René Aguigah | Interview |

Bücher als beständig abrufbare Referenz und Resonanzraum

Sieben Fragen an René Aguigah

Ohne die Lektüre welchen Buches wären Sie heute ein:e andere:r?

Der Wille zum Wissen von Michel Foucault – auf die Gefahr hin, dass diese Nennung auf manche so prätentiös oder vergilbt wirken mag, wie wenn ein westdeutscher Kulturredakteur der 1980er-Jahre auf die gleiche Frage Adornos Minima Moralia angegeben hätte. Zumindest fällt mir kein Buch ein, das häufiger in meinen Assoziationsketten auftauchen würde. Das gilt bis heute – zum Beispiel wenn ich auf der Suche nach einer Perspektive auf Rassismus bin, wie sie in den heutigen Debatten bisher keine direkte Rolle spielt; oder wenn ich mich frage, was es bedeutet, wenn Staaten ihre ganze Bevölkerung einer Impfung unterziehen, oder eben nicht.

Welches war die beste Buchempfehlung, die Sie je bekommen haben?

Zu meinen beruflichen Deformationen zählt, dass ich Buchempfehlungen schnell wieder vergesse; eine einzige fällt mir gerade ein: Sigrid Löffler lobte Joan Didions Das Jahr magischen Denkens überschwänglich, als sie ein Porträt der Autorin für die Zeitschrift Literaturen schrieb. Jahre später – zum Jahreswechsel 2021/22 – lese ich das Buch selbst und verschenke es, wie so viele vor mir, als Resonanzraum für einen schmerzhaften Verlust.

Mit dem:der Protagonist:in welchen Buches würden Sie gern tauschen?

Mit dem jungen John aus Go Tell It On The Mountain, James Baldwins erstem Roman, der kürzlich unter dem Titel Von dieser Welt neu übersetzt worden ist. Nicht dass ich mich nach Armut oder christlicher Frömmelei oder sexueller Orientierungslosigkeit sehnen würde, die Johns Leben prägen. Der Roman gibt dem heranwachsenden Helden etwas anderes mit, das mir begehrenswert scheint, nämlich eigentümlich intensiven Kontakt zu den Leben seiner Mutter, seines Vaters, seiner Tante. Was man von den eigenen Eltern oder Vorfahren nicht so genau wissen kann, gewinnt hier einen Hauch von Transparenz.

Ihr literarischer guilty pleasure?

Auch wenn ich mich damit weder guilty fühle noch originell: Harry Potter. Während der Nullerjahre, als meine Kinder teils zuhörend, teils lesend in die Potter-Welt eintauchten, war ich, bevor ich einen der sieben Bände in der Hand hielt, mit dem Merch-Universum in Kontakt gekommen, und das erzeugte Widerwillen. Was für ein Glück, dass meine Kinder nicht nur selbst eingesogen waren, sondern auch beharrlich daran arbeiteten, mich und andere mit in diese Welt hineinzuziehen. Unter den vielen Gründen, warum „Potter“ eine beständig abrufbare Referenz zwischen uns bleibt (darunter auch die heutigen Diskussionen über die Autorin J. K. Rowling), ragt einer heraus: Die Bücher führen immer wieder vor, wie mit dem Tod eines geliebten Menschen umgegangen wird.

Welches verliehene Buch hätten Sie gern zurück?

Kalkül und Leidenschaft, die Studie des Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl, mit der er sich habilitierte, die den Untertitel Poetik des ökonomischen Menschen trägt – und von der aus sich Linien zu Vogls jüngstem, gegenwartskritischem Buch ziehen lassen, Kapital und Ressentiment. Wenn ich diese Linien nur genauer ansehen könnte. Vielleicht liest das hier ja der Mensch, dem ich den Band vor Jahren geliehen habe.

Aus welchem Buch lesen Sie am liebsten vor?

Aus Henry James‘ Bildnis einer Dame, einfach weil ich damit eine Erfahrung verbinde, die ich nicht missen möchte, viele Stunden im Bett. Im Nachhinein, wenn man will, lässt sich die Lektüre auch intellektualisieren. Sie regt das Nachdenken über die Verhältnisse zwischen Europa und den USA ganz allgemein an – und bei mir im Augenblick auch den Blick auf Henry James’ Spuren im Werk James Baldwins, etwa auf die fein granulierte Art, kaum Sichtbares zwischen Menschen zu beschreiben.

Welches Buch hat Sie bei der Lektüre in Rage versetzt?

Noch ein Klassiker: Die Verdammten dieser Erde von Frantz Fanon. Wie man über die Kolonialmaschine, die Fanon hier anklagt, nicht wütend werden könnte, ist mir unbegreiflich. Interessanterweise regt der Text selbst natürlich auch zu Widerspruch an. Und erst recht gilt das für Teile seiner Rezeption, in der die Frage nach der Gewalt so viel anderes Wichtige aus diesem vor Erfahrung schier berstenden Buch unangemessen überstrahlt.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

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