Larissa Schindler | Rezension | 12.05.2026
Irritation als methodisches Programm
Rezension zu „Feldverhältnisse. Irritation und Erkenntnis im Forschungsprozess“ von Annette Hilscher und Minna Ruokonen-Engler (Hg.)
Die immer dichtere und intensivere Reflexion qualitativer Methoden zeigt sich nicht mehr nur in avancierten innerdisziplinären Debatten, sondern zunehmend auch auf dem Markt der Einführungsbücher. Zusätzlich zu den klassischen Überblickswerken finden sich hier seit mehreren Jahren erfreulich viele Bände über qualitative Methoden, die auch engere und weniger konventionelle Themen behandeln, etwa das Verfassen von ethnografischen Feldnotizen[1] oder den Einsatz ungewöhnlicher Forschungsmaterialien[2]. Diese Publikationen leisten einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung von Methodenkompetenz, indem sie die Tiefe der Diskussion für ein breiteres Publikum dokumentieren und zugänglich machen.
Zu den Neuerscheinungen im Bereich der vertieften Methodeneinführung gehört der Band Feldverhältnisse. Irritation und Erkenntnis im Forschungsprozess, herausgegeben von Annette Hilscher und Minna Ruokonen-Engler. In acht Aufsätzen vertreten die beiden Herausgeberinnen und sechs weitere Autor:innen die These, dass Irritationen im Rahmen empirischer Forschung nicht nur regelmäßig auftreten, sondern ein wichtiges Element für Analyse und Erkenntnisgewinn darstellen. Doch trotz ihrer hohen Frequenz und Relevanz für den Forschungsprozess finden Unsicherheiten und Irritationen bislang für „gewöhnlich höchstens in einer Randnotiz Erwähnung“ (S. 7), so die Herausgeberinnen in der Einleitung. Vor diesem Hintergrund wollen sie es genauer wissen und fragen nach dem epistemischen Gehalt (S. 9) irritierender Entwicklungen und Ereignisse im Verlauf der Forschungsarbeit, also danach, was sich aus ihnen lernen lässt. Die Herausgeberinnen verorten dies, nicht nur aber auch, gesellschaftskritisch und konstatieren: „Nicht selten weisen die Irritationen auf einen Bruch mit hegemonialen Wissensbeständen hin und fordern die Methoden akademischer Wissensproduktion heraus“ (S. 8). Nun ist der epistemische Wert von Irritation gerade in der qualitativen Forschung weithin bekannt und kaum umstritten,[3] doch die tiefgehende wie detaillierte Auseinandersetzung der verschiedenen Beiträge dieses Buches stellt zweifelsohne eine spannende Bereicherung für die einschlägige Diskussion dar.
In den ersten beiden Aufsätzen beschäftigen sich Saskia Gränitz (S. 24 ff.) und Miryam Frickel (S. 50 ff.) mit Irritationen im Kontext des Feldzuganges. Im Rahmen ihrer Studie zu Wohnungslosigkeit setzte sich Gränitz mit „kulturell geformten Selbst- und Fremdbildern“ (S. 26) von Wohnungslosen auseinander. Eindrücklich schildert sie, wie in Forschungswerkstätten und Gesprächen regelmäßig die Wohnungsnot ihrer Interviewpartner:innen infrage gestellt und darüber diskutiert wurde, ob diese Personen sich wirklich in einer Notlage befänden (S. 32 f.). Diese Irritation habe sie letztlich dazu veranlasst, „die Frage nach der Schwelle der Not zur Gretchenfrage der gesamten Arbeit“ (S. 29, Hervorh. im Original) zu erheben. Durch die Auseinandersetzung mit den stereotypisierten und dichotomen Bildern, die ihre Gesprächspartner:innen von Wohnungs- und Obdachlosen ‚malten‘, gelangte Gränitz zu dem Schluss, dass es „zwischen jenen, die (noch) unter prekären Bedingungen wohnen, und jenen, die in Einrichtungen des Hilfesystems untergebracht sind oder auf der Straße hausen, […] keine starren Grenzen“ gibt; vielmehr seien die Übergänge fließend (S. 43, Hervorh. im Original).
Miryam Frickel berichtet in ihrem Beitrag (S. 50 ff.) aus ihrer Forschung zum Verhältnis zwischen der sizilianischen Mafia und dem italienischen Staat. Dass sie in Situationen, in denen sie von ihrer Arbeit erzählt, regelmäßig sorgenvolle Blicke ernte, gefolgt von der Frage, ob das nicht gefährlich sei, habe sie zunächst irritiert. Um der Irritation durch die stereotypen Vorstellungen anderer über die Mafia auf den Grund zu gehen, stellt sie zwei Fragen an den Beginn ihrer Überlegungen: „Welches Feld?“ und „Welche Gefahr?“ (S. 50). Statt des (auch im öffentlichen Diskurs häufigen) Versuches, eine klare Grenze zwischen Mafia und Gesellschaft zu ziehen, plädiert Frickel – ähnlich wie andere Forscher:innen in diesem Bereich – dafür, das Phänomen der Mafia anhand gesellschaftlicher Formationen und Relationen zu analysieren. Auf diese Weise könne man „[d]as Feld sich selbst entfalten zu lassen“, statt sich in „hegemonialen Erzählungen zu verheddern“ (S. 65). Beide Autorinnen problematisieren damit die Suche nach klaren Feldgrenzen in eindeutigen Zuschreibungen an seine Mitglieder, seien es nun „echte“ Wohnungslose oder „echte“ Mafiosi/e. Die Irritation hinsichtlich unscharfer Grenzen des Feldes sowie Grauzonen von Zugehörigkeiten beschreiben Gränitz und Frickel als produktives Moment ihrer Forschung.
Daran anschließend erkunden Ina Braune und Ruth Manstetten Hierarchien im Feld anhand ihrer Studien in psychosomatischen Akutkliniken beziehungsweise zu Lebensformen von Erwerbslosen. Braune beschäftigt sich mit der Positionierung von Forscher:innen im Feld, wobei sie Geschlecht, Profession und Alter als relationierende Kategorien für eher wahrscheinliche beziehungsweise unwahrscheinliche Feldbeziehungen fokussiert (S. 72 ff.). Manstetten stellt in ihrem Beitrag (S. 91 ff.) eine tatsächlich selten thematisierte Herausforderung der Feldforschung in den Vordergrund, nämlich die Vulnerabilität der „Forscherin“ (S. 91, Hervorh. im Original) gegenüber beforschten Personen. In beiden Aufsätzen geht es damit um analytisch und methodologisch fruchtbare Irritationen in den Beziehungen zwischen Forscher:innen und Beforschten.
Farid Zarioh und Claudia Willms schildern das Entdecken des Feldes als produktiven, manchmal irritierenden Prozess. Anhand seiner Forschung zu Museen als Institutionen der öffentlichen Kultur sei er mit zahlreichen Irritationen konfrontiert worden, schreibt Zarioh eingangs. Exemplarisch verweist er zunächst auf Situationen, in denen Sicherheitskräfte vor Ort seine Interviewanfragen zurückwiesen, mit dem Hinweis, er müsse zuvor eine Genehmigung dafür einholen (S. 122 f.) Während sich manche dieser Irritationen schnell lösen, bleiben andere bestehen und können Sinnbildungsprozesse anstoßen (S. 123). Darauf aufbauend beschreibt er das ethnografische Forschen als transsituativen und multisensorischen Prozess, in dem Teilhabe und Kontingenz auf vielfältige Weise miteinander verschränkt sind.
Willms hatte in ihrer Studie zu religiös motivierten sozialen Bewegungen mit den „üblichen Irritationen und Momenten des ‚Kulturschocks‘“ (S. 155) gerechnet und thematisiert damit implizit die im qualitativen Diskurs weithin bekannte epistemische Rolle von Irritation. Vor diesem Hintergrund greift sie (ähnlich wie Frickel und Gränitz) eine spezifische und tatsächlich bislang wenig reflektierte Form der Irritation einer Forscherin auf, nämlich ihre Verunsicherung durch eine Interpretationsgruppe. Letztere hatte das von Willms mit einer „sich selbst als antikapitalistisch und feministisch verstehenden friedensbewegten Dominikanerschwester“ geführte Interview vor sich und attestierte der Gläubigen Verblendung und mangelnde Rationalität (S. 156 f.), während Willms selbst die Aussagen der Ordensschwester gänzlich anders gedeutet hatte – und nun mit dieser unerwarteten Situation im weiteren Forschungsverlauf umzugehen hatte. Bei Zarioh wie bei Willms werden also Irritationen aus dem forschenden Feld zum produktiven Ausgangspunkt für neue Erkenntnisse, um es in Willms Worten auszudrücken: zum „Wegweiser“ (S. 152).
Abschließend fragen die beiden Herausgeberinnen nach neuen Wegen ins Forschungsfeld. Hilscher gibt Einblicke in das Feld der Care-Arbeit, das sich von (üblicherweise unbezahlten) Tätigkeiten im privaten Raum über Freiwilligenarbeit bis hin zu Lohnarbeit spannt und gleichzeitig in ein komplexes System globaler Ungleichheiten eingeschrieben ist. Die Autorin untersucht Sorge- und Beziehungspraktiken hinsichtlich ihrer Potenziale und Fallstricke für die gesellschaftliche Teilhabe von Eltern mit Migrationsbiografie. Ihre anfängliche Irritation formuliert sie pointiert: „Ich suche nach Care-Praktiken und finde zunächst vermeintliche Bildungsdefizite und eine Vielzahl an Bildungsambitionen“ (S. 176). Letztere konstituieren und strukturieren das Feld, liefern also relevante Hinweise für die Forschungsarbeit.
Ruokonen-Engler rekonstruiert affektive und methodische Veränderungen im Rahmen der CoViD-19-Pandemie. Letztere hatte das Interviewen in körperlicher Ko-Präsenz weitestgehend unmöglich gemacht, hatte aber neben allen Einschränkungen auch ein produktives Moment: Die veränderten Gegebenheiten forderten (und förderten) die Suche nach neuen Wegen der Datenerhebung, im Falle Ruokonen-Englers waren Interviews im digitalen Raum notgedrungen die Lösung.[4] Anfängliche Sorgen und insbesondere methodische Zweifel der Autorin daran, biografisch-narrative Interviews virtuell zu führen, wichen der positiven Erfahrung von besonderer Offenheit und Vertrauen in den digitalen Gesprächen (S. 208). In beiden Beiträgen steht die Frage nach analytischen und methodischen Neuerungen als produktives Ergebnis von Irritation im Vordergrund.
Wie eingangs bemerkt, liegt die Stärke des Buches meines Erachtens in der tiefgehenden Diskussion und Reflexion des epistemischen Gehalts von Irritationen, weniger in dessen tatsächlicher Entdeckung. Besonders hervorzuheben ist hier der enge Bezug zu den Forschungsarbeiten der Autor:innen, der neben methodischen Überlegungen auch tiefe Einblicke in derart heterogene Forschungsfelder wie antikapitalistische Ordensschwestern, die Mafia, Wohnungslosigkeit oder Museen erlaubt. Neben dem primären Gegenstand vermitteln die acht Beiträge damit auch Einsichten zur thematischen Breite und Reichweite qualitativer Sozialforschung.
Schaut man genauer auf den methodischen Gehalt der Texte sowie auf den Aufbau des Buches, so zeigt sich allerdings ein Fokus auf klassische Themen der Methodendiskussion: Feldzugang, Forschungsbeziehungen und (analytischer) Zuschnitt des Feldes. Zwar setzen einige Beiträge trotzdem innovative Akzente, gerade weil sie ihre Beobachtung und Analyse des Sozialen nicht allein auf die Arbeit im Forschungsfeld beschränken, sondern auch auf die Forschenden (und Interpretationsgruppen) ausdehnen. Jedoch fehlt eine systematische Rezeption aktueller Arbeiten zur Praxis der Forschung, in denen Dynamiken des Forschungsprozesses nicht allein auf die Ebene von forschenden und beforschten Personen (und ihre jeweiligen Motive) reduziert werden.[5]
In diesem Sinne lässt das Buch Raum für Folgepublikationen, es entfaltet nicht sein volles Potenzial. Dennoch setzt das insgesamt sehr lesenswerte Buch einen wichtigen Impuls und vermittelt spannende Einsichten.
Fußnoten
- Denielle Elliott / Matthew J. Wolf-Meyer (Hg.), Naked fieldnotes. A rough guide to ethnographic writing, Minneapolis, 2024.
- Rebecca Coleman / Kat Jungnickel / Nirmal Puwar (Hg.), How to do social research with, London 2024; siehe hierzu auch die Rezension auf Soziopolis: Larissa Schindler, Science Outside the Box. Rezension zu „How to do social research with…“ von Rebecca Coleman, Kat Jungnickel und Nirmal Puwar (Hg.), in: Soziopolis, 13.3.2025.
- So formulieren etwa Jörg Strübing et al. in ihrem einflussreichen Beitrag zu Gütekriterien der qualitativen Forschung: „Im Fall gelungener Forschung stehen dabei empirisches Feld und theoretisches Denken in einem produktiven Verhältnis wechselseitiger Irritation“ (Jörg Strübing et al., Gütekriterien qualitativer Sozialforschung. Ein Diskussionsanstoß, in: Zeitschrift für Soziologie 47 (2018), 2, S. 83–100, hier S. 93).
- Auf einer ähnlichen Linie diskutierten Anna Hidalgo und Shamus Khan bereits sehr früh die mitunter auch produktiven Momente der Herausforderungen der Pandemie für das Forschen: Anna Hidalgo / Shamus Khan, Blindsight ethnography and exceptional moments, in: Etnografia e ricerca qualitativa (2020), 2, S. 185–193.
- Darunter: Christian Greiffenhagen / Michael Mair / Wes Sharrock, From methodology to methodography. A study of qualitative and quantitative reasoning in practice, in: Methodological Innovations Online 6 (2011), 3, S. 93–107; Andrea Ploder / Julian Hamann (Hg.), Special Issue on Practices of Ethnographic Research. Journal of Contemporary Ethnography 50 (2021), 1.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.
Kategorien: Affekte / Emotionen Daten / Datenverarbeitung Epistemologien Methoden / Forschung Wissenschaft
Empfehlungen
Maschinen wie wir
Rezension zu „Künstliche Intelligenz und Empathie. Vom Leben mit Emotionserkennung, Sexrobotern & Co“ von Catrin Misselhorn
Eine Soziologie frei von Selbstinszenierung
Nachruf auf Rainer Schützeichel (1958–2023)
Mood Tracker
Rezension zu „Gefühlstechniken. Eine Kultursoziologie emotionaler Selbstvermessung“ von Sarah Miriam Pritz