Oliver Römer | Nachruf | 28.09.2026
Der Intellektuelle als Hofnarr
Erinnerung an Manfred Lauermann (1947–2026)
„Das wissenschaftliche Feld hat Eintritts- und Austrittsregeln, es gibt Beherrschte und Herrschende, Alte und Junge, Könner und Nichtskönner. Die letzteren überwiegen bei weitem, was aber nichts für das Feld bedeutet, weil die Innovationen in der Regel von Außenseitern kommen.“
Manfred Lauermann[1]
Ideengeschichtliche Deutungen des Jahres 1968 tendieren inzwischen dazu, die Umbrüche dieser Zeit als eine Revolte des Lesens zu begreifen. Die vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) ausgehende neue Marx-Lektüre, damit verbundene grundlegende Veränderungen im Verlagswesen wie das Auftreten der Raubdruckbewegung und die massenhafte Durchsetzung des Taschenbuchformates sind zum Thema einer Rezeptionsgeschichte geworden, in deren Zentrum die intellektuelle Aneignung eines neuen Genres namens Theorie durch ein sich bildungsexpansiv vermehrendes universitäres Lesepublikum steht.[2] Weitgehend offen bleibt allerdings die Frage, wie wir uns die empirischen Leser:innen dieser Form von Theorieproduktion vorzustellen haben. Schon 1958 – also noch bevor die Offset-Druckmaschinen in Kommunen und westdeutschen Kinderläden sowie die Rotationsdruckmaschinen großer Publikumsverlage einen Massenmarkt mit vornehmlich linker Theorie versorgten –, fragte Hans Magnus Enzensberger, ob ein jeder Konsument verstiegener wissenschaftlich-theoretischer Literatur zugleich auch ein Leser sein könne. Manche Produktion, die die Branche in vier- bis fünfstelligen Auflagenzahlen zu Markte trage, sei bestenfalls für einer Handvoll erlesener Spezialisten intellektuell verdaulich.[3] Enzensbergers Verdacht, die Taschenbuch-Industrie habe zwar viele Käufer:innen vorgeblicher Bildungsgüter, aber nur wenige Leser:innen hervorgebracht, wird intuitiv auch durch die physiognomische Erscheinungsform mancher der antiquarischen Zweitverwertung überantworteten 68er-Bibliothek untermauert. Deren nicht selten überraschend unbeschädigte Taschenbuchrücken scheinen jedenfalls manches über das tatsächliche Leseverhalten ihrer einstigen Privat- oder Kollektiveigentümer zu verraten.
Wer über solche unsystematische Phänomenologie hinaus einen analytischen Zugriff auf diese Fragen gewinnen möchte, der sollte sich an einen kundigen Leser der ersten Stunde der westdeutschen Studentenbewegung wenden. Manfred Lauermann, Soziologe, Ideengeschichtler, Linksintellektueller, zuletzt Privatgelehrter und darüber hinaus immer auch teilnehmender Beobachter der westdeutschen Neuen Linken, hat bedeutende Teile seiner eigenen intellektuellen Produktion der Frage des Lesens gewidmet. Als Analyse von Lesefeldern bezeichnete er nicht selten jenen „methodologische[n] Vorsatz“[4], der seinen verstreuten und oft in Aufsatz- und Broschürenform platzierten Interventionen eine selten erreichte analytischer Schärfe verlieh.
Lauermann galt dabei vielen als ein kaum erreichter Rezipient vielfältiger disziplinärer Register, der die eigene Literaturproduktion klar dem Lesen und der Kenntnis noch so entlegener intellektueller Felder unterordnete. So unterschiedliche Autoren wie Marx, Weber, Luhmann, Althusser oder Carl Schmitt hatte er sich wie nur wenige andere Intellektuelle seiner Generation lesend erschlossen. Mit Spinoza, zu dem er viele Jahre intensiv arbeitete, war er bis ins lateinische Original vertraut. Seine enormen Kenntnisse machten ihn zu einem teils bewunderten, teils gefürchteten Teilnehmer linker Arbeitskreise und Kommissionen, philosophischer, politologischer und soziologischer Konferenzen. Seine Fähigkeit, halbgare Thesen, fehlgeleitete Zitate und hochstaplerische Argumente aufzuspießen, brachte arrivierte Spezialist:innen ins Schwitzen. Besonders beeindruckte außerdem seine Gabe der freien Vortragsrede, die sich – wie Lauermann stets einräumte –, dem Anspruch nach an seinem aus Leipzig nach Westdeutschland übergesiedelten „Lehrer“ Hans Mayer orientierte:
„1963/64 hörte ich in Hannover Hans Mayer über Hegel und Goethe; aufgewühlt wie nie lief ich nach Hause mit drei Eindrücken: 1. Mayer, das war das Niveau der DDR-Wissenschaft – von dem musst du alles lesen, was er veröffentlicht hat. 2. Wenn du Wissenschaftler werden würdest, möchtest du frei wie Mayer sprechen können – sein rhetorisches Können und sein Gedächtnis, bis heute ist beides mein Vorbild. 3. Philosophie ist Hegel, alles andere lohnt nicht die Mühe.“[5]
Diese frühe intellektuelle Prägung mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass Lauermann „das liebevolle Angebot meiner politischen Gegner in einem gewissen Maße an[nahm]“[6]: Seit den 1960er-Jahren schon ging er immer wieder „nach drüben“, durchkreuzte wie kaum ein anderer westdeutscher Intellektueller die Wissenschaftslandschaft der DDR. Im Gegensatz zu den meisten theoretischen Köpfen der Studentenbewegung blieb der Osten Deutschlands für ihn so kein abstrakter Gegenstand intellektueller Auseinandersetzung. Lauermann rezipierte geradezu obsessiv wissenschaftliche und philosophische Literatur der DDR und knüpfte vielfältige Diskussionsnetzwerke. Der nach 1989 vielfach geteilten, pauschalen Behauptung, die Abwicklung der DDR-Wissenschaften sei ihrem allzu geringen Niveau geschuldet, trat er als genauer Kenner der Szene entschieden entgegen.
Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang die freundschaftliche Beziehung zu Camilla Warnke und Peter Ruben, die am Zentralinstitut für Philosophie der Ostberliner Akademie der Wissenschaft tätig waren. Als Ruben im Zuge eines Parteiausschlussverfahrens die intellektuelle Isolation drohte, war es Lauermann, der 1981 unter dem Pseudonym Rudolf Sinz einen Raubdruck mit dessen Schriften publizierte.[7] Er trug so mit dazu bei, dass die Debatte um Ruben auch eine westdeutsche Diskussion wurde und blieb.[8] Vermittelt durch die Ereignisse des Jahres 1989 fand diese Beziehung eine intellektuelle Fortsetzung in der von Ruben mitinitiierten Zeitschrift Berliner Debatte Initial, für die Lauermann regelmäßig schrieb.
Das hier in den 1990er-Jahren begonnene Projekt einer Bilanz der DDR-Philosophie[9] fand seinerzeit vermutlich zu wenig Beachtung. Es hätte – inklusive der von Lauermann selbst zu dem Komplex verfassten Texte – ein Mosaikstein zu einer rationalen Aufarbeitung der einerseits mythisch verklärten, andererseits als Ausgeburt des Totalitarismus verdammten DDR-Realität werden können. Wer dieser Diskussion folgt, kann zu dem Schluss kommen, dass das Scheitern der DDR ebenso wie das unmittelbar mit ihr verknüpfte Schicksal ihrer Philosophie „zu den aufregendsten sozialtheoretischen Problemen der Gegenwart [gehört].“[10] Dass sich nämlich eine ganz Gesellschaft in den Kategorien eines Denkens selbstbeschreiben und wiederfinden sollte, das ausgehend von Moses Heß, Josef Dietzgen, Marx und Engels „die Herstellung des Gemeineigentums an den Produktionsmitteln für die Lösung der sozialen Frage hält“[11], dafür obendrein – anders als im Westen – lange Zeit auf eine universitär verankerte Soziologie verzichtete, ist ein ebenso bemerkenswerter wie in der zeitgenössischen Analyse ostdeutscher Mentalitätsbrüche nahezu vergessener Aspekt. Folgt man den Überlegungen von Ruben, Warnke, Lauermann und anderen zu diesem Komplex, so kann man womöglich bemerken, dass eine Analyse der DDR und ihres Fortlebens in der zeitgenössischen gesamtdeutschen Wirklichkeit entlang der in mentalitätsgeschichtlichen Analysen fixierten Axiome „System“ und „Alltagserfahrung“ mindestens unvollständig bleibt.[12] Gerade die Rolle, die eine in den Rang der Staatsdoktrin erhobene Philosophie für diese Gesellschaft spielte, könnte den soziologischen Blick für die ideologische Widersprüche und Auseinandersetzungen innerhalb der Staatsapparate schärfen. Als eine notwendig kommunistische und zugleich staatstragende Philosophie übernahm sie fraglos mittelbar repressive Funktionen, war in ihren besten Momenten jedoch auch in der Lage, Fragen an die Herrschenden zu stellen, denen diese sich nicht vollends entziehen konnten.
Für Lauermann, der in den 1990er-Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Karl Siegbert Rehberg in Dresden werden sollte, war die DDR obendrein ein notwendiges Kontrastmittel, um den Selbstmystifizierungen seiner Generation entgegenzutreten. In einem seiner vielleicht besten Texte analysiert er die DDR-Wissenschaften aus der Perspektive des westdeutschen SDS. Er durchkämmt die Leselisten der Studentenbewegung, gleicht diese mit der ihm bekannten Literaturlage ab und macht interessante Entdeckungen, die darauf schließen lassen, dass die „wilden Jahre“[13] des Lesens womöglich erheblich strukturierter und kanonisierter verliefen als von anderen Zeitzeugen rückblickend erinnert:
„Eine Beobachtung sei hier am Rande mitgeteilt. Ich kannte niemanden, der den Band 42 der Bücherei des Marxismus-Leninismus, besorgt vom Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut beim ZK der SED (den mit den vier Köpfen!), gekauft, gar studiert hätte und dem aufgefallen wäre, dass dieser den Anhang (‚Die Wertform‘) zur seltenen Erstauflage des Kapitals enthielt! (Karl Marx/Friedrich Engels, Kleine ökonomische Schriften. Berlin 1955). Kombiniert zudem mit dem Band Die heilige Familie (1953), in gleicher Aufmachung, hätte man vollständig die berühmten Pariser ökonomisch-philosophischen Manuskripte zur Verfügung gehabt, und zwar in der Druckvorlage der MEGA, Erste Abteilung, Bd. 3, Berlin 1932. Der Ergänzungsband. Erster Teil der MEW, erschien 1968, war somit gewissermaßen eine Morgengabe für den SDS, damit endlich die Landshut-Ausgabe bei Körner beerdigt werden konnte!“[14]
Trotz Lehrstuhlvertretungen und einer DAAD-Auslandsprofessur in Brasilien – für eine gefestigte akademische Stellung genügte dieses Wissen bereits an den Universitäten der nach-68er Phase nicht, zumal Lauermann sich in den Auseinandersetzungen seiner Zeit stets antizyklisch zu verhalten wusste. Als mit Marx nach 1968 die bürgerliche Soziologie beerdigt schien, entdeckte er Max Weber, griff schließlich in die aufkeimende Diskussion um das Werk von Carl Schmitt ein und arbeitete vermittelt über ein DFG-Forschungsprojekt zu Spinoza. Eine konsequenterweise in den 1990er-Jahren vollzogene Rückkehr zu Marx gipfelte in dem erneuerten Interesse an der historischen Entwicklung Chinas – und zwar schon lange bevor es als neue und vielleicht führende Weltmacht auch wieder auf den Agenden von Intellektuellen landen sollte.
Wie es um seine eigene Funktion im wissenschaftlichen Feld bestellt war, reflektierte Lauermann beiläufig in einem kleinen Beitrag, der sich mit „Außenseitern als Hofnarren im Wissenschaftssystem“[15] befasste. Die historische Figur des Hofnarren bildet das Kontrastmittel jener höfischen Gesellschaft, die die Herrschenden im Mittelalter um sich versammeln. Er ist
„weder Diener noch Ratgeber, weder Höfling noch Günstling, […] er nennt ihn [den König, Anm. O.R.] beim Vornamen, duzt ihn, unterbricht ihn ohne weiteres, kritisiert ihn und berät ihn, ahmt ihn nach, […] ohne sich je auch nur den kleinsten Verweis zuzuziehen. […] er hat das Recht, alles zu machen, alles zu sagen. Sogar, ja vor allem die Wahrheit, so beleidigend sie für seinen Herrn auch sein mag.“[16]
Bevor sich diese Figur vollends in einen Außenseiter verwandelt, wird sie zum „Hofpoeten […], dieser ist seinerseits im Nebenberuf oft Professor.“[17] Der Außenseiter in den modernen Wissenschaften hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass er in der Lage ist,
„die zunehmende Spezialisierung zu unterlaufen, […] die Macht- und Statusdifferentiale verschiedener Spezialdisziplinen mittels paradoxer Intervention zu verflüssigen […] gegen Ahnenverehrung und Glaubensgrundsätze hilft nur Spott […] wird das Zusammengehörigkeitsgefühl zu klebrig, muss das Lager gewechselt, Distanz gewonnen und Einsamkeitsfähigkeit […] antrainiert werden. Mein Vorbild seit 1968 darin: Arnold Gehlen.“[18]
Gegen Ende dieses soziologischen Selbstversuchs hält sein Autor beinahe resigniert fest:
„Diese soziologischen Figurationen von akademischen Außenseitern sind für die Nach-Humboldtsche Universität Fossilien – sie können einer heutigen Generation nur als Narren erscheinen.“[19]
Manfred Lauermann, um den es in den letzten Jahren still geworden war, ist am 5. Juni 2026 verstorben. Er hinterlässt nicht nur der Soziologie ein bemerkenswertes intellektuelles Erbe. Es wird sich zeigen, ob sie in der Lage sein wird, es anzutreten.
Fußnoten
- Manfred Lauermann, Sozialwissenschaften in der DDR aus Sicht des bundesdeutschen SDS (= Philosophische Gespräche 7), Berlin 2005, S. 27.
- Vgl. nur exemplarisch Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960-1990, München 2015; Helmuth Lethen, Suche nach dem Handorakel. Ein Bericht, Göttingen 2016; Ulrich Raulff, Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens, Stuttgart 2014.
- Hans Magnus Enzensberger, Bildung als Konsumgut. Analyse der Taschenbuchproduktion, in: ders., Einzelheiten, Teil 1, Bewußtseins-Industrie, Frankfurt am Main 1962, S. 134–166, hier S. 164.
- Lauermann, Die Sozialwissenschaften in der DDR, S. 11.
- Ebd., S. 24.
- Ebd., S. 8.
- Vgl. Peter Ruben, Gesammelte Schriften 1, hrsg. u. eingel. von Rudolf Sinz (=Manfred Lauermann), Aarhus 1981. Rudolf Sinz (1940–1976) war ein früh verstorbener Ökonom und Soziologe.
- Vgl. Camilla Warnke, Nicht mit dem Marxismus-Leninismus vereinbar! Der Ausschluß von Peter Rubens Philosophiekonzept aus der DDR-Philosophie 1980/1981, in: dies. / Peter Ruben, Zum philosophischen Denken in der DDR (= Peter Ruben: Gesammelte philosophische Schriften, Bd. 4, hrsg. von Ulrich Hedtke und Camilla Warnke), Berlin 2022, S. 294–330.
- Vgl. hierzu insbesondere Volker Gerhardt / Hans-Christoph Rauh (Hg.), Anfänge der DDR-Philosophie. Ansprüche, Ohnmacht, Scheitern, Berlin 2001; Hans-Christoph Rauh / Peter Ruben (Hg.), Denkversuche. DDR-Philosophie in den 60er Jahren, Berlin 2005; Hans-Christoph Rauh / Hans-Martin Gerlach (Hg.), Ausgänge. Zur DDR-Philosophie in den 70er und 80er Jahren, Berlin 2009.
- Peter Ruben, Vorwort, in: Manfred Lauermann, Sozialwissenschaften in der DDR, S. 5-7, hier S. 6.
- Ebd., S. 5.
- Vgl. hierzu Steffen Mau, Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Berlin 2020.
- Vgl. Raulff, Wiedersehen mit den Siebzigern.
- Lauermann, Sozialwissenschaften in der DDR, S. 17.
- Vgl. Manfred Lauermann, Außenseiter als Hofnarren im Wissenschaftssystem, in: Anne Honer / Michael Meuser / Michaela Pfadenhauer (Hg.), Fragile Sozialität. Inszenierungen, Sinnwelten, Existenzbastler, Wiesbaden 2010, S. 449–462.
- Maurice Lever, zit. n. ebd., S. 449
- Ebd.
- Ebd., S. 453.
- Ebd., S. 458 f.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.
Kategorien: Erinnerung Geschichte der Sozialwissenschaften Wissenschaft
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