Martina Löw | Interview |

„Nach der Lektüre dieses kleinen Taschenbuches waren wir Feministinnen geworden“

Sieben Fragen an Martina Löw

Ohne die Lektüre welchen Buches wären Sie heute ein:e andere:r?

Ich war vielleicht 17 Jahre alt. Meine Freundin Susanne gab mir ein Buch mit den Worten „Das musst Du lesen. Dorothee hat es auch schon gelesen.“ Es klang irgendwie ernst. Ich erinnere mich nicht, dass ich gefragt hätte, was das Buch so wichtig macht. Vielmehr hat sich die Situation mir als stille Übereinkunft eingeprägt. Ein leichtes Gefühl der Peinlichkeit lag in der Luft. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, gab ich es Renate. Und sie gab es der anderen Susanne. Wir waren fünf Freundinnen: Susanne, die andere Susanne, Dorothee, Renate und ich. Erst als alle das Buch gelesen hatten, fingen wir an darüber zu sprechen. Wir saßen in meinem Zimmer. „Mir ging es auch so wie der Frau in einem der Interviews“, sagte Dorothee. „Es ist nicht angenehm, mit meinem Freund zu schlafen.“ Das Eis war gebrochen. Wir redeten die ganze Nacht: über Gefühle von Überforderung beim Sex, über Schmerzen, über Enttäuschung. Eine der beiden Susannes war vergewaltigt worden. Sie hatte sich spät doch noch für ein Nein entschieden, das ihr Freund zu akzeptieren nicht bereit war.

Welches Buch wir gelesen hatten? Alice Schwarzers Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen. Die Taschenbuchausgabe. Schwarz-Rot mit hybridem Frauen-Männer-Zeichen. Der Inhalt? Schwarzers „Protokolle“ von Interviews. Im Anschluss der Leittext Die Funktion der Sexualität bei der Unterdrückung von Frauen. Nach der Lektüre dieses kleinen Taschenbuches und nach dem anschließenden Gespräch waren wir Feministinnen geworden. Wir besuchten die Veranstaltungen des lokalen Frauenzentrums, wir kauften unsere Bücher im Frauenbuchladen, wir diskutierten im Schulunterricht über Geschlechterverhältnisse.

Welches war die beste/schlechteste Buchempfehlung, die Sie je bekommen haben?

Arno Geiger, Der alte König in seinem Exil. Meine Mutter ist an Alzheimer erkrankt. Sie lebt noch zu Hause, betreut von einem Pfleger. Meine Geschwister und ich tragen die Verantwortung für sie. Es war ein guter Rat, das Buch von Arno Geiger über seinen an Demenz erkrankten Vater zu lesen. Es hat mir geholfen, die lustigen und klugen Seiten in jener Krankheit zu sehen, die ein Leben im Jetzt fordert. Im Jetzt und Jetzt und Jetzt und Jetzt. Es gibt weder Vergangenheit noch Zukunft. Man ist auch nicht verrückt, man ist in manchen Momenten sogar zu einer klaren Einschätzung der eigenen Lage fähig, aber man hat nur eben diesen Moment. Der nächste Moment ereignet sich ohne Bezug zum vorherigen und damit auch ohne die Möglichkeit, den nächsten Handlungsschritt zu planen. Es ist ein Ereignis ohne Zeit und Raum. Arno Geiger ist ein dichter Text über den an Demenz erkrankten Vater und die spezifische Eltern-Kind-Pflegekraft-Relation gelungen.

Ihr literarischer guilty pleasure?

Über die Zwillinge Hanni und Nanni, die im Mädcheninternat ihre Abenteuer erleben, habe ich Anfang der 1970er-Jahre fast alle damals auf Deutsch verfügbaren Bücher gelesen. Enid Blyton ist die Autorin. Lesen hieß, von vielen familiären Verpflichtungen befreit zu sein. Manchmal hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich mich in eine andere Welt träumte, weil man mich mehrfach rufen musste, bis die Stimme meiner Mutter in mein Bewusstsein drang. Heute fallen Hanni und Nanni mir deshalb als guilty pleasure ein, weil es so viele, so viel bessere Kinderbücher gibt.

Welches Buch konnten Sie nicht zu Ende lesen?

Das Kapital von Karl Marx. Das Leseprojekt begann im Karneval. In der Nähe von Köln aufgewachsen, zog ich zum Studium zunächst nach Marburg. Es war Ehrensache für eine sich als gesellschaftskritisch verstehende Studentin, nun – im ernsthaften Studium angekommen – die Teilhabe am Karneval zu verweigern. Warum den ganzen Tag auf der Straße stehen, frieren, zu viel trinken, Übergriffe abwehren, wenn man stattdessen lesen und diskutieren konnte? Ich verabredete mich mit meinem ehemaligen Deutschlehrer für die Karnevalstage, um die Thesen im Kapital zu besprechen. Wir lasen zur Vorbereitung ein gutes Drittel des Buches. Es hat Spaß gemacht, sich Marx gemeinsam zu nähern. Das Buch gefiel mir und ich besuchte später noch einen Lesekurs zum Kapital an der Uni. Aber irgendwie bin ich nie dazu gekommen, es wirklich zu Ende zu lesen. Ich hatte immer den Eindruck, auch so verstanden zu haben, was Marx uns sagen wollte.

Welches verliehene Buch hätten Sie gern zurück?

Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit von Peter L. Berger und Thomas Luckmann in der Ausgabe von 1972. Ein grauer Band, Hardcover, gelbe, grüne, hell- und mittelgraue sowie schwarze Schrift als schlichtes Coverdesign. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich das Buch selbst von einem Freund geliehen. Der hatte es im Studium einem Freund abgekauft, gelesen und ordentlich mit Filzstift (wie zuvor auch sein Freund mit Bleistift) die wichtigsten Passagen unterstrichen, Schlangenlinien unter Satzteile, Kreise, Pfeile und Fragezeichen an den Rand gemalt. In seiner Schrift stand dort „visionär“ oder „Kulturschock“. In der mir fremden Schrift las ich „Autonomie“ oder „keine totale Institutionalisierung“. Als ich mit dem Studium begann, gab er mir das Buch. Ich erinnere mich nicht mehr, was der Anlass war. Ich habe es im Studium durchgearbeitet und durfte auch meinerseits neue Markierungen setzen. Später habe ich es im Zuge meiner Arbeiten zur Eigenlogik der Städte erneut gelesen und dem Text einen vierten Layer an Anmerkungen, Ausrufezeichen und Unterstrichen hinzugefügt. Nun habe ich es weiter verliehen. Ich denke, es könnte gut ein Wanderbuch werden, das von einem Soziologiestudierenden zum nächsten zieht. Aber ich hänge an den Layern der Lektüre. Ich mag es, mich über die Unterstreichungen meines Freundes zu wundern, mich zu erinnern, was mich im Alter von 20 Jahren begeistert und was mich als junge Professorin interessiert hat. Ich hoffe, dass ich diese Ausgabe wiederbekomme.

Mit dem:der Protagonist:in welchen Buches würden Sie gern tauschen?

Oh je, das ist eine schwierige Frage. Ich würde gerne „Winnetou“ sagen oder „Josef“ als Stammesvater in der Version von Thomas Mann (Josef und seine Brüder). Aber offensichtlich hat sich die binäre Geschlechtermatrix derart tief in meine Subjektivitätskonstruktion eingeschrieben, dass es mir nicht gelingt, mich so mit einer männlichen Figur zu identifizieren, dass ich würde tauschen wollen. Und mit Heldinnen ist es so eine Sache. Die meisten sind unglücklich oder müssen sterben. Effi Briest, Emma Bovary, die Protagonistinnen von Marguerite Duras, Toni Morrison oder Chimamanda Ngozi Adichie. Heldenhafte, gerechte, kluge, schöne, glückliche Frauen, die am Ende nicht sterben müssen, scheinen selten zu sein. Ich habe kürzlich gelesen, dass die meisten immer noch Abitur machen, ohne je einen von einer Frau verfassten Roman in der Schule gelesen zu haben. Ich habe in meinem Freundeskreis gefragt, habe mit Studierenden geredet. Manche hatten Die Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff gelesen. Viele konnten sich an Bücher von Männern, aber nicht an Texte von Frauen erinnern. Keine Charlotte Brontë, keine Virginia Woolf, keine Bettina von Arnim, keine Christa Wolf, keine Toni Morrison, keine Herta Müller, keine Ingeborg Bachmann, keine Elfriede Jelinek.

Vielleicht wäre ich bereit, mit Father Damien in Die Wunder von Little No Horse von Louise Erdrich zu tauschen. Die Protagonistin lebt als katholischer Priester in einem Reservat für native americans. Attraktiv an ihrem Leben erscheint mir das Erleben verschiedener Wissens- und Weltdeutungssysteme, Gestaltungsfreiheit, Leidenschaft. Sie lebt ein an Büchern und zwischenmenschlichen Erfahrungen reiches Leben. Aber eigentlich will ich mit niemandem tauschen.

Aus welchem Buch zitieren Sie am häufigsten?

Vielleicht aus Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht, vielleicht aus Michel Foucaults Sexualität und Wahrheit? Wahrscheinlich aber zitiere ich am meisten aus den Büchern jener Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich eng zusammenarbeite: Hubert Knoblauch, Silke Steets, Gunter Weidenhaus, um nur einige Namen zu nennen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Bildung / Erziehung Kultur Medien Wissenschaft

Martina Löw

Martina Löw ist Professorin für Architektur- und Planungssoziologie an der TU Berlin und Sprecherin des Sonderforschungsbereichs 1265 „Re-Figuration von Räumen“. Aktuelle Veröffentlichung: Vom Raum aus die Stadt denken, Bielefeld 2018.

Alle Artikel