Mechthild Bereswill | Rezension |

Eine wirkungsvolle Gegenspielerin?

Rezension zu „Die Macht des Weiblichen. Ideen zu einer Demokratie ohne Herrschaft“ von Corine Pelluchon

Corine Pelluchon:
Die Macht des Weiblichen. Ideen zu einer Demokratie ohne Herrschaft
Deutschland
München 2026: C.H.Beck
184 S., 24 EUR
ISBN 978-3-406-84417-1

„Wie kann man sich gegen die neuen Herrschaftslogiken wehren, die gegenwärtig unsere Demokratie untergraben?“ Mit dieser Frage wird der Essay zur Macht des Weiblichen von Corine Pelluchon auf dem Schutzumschlag des gebundenen Buches eingeführt. Welche wissenschaftlich fundierten und für die politische Praxis aussichtsreichen Antworten stehen uns auf diese drängende Frage zur Verfügung? Einen wichtigen Beitrag dazu leisten Analysen, die den Zusammenhang zwischen den „Triebfedern“ (S. 15) autoritärer Herrschaft und den Mechanismen männlicher Herrschaft untersuchen. Aus geschlechtertheoretischer und feministischer Perspektive liegt die Bedeutung von Geschlechterverhältnissen und -ordnungen für die Entstehung und Konsolidierung, aber auch für die Gefährdung liberaler bürgerlicher Demokratien durch „diskreten Maskulinismus“[1] und männlich konnotierte, affektive Demagogien[2] auf der Hand.

Auch die an der Universität Gustave Eiffel ansässige Philosophin Corine Pelluchon setzt sich in ihrem 2025 erstmals in französischer Sprache erschienenen Essay mit der Bedeutung von Geschlecht für das demokratische Zusammenleben auseinander. Ihr Ansatzpunkt für eine Überwindung autoritärer Herrschaft ist die Stärkung dessen, was sie im Vorwort des Essays als „weibliche Wirkmacht“ (S. 9) bezeichnet. Mit diesem Begriff, so erklärt die Autorin im letzten Abschnitt ihres Essays, meint sie „Dankbarkeit für das Gegebene und Fürsorge für die Natur“ (S. 171). Das ist aus ihrer Sicht mit einer gleichermaßen ausgeprägten Achtung von individueller Singularität und gleichzeitiger Vielfalt verbunden – ein Weltverhältnis, das Pelluchon mit Weiblichkeit gleichsetzt und mit der Überwindung anthropozentrischer Herrschaftsverhältnisse assoziiert. Die Affirmation von Weiblichkeit als rettende ‚Kraft‘ für die Entfaltung einer „Demokratie ohne Bemächtigung“ (S. 10) wird in der deutschen Übersetzung des französischen Titels „La démocratie sans emprise ou la puissance du féminin“ zur „Macht des Weiblichen“. Für Pelluchon ist dabei die Unterscheidung zwischen Herrschaft und Macht zentral für eine demokratische Praxis, die bedeutet „mit anderen sowie für andere zu leben und gemeinsam die Regeln des kollektiven Lebens festzulegen“ (S. 25). Die damit verbundene Fähigkeit, „ein Bewusstsein für diese Dialektik zwischen Macht und Herrschaft zu entwickeln“ (S. 26), assoziiert die Autorin durchgehend mit Weiblichkeit.

Vielleicht aufgrund einer Ahnung, dass der Titel des Essays bei nicht wenigen Leser:innen Irritationen und Fragen zur Reproduktion von vielfach dekonstruierten binären Konstruktionen der Geschlechterdifferenz auslöst, wird im bereits zitierten Kurztext auf dem Schutzumschlag betont, zur Macht des Weiblichen seien alle Geschlechter fähig. Entsprechend versichert auch Pelluchon in ihrem Vorwort, Weiblichkeit sei nicht an Frauen gebunden. Ganz im Gegenteil: Der aus ihrer Sicht „enge Zusammenhang zwischen einer Macht des Weiblichen und einer gesunden Demokratie“ (S. 9) würde nicht bedeuten, nur Frauen könnten „die Demokratie bewahren“ oder seien umgekehrt etwa nicht dazu fähig, als „faschistische Anführerinnen“ (S. 9) zu agieren. Die Autorin erläutert weiter:

„Außerdem hat das Weibliche nichts mit essentialistischen Klischees zu tun, […]. Es bezieht sich weder auf den natürlichen Körper noch auf eine bloße soziale Konstruktion. Dennoch ist es ein Verhältnis zu sich selbst und zur Welt, für das das Weibliche steht, durch die Erfahrung von Frauen inspiriert, weil sie nicht von ihrer körperlichen Bedingtheit abstrahieren können, die bezeugt, dass wir alle verletzlich, dass wir anderen ausgesetzt und von der Natur und den Elementen abhängig sind.“ (S. 9)

Die Verletzlichkeit des Menschen als ontologische Frühgeburt, seine körperliche und seelische Fragilität sowie seine „Anfälligkeit für das Böse“ (S. 8) erfordern aus Sicht der Autorin die Gestaltung einer demokratischen Politik für das gesellschaftliche Zusammenleben. Dabei geht sie davon aus, dass nur Demokratie ein Zusammenleben in menschlicher Vielfalt ermöglicht. Institutionen sind demnach notwendig, um die lebenslange Vergesellschaftung des Menschen zu strukturieren:

„Die Institutionen der Demokratie und die Bedeutung, die sie der Erziehbarkeit des Menschen beimisst, beruht auf der Tatsache, dass unsere Geburt ein Leben lang andauert und wir unsere Potentiale entwickeln müssen, um als freie und einzigartige Individuen ganz zu existieren.“ (S. 8)

Im Kontext dieser anthropologischen Setzung changiert Weiblichkeit im Argumentationsgang der Autorin fortlaufend. Auf der einen Seite wird damit der Ausdruck eines übergreifenden liebevollen, fürsorglichen und kooperativen Verhältnisses zur Welt, eine generelle „Liebe zur Welt“ (S. 7) gefasst. Auf der anderen Seite verweist Weiblichkeit auf die konkreten Erfahrungen von ‚Frauen‘, sowohl im Hinblick auf ihre Körperlichkeit und ihre Sorgetätigkeiten als auch in Bezug auf ihre politischen Kämpfe gegen Ausschluss, Unterdrückung und Gewalt. Solche Erfahrungen, so Pelluchon, seien die Basis einer Demokratiefähigkeit jenseits von Bemächtigung und Herrschaft, verbunden mit der notwendigen Befreiung „vom Narzissmus“ (S. 10), um „sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene gesunde Bindungen einzugehen“ (ebd.). Demokratiefähigkeit erfordert aus ihrer Perspektive eine reife, gesunde Bindungsfähigkeit als psychologische Grundlage für das Vermögen, verantwortungsvoll mit der Dialektik von Macht und Herrschaft umzugehen.

Die im Vorwort des Essays verdichtete Denkfigur, weibliche Macht sei die wirkungsvolle Gegenspielerin eines destruktiven Herrschaftsmodus im Stil narzisstischer Bemächtigung entfaltet Pelluchon in Form einer komplexen sozialpsychologisch und existenzphilosophisch unterlegten Zeitdiagnose. Im Fokus steht das Interesse, Grundlagen für eine „Politik der Wertschätzung“ (S. 7) zu formulieren. Dazu analysiert die Autorin zunächst die sozialpathologische „Dynamik der Bemächtigung“ (S. 16). Pelluchon fasst diese Dynamik mit Sigmund Freud als „einen Prozess der Beherrschung durch Aneignung einer anderen Person, der wir unseren Stempel aufdrücken und die wir ausschalten, um sie in Besitz zu nehmen“ (ebd.). In sechs Abschnitten durchquert die Philosophin die Erscheinungsformen und möglichen Ursachen von „Demokratie unter Beschuss“ (Kapitel 1, S. 11 ff.) und setzt diesen die „Macht des Weiblichen“ entgegen. Im Anschluss an Leo Löwenthals und Norbert Gutermanns psychoanalytische Theoretisierung von Agitation wird „Bemächtigung“ im zweiten Kapitel als „umgekehrte Psychoanalyse“ (Kapitel 2, S. 29 ff.) gefasst, also als eine demagogische Verschleierung von Reifungs- und Bewusstwerdungsprozessen. Diese sozialpsychologische Perspektive vertieft Pelluchon anschließend mit dem Fokus auf Dynamiken der „Bemächtigung“ (Kapitel 3, S. 47 ff.), die eng an narzisstische Kränkungen und die Abwehr von Verletzlichkeit und Endlichkeit gebunden sind. Auch hier greift die Autorin unter anderem auf Studien der Kritischen Theorie zurück, um die tiefgreifende Wirkung der Verleumdung und „Erniedrigung der Demokratie“ (S. 69) nachzuvollziehen. Im Anschluss an die sozialpathologische Diagnose, die „komplexe Beziehung zwischen einem rechtsextremen Führer und einer Bevölkerung“ sei Ausdruck einer narzisstischen „Verstrickung“ (S. 59), wendet sie sich im folgenden Abschnitt unter dem Titel Die Hüterinnen der Demokratie (Kapitel 4, S. 75 ff.) der Frage zu, wie Macht in einer Demokratie legitimiert wird. Hier betont Pelluchon, dass demokratische Strukturen immer auf Formen von Vermittlung beruhen, was Fragen zu den Vermittlungsinstanzen und zum Vertrauen in solche Instanzen aufwirft. Erforderlich sei insbesondere ein „Vermittler, der den Dialog zwischen zwei Menschen ermöglicht“ (S. 76). Entscheidend sei dabei, dass diese unverzichtbare Form der Mediation durch Dritte ambivalent sei, weil sie etwas sichtbar und der Reflexion zugänglich machen, aber auch Enttäuschungen mit sich bringen würde. Entsprechend plädiert Pelluchon für „gesunde Arten der Vermittlung“ (S. 83) und reflektiert ausführlich, wie voraussetzungsvoll eine demokratische Praxis ist, die es den Menschen „ermöglicht, die falschen Propheten zu erkennen und sich deren Ermächtigung zu entziehen (S. 108). Hierfür bedarf es der Autorin zufolge einer „Politik der Wertschätzung“ (Kapitel 5, S. 111 ff.). Diese setze voraus, dass „das Subjekt […] seine eigenen Grenzen und seine Sterblichkeit akzeptiert“ (S. 113), Ungewissheit aushält und im Interesse eines ökologischen Existentialismus bereit ist, auf Vieles, das die Gegenwartsgesellschaft an Konsumgütern bereithält, zu verzichten. Entscheidend für die Überwindung des Narzissmus im Interesse wechselseitiger Wertschätzung ist es aber, die Angst vor dem eigenen Tod nicht abzuwehren. Diese subjektive Kapazität, die zu einer Politik der Wertschätzung befähigt, ist laut Pelluchon eng mit der „Macht des Weiblichen“ verknüpft:

„Unser Schicksal sollte dabei nicht Leuten anvertraut werden, denen es an Umsicht und Klugheit mangelt, sondern Menschen, die die Macht des Weiblichen in sich wecken, indem sie die eigene Verletzlichkeit und Sterblichkeit annehmen und der Unvorhersehbarkeit begegnen, statt das Unbekannte als Bedrohung zu betrachten.“ (S. 122)

Das Zitat veranschaulicht, dass Pelluchon die Verletzungsoffenheit, mit der Weiblichkeit in bürgerlichen Gesellschaften gemeinhin assoziiert wird, als Potenzial für eine ‚bessere Politik‘, um nicht zu sagen, für eine ‚bessere Welt‘ betrachtet. Damit greift sie implizit auf altbekannte kulturelle Konstruktionen von Weiblichkeit zurück und wendet diese als politische Handlungsmacht gegen extraktive, destruktive und autoritäre Herrschaftsformen, deren Schema zu durchbrechen ihr Ziel ist.

Dieser Entwurf wird im letzten Abschnitt des Essays mit dem Titel Weibliche Macht (Kapitel 6, S. 147 ff.) vertieft, indem Pelluchon der Frage nachgeht, „wie man eine Politik umsetzen kann, die sich der Herrschaft der Gewalt entzieht“ (S. 149). Im Fokus steht für sie dabei die bereits ausgeführte Unterscheidung zwischen Macht und Herrschaft und das Ziel, „eine Macht zu denken und zu verkörpern, die stärker ist als die Gewalt“ (ebd.). Der Text gewinnt dabei mehr und mehr metaphorische Züge, beispielsweise wenn es mit Rückbezug auf die zuvor entfaltete Diagnose des Narzissmus heißt,

„Gewalt ist Verbrennung, Verwüstung und Selbstzerstörung, weil sie ihren Ursprung in einer inneren Leere hat. Die Macht des Weiblichen hingegen strahlt. […] Obwohl sie die Einfachheit der Liebe besitzt und für jeden erreichbar ist, ist es schwer, Zugang zur weiblichen Wirkmacht zu erlangen, denn dazu muss man Ausdauer erlernen.“ (S. 162)

In diesem Stil wird im letzten Kapitel Weiblichkeit als eine Art heilende Kraft beschworen. Hierfür reiht Pelluchon bekannte Klischees aneinander, um weibliche Wirkmacht als Gegenspielerin des „radikal“ Männlichen (S. 169) zu positionieren. Für dieses „Männliche“ sei „die Vorstellung des Fluiden“ (ebd.) unerträglich, alles gehöre im Interesse von Herrschaft und Kontrolle fixiert. Dem damit verbundenen „Zerrbild der Macht“ (S. 170) setzt die Autorin abschließend ein emphatisches „Wir“ der weiblichen Wirkmacht entgegen. So lautet der letzte Satz des Textes: „Wir werden den heutigen und zukünftigen Generationen unser Glühen schenken, das Mut und Macht des Mitgefühls und auch die Leidenschaft des Denkens durchstrahlt.“ (S. 173)

Die Lektüre von Pelluchons Essay hinterlässt gemischte Gefühle und widerstreitende Einschätzungen. Ihr Argumentationsgang beginnt mit einer klugen Zeitdiagnose und hochrelevanten Fragen. Ihre differenzierte Auseinandersetzung mit den Studien und theoretischen Einsichten von Fromm, Löwenthal und dem Forschungsteam um Adorno ist ebenso lesenswert wie die Darlegung der Vermitteltheit von Demokratie. Dabei entfaltet sie eine Bandbreite theoretischer Bezüge aus Philosophie, Phänomenologie und politischer Theorie, beispielsweise auch zu den Arbeiten von Günther Anders oder Hannah Arendt. Pelluchon beschwört dabei durchgehend ein psychisch reifes Subjekt der Demokratiefähigkeit als Gegenentwurf zum Modus der narzisstischen Verstrickung autoritärer Herrschaft. Die Konstitution eines solchen Subjekts verliert sich allerdings in affirmativ vorgetragenen Idealisierungen einer kooperativ-liebenden Haltung, die mit Weiblichkeit gleichgesetzt wird. Männlichkeit hingegen wird, ohne jede theoretische Verankerung in Forschung und Theoriebildung zu männlicher Herrschaft, zum Sinnbild für destruktive Herrschaft erklärt. Solche hermetischen Polarisierungen – und damit verbundene Verkürzungen und Verkennungen der Widersprüchlichkeit von Geschlechterordnungen – stehen der von Pelluchon postulierten Differenzierung als Grundfeste demokratischer Kooperations- und Verständigungsprozesse entgegen. Dabei verstört der beschwörende und überschüssige Tonfall im letzten Kapitel des Essays und verdeutlicht zugleich, dass Pelluchons Vorschlag auf wackligen Beinen steht.

  1. Eva Kreisky, Diskreter Maskulinismus. Kritische Zeitdiagnosen, hrsg. von Marion Löffler, Frankfurt am Main 2024.
  2. Birgit Sauer / Otto Penz, Konjunktur der Männlichkeit. Affektive Strategien der autoritären Rechten, Frankfurt am Main 2023.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Affekte / Emotionen Demokratie Gesellschaftstheorie Gewalt Macht Philosophie Politik

Mechthild Bereswill

Prof. Dr. Mechthild Bereswill ist Professorin für die Soziologie sozialer Differenzierung und Soziokultur an der Universität Kassel. Ihre Arbeitsschwerpunkte in Forschung und Lehre sind feministische Geschlechterforschung, soziale Probleme und soziale Kontrolle, qualitative Methodologien.

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