Jens Bisky, Thomas Schmidt-Lux | Veranstaltungsbericht | 30.09.2026
Mainzer Splitter II: Dienstag
Bericht vom 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Mainz
Nachts in den Städten
„Die Nacht ist das eigentliche Leben der großen Stadt“, behauptete 1846 der sozialistische Schriftsteller Ernst Dronke. Wenn es dunkel wird, fällt der Gegensatz von Glanz und Elend besonders auf. Dronke beschrieb ihn damals für das vorevolutionäre Berlin. Die gegenwärtige Soziologie halte es nun eher mit dem Tag und den öffentlichen Institutionen. Gerate die Nacht in den Fokus, gehe es meist um pleasure oder panic, die Vergemeinschaftung im Feiern oder die Angst vor Kriminalität. Mit diesen Ausgangsbeobachtungen eröffneten Julia Hahmann (Wiesbaden) und Sascha Schierz (Mönchengladbach) am Dienstagnachmittag die Sitzung der Ad-Hoc-Gruppe 58: „Nachtarbeit. Zur Produktion der städtischen Nacht und nächtlichen Arbeitens“.
Sie wollten nicht die Ökonomie des Nachtlebens untersuchen und dieses nicht im Zusammenhang mit Individualisierung betrachten, sondern mit Blick auf Arbeit. Das geschieht nicht so häufig, auch weil nächtliche Arbeit oft migrantische Personen verrichten. Institutionen wie Krankenhäuser bieten meist nur eine „abgespeckte Version“ des Tagesbetriebs, familiäre Care-Arbeit kann nachts kaum auf formelle Unterstützung zugreifen. Die Sitzung bewies, wie sinnvoll es sein kann, auf derlei konkrete Wirklichkeiten zu schauen.
Ruth Martini (Bayreuth) warf die Frage nach gewerkschaftlicher Vertretung in der Sexarbeit auf. Gewiss finde Sexarbeit nicht nur nachts statt, aber sie sei doch mit dem städtischen Nachtleben verbunden und mehr noch mit dem öffentlichen Bild von diesem. Seit 2002 das Prostitutionsgesetz in Kraft trat, gilt Sexarbeit nicht mehr als sittenwidrig, Sexarbeiter:innen haben Zugang zu den Sozialversicherungen und können ihren Lohn einklagen. Die rechtliche Grundlage für eine gewerkschaftliche Organisation ist damit laut Martini gegeben. „Arbeitsplatz Prostitution“ hieß 2004 eine von Verdi, der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, in Auftrag gegebene Studie. Ein Musterarbeitsvertrag wurde erstellt, der jedoch in der Praxis keine Rolle spielt. In der Sexarbeit dominieren Solo- und Scheinselbstständigkeit. Damit fehlt ein Ansatzpunkt für Gewerkschaften, die mit dem klassischen Konflikt der Machtasymmetrie zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern groß geworden sind.
Für ihr Dissertationsvorhaben hat Martini 21 qualitative Interviews mit Sexarbeiter:innen und Expertinnen geführt. Sie zeigte, dass es bei Sexarbeit nicht eine einzelne Ursache für das Ausbleiben gewerkschaftlicher Organisation gibt, sondern dass verschiedene Faktoren zusammenspielen. Die Arbeitszeiten sind unregelmäßig, aber flexibel. Der Arbeitsort entscheidet über Autonomie oder Abhängigkeit. Legale und sichere Arbeitsorte sind eine wichtige Ressource, um als Sexarbeiter:in sicher und selbstständig arbeiten zu können. Die Betreibenden etwa von Bordellen haben oft große Kontrollmacht. Sichtbarkeit kann Kundschaft bringen, zugleich aber Stigmatisierung und Kontrolle erhöhen. Es handelt sich um ein migrantisiertes und feminisiertes Arbeitsfeld, in dem zu ökonomischem Druck und Zeitmangel Sprachbarrieren, Abwertung und Sexarbeitsfeindlichkeit hinzukommen. In Bordellen herrschen oft Isolation, Konkurrenz und hohe Fluktuation. Nur wenige Sexarbeiter:innen verfügen über die Ressourcen, sich zu organisieren. Die Nacht wirke dabei als Ungleichheitsverstärker, vieles sei deutlicher zu sehen.
Aufgrund des Stigmas wäre Organisierung, also kollektive Sichtbarkeit, mit hohen Risiken etwa in der Familie und der Nachbarschaft verbunden. Entstigmatisierung und Anerkennung zu erreichen, sei daher, so Martini, die vordringliche Aufgabe von Gewerkschaften. Sie müssten die Beschäftigten aufsuchen, beraten und für Preise, soziale Sicherung, vor allem aber für die Raumkosten Verhandlungsmacht gewinnen. Gegenüber den Bordellbetreiber:innen seien einzelne schwach, es bräuchte kollektive Standards. Zu wünschen wären: soziale Sicherung jenseits des Normalarbeitsverhältnisses, der Erhalt von Flexibilität, Sozialfonds nach dem Vorbild der Künstlersozialkasse, Schutz, der zugleich Autonomie gewähre. Für andere atypisch Beschäftigte und die Vertretung ihrer Interessen ergeben sich die gleichen oder doch sehr ähnliche Probleme. Sind die Gewerkschaften bereit und in der Lage, diese anzugehen? Sexarbeitsfeindlichkeit und Stigmatisierung gibt es auch in den Gewerkschaften.
Um Türsteher und Awareness-Arbeit ging es im Vortrag von Alexandra Klepp und Julia Teschlade (beide Berlin). Sie fragen, wer die Clubnacht trägt, wie und von wem jene sozialen und affektiven Bedingungen hergestellt werden, unter denen andere feiern können. „Ich bin Exzessbetreuer“, sagt der Türsteher Frank Küster. Die Formulierung enthält einen Widerspruch zwischen Enthemmung und Verantwortungsübernahme, zwischen Kontrollverlust und Fürsorge. Diesem gingen Klepp und Teschlade nach: Welche Arbeit braucht es, um Exzesse zu betreuen? Es handelt sich in ihrem Verständnis um Sorgearbeit. Die Nacht gilt ihnen als „sozialer Modus“, ein Club als möglicher Schutzraum, in dem Sicherheit, ja die Clubnacht selbst fortlaufend hergestellt und aufrechterhalten werden muss. Bislang haben sie drei leitfadengestützte Interviews geführt: mit Chloe, Bella und David, für die Clubarbeit nicht die Haupteinnahmequelle ist. Welchen Entscheidungslogiken folgen sie? An der Tür und im Club gilt es, Risiken zu antizipieren, Grenzen zu ziehen, problematische Situation zu bearbeiten. Entscheidungen müssen in unklaren Situationen getroffen werden, es gibt keinen Guide dafür. Diese Aufmerksamkeits- und Urteilsarbeit ist kaum zu standardisieren.
So ist etwa oberkörperfreies Tanzen nicht grundsätzlich verboten, aber es kann als männlich raumeinnehmendes Verhalten gedeutet werden, weshalb ein frühes Eingreifen erforderlich ist, um ebendiese Raumnahme rechtzeitig zu begrenzen. Sie erfülle eine „Exekutivfunktion in einem Mikrokosmos“, sagt Chloe. Im Konfliktfall geht es um rasche Abwägung zwischen dem Betroffenheitsgefühl einzelner und dem generellen Interesse des Feierkollektivs an der Aufrechterhaltung der fragilen Ordnung einer Clubnacht. Die Unsicherheit, was wirklich geschehen ist, und Gerechtigkeitsansprüche spielen dabei eine Rolle. Bella meint: „Wenn der eine Typ geht, ist das kein Verlust für die Party.“
Alexandra Klepp und Julia Teschlade bezogen sich vor allem auf Joan Trontos Care-Ethik. Ihr Projekt besticht durch Umsicht und große Aufmerksamkeit für oft übersehene Details und Selbstverständlichkeiten. In der Diskussion berichteten sie, dass einige der Feiernden sich rücksichtsloser verhalten, seit die Awareness-Teams sich um Streit, Probleme nach Drogenkonsum oder sexualisierte Gewalt kümmern. Sie geben die Verantwortung ab, passen nicht mehr so stark aufeinander und auf sich selbst auf. Dass David mit einem Obstteller durch den Club läuft, um den Gästen, die oft schon lange auf den Beinen sind, etwas zu essen anzubieten, erleichtert solches Verhalten – denn jemand anderes kümmert sich. Andreas Reckwitz hat am Eröffnungsabend mit guten Gründen zum Bücherschreiben aufgerufen. Die fragile Ordnung von Clubnächten wäre, bei deutlich größerer empirischer Basis, ein gutes Thema für ein Buch. Ob es „Betreute Exzesse“ oder anders heißen sollte, lässt sich später klären.
Braucht es eine neue, eine andere Soziologie der Nacht und des Nachtlebens? In der munteren Abschlussdiskussion hielten sich Skepsis und Begeisterung sowohl für das Thema als auch für die vorgetragenen Analysen die Waage. Die Nacht war immer ein Gegenstand der Stadtsoziologie. Dass alltags- und arbeitssoziologische Perspektiven sinnvoll sind, liegt auf der Hand. In der Nacht gelten andere Normalitätserwartungen und Verhaltensstandards. Wer von der Nachtschicht kommt, in der U-Bahn ein erstes Feierabend-, besser: Feiermorgenbier trinkt, muss mit scheelen Blicken und Tuscheleien rechnen; wer abends ein Bier in der Bahn trinkt, dem wünscht man eine gute Party. Reiner Keller (Augsburg) brachte das Stichwort der sozialen Rhythmik, der kollektiven Lebensrhythmen ein, die sich von Land zu Land unterscheiden, in Italien sehr andere als in Deutschland sein können. Ein Fazit des Nachmittags bleibt: Im Dunkeln sieht man manches besser. Man muss nur genau hinschauen.
(Jens Bisky)
Ästhetiken von Zukunftsbildern
Wie lässt sich Zukunft imaginieren? Damit ist die zentrale Frage der Dienstag-Session der Sektion Kultursoziologie gestellt, die inhaltlich gut an ein Panel des Vormittags anschloss, in dem ebenfalls Imaginationen des Zukünftigen im Mittelpunkt standen. Nun rückten jedoch stärker die Ästhetiken dieser Zukunftsbilder in den Fokus. Die von Uta Karstein und Oliver Berli organisierte Session „Kultursoziologische Perspektiven auf Ästhetiken des Zukünftigen“ versammelte dabei unterschiedliche mediale Formen und Ausbuchstabierungen des Zukünftigen.
Zum Auftakt führte Jörn Ahrens (Gießen) durch die TV-Serie The Walking Dead, die sehr lange und sehr erfolgreich produziert wurde, auch wenn sie es nicht in die kürzlich von der New York Times veröffentlichte Liste der Top 100 schaffte. Der Vortrag interessierte sich dafür, welche Gesellschaftsformen die Protagonist:innen der Serie als Reaktion auf die immer wieder neuen Krisen und Bedrohungen entwickeln und gewissermaßen erproben. Ahrens identifizierte hier eine beachtliche Vielzahl von Formen, die von nomadischem Leben über Ständegesellschaft und mimetischen Horden bis hin zum Beginn einer neuen Republik, die am Schluss der Serie errichtet wird, reichten. The Walking Dead ließ sich als ästhetische Reflexion auf eine Gesellschaft im Krisenmodus verstehen, als eine „dauernde Meditation über das Soziale“, wie Jörn Ahrens es pointierte. Auffällig war bei den identifizierten Entwürfen des Sozialen das Oszillieren zwischen solidarischen und autoritären Gesellschaften und die Priorität, die auf familialen Gemeinschaften und auratischer Führerschaft lag; pluralistische und egalitäre Sozialmodelle hatten es in der Serie eher schwer.
In anregendem Kontrast hierzu standen die Zukunftsvisionen, die Sabine Barthold (TU Dresden) anschließend diskutierte: das kulturelle Phänomen des Solarpunk einerseits und die Gelephu Mindfulness City in Bhutan andererseits. Beide entwerfen im „Zeitalter der Dystopie“ explizit positive Zukünfte und versuchen, diese auf unterschiedliche Weise umzusetzen. Solarpunk ist ein Mix aus Literatur und Computerspiel und verbindet erneuerbare Energien und eine fast schon kitschige Naturnähe mit antiautoritären und nicht hierarchischen Sozialvorstellungen. Die Mindfulness City wiederum soll der Abwanderung junger Menschen aus Bhutan entgegenwirken und setzt hierfür auf Naturmaterialien, Nachhaltigkeit und Digitalität. Als soziotechnische Imaginationen, so Barthold, sind beide Projekte von der Vorstellung „ökologischer Harmonie und technologischer Suffizienz“ geprägt.
Danach beschäftigte sich Judith Reinbold (Friedrichshafen) mit Imagefilmen von Rüstungsunternehmen. Diese versprächen einerseits eine sichere Zukunft, kommunizierten aber andererseits eher implizit diffuse Bedrohungs- und Konfliktszenarien. Die Filme enthielten eine überraschende Bandbreite an Themen: städtisches Familienleben und Partnerschaft sowie Kooperation und Zusammenarbeit in divers besetzten Teams (die Filme waren auch Teil von Anwerbekampagnen), hinzu kommt die Vorführung von Hochleistungstechnik. Insgesamt erwiesen sich die Filme nicht als sonderlich visionär; eher werde ein konservativer Wille zum Bewahren deutlich. Reinbolds Interpretation als „kommunikative Gattung“ war überzeugend, denn im Grunde schienen die konkreten Rüstungsprodukte austauschbar – mit nur wenigen Schnitten und Änderungen könnten die Videos auch Verkaufsfilme für Automobile oder Computer sein.
Dass nicht nur beim Verkauf von Produkten, sondern auch in der politischen Arena Bilder und Filme eine zentrale Rolle spielen, ist nicht grundsätzlich neu, wurde aber nochmals auf eindrückliche Weise von Johanna Wahl (Oldenburg) gezeigt. Sie analysierte die visuellen Praktiken der jüngeren Klimabewegung, insbesondere der Letzten Generation und von Fridays for Future. Die Mediatisierung von Protest lässt sich in beiden Fällen gut veranschaulichen; für Protestfotografie werden sogar Workshops angeboten. Bezogen auf die bei den Protesten kommunizierten Zukünfte unterschieden sich beide Bewegungen auffällig, so Wahl. Während sie bei der Letzten Generation als „schwindende Chance“ auftauche, erscheine sie bei Fridays for Future als „kollektive Möglichkeit“.
Stefanie Husel (Mainz) schließlich brachte eine weitere Perspektive in die Session ein. Sie analysierte große Projektausschreibungen im Feld der Kulturförderung und deren Umsetzung in der konkreten Projektarbeit: Wie konsistent sind eigentlich die in den Ausschreibungen formulierten Ziele und wie werden sie auf Projektebene angeeignet und interpretiert? Als Beispiel diente ihr das Future-Laboratory-Projekt von zwölf kooperierenden Theatern. Ungeachtet von Schwierigkeiten mit dem Beamer im Raum, der selbst wohl keine große Zukunft mehr hat, präsentierte Husel interessante Befunde. Diese lenkten den Blick vor allem auf die ökonomisch-politische und damit infrastrukturelle Dimension von konkreten (Kultur-)Projekten. Neben ihren offenkundig ökonomischen Anreizen enthielten beziehungsweise seien solche Ausschreibungen nicht zuletzt Legitimationserzählungen. Insofern stellten die „Kollateralerzählungen“ der Beteiligten umso wichtigeres Material für empirischen Analysen der sozialen Wirklichkeit eines Projektgeschehens dar.
Die Session war insgesamt auffällig empirisch orientiert, das war nicht immer so in der Kultursoziologie. Und auch wenn dies gerade bei Vortragsformaten doch sehr zu begrüßen ist, ging es doch etwas zulasten theoretischer Überlegungen. Aber sicherlich ist hier die Balance schwer zu finden, gerade bei derlei Großereignissen mit begrenzten zeitlichen Möglichkeiten. Inhaltlich fiel in allen Beiträgen die starke Bedeutung von Bildern auf. Zugleich scheint es keine spezifische Ästhetik des Zukünftigen zu geben, weder formell noch inhaltlich. Vielleicht sind dafür die imaginierten Zukünfte auch zu divers, die entworfenen Kontexte zu heterogen.
Hin und wieder thematisierten Vortragende und Publikum die Frage nach dem Verhältnis von Fallbeispiel und Generellem. So wurde das Spezifische an den Zukunftsvorstellungen von The Walking Dead diskutiert und woanders abgewogen, was populärkulturell eigentlich attraktiver ist: solche Dystopien oder vielleicht doch die heilen Welten des Solarpunk. Deutlich zeigte sich auch, dass sich mit Zukunft und deren Ästhetisierung Geld und Prestige erlangen lässt: Die Mindfulness City in Bhutan entwirft einer der teuersten Star-Architekten der Welt, es gibt große Programme zur Zukunftsforschung und die Rüstungsindustrie nagt auch nicht gerade am Hungertuch. Dass in Ästhetisierungen des Zukünftigen mehr über Vergangenheit und Gegenwart als über Zukunft erzählt wird, ist sicherlich eine Binse. Wie genau dies aber geschieht, mindestens das wurde am Dienstag deutlich, bleibt eine lohnende Frage.
(Thomas Schmidt-Lux)
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.
Kategorien: SPLITTER
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