Nadja Kobler-Ringler | Essay |

Index für einen Fremden oder Briefe an Ferdinand

Guten Morgen!

Mir zittern gerade etwas die Hände. Im Gerichtssaal, in dem ich normalerweise vortrage,[1] ist fast alles anders: Niemand sieht auf die Uhr, wenn ich rede; ich trage eine die Person unsichtbar machende Robe – und die Hälfte des Saales zittert vor mir. Kurz: das hier ist neu, und Neues ist immer etwas beängstigend.

So war das auch bei Ferdinand Tönnies und seinem Werk, denn, wie wohl viele Menschen außerhalb dieses Raumes, bekam auch ich beim Namen „Ferdinand Tönnies“ spontan das Alice-Syndrom. Auch die, die jetzt noch nicht lachen, kennen das: Jemand, in diesem Fall der Editor des Buches, berichtet Ihnen – hochemotional – von einem Dritten. Nur: Sie haben keine Ahnung, von wem. Eine Frage springt in Ihren Kopf. Die Frage. Die traditionell zwischengebrüllte Frage des Publikums beim Smokies-Song Living Next Door to Alice. Die ist nicht zitierfähig. Es liegt in der Natur der Sache, dass Sie sich nicht trauen, die Frage zu stellen. Egal, in welcher Form. Denn alle anderen scheinen diesen Dritten zu kennen, nur Sie nicht. Das ist das Alice-Syndrom.

Mein Alice-Syndrom endete erst, als ich, nach einem kurzen Auswahlwettbewerb, Auftrag und Werk schließlich auf meinem Schreibtisch liegen hatte. Wohlgemerkt: Vor mir lag nicht das ganze Buch. Der erklärende Teil, der Editorische Bericht, fehlte damals noch. Nur die verschiedenen Ausgaben von Gemeinschaft und Gesellschaft landeten zunächst bei mir. Keine Chance also, etwas zu wer, was, wann (oder so) zu erfahren. Das ist normalerweise auch nicht nötig. Meine Aufgabe besteht ja in der Erstellung eines Stichwortverzeichnisses, eines Index. In diesem Fall handelte es sich um einen Index für einen Fremden.

Viele denken an dieser Stelle vielleicht: „Nur ein Stichwortverzeichnis? Wie schwer kann das schon sein? Einmal mit der Suchfunktion durch die PDF-Datei des Buches – erledigt.“ Ihnen sage ich: Wir sprechen uns nochmal. Denn so locker wurde es nicht. Im Gegenteil. Es wurde eine handfeste, innere Auseinandersetzung mit Autor und Werk. Erst später erfuhr ich: Das ist normal. Schon der erste Mensch, der sich an einem Index für Gemeinschaft und Gesellschaft versucht hat, Tönnies’ Schüler und Verehrer Dr. Kurt Marcard, musste zum Ende der Bearbeitung hin zugeben: „Ich vergesse beim Lesen so leicht, dass ich ja einen Index anfertigen soll und lese über mehrere Seiten hinweg, bis es mir wieder einfällt.“ Was soll ich sagen? Dito.

Diese, von Herrn Tönnies selbst erzwungene, Auseinandersetzung ist der eigentliche Grund, weshalb ich heute hier stehe und mir die Hände zittern. Ich soll Ihnen erzählen, was ich erlebte, als ich – noch völlig im Alice-Syndrom gefangen – auf Tönnies´ Gemeinschaft und Gesellschaft traf. Ich spiele also die Rolle der Närrin im klassischen Fünfakter der herrlichen Vorträge des heutigen Vormittags. Die Rolle liegt mir. Ich bin Rheinländerin, also Närrin von Geburt. Ich genieße die damit verbundene Narrenfreiheit. Ich darf unverblümt und ungestraft sprechen – und ich bekomme ein Narren-Kostüm. Das ist auch eine Art Robe.

Ohnehin ist der Jurist dem Soziologen sein Narr, hetzt er doch stetig dessen Erkenntnissen zum menschlichen Zusammenleben hinterher, um sie seinerseits irgendwoher zu legitimieren. Und: Zum Narren gehalten wurde ich im Laufe der rund zweimonatigen Bearbeitung des Werkes unzählige Male, gelegentlich sogar in den Wahnsinn getrieben. Vom Meister selbst. Resultat dieser meiner zeitweiligen Geistesverfassung war, dass ich begann, dem Verstorbenen in Gedanken Briefe zu schreiben. Briefe an Ferdinand eben.

Lieber Herr Tönnies, schrieb ich irgendwann, schade, dass Sie nicht mehr leben, sonst könnte ich Sie jetzt ermorden. An dem Tag, als Sie konfiguriert wurden, hatte der liebe Gott definitiv vorher noch keine Frau geschaffen. Sonst wären wohl nicht halb so viele Worte zur Mitgabe an Sie übrig geblieben. Wissen Sie, eigentlich nehme ich meine Stichworte direkt vom Blatt. Lesen, erfassen, verkürzen und aufschreiben sind ein Vorgang. Hauptstichwort oder Unterstichwort? Einsortieren und Schluss. Satz für Satz, Seite für Seite. Etwa fünfzig bis hundert Seiten pro Stunde. Nur nicht bei Ihnen. Schon der Versuch, den Anfang Ihrer Sätze bis zu deren Schluss im Kopf zu behalten, ist aussichtslos. Ein Beispiel? Gerne: Gemeinschaft und Gesellschaft, Seite 277, Zeile 14, ein besonders schönes Exemplar Ihrer Wort- und Satzteil-Jonglage:

„Und ferner: durch Liebe, durch Mitteilung unserer Wesens-Energie nach außen, im Maße ihrer Intensität und Dauer, und, je nachdem das Äußere uns nahe ist, von uns empfunden und erkannt, gleichsam durch den Intellekt festgehalten wird, also fortwährend von dem Strome des Lebens einen metaphysischen Anteil empfangend – so ist und wird und bleibt es selber, als ein Lebendig-Tätiges, von mir aus und durch mich Tätiges, gleich einem Organe, mein organisches und echtes Eigen, eine nicht einmalige, sondern dauernde Emanation meines Seins, meiner Substanz.“

Wer´s behalten hat, darf sich bei mir bewerben.

Ich begab mich zurück in die Anfänge meiner Berufstätigkeit, las erst quer, dann genau, markierte erstmals wieder. Nach sechs Anläufen schaffte ich es, dem Achtzig-Worte-Satzungetüm sinnvolle Schlagworte zu entnehmen. Die Anzahl der Seiten pro Stunde erwähne ich lieber nicht. Sie war närrisch gering.

Werter Herr, schrieb ich ihm, ich habe gerade Ihre 473 Zeichen auf sechs Tabellenzeilen á zwei Wörter reduziert. Nur zum Vergleich: Das sind knappe 60 Zeichen. Mehr is nich, sonst sprengt das Verzeichnis später den Buchumfang. Das ist Hochreck-Twittern, Herr Tönnies. Wäre schön gewesen, Sie hätten das an meiner Stelle mal getan. Wir beide werden keine Freunde, Sie und ich.

Wurden wir aber doch. Irgendwann – etliche Briefe später – wechselten wir sogar vom Sie zum Du.

Im Vorwort zur dritten Auflage von Gemeinschaft und Gesellschaft machte mir Herr Tönnies aber erst einmal meine Hauptaufgabe bewusst: Seine Wortwahl in den Griff zu bekommen. In dreifacher Ausfertigung, versteht sich. Zunächst mutierte die Willkür zum Kürwillen, Idealtypen sollen lieber als Normaltypen durchgehen (diese Mutation ist reine Normalität für eine Frau) und Samtschaften und Körperschaften geisterten, noch unerklärt und schemenhaft, über den Bildschirm.

Herr Tönnies!, schrieb ich, Was ist eigentlich in Sie gefahren, mitten in meinem Auftrag einfach Begrifflichkeiten auszutauschen? Was mache ich denn jetzt, bitte sehr? Willkür im Sachverzeichnis stehen lassen und Gefahr laufen, später Willkür und Kürwillen zu vermischen? Oder streichen und Fundstellen aus Vorreden Eins und Zwei vernichten? Verweisen, also. Aber das gilt es eigentlich zu vermeiden. Schlechter Stil. Überhaupt, was soll das eigentlich? Sie wollen doch, so verstehe ich Sie, nur eine einheitliche Sprachregelung schaffen, für alle, die sich mit demselben Thema auseinandersetzen wollen: Grundbegriffe der reinen Soziologie. Vollstes Verständnis, ich bin Juristin, ich lebe davon. Wir nennen es Definition. Die wird seit Äonen für den Juristischen Dreiklang benötigt: Sachverhalt, Definition, Subsumtion. Die Basis unseres Denkens. Dazu, Herr Tönnies, hätte aber eine einfache Festlegung gereicht: „Für mich ist Willkür das und das.“ Na gut, kommt ja vielleicht noch.

Ich unterstellte dem Autor also guten Willen. Wann immer ich in der Folgezeit auf seine wenigen für mich erkennbaren Festlegungen traf, etwa: „Gedächtnis ist also…“ oder „Unter Gedächtnis verstehe ich…“, entschied ich mich für die Aufnahme einer Fundstelle unter dem Hauptschlagwort Begriffsdefinition.

Die Juristin ist halt dem Tönnies seine Närrin. Ich hatte keinen Schimmer, dass Autor und Fachpublikum eine völlig andere Ansicht davon haben, was eine Definition, ein Begriff, ein Normalbegriff oder gar ein reiner Begriff ist. Vor allem aber darüber, wann Herr Tönnies das eine oder das andere meint. Es soll Bücher darüber geben. Ich gebe gerne zu, dass ich erst im Dialog mit dem Editor eine halbwegs vernünftige Sprachregelung finden konnte. Es war eine jener Hürden zu einem guten Sachverzeichnis, die mir wieder einmal bewusst gemacht haben, wie wandelbar Worte sind. Besonders die von Herrn Tönnies.

Aufgabe Zwei: Für Ferdinand Tönnies muss gleiches Wort nicht durchgängig den gleichen Inhalt haben. Wie närrisch, das zu erwarten! Das stellt einen Verschlagworter vor Probleme, denn sein Ziel ist es ja, dass ein jeder aus dem Hier und Jetzt, gleich welcher Fachrichtung und Vorbildung, mit Hilfe des Verzeichnisses zu seinem gesuchten Inhaltsziel kommt. Ein Beispiel: Mal verwendet Herr Tönnies das Wort Besitz im Sinne der römischen possessio, dann im Sinne des modernen Zivilrechts. Das geht noch: Unter dem Stichwort Besitz findet der Suchende immer etwas zum Besitz oder zu Besitzverhältnissen. Schnell erledigt. Manchmal nennt der Autor aber auch etwas Besitz, das inhaltlich Eigentum ist – und umgekehrt. Bezeichnung und Inhalt variieren fröhlich durch das Werk. Wohin also mit der entsprechenden Fundstelle? Zum Inhalt, also zum Eigentum? Zum Wort, also zum Besitz? Zu beidem? Sicher die einfachste Lösung. Aber ich kann nicht so viel doppeln, wie ich dann müsste: das Verzeichnis hat einen Seitenrahmen einzuhalten.

Aufgabe Drei: Die Worte richtig zu bearbeiten, die für Herrn Tönnies einfach eine andere Bedeutung haben, als für andere.

Verehrter Ferdinand, warum bist Du eigentlich der sprachlichen Vorbelastung der Willkür durch Schaffung des Wortes Kürwillen aus dem Weg gegangen, diesen Weg aber bei anderen Worten nicht auch? Das Problem, das Du bei der Willkür so glasklar erkannt und so brillant gelöst hast, stellt sich Deinen Lesern nämlich auch bei ganz anderen Worten. Du bedienst Dich gerne alltäglicher Worte wie Tausch, Kontrakt, Kredit, Darlehen und Obligation. Leider in Deinem ganz eigenen Sinne. Nimm nur Deine Obligation! Deine Obligation ist nichts anderes als eine eingedeutschte römisch-rechtliche obligatio, grob gesagt eine Verpflichtung im weitesten Rechtssinne. Nur: Im Hochdeutschen war Obligation längst zur Bezeichnung eines schuldanerkennenden Wertpapiers, wie etwa eines Hypothekenbriefs geworden. Vom zeitgenössischen Sprachgebrauch zeugt etwa Gustav Freytags belletristisches Werk Soll und Haben, das 1855 erstmals erschien. Es war ein Bestseller seiner Zeit. Deine Leserschaft wird durch die Bezeichnung also genauso in die Irre geführt worden sein wie Deine Närrin. Nur hatte ich eine erklärende Fußnote.

Schon gut, Du hattest ein Großes Latinum und musstest das zeigen. Das war vermutlich die damalige Form von „Mein Haus, mein Auto, mein Boot.“ Nein! War es natürlich nicht! Vermutlich war es Dir einfach egal, weil diese Worte nur Beiwerk Deiner eigentlichen Wortprägungsabsichten sind. Denn bei denen wirst Du – wenngleich gelegentlich verwirrend formuliert – inhaltlich unglaublich akribisch und treffend. Deine Darstellung der Marktmechanismen, der Willensformen und ihres Verhältnis zueinander, des Lernens, sie sind meinem eigenen Erleben so nahe, dass ich oft genug versucht bin, „Genau!“ oder „Stimmt!“ zu rufen, wenn ich ein Satzungetüm endlich gebändigt habe. Sprachlich und inhaltlich.

Sie merken es: In meine fiktiven Briefe schlichen sich erst Anerkennung, dann Bewunderung und schließlich fast ein wenig Angst ein.

Lieber Ferdinand, ich habe gerade Deine Ausführungen zur öffentlichen Meinung bearbeitet. Sei ehrlich: Konntest Du Zeitreisen? Wenn ja, was hast Du für uns kommen sehen?

Gemeinschaft und Gesellschaft ist hochgradig, ja teilweise erschreckend aktuell. Mit einer Einschränkung, vielleicht, und Sie alle wissen, welche ich meine. Ja, ich hielt Herrn Tönnies sein Geburtsdatum und seine gesellschaftliche Erziehung zugute, als ich zum Gegensatz der Geschlechter und zu seinen Vorstellungen von Mann und Frau und Ehe kam. Dennoch forderte er mich zum Duell. Ich wählte das Florett und nahm siegessicher meine Stellung auf der Planche des generation gap ein: Das Weib – der Kürwillensbildung nicht fähig? Emotionsgesteuert, mit mangelhafter Logik versehen? Ich nahm mir das Treffervorrecht und attackierte: Komm´ mal zugucken, wie ich ein IKEA-Regal zusammenbaue, lieber Herr Tönnies! Er parierte den Angriff mit schallendem Gelächter und setzte im Gegenangriff einen glatten Treffer. Ihm genügte der Verweis auf meinen soeben erfolgten emotionalen Ausbruch. Verflixt! Hatte sich das Weib doch „von seinem Gefühl zumeist leiten lassen“ (Gemeinschaft und Gesellschaft, S. 296, Zeile 9). Touché.

Ich ging weiter in die Defensive, als ich, eine Seite später, las, dass Verstand und animalisches Gedächtnis sich – zumindest in Form der Aufmerksamkeit – durch die Generationen vervollkommnen und auch auf das weibliche Geschlecht vererbt werden. Immerhin als Vorbereitung des Denkens. Ich zählte die Generationen von ihm zu mir ab und senkte die Waffe. Das wollte ich mal gelten lassen. Der Friede hielt jedoch nur bis zum Ende der Seite (297). Da stand doch wirklich, dass dem Mann die Führung und Leitung obliegt, dass das Weib sesshaft und schwerfällig sei! Den Gedankenbrief möchte ich hier lieber nicht wiedergeben. Aber mein Angriff geriet zum Sturm, zum Flèche.

Am nächsten Morgen las ich die gesamte Stelle noch einmal. Mir fiel der Paragrafentitel auf. Da stand nicht „Mann und Frau“ sondern „Männliches und Weibliches“. Hm. Haben wir alle, irgendwie. Ich ersetzte die Worte, und mein Wutausbruch lief an ihm vorbei ins Leere. Passé. Wir fochten weiter, Seite für Seite, Passage für Passage. Mal setzte er einen Treffer, dann wieder ich. Wir schieden schließlich im Gleichstand, wegen Zeitablaufs. Ich musste weiterkommen, die Nachbearbeitung der ersten Fassung der Verschlagwortung wartete. Es gewann, wer den Vorteil hatte, und der liegt immer beim Autor.

Lieber Ferdinand, ich lasse Dir Deinen Frieden und denke mir einfach, Du habest stets „Weibliches“ und „Männliches“ gemeint. Es wird Dir gerecht.

Etliche Wochen später dann mein letzter Brief:

Lieber Ferdinand, das Buch ist gesetzt, die Umbrüche sind korrigiert, die Akte ist abgelegt. Deine Närrin tritt von der Bühne. Steh´ ich nun da, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor? Mitnichten. Nicht, weil da etwa ein Belegexemplar auf dem Schaubrett der Kanzlei verstauben würde, sondern, weil der Inhalt Deines Werkes noch in meinem Kopf herumgeht. Nicht nur Deine großen Thesen zu Entstehen und Vergehen von Gemeinschaft und Gesellschaft, auch die kleineren Themen am Rande: Du hast mich gelehrt, aufmerksamer zu werden. Nachzuforschen, ob die vielen Begriffe, die ich so alltäglich verwende, auch rein genug sind, um verstanden zu werden. Meine ganz eigene Art begrifflichen Denkens. Im Zweifel einfach mal ein „Was meinen wir jetzt gerade mit X oder Y?“ einschieben. Sehe ich Jugendliche beieinanderstehen, tief in ihre Kommunikation versunken, ohne ein einziges Wort miteinander zu wechseln, weil sie lieber Twittern oder Whatsappen, denke ich an Dich und Deine Betrachtungen zur Sprache in Gemeinschaft und Gesellschaft. Diskutiere ich den Effekt von Mietpreisbremsen und Wohnraumbindung, denke ich an Deine Kaufleute.

Zuletzt: In pseudo-intellektueller Gesellschaft im Salon kann ich jetzt mein fehlendes Latinum mit Deinem vorhandenen kompensieren. [Zur Erklärung: Ich habe – vor die Wahl gestellt, den zweitausend Jahre alten, toten Cäsaren aus Rom oder den äußerst lebendigen 17-jährigen Benoît aus Toulouse verstehen zu können – die richtige Wahl getroffen. Ich lebe mit dem Defizit, mir Dinge wie De bello Gallico bis auf Weiteres mit „Das schöne Gallien“ zu übersetzen.] Beim nächsten mitleidvollen Blick zu meiner Unkenntnis werde ich – dank Dir – nun kontern können: „Nein, tut mir leid, ich hatte nie Latein, aber Sie kennen sicher Ferdinand Tönnies? Diese dem Lateinischen entlehnte Diskurstechnik – fantastisch! Besonders dieser Satz auf S. 277 – Ach, den haben Sie ja sicherlich im Kopf.“ – Wozu Du alles gut bist! Deswegen sage ich Dir heute auch nicht „Lebewohl“, sondern „Auf Wiedersehen.“ Es sind Fragen offen geblieben, ernsthafte Fragen, auf die Du mir bisher keine Antwort gegeben hast und die mich noch bewegen.

Einige davon werden heute und morgen diskutiert werden. Werden von der Narren- auf die Expertenebene gehoben, sozusagen. Ich persönlich würde Tönnies lieber mit den Jugendlichen an der Bushaltestelle diskutieren. Notfalls in 140 oder 160 Zeichen, ich kann das ja jetzt ganz gut. Am Liebsten aber auf der Basis einer Übertragung seines Werkes in eine modernere Sprache, in einen sprachbarrierefreien Tönnies, sozusagen. Ohne Achtzig-Worte-Ungetüme. Vielleicht mit ein paar vorsichtigen Erläuterungen dazu. Denn: Mit einer klugen Heranführung wäre gerade dieses Werk für heutige Jugendliche ebenso aktuell, ansprechend und bewegend, wie es Goethes Werther erfahrungsgemäß dann ist. Auch wenn man sich dabei zum Narren machen kann: es wäre es wert, es zu riskieren. Schon, damit das Alice-Syndrom bei Tönnies’ Namen künftig ausbleibt. Dafür wäre ich auch bereit, auf den kleinen Tönnies-Vorteil im Salon zu verzichten. Da steht das Einzelinteresse hinter dem Gesamtwohl zurück.

Vielen Dank.

  1. Es handelt sich bei dem Text um die leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags, den ich im September 2019 auf dem X. Internationalen Tönnies-Symposium in Kiel gehalten habe. Der Vortragscharakter wurde beibehalten.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Politik Universität Wissenschaft

Nadja Kobler-Ringler

Nadja Kobler-Ringler, Juristin mit vielfältigen Interessen. Neben ihrer Arbeit als Anwältin forscht und schreibt sie zu rechts- und wirtschaftshistorischen Themen und ist als Dozentin, Ghostwriterin und freie Lektorin tätig.

Alle Artikel

Teil von Dossier

Der unbekannte Klassiker

Vorheriger Artikel aus Dossier: Aus Tönnies' Notizbüchern

Nächster Artikel aus Dossier: Nachgefragt bei der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft