Klaus Kraemer | Rezension |

Eine soziologische Diagnose am Rand ihrer eigenen Gewissheiten

Rezension zu „Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation“ von Sighard Neckel

Sighard Neckel:
Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation
Deutschland
München 2026: C.H. Beck
256 S., 20 EUR
ISBN 978-3-406-84627-4

Es gehört zu den paradoxen Signaturen der Gegenwart, dass wir über den Klimawandel heute fast schon mehr wissen als über nahezu jedes andere globale Phänomen – und zugleich weniger denn je darüber, wie gesellschaftliche Ordnungen beschaffen sein müssten, um die Folgen des Klimawandels bewältigen zu können. Die naturwissenschaftliche Klimaforschung hat gezeigt, dass die Erderwärmung nur durch den anthropogenen Treibhauseffekt erklärbar ist. Der Anstieg der globalen Mitteltemperatur ist belegt und die Verstärkung von Wetteranomalien in mittleren Breiten gut dokumentiert. Es ist nicht zu bestreiten, dass es sich beim Klimawandel um ein ernsthaftes Problem handelt. Dieses Wissen ist robust – und zugleich mit erheblichen Ungewissheiten behaftet, sobald Aussagen über den Klimawandel der Zukunft gemacht werden sollen. In jedem Falle ist es nicht deckungsgleich mit jener epistemischen Gewissheit, die Zukunftsszenarien und Katastrophendiagnosen suggerieren.[1]

Hier beginnt jene Zwischenzone von Wissen und Nichtwissen, die im öffentlichen Diskurs häufig eingeebnet wird, in der soziologischen Analyse jedoch eine zentrale Stellung einnehmen müsste. Diese Zone der Ungewissheit ist nicht bloß ein epistemischer Randbereich, sondern für moderne Gesellschaften konstitutiv. In unserer Zeit erscheint Zukunft kaum noch als offener Möglichkeitshorizont, sondern als existenzielle Bedrohung. Während die globalen Treibhausgasemissionen weiter ansteigen, bleiben durchgreifende Maßnahmen zum Schutz des Weltklimas aus. Jüngst hat Jens Beckert diesen Umstand mit der Metapher von der „verkauften Zukunft“ umschrieben.[2]

Vor diesem Hintergrund entfaltet Sighard Neckel in Katastrophenzeit eine Diagnose, die durch theoretische Schärfe und argumentative Klarheit beeindruckt, zugleich aber epistemische Setzungen übernimmt, deren Voraussetzungen zu wenig reflektiert werden. Seine These lautet, dass die ökologische Krise nur noch als umfassende Gefährdungslage zu begreifen ist, in der ökologische, ökonomische, politische und soziale Bedrohungen ineinandergreifen. Der Klimawandel erscheint als Motor einer „Katastrophenzeit“ – einer Epoche drohender Kipp-Punkte, wachsender Überforderung und zunehmender Destabilisierung der kapitalistischen Moderne.

Diese Diagnose besitzt unbestreitbare Überzeugungskraft. Sie verdichtet eine Entwicklung, in der ökologische Risiken, politische Spannungen und sozioökonomische Verwerfungen zunehmend ineinandergreifen. Neckel macht sie in Katastrophenzeit sogleich anschaulich. Er verweist auf die Nationale Klimarisiko-Einschätzung des deutschen Bundesnachrichtendienstes, der den Klimawandel als eine der größten sicherheitspolitischen Bedrohungen Deutschlands einstuft – gleichrangig mit geopolitischen Rivalitäten, Cyberangriffen und internationalem Terrorismus. Das ist mehr als ein rhetorischer Kniff. Neckel demonstriert, wie weit ökologische Krisenszenarien bereits die Routinen staatlicher Apparate prägen und wie selbstverständlich sie in sicherheitspolitische Bedrohungsanalysen integriert werden. Damit verweist er auf eine Transformation gesellschaftlicher Erwartungshorizonte, die direkt in das Zentrum staatlicher Zukunftsszenarien rücken.

Doch gerade mit dieser Verknüpfung von Klimaforschung, Risikoperzeption und gesellschaftlicher Zukunftsdeutung gerät eine epistemische Verschiebung aus dem Blick, die Neckel zwar konstatiert, aber nicht eingehender problematisiert: die Gleichsetzung von Klimaszenarien mit gesichertem Wissen. Die soziale Wirkmächtigkeit solcher Szenarien rührt nicht allein aus ihrer wissenschaftlichen Plausibilität, sondern aus ihrer performativen Kraft. Sie strukturieren politische Debatten, institutionelle Handlungslogiken und individuelle Praktiken – oft so, als handele es sich um Fakten, obwohl sie Szenarien sind. Damit reproduziert der gesellschaftliche Umgang mit Klimawissen jenes Muster, das für „postnormale Wissenschaft“ im Sinne von Silvio Funtowicz und Jerry Ravetz charakteristisch ist[3]: Wissensansprüche entstehen unter Bedingungen hoher Unsicherheit, hohem politischen Handlungsdruck und konkurrierenden Werturteilen. Die Grenzen zwischen empirischer Evidenz, Modellannahmen und normativen Setzungen verschwimmen. Diese epistemische Verschränkung wird bei Neckel nur punktuell sichtbar, obwohl sie für seine Diagnose zentral wäre. Hier liegt eine der großen Spannungen des Buches: Neckel ist sich der Unsicherheiten offenbar bewusst, operiert aber dennoch mit Argumenten, die als vorhersehbare Zukünfte auftreten.

Eindringlich zeigt Neckel auf, wie brüchig viele Deutungsangebote der öffentlichen Umwelt- und Nachhaltigkeitsdebatte geworden sind. Die Vorstellung, ökologische Nachhaltigkeit könne primär über individuelle Verhaltensänderungen erreicht werden, weist er als Fehlschluss zurück. Ebenso kritisiert er kollektivistische Diagnosen, die „die Menschheit“ insgesamt zum Subjekt ökologischer Zerstörung erklären – ein Zugriff, der Macht- und Ungleichheitsstrukturen ignoriert. Auch technologische Lösungsoptimismen erscheinen ihm als Modernisierungsillusion. Besonders scharf fällt seine Kritik am Konzept eines „grünen Kapitalismus“ aus, dessen normative Versprechen den ökologischen Degradationen kapitalistischer Produktionsweisen kaum gerecht werden.

Die in der Soziologie lange vernachlässigte Eigentumsfrage erhält in Neckels Analyse zurecht eine zentrale Rolle. Die Atmosphäre erscheint als Gemeingut, wird faktisch jedoch wie privates Eigentum behandelt: als exklusiv nutzbare Senke, die Staaten und Industrien als Emissionsdeponie dient. In dieser Perspektive wird die Atmosphäre zu einem privat nutzbaren Rentengut. Die ökologische Krise wird damit nicht nur als Folge des ökonomischen und soziotechnischen Wandels sichtbar, sondern als Ausdruck einer historisch sedimentierten Eigentumsordnung, die fossile private Nutzungsrechte privilegiert und über Jahrzehnte politisch-institutionell, aber auch kulturell stabilisiert worden ist.

Besonders aufschlussreich sind Neckels Ausführungen zur ökologischen Ungleichheit. Anhand beeindruckender empirischer Daten weist Neckel nach, dass die oberen zehn, fünf und insbesondere das oberste eine Prozent der Weltbevölkerung unverhältnismäßig stark zur Dynamik der globalen Emissionen beitragen. Der „Wille zur Yacht“ (S. 120) fungiert dabei als soziologischer Indikator jener Lebensstile, in denen Reichtum sich unmittelbar in ökologische Destruktion übersetzt. Den grenzenlosen Statuskonsum der Superreichen erklärt Neckel mit dem klassischen Argument Thorstein Veblens vom „demonstrativen Konsum“. Wer über große Vermögen verfügt, kann sich aus ökologischen Beschränkungen herauskaufen, neue distinktive Konsumnischen schaffen und seine Spuren externalisieren.

Neckels Stärke zeigt sich dort, wo er diese ökonomischen Ungleichheiten mit einer kultursoziologischen Perspektive verschränkt. Nachhaltigkeit wird nicht als überlegene moralische Haltung begriffen, sondern als soziale Praxis, in die Distinktionsgewinne, Lebensführungsstile und symbolische Statuskämpfe eingelassen sind. Konflikte um Ernährung, Mobilität oder Wohnformen erscheinen nicht als bloßer Streit über Werte, sondern als Auseinandersetzungen um soziale Positionierungen. Neckels Analyse macht deutlich, wie eng moralische Erwartungen und soziale Klassenlagen miteinander verschränkt sind. So wird „Nachhaltigkeit“ rasch zu einem Feld kultureller Grenzziehungen („Kragenlinie der Currywurst“, S. 138) – zu einem Terrain, auf dem Anerkennung und Abwertung, soziale Nähe und Distanz neu ausgehandelt werden.

Ebenso überzeugt Neckels Diagnose politischer Blockaden. Institutionelle Pfadabhängigkeiten, Verteilungsdilemmata und konfligierende Interessenlagen erschweren die sozial-ökologische Transformation in nahezu allen Sektoren. Eigentlich müsse eine sozial-ökologische Transformation parallel in Energie-, Verkehrs-, Industrie-, Finanz- und Infrastruktursystemen erfolgen. Zeitaufschub oder sektorale Schonräume könne es nicht geben; jeder Verzug verschiebe Belastungen allenfalls in andere Felder. Dieses Dilemma der Gleichzeitigkeit werde zusätzlich durch geopolitische, wirtschaftliche und soziale Krisen verschärft, welche politische Aufmerksamkeit binden und langfristige Planung erschweren.

Doch gerade an dieser analytisch dichten Stelle zeigt sich eine erste Leerstelle. Neckel problematisiert zwar die Komplexität paralleler Krisen, reflektiert jedoch kaum, wie sehr geopolitische Eskalationen selbst klimarelevante Dynamiken erzeugen. Die jüngsten Kriege – allen voran der russische Invasionskrieg in der Ukraine – verursachen nicht nur immense ökologische Schäden. Sie befeuern auch auf allen Seiten eine militärische Aufrüstung sondergleichen und verschieben politische Prioritäten von langfristiger Dekarbonisierung hin zu „Kriegstüchtigkeit“. Krieg fungiert als massiver Emissionstreiber und als infrastruktureller Zerstörer – und damit als ein Faktor, der jede global koordinierte Klimapolitik desavouiert. Eine Katastrophendiagnose, die die Militarisierung geopolitischer Konflikte ausklammert, bleibt zwangsläufig unvollständig.

Noch grundlegender ist die epistemische Frage, die Neckel nur streift: In welchem Verhältnis stehen empirische Beobachtungsdaten, Modellrechnungen und politisch-normative Szenarien? Die Klimaforschung gilt zu Recht als Paradefall „postnormaler Wissenschaft“, als ein Feld, in dem Unsicherheiten hoch, Zielsetzungen umstritten und politische Entscheidungen eng mit absoluten Wahrheitsansprüchen verwoben sind. Unter solchen Bedingungen gewinnen Szenarien eine epistemische Bedeutung, die über ihre wissenschaftliche Reichweite hinausgeht. Diese Konstellation wird im öffentlichen Diskurs häufig ignoriert: Modelle erscheinen dann allzu oft als Fakten, Szenarien als empirische Gewissheiten und Prognosen als alternativlose Handlungsimperative. Damit entsteht jene paradoxe Wissensordnung, in der Zukunft wie ein faktisches Objekt behandelt wird, obwohl sie stets ein hypothetisches, modelliertes und normativ aufgeladenes Konstrukt bleibt. Gegenwartsgesellschaften orientieren sich zunehmend an Zukunftsbildern, deren epistemischer Status unsicher ist, die aber wirklichkeitsmächtige Handlungen auslösen können. So entstehen Zukunftsgewissheiten, die politische Dringlichkeiten erzeugen und Gesellschaften auf bestimmte Pfade festlegen. Eine von Prognosen durchdrungene Gesellschaft handelt, als seien diese selbst empirische Tatbestände. Soziologie sollte diese Performativität nicht ignorieren.

Neckel benennt zwar einige Unsicherheiten, zieht daraus aber kaum methodologische Konsequenzen. Seine Katastrophendiagnose stützt sich auf eine epistemische Struktur, die es nahelegt, aus Szenarien Gewissheiten werden zu lassen. Eine Krisensoziologie müsste jedoch zwischen empirisch gesicherten Wissensbeständen, modellierten Wahrscheinlichkeiten und normativen Zukunftserwartungen unterscheiden. Andernfalls übernimmt sie jenen „Modellierungspositivismus“[4], den sie eigentlich kritisch zu reflektieren hätte. Hier scheinen Parallelen zu einer in „singulären Krisen“[5] populären soziologischen Diagnostik auf, die überdimensionierte Katastrophennarrative als quasifaktische Zukünfte behandelt.

Noch grundlegender stellt sich die Frage nach dem epistemischen Status jener Zukunftsbilder, auf denen die Diagnose beruht. Neckel übernimmt das Konzept „planetarer Grenzen“ als wissenschaftliche Referenzgröße, ohne die epistemischen Voraussetzungen dieses Ansatzes zu hinterfragen. Diese Grenzen sind keineswegs zwingend naturgegeben; sie werden modelliert, aggregiert, politisch definiert und moralisch normiert. Sie sind vor allem hybride Konstruktionen aus naturwissenschaftlichen Parametern, gesellschaftlichen Handlungskapazitäten und kulturellen Wertideen. Eine reflexive Soziologie sollte fragen, welche Annahmen in diese Grenzbestimmungen eingehen, welche Unsicherheiten sie enthalten und wie sie legitimiert werden. Jede Schwelle oder Grenzziehung enthält Momente der Kontingenz und eröffnet im gleichen Zug die Möglichkeit ihrer Überschreitung, Abschwächung oder Transformation.

Hier bietet die klassische Philosophische Anthropologie produktive Anschlussmöglichkeiten. Helmuth Plessners Konzept der „exzentrischen Positionalität“ hebt hervor, dass Menschen nie vollständig in den mutmaßlichen Grenzen ihrer Umwelt aufgehen; sie stehen zugleich innerhalb und außerhalb ihrer Bedingungen. Diese Doppelperspektive eröffnet die Fähigkeit zur Distanzierung, zur Konstruktion, zur Überschreitung und zur Neuordnung der Welt. Heinrich Popitz hat wiederum die „Uferlosigkeit“ des Handelns eindringlich beschrieben, die strukturelle Offenheit sozialer Ordnungen, die weder vorgegebene Gleichgewichtspunkte oder Kipp-Punkte kennen noch durch fixe Grenzen determiniert sind. Historisch haben Gesellschaften ökologische Belastungsgrenzen keineswegs nur überstrapaziert, sondern ebenso verschoben, sei es durch Innovationen, soziotechnologische Substitutionen, institutionelle Umbrüche oder durch neue Organisationsformen und kulturelle Praktiken.

Hieraus folgt nicht, ökologische Leitplanken als beliebig anzusehen; wohl aber, dass sie variiert, geformt und reinterpretiert werden können. Grenzen sind reale physische Parameter, aber sie sind zudem Koproduktionen. Eine Diagnostik der Katastrophenzeit, die dieses Zusammenspiel nicht berücksichtigt, gerät leicht in einen unabänderlichen Determinismus, der sowohl die mannigfaltigen Gefährdungen als auch die potenziellen Erweiterungskapazitäten moderner Gesellschaften unterschätzt.

Dieser Aspekt gewinnt zusätzliche Relevanz, wenn man den Blick auf die Dynamiken sozialer Verletzbarkeit in Zeiten des Klimawandels richtet. Ökologische Gefährdungen und soziale Vulnerabilität fallen nicht notwendig zusammen. Worst-Case-Szenarien werden oftmals als lineare Vorboten gesellschaftlicher Katastrophen interpretiert, obwohl die sozialen Reaktionen, Anpassungsstrategien und institutionellen Kapazitäten vollkommen andere Folgen zeitigen können. Global betrachtet sind beispielsweise die Opferzahlen von Naturkatastrophen trotz steigender Extremwetterereignisse seit Jahrzehnten rückläufig. Ursache hierfür sind verbesserte Infrastrukturen, medizinische Versorgung im Katastrophenfall, institutionelle Lernprozesse und Frühwarnsysteme. Modernisierung wirkt somit ambivalent: Sie erzeugt neue Gefährdungslagen, öffnet aber auch Suchprozesse, um geeignete von ungeeigneten Stoff- und Energienutzungen zu unterscheiden. Eine soziologische Katastrophendiagnostik sollte diese doppelte Bewegung nicht ausblenden. Sie müsste genauer klären, wie ökologische Selbstgefährdungen in sozial ungleiche Risikolagen übersetzt werden und unter welchen Bedingungen diese Übersetzung abgeschwächt oder verstärkt wird. Eine kritische Soziologie müsste daher jene Zwischenräume ausleuchten, in denen Gesellschaften zumindest potenziell lernen könnten, sich neu zu organisieren, ihre Prioritäten zu verändern oder neue institutionelle Arrangements hervorzubringen.

In diesem Zusammenhang wird auch der kapitalismustheoretische Teil von Neckels Diagnose ambivalent. Wenn er die Idee eines „grünen Kapitalismus“ als normative Illusion zurückweist, beleuchtet er zweifellos einen blinden Fleck gegenwärtiger Transformationsdiskussionen. Auch ist Neckel zuzustimmen, dass zentrale Infrastrukturentscheidungen – Energie, Verkehr, Wohnen, Digitalisierung – ohne staatliche Steuerung und Eingriffe in private Eigentumsrechte nicht zu bewältigen sein werden. Doch die vorgeschlagene Alternative – ein „Infrastruktursozialismus“ als primärer Träger einer ökologischen Transformation – unterschätzt jene Entdeckungslogiken, die immer schon in Märkten, soziotechnologischen Innovationsprozessen und kulturellen Praktiken selbst vorhanden sind. Märkte als Orte kapitalistischer Akkumulation wirken oftmals destruktiv. In kritischer Abgrenzung zu Friedrich August von Hayek ließe sich mit Christoph Deutschmann argumentieren, dass die kapitalistische Organisation „kreativer Arbeit“ immer auch kollektive Wissensgenerierung ermöglicht. Dadurch wird dezentrales Wissen stimuliert, werden Innovationen hervorgebracht und emergente Lösungen erfunden, welche weder zentral plan- noch vorhersehbar sind.

Sicherlich soll man sich nicht blind auf kapitalistische Marktkräfte verlassen, im Gegenteil: Ohne zivilisatorische Bändigung, politisch-institutionelle Rahmung und öffentliche Investitionen bleibt jeder sozialökologische Umbau vergeblich. Doch ein theoretischer Zugriff, der Märkte primär als destruktive Kräfte deutet, greift zu kurz; er verkennt die historischen Kapazitäten der kapitalistischen Organisation von Arbeit, Kritik aufzugreifen und in neue Formen der stofflichen (Re-)Produktion von Gesellschaft zu überführen. Transformationen vollziehen sich in hybriden Arenen – zwischen marktförmiger Zerstörung und Innovation, staatlicher Regulierung und zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach Zukunft erneut an Bedeutung. Neckel verweist mehrfach auf die „Potentialität offener Zukünfte“ (S. 203), doch er entfaltet diesen Gedanken nicht weiter. Die neuere soziologische Zukunftsforschung argumentiert, dass Zukunft nicht als erwartbares Resultat vergangener Handlungen und gegenwärtiger Strukturen erfasst werden könne. Eine Soziologie der Zukunft sollte deswegen auch nicht bei der Diagnose einer „verkauften Zukunft“ (Beckert) stehen bleiben. Wenn Zukunft nicht mehr als das finale Ergebnis von Vergangenheit und Gegenwart gedeutet wird, dann werden auch mögliche Zukünfte auf eine lineare Fortsetzung von Vergangenheit und Gegenwart reduziert. Eine zukunftsoffene Soziologie möglicher Zukünfte sollte sich nicht in rückwärtsgewandten und gegenwartsfixierten Annahmen darüber erschöpfen, warum es sozioökonomisch, politisch-institutionell und soziokulturell unwahrscheinlich ist, dass eine nachhaltigere Zukunft möglich sein könnte. Sie sollte sich nicht darauf beschränken, Szenarien über „lost futures“ zu entwerfen, sondern Zukunft als potenziell „empty void to be filled with possibilities“[6] begreifen. Eine solche Sichtweise steht im Widerspruch zu jenen modellierten Zukunftsformaten, die Zukunft als prognostizierbaren Pfad behandeln.

Neckel stellt diese Fragen in Ansätzen, beantwortet sie aber nicht. Diese Beobachtung schmälert den Wert des Buches keineswegs. Sie soll lediglich aufzeigen, wo eine Vertiefung einzusetzen hätte. Die Soziologie sollte nicht nur die sozialen Ursachen und Folgen ökologischer Krisen untersuchen, sondern auch die Wissensordnungen, in denen diese Krisen semantisch und epistemisch gedeutet werden. Gerade weil moderne Gesellschaften ihr Handeln entlang von Zukunftsbildern organisieren, sollte eine kritische Soziologie diese Bilder selbst analysieren.

Vor allem könnte eine soziologische Zukunftsforschung das leisten, was Katastrophenzeit nur andeutet: eine eigenständige Analyse des Wissens über die Zukunft. Eine Analyse, die die epistemischen Voraussetzungen der Gegenwart kenntlich macht, ohne sie zu naturalisieren. Eine Analyse, die Chancen und Risiken erkennt, ohne sie zu dramatisieren. Eine Analyse, die die fast schon unversöhnliche moralische Aufladung der Klimadebatte ernst nimmt, ohne ihr zu verfallen. Und eine Analyse, die sich weigert, zwischen Alarmismus und Verharmlosung oder gar Leugnung zu entscheiden.

  1. Vgl. am Beispiel des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) Reiner Grundmann, Making Sense of Expertise. Cases from Law, Medicine, Journalism, Covid-19, and Climate Change, New York 2023, S. 67–89.
  2. Siehe hierzu Petra Pinzler, Jenseits der Moral, Kommentar zu „Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht“ von Jens Beckert, in: Soziopolis, 5.6.2024.
  3. Siehe Silvio Funtowicz / Jerry Ravetz, Science for the post-normal age, in: Futures 25 (1993), 7, S. 739–755.
  4. Vgl. am Beispiel der Coronakrise Klaus Kraemer, Was kann die Soziologie im Schockzustand einer Krise leisten? Eine Entgegnung auf Heinz Bude, in: Soziologie 52 (2023), 1, S. 7–25.
  5. Vgl. Klaus Kraemer / Joris Steg, When normality collapses from one moment to the next. A sociological theory of singular crisis, in: Frontiers in Sociology – Sociological Theory 10 (2025).
  6. Halford, Susan / Dale Southerton, What Future for the Sociology of Futures? Visions, Concepts and Methods, in: Sociology 57 (2023), 2, S. 263–278, hier: S. 271.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Kategorien: Epistemologien Gesellschaft Globalisierung / Weltgesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Ökologie / Nachhaltigkeit Politik

Klaus Kraemer

Univ.-Prof. Dr. Klaus Kraemer ist Professor für Angewandte Soziologie: Wirtschaft, Organisation, soziale Probleme am Institut für Soziologie der Universität Graz. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind Wirtschaftssoziologie, Soziologie des Geldes sowie soziologische Analysen des zeitgenössischen Kapitalismus.

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