Risikogesellschaft bei der Skizze, beim intuitiven, aber vielleicht zu schnellen Strich, wo andere mühsam geübt und wiederholt oder sorgfältig konstruiert haben.
Daran vermochten weder Becks eigene Versuche der Nachschärfung – etwa in den Essaybändern Gegengifte und Reflexive Modernisierung (mit Anthony Giddens und Scott Lash) oder in den Nachfolgern Weltrisikogesellschaft und schließlich Die Metamorphose der Welt – noch kollektive Anstrengungen wie der Sonderforschungsbereich 536 fundamental etwas zu ändern.[16] Becks Begriffe blieben schillernd und an vielen Stellen vage und unvollständig; dass sie sich bis heute intuitiv verständlich und nicht etwa kryptisch lesen, weckt aber immer noch die Hoffnung, dass man ihnen mehr Kontur geben könnte.
IV. Der Sound eines neuen Genres: Risikogesellschaft und Nebenfolgen anderer Art
Vieles, was hier und anderswo über Risikogesellschaft geschrieben wurde, ließe sich auch über andere Bücher sagen, die seitdem erschienen sind und einen ähnlichen Anspruch haben. Wie der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch in seinem Buch Der lange Sommer der Theorie äußerst lesenswert aufgezeigt hat, steht die Suhrkamp-Kultur, insbesondere die regenbogenfarbige edition suhrkamp, emblematisch für das prägende intellektuelle Ökosystem des westdeutschen Nachkriegsdenkens.[17]
Was Felsch primär interessierte, war das Aufbrechen ebenjener linksintellektuellen Hegemonialkultur durch den Westberliner Merve-Verlag, der mit schmalen Paperbacks „gefährliche Denker“ wie Althusser, Foucault, Deleuze und Negri in den deutschen Theoriemarkt importierte und damit vor allem die Kritische Theorie der Frankfurter Schule gewissermaßen verdrängte. Jedoch könnte man auch einen anderen Epilog zu Felschs Kartierung des Wandels der materiellen Bedingungen und sozialen Praktiken des Theorielesens schreiben: einen, der nicht mehr nur theorieaffines Publikum in den Lesekreisen, auf den Theaterbühnen oder in den professoralen Büros bewegt, sondern vielmehr die „breite Öffentlichkeit“ als Zielgruppe wie Analyseobjekt adressiert. Und einen, in dem Suhrkamp & Co. sich und die Theorie noch einmal neu erfinden und Risikogesellschaft einen neuen öffentlichen Diskurs der Gesellschaft über sich selbst einläutet: Der lange Sommer der Theorie mündet in einen nicht enden wollenden Spätsommer der Zeitdiagnose.
Unter dem Banner zahlloser Bindestrich-Gesellschaften ist das Genre seit 1986 zu einem bedeutsamen Markt geworden – für die Verlage, für die interessierte Öffentlichkeit, aber auch für die Soziologie selbst.[18] Zwar reichen die wenigsten Werke kommerziell an den Erfolg von Risikogesellschaft heran, aber das hindert Autor:innen und Verlage nicht daran, jedes Jahr neue Leitbegriffe in den diskursiven Raum und die Verkaufsregale zu stellen, die in Zeiten der Verunsicherung Halt und Orientierung bieten sollen. Das Publikum scheint der Flut der Deutungsangebote ebenfalls nicht müde zu werden – zumindest erfreuen sich die Werke des Genres im Feuilleton wie in den universitären Kolloquien großer Resonanz. Gegenwartsdiagnosen, so hat Uwe Schimank festgestellt, leisten so einen zentralen Beitrag zur „‚soziologischen Aufklärung‘ der Gesellschaft über sich selbst“, die – in ausgesprochener Pluralität der Bezugspunkte und Perspektiven – „den Puls der Zeit zu fühlen“ vermag.[19]
Längst kann natürlich niemand mehr ernsthaft behaupten, noch einen Überblick über sämtliche Bindestrich-Gesellschaften zu haben, Reihenfolge und Richtung der vielfältigen ausgerufenen Modernen zu kennen oder ein Verzeichnis der Begriffe zu führen, die als Schlagworte die Jetztzeit mit all ihren Widersprüchen auf den Punkt bringen sollen. Schon die fünf zuletzt erschienenen Bücher dieser Art aufzuzählen, dürfte vielen Soziolog:innen schwerfallen. Vielmehr müssen, auch das ist eine Nebenfolge, diese Diagnosen regelmäßig von Dritten eingeordnet werden.[20] So wie die Industrie ihre Innovationen, halbfertigen Technologien und Nebenprodukte auf gut Glück in die Gesellschaft entlässt, tun dies vielleicht auch die Gesellschaftswissenschaften – auch wenn die Auswirkungen ein paar Größenordnungen kleiner ausfallen dürften.
Ganz unproblematisch ist es aber wohl trotzdem nicht, dass sich die Standortbestimmung des Fachs und der Gesellschaft so stark auf einen schnelllebigen Buchmarkt verlagert hat, der als Ort und Produzent einer Aufmerksamkeitsökonomie fungiert, die von wenigen (fast ausschließlich männlichen) Autor:innen und noch weniger Verlagen bespielt wird. Die mühsame, zeitintensive und undankbare Kleinarbeit der theoretischen und empirischen Nachlese bleibt dagegen, so hat man oft den Eindruck, anderen überlassen. Auch hier scheint sich die Geschichte von Risikogesellschaft zu wiederholen. Im Vergleich mit späteren Zeitdiagnosen war dem Buch aber zweifellos ein langes Leben beschert: Bei allen Leerstellen und Fragezeichen ist es doch die Latte für erfolgreiche öffentliche Sozialwissenschaft geblieben, an der sich andere gesellschaftsdiagnostische Werke bis heute messen müssen.
V. Auf dem Weg in eine andere Risikogesellschaft
Denn auch wir, die Leserinnen und Leser, finden uns nach wie vor in Becks Buch wieder. Obwohl wir heute zeitlich so weit von Risikogesellschaft entfernt sind wie Risikogesellschaft von seinem eigenen Bezugspunkt, der Bundesrepublik der Nachkriegsjahre, meinen wir doch, ähnliche Phänomene und Entwicklungen auszumachen. Erwerbsbiografien sind in der Zwischenzeit nicht linearer und vorhersehbarer geworden; Partnerschaft und Familie nicht einfacher; Lebensmodelle dafür diverser sowie Politik und Wissenschaft immer öffentlicher. Wer Becks Buch heute aufschlägt, wird sich über weite Strecken immer noch intuitiv verstanden und abgeholt fühlen – wird sich aber auch die Frage stellen, wie es sein kann, dass ein Werk, dem der Vorwurf des Präsentismus anhaftet, sich so seltsam zeitlos liest. Lediglich heute fremd anmutende Vokabeln wie „Massenarbeitslosigkeit“ und „Mikroelektronik“ erinnern stellenweise daran, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist.
Der Erfolg dieser Zeitdiagnose ist womöglich einem erzählerischen Effekt zu verdanken: Den Wirrnissen und Widersprüchlichkeiten der Gegenwart wird die Eindeutigkeit einer Vergangenheit entgegengesetzt, die bereits die Keime ihres eigenen Verfalls enthält. Je weiter wir fortschreiten, desto klarer meinen wir die Vergangenheit zu erkennen; je näher wir der Gegenwart kommen, desto verschwommener wird die Sicht. Das allein würde strenggenommen implizieren, dass es sich bei Becks Thesen ebenso wie unserer Zustimmung zu ihnen um Illusionen handelte. Weil wir in der Vergangenheit die Eindeutigkeit sehen wollen und in der Gegenwart die Verunsicherung, stimmen wir auch heute noch dem zu, was in Risikogesellschaft steht. Das macht zumindest Fran Osrecki in seiner Studie über Zeitdiagnosen als einen Kern dieses Genres – und damit auch von Becks Buch – aus.[21]
Ganz so einfach ist es aber wohl nicht. Wenn man die Beck’schen Begriffe aufgreifen möchte, besitzen sie immer noch Beschreibungs- und Erklärungskraft. Zwischen Tschernobyl und heute ist das globale Finanzsystem fast kollabiert, es ist noch einmal zu einem atomaren Störfall mit katastrophalen regionalen Auswirkungen und politischen Folgen über Ländergrenzen hinweg gekommen, ein neuartiges Virus hat die Welt völlig unvorbereitet überrannt und vielerorts zu einer Krise der Wissenschaft geführt. Und auch der Umbau von Institutionen wie Familie, Paarbeziehung, Arbeit und Öffentlichkeit scheint sich nicht einfach diffus zu vollziehen, sondern weitgehend in den Bahnen, die Beck bereits 1986 zeichnete. Dass Risikogesellschaft 1986 aktuell war, leuchtet ein. Aber wie lässt sich seine heutige Aktualität erklären?
Wenn man bei allem dort diagnostizierten Wandel an einem Kritikpunkt ansetzen müsste, dann wäre es wohl die Invariante, an der Beck über das Buch hinweg festhält: dass Modernisierung auch im Laufe der reflexiven oder Zweiten Moderne etwas Gutes ist, trotz aller Ambivalenzen und Gefahren reflexiver Modernisierung, die er gewiss anerkennt. Woher speist sich diese Zuversicht? Und was ist der Referenzpunkt für die Bewertung? Die Zweite Moderne, unterstellt Beck, löst die unvollendeten Versprechen der Ersten Moderne ein. Nun endlich werden auch die letzten Reste des Feudalismus im privaten Familienleben und in der öffentlichen Wahrheitsproduktion aufgelöst und umverteilt. Jetzt können sich auch Ehemänner und Expert:innen nicht mehr darauf berufen, dass es Ansprüche und Wahrheiten gibt, die nicht kontingent wären. Die neuen sozialen Bewegungen, die in den 1980er-Jahren auch zu einem Ausgangspunkt der keimenden deutschen Umweltsoziologie wurden, werden von Beck zu den Erfüllungsgehilfen einer reflexiven Modernisierung, die das zügellose, „nichtpolitische“ Handeln von Industrie, Wissenschaft und Technik aus den toten Winkeln der klassischen Politik zurück in eine erweiterte politische Sphäre holt.
Aber was in Risikogesellschaft noch eine „Demokratisierung der technisch-ökonomischen Entwicklung“ (S. 365) war, ist in der Zwischenzeit längst zu einer Maschinerie geworden, die durchaus aktiv selbst Risiken produziert und Zweifel sät, statt einfach nur auf die Exzesse anderer zu reagieren. Überall wimmelt es von vermeintlichen und tatsächlichen Nach- und Nebenfolgen, vom Mobilfunkmast zum Rechenzentrum, von der Zahnpasta zum Impfstoff, vom Kondensstreifen zum Windrad. Nebenfolgen sind auch nicht mehr nur diskursive Nebenfolgen, sondern materiell konstitutive Elemente einer „fossilen Moderne“, die von ihren fossilen Residuen heimgesucht wird.[22] Nach wie vor richtet sich ökologische Kritik gegen Exzesse von Kapital und Technologie, aber oft ist sie weder in der Lage, das eigentliche Problem zu identifizieren, noch vermag sie es, produktive oder differenzierte Lösungen jenseits von Verstaatlichung, Verbot und Verzicht zu formulieren. Wenn sich etwas im Zuge der Zweiten Moderne demokratisiert und verallgemeinert hat, dann offenbar vor allem das Misstrauen in schwächelnde Institutionen und bröckelnde Autoritäten. Ersatz, der neues Vertrauen stiften könnte, scheint aber bislang nicht in Sicht zu sein.
VI. Die Risikogesellschaft ist tot, lang lebe die Risikogesellschaft
Was also bleibt von vier Jahrzehnten Risikogesellschaft? Eine unklare Standortbestimmung. Ein ambitioniertes, aber unvollendetes Forschungsprogramm. Ein Klassiker eines erfolgreichen und ambivalenten Genres. Ein Blick in eine Zeit, die fremd und vertraut zugleich scheint. Vieles hat sich seit 1986 geändert, vieles ist gleich geblieben. Die Vergangenheit scheint uns heute in etwa gleich weit entfernt wie damals, gerade noch am Rand des kollektiven Gedächtnisses. Man sollte meinen, die Beck’schen Thesen ließen sich mit vier Jahrzehnten Abstand leichter bestätigen oder verwerfen als zum Zeitpunkt ihres Erscheinens. Aber bis heute haben sie sich einen gewissen Zauber bewahrt. Bei der Re-Lektüre von Risikogesellschaft wird man das Gefühl nicht los, dass Beck hier etwas auf der Spur war, das auch er selbst vielleicht nur vage ahnte. An vielen Stellen des Buches treten die Konturen dieser Theorie so klar zutage, dass man sich kurz davor wähnt, sie greifen zu können – nur um umgehend wieder im Zwielicht der Chancen und Risiken zu verschwinden.
Sollte die Soziologie sich an dieses Buch erinnern? Und wenn ja, sollte sie das öfter als alle zehn Jahre und fundierter als in ein paar aus dem Kontext gegriffenen Beck-Zitaten tun? Dass Risikogesellschaft immer noch genug Reibungsfläche bietet, zeigen all die Werke der jüngeren Zeit, die sich von ihm auf die eine oder andere Art und Weise abzugrenzen versuchen, indem sie stets neue Modernen, Gesellschaften und Reflexivitätsverhältnisse ausrufen. Aber dabei kommen sie weder um die Inhalte noch um die Form von Risikogesellschaft herum. Stets geht es um Brüche, Unsicherheiten, Verschiebungen, schwindende Institutionen, alte und neue Widersprüche. Das deutsche Genre der Zeitdiagnose ist charakterisiert durch eine lange Liste an Fußnoten zu Ulrich Beck.
Man kann Beck vorwerfen, dass seine Risikogesellschaft eine Bauruine geblieben ist; man kann auch freimütig die schönsten Steine aus ihr brechen und für die eigenen Zwecke verwenden. Risikogesellschaft hat uns vielleicht kein bleibendes theoretisches oder empirisches Programm hinterlassen, wohl aber große Fragen, mit denen wir uns bis heute auf die eine oder andere Art herumschlagen. Damit, sie zu stellen und zu beantworten, hat Beck den Versuch unternommen, die Soziologie seiner Zeit in der Gesellschaft seiner Zeit zu verankern. Es ging ihm nicht darum, eine zeitlose Theorie des Sozialen oder der Gesellschaft als Ganzer zu schreiben – aber anders als viele nach ihm zielte er auch nicht auf eine bloße Momentaufnahme, die am folgenden Tag schon wieder überholt ist. Fertiggestellt wurde diese Soziologie nicht. Aber sollte Gesellschaftswissenschaft denn überhaupt ein abgeschlossenes Projekt sein?
Fußnoten
- Eilig wurde dem Vorwort denn auch noch die Präambel „Aus gegebenem Anlass“ (Bamberg, Mai 1986) vorangestellt, in der Ulrich Beck sich durch das Reaktorunglück von Tschernobyl und seine Folgen bestätigt sah.
- Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986. Weitere Verweise auf das Buch sind als Seitenzahlen im Fließtext vermerkt.
- Volker Kronsbein, Soziologe Ulrich Beck ist tot, in: Spiegel Online, https://www.spiegel.de/kultur/literatur/ulrich-beck-soziologe-und-autor-von-risikogesellschaft-ist-tot-a-1011091.html (7.9.2026).
- Ingolfur Blühdorn, Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Berlin 2024; Andreas Folkers, Fossile Moderne. Eine Naturgeschichte der Gegenwart, Berlin 2026.
- Elisabeth Beck-Gernsheim forschte vor allem zu den Themenkomplexen Familie, Geschlechterverhältnisse, Individualisierung und Migration. Zu ihren zentralen Werken gehören Das halbierte Leben. Männerwelt Beruf – Frauenwelt Familie, Frankfurt am Main 1980; Was kommt nach der Familie? Einblicke in neue Lebensformen, München 1998; sowie gemeinsam mit Ulrich Beck u.a. Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt am Main 1990; Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Frankfurt am Main 1994.
- Wir bedanken uns bei Peter Wehling für seine kritischen und hilfreichen Kommentare zu einer früheren Fassung dieses Texts. Der Essay basiert auf einem Vortrag im Rahmen der von Hauke Dannemann und Dennis Eversberg organisierten Vortragsreihe „40 Jahre nach Tschernobyl: Quo vadis, deutsche Umweltsoziologie?“ aus dem November 2025.
- Ronald Hitzler / Frieder Otto Wolf, Literaturbesprechung zu: Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986, in: Das Argument 30 (1988), 172, S. 909–914, hier S. 909.
- Ditmar Brock, Die Risikogesellschaft und das Risiko soziologischer Zuspitzung, in: Zeitschrift für Soziologie 20 (1991), 1, S. 12–24.
- Ursula Beer, Das Geschlechterverhältnis in der „Risikogesellschaft“, in: Feministische Studien 10 (1992), 1, S. 99–105.
- Siehe z.B. François Ewald, Der Vorsorgestaat, Frankfurt am Main 1993; Mitchell Dean, Risk, calculable and incalculable, in: Soziale Welt 49 (1998), 1, S. 25–42; Paul Higgs, Risk, Governmentality and the Reconceptualization of Citizenship, in: Paul Higgs / Graham Scambler (Hg.), Modernity, Medicine and Health, London 1998, S. 177–198; Deborah Lupton, Risk and Governmentality, in: The Sociology of Risk and Gambling Reader, 2006, S. 85–99; Nikolas Rose / Pat O’Malley / Mariana Valverde, Governmentality, in: Annual Review of Law and Social Science 2 (2006), 1, S. 83–104; Sven Opitz, Zwischen Sicherheitsdispositiven und Securitization: Zur Analytik illiberaler Gouvernementalität, in: Patricia Purtschert / Katrin Meyer / Yves Winter (Hg.), Gouvernementalität und Sicherheit. Zeitdiagnostische Beiträge im Anschluss an Foucault, Bielefeld 2008, S. 202–228; Didier Bigo, Sicherheit und Immigration: Zu einer Kritik der Gouvernementalität des Unbehagens, in: Margarete Misselwitz / Klaus Schlichte (Hg.), Politik der Unentschiedenheit. Die internationale Politik und ihr Umgang mit Kriegsflüchtlingen, 2010, S. 39–75; Martijn Konings, Governing the System: Risk, Finance, and Neoliberal Reason, in: European Journal of International Relations 22 (2016), 2, S. 268–288.
- Die Genealogie des Risikos in den Gouvernementalitätsstudien unterscheidet sich vom Konzept der Risikogesellschaft primär dadurch, dass Erstere gesellschaftliche Risiken als Resultate konkreter Rationalitäten und politischer Technologien begreift, statt als unmittelbare Folge industriell-kapitalistischer Modernisierung, siehe Thomas Lemke, Neoliberalismus, Staat und Selbsttechnologien. Ein kritischer Überblick über die Governmentality Studies, in: Politische Vierteljahresschrift 41 (2000), 1, S. 31–47, hier S. 37. Zu einer ähnlichen Zurückhaltung bzw. Ablehnung gegenüber „grand narratives“ wie dem der Risikogesellschaft in der Wissenschafts- und Technikforschung siehe John Law, On Sociology and STS, in: The Sociological Review 56 (2008), 4, S. 623–649, hier S. 629.
- Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, Opladen 1986.
- Für einen informativen Überblick über die Relevanz der Risikogesellschaft insbesondere für die Umweltsoziologie siehe Jens O. Zinn, Zweite Moderne und Risikogesellschaft, in: Marco Sonnberger / Alena Bleicher / Matthias Groß (Hg.), Handbuch Umweltsoziologie, Wiesbaden 2024. Insbesondere der SFB 536 „Reflexive Modernisierung“ wurde Anfang der 2000er-Jahre zu einem wichtigen Forschungskontext der deutschen Umweltsoziologie, in dem die wichtigen theoretischen Impulse v.a. von der Wissenschaftsgeneration nach Beck ausgingen.
- Matthias Groß, Fruchtbare Gemengelagen: Die Umweltsoziologie mit epistemisch-methodischen Neuerungen auf wankendem ökologischem Boden, in: Soziologische Revue 49 (2026), 1, S. 3–24.
- Siehe u.a. Stefan Böschen, Risikogenese. Prozesse gesellschaftlicher Gefahrenwahrnehmung: FCKW, DDT, Dioxin und Ökologische Chemie, Wiesbaden 2000; Bernhard Gill, Streitfall Natur. Weltbilder in Technik- und Umweltkonflikten, Wiesbaden 2003; Reiner Keller, Müll. Die gesellschaftliche Konstruktion des Wertvollen. Die öffentliche Diskussion über Abfall in Deutschland und Frankreich, Wiesbaden 2009; Cordula Kropp, Natur. Soziologische Konzepte. Politische Konsequenzen, Wiesbaden 2002; Angelika Poferl, Die Kosmopolitik des Alltags, Berlin 2004; Peter Wehling, Im Schatten des Wissens? Perspektiven der Soziologie des Nichtwissens, Konstanz 2006.
- Siehe Ulrich Beck, Gegengifte, Frankfurt am Main 1988; Ulrich Beck / Anthony Giddens / Scott Lash, Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse, Frankfurt am Main 1996; Ulrich Beck, Weltrisikogesellschaft, Frankfurt am Main 2007; ders., Die Metamorphose der Welt, Frankfurt am Main 2016.
- Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960–1990, München 2015.
- Der Erfolg von Risikogesellschaft und Reflexive Modernisierung hatte Suhrkamp seinerzeit dazu bewegt, Ulrich Beck die Reihe „Edition Zweite Moderne“ herausgeben zu lassen, in der von 1997 bis 2002 17 Titel vor allem von Beck und seinen engsten Weggefährten erschienen, darunter auch Risikogesellschaft in Wiederauflage.
- Uwe Schimank, Soziologische Gegenwartsdiagnosen. Zur Einführung, in: Uwe Schimank / Ute Volkmann (Hg.), Soziologische Gegenwartsdiagnosen I. Eine Bestandsaufnahme, Opladen 2000, S. 9–22, hier S. 17.
- Für eine Übersicht über die seit 2000 erschienene Sekundärliteratur siehe Sina Farzin / Henning Laux, Einleitung, in: dies. (Hg.), Soziologische Gegenwartsdiagnosen 3, Wiesbaden 2023.
- Fran Osrecki, Die Diagnosegesellschaft. Zeitdiagnostik zwischen Soziologie und medialer Popularität, Bielefeld 2011, S. 192–266.
- Andreas Folkers, Fossile Moderne.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.
Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Gesellschaft Gesellschaftstheorie Moderne / Postmoderne Ökologie / Nachhaltigkeit Sozialer Wandel Wissenschaft Zeit / Zukunft
Empfehlungen
Wie geht die Spätmoderne mit Verlusten um?
Folge 27 des Mittelweg 36-Podcasts
Zeitenwende, einmal anders
Rezension zu „Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne“ von Ingolfur Blühdorn
„Beschreiben, was uns modern macht“
Drei Fragen zum Werk von Bruno Latour