Fabian Thunemann | Rezension |

Ein wesentlicher Schmierstoff der Geschichte

Rezension zu „Conspiracy Theories in Eastern Europe. Tropes and Trends“ von Anastasiya Astapova, Onoriu Colăcel, Corneliu Pintilescu, Tamás Scheibner (Hg.)

Anastasiya Astapova, Onoriu Colăcel, Corneliu Pintilescu, Tamás Scheibner (Hg.):
Conspiracy Theories in Eastern Europe . Tropes and Trends
Groß Britannien
London 2020: Routledge
310 S. , £ 120
ISBN 9780367344771

Erzählungen über Verschwörungen bleiben solange Theorien, bis sie mit Empirie angereichert und zur Geschichte erklärt werden können. Über eben diese Schwelle tobt seit jeher der Meinungskampf. Und gerade weil sich an ihr auch die Konturen wissenschaftlicher Erkenntnis eintrüben, sind Deutungen von Verschwörungen nicht einfach nur gewöhnliche Geschichten, sondern (im besten Fall) stets auch epistemologische Reflexionen. Einschlägig berichtet etwa Niccolò Machiavelli in seinen Discorsi von dieser Doppelbödigkeit. Als wirkmächtiger allerdings haben sich die Ausführungen von Karl Popper erwiesen, mit denen er den verbreiteten Kurzschluss, in den von Ereignissen Begünstigten auch ihre Verursacher zu sehen, als „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“ klassifizierte.[1] So plausibel Poppers Feststellung auf den ersten Blick erscheinen mag, so allgemein bleibt sie bei näherer Betrachtung. Denn sie setzt eine klare Grenze von Wahrheit und Lüge voraus, die sich im Falle von Verschwörungen und den sie begleitenden Theorien gerade nicht so leicht ausmachen lässt. Obgleich Ränkespiele, Palastrevolutionen, Attentate, im weitesten Sinne also Verschwörungen, wesentlicher Schmierstoff der Geschichte sind, tut sich die Geschichtswissenschaft mit diesem Thema verständlicherweise schwer, rüttelt es doch an den Grundfesten ihrer methodischen Kompetenz.

Der hier zu besprechende Sammelband gibt gleich in der Einleitung vor, all diese Fallstricke gut zu kennen, nur um dann doch mit vielen Beiträgen in die Falle zu tappen. In dem Band werden geradezu klassische Fälle, wie etwa die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl oder das anhaltende Gerede über eine angebliche Soros-Verschwörung, aufs Neue beleuchtet und durch Beiträge zu weniger bekannten Geschichten ergänzt, etwa über den vermeintlichen Einfluss der Freimaurer im post-sowjetischen Bulgarien oder zur Auswirkung stalinistischer Verschwörungsszenarien auf die kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien. Zusammengehalten werden die thematisch sehr weit gestreuten Ansätze, so verspricht es die Einleitung, vom Anspruch, die Forschung über Verschwörungen und Verschwörungsdenken durch den Blick in den europäischen Osten endlich zu ergänzen.

Wie diese Ergänzung zu verstehen ist, belegt etwa der Beitrag von Anastasiya Astapova über Verschwörungstheorien, die anlässlich der Katastrophe von Tschernobyl 1986 grassierten. Ihr Beitrag macht deutlich, dass – wohl gerade aufgrund der spärlichen Kenntnis einiger grober Fakten – die Explosion des vierten Reaktor-Blocks unverzüglich Spekulationen in Gang setzte und alsbald unterschiedlichste, ja konträre Theorien kursierten. Während sich die einen von CIA-Sabotage überzeugt zeigten, glaubten andere an eine Geheimoperation des KGB, der den Effekt von Atomstrahlung am lebenden Objekt zu überprüfen gedachte. Andere Theorien spielten mit nationalistischen Untertönen und knüpften an die wechselvolle Geschichte Weißrusslands oder der Ukraine an. Astapova stellt all diese Interpretationen vor und vermag ihre scheinbar plausible Binnenlogik herauszustreichen. Gleichwohl bleibt am Ende offen, was daraus für die historische Verortung solchen Verschwörungsdenkens folgt und an welchem Punkt die Rekonstruktion von Verschwörungstheorien zu Wissenschaft wird.

Ähnlich interessant, am Ende aber ebenfalls unentschieden, bleibt der Beitrag von Nebojša Blanuša über die Interpretationen, die sich rund um die Erzählungen über eine vermeintliche und tatsächliche Auflösung Jugoslawiens verbreitet haben und die nach wie vor im Umlauf sind. Blanuša zeichnet entscheidende Wegmarken der neueren jugoslawischen Geschichte nach – vom Zweiten Weltkrieg über den Tod Josip Broz Titos bis hin zum Zerfall Jugoslawiens seit den 1990er-Jahren –, um dann zu der etwas schlichten Einsicht zu kommen, dass „die Verschwörungstheorien hinsichtlich des Zerfalls Jugoslawiens von historischen Erfahrungen und der kollektiven Wahrnehmung innerer und äußerer Bedrohungen geprägt“ worden seien (S. 164). Auch hier bleibt also unklar, welcher Beitrag damit für übergeordnete Fragen erbracht ist. Entsprechendes lässt sich über den Beitrag von Olga Baysha zu den Berichten über die Tragödie von Odessa im Zuge der Ukraine-Krise des Jahres 2014 sagen, als sich Befürworter und Gegner des Euromaidan Straßenschlachten lieferten, die schließlich 48 Menschen das Leben kosteten.

Auch die weiteren Aufsätze sind für sich genommen nicht uninteressant, etwa der Beitrag von Corneliu Pintilescu und Attila Kustán Magyari über die vielfältigen Verschwörungsszenarien, die in Ungarn und Rumänien rund um die Person Soros gesponnen werden. Allerdings fällt auf, dass die Autoren vielfach auf die mit dem Thema geradezu notwendigerweise verknüpfte schiefe Bahn geraten und in letzter Konsequenz dichotomisch argumentieren – hier die historische Tatsache, dort die Verschwörungstheorie – und mögliche Verbindungslinien oder auch gemeinsame situative Rahmenbedingungen außer Acht lassen.

Dass aber schon die Frage nach den historischen Tatsachen eine veritable geschichtstheoretische Herausforderung darstellt, bleibt dabei unberücksichtigt. Dieses zunächst einmal ziemlich banale Problem entfaltet allerdings seine volle Schlagkraft, sobald es um Verschwörungstheorien und den Versuch geht, sich ihnen wissenschaftlich anzunähern. Denn genau auf dieser durch die epistemologische Unschärfe wissenschaftlicher Erkenntnis und Interpretation bedingten Unsicherheit können Verschwörungstheorien erst gedeihen. Deshalb ist es für diejenigen, die sich mit ihnen wissenschaftlich auseinandersetzen, gar nicht so leicht, sie einfach per se ins Reich der Phantasterei zu verweisen. Schließlich lässt sich die Prüfung der Fakten in Fällen, an denen sich Verschwörungstheorien zumeist entzünden, naturgemäß nicht einfach im Spaziergang bewerkstelligen.

Dass dieser Umstand in dem vorliegenden Band leider nicht ausreichend reflektiert wird, ist umso bedauerlicher, als er mit einem Beitrag von M.R.X. Dentith endet, einem Philosophen, der seit vielen Jahren zu dem Thema Verschwörungstheorien arbeitet und all diese Stolpersteine analytisch sauber herauspräpariert. Insgesamt ist der Band also nur für diejenigen von Interesse, die einen ersten Eindruck der Vielfalt von Verschwörungstheorien im östlichen Europa gewinnen möchten.

  1. Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band 2: Falsche Propheten: Hegel, Marx und ihre Folgen, München 1980, S. 181.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Florian Peters.

Kategorien: Demokratie Epistemologien Europa Politik Wissenschaft

Fabian Thunemann

Dr. Fabian Thunemann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2019 erschien von ihm „Verschwörungsdenken und Machtkalkül. Herrschaft in Russland, 1866-1953“.

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