Christine Magerski | Essay | 22.10.2026
Mit dem Rücken zur Wand
Daniel Bells Diagnose des Liberalismus wird fünfzig
Es gibt einen Satz in Daniel Bells The Cultural Contradictions of Capitalism (1976), der fünfzig Jahre nach Erscheinen der Studie nichts an Aktualität eingebüßt hat: „In der Kultur wie im Bereich der Politik“, so heißt es, „steht der Liberalismus heute mit dem Rücken zur Wand.“[1] Weil der Liberalismus elementare Freizügigkeit befürwortet, jedoch nicht angeben kann, wo ihre Grenzen liegen, muss er laut Bell immer weiter in die Enge geraten – eine Dynamik, die der amerikanische Kultursoziologe zutiefst bedauerte. Um seine These zu untermauern, holte er weit aus: Neben Nietzsche prägt auch Joseph Conrad die Studie und mit ihm ein Verständnis von Zivilisation, das in ihr nicht mehr sieht als eine dünne Schicht über den latenten anarchistischen Impulsen und atavistischen Wurzeln des Lebens. Das Herz der Finsternis[2] vor Augen, warnte Bell die westliche Welt vor einer Tendenz, mit der ausgerechnet die modernistische Kunst an die Stelle der Religion tritt und die gesamtgesellschaftliche Feier der Kreativität ins Grenzenlose abdriftet.
Gleichwohl wies Bell die simplen Formeln des Nihilismus zurück und insistierte auf eine „komplexere[] und empirisch nachprüfbare[] These“.[3] Die Ausgangsthese ist schlicht. Die kapitalistische Gesellschaft gliedert sich in drei Sphären: die techno-ökonomische Struktur, die auf Effizienz und Rollenspezialisierung beruht; die politische Ordnung, die formal Gleichheit und Teilhabe verspricht; und die Kultur, die sich seit der Moderne ganz der Erfüllung und Überhöhung des individuellen Selbst verschrieben hat. Die Dramatik ergibt sich erst aus der massiven Verschiebung des Verhältnisses der Sphären. Folgt man Bell, so hat sich die Kultur mit den 1960er-Jahren auf den Fahrersitz geschwungen – und führt die Gesellschaft in eine Sackgasse. Was einst der Bohème vorbehalten war, das rebellische, auf das authentische Selbst fixierte Künstlerleben, avanciert zum Betriebsmodus der Mittelschicht. Die im Kern auf Disziplin, Aufschub und Rollenerfüllung angewiesene Ökonomie zieht mit und fördert eine modernistische Kultur, die das genaue Gegenteil predigt. Eben darin liegt der titelgebende Widerspruch.
Feindkultur ohne Feind
Was zunächst klingen mag wie Kulturkritik alter Schule, erweist sich bei näherer Betrachtung als durchaus zeitgenössische Diagnose. Bell zeigt, wie aus einer künstlerischen Haltung ein gesellschaftliches Programm wurde, und zentriert dabei die künstlerische Avantgarde. Verstand sich diese zunächst als „Stoßtrupp des Fortschritts“[4] im Reich der Kunst, so greift sie – einmal gesellschaftlich legitimiert – auf alle Bereiche durch und es beginnt die „Institutionalisierung des Primats der Kultur“,l[5] die bis in die Politik hineinreicht. Das Rütteln an Tabus wird zur neuen gesamtgesellschaftlichen Norm und mündet zwangsläufig in eine Krise der bürgerlichen Wertvorstellungen. Weil die Avantgarde aber politisch weder rechts noch links, sondern subversiv gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt ist, muss die Gegenkultur mit dem Moment zum politischen Problem werden, an dem sie den Rahmen der Kunst endgültig sprengt. Die Ironie der Geschichte liegt dann auch darin, dass es der Liberalismus selbst war, der im Bereich der Kunst und Kultur das Experimentieren mit immer neuen Formen wohlwollend gebilligt hatte und nun von eben diesem Experiment mit dem Rücken an die Wand gedrückt wird.
Rhetorisch geschickt rahmt Bell seine eigentliche Pointe als ein soziologisches Rätsel, indem er auf den alten Antagonismus von Bürger und Künstler zurückgreift. In einer Zeit, in der Peter Bürger das Ende der Avantgarde qua Institutionalisierung erklärt, dreht Bell den Spieß um und argumentiert, dass das, was als Kunstrevolution gegen eine feindselige bürgerliche Ordnung begann, selbst zu einer machtvollen neuen Ordnung avancierte. Deren Trägerschicht ist eine „Kulturklasse“, die längst groß genug ist, um einen ganzen Kulturproduktionsbereich selbstständig zu unterhalten. Die Klasse selbst besteht laut Bell nicht nur aus den eigentlichen Kulturschöpfern, sondern auch aus den Übermittlern, also all jenen, die im Bildungswesen, in Verlagen, im Rundfunk, im Theater und in den Museen arbeiten und die Rezeption steuern. Unter ihnen finden sich auch die culturati und mithin jene, die vor allem „in“ sein und auf der richtigen Welle reiten wollen und sich, wie Bell süffisant notiert, dem „Tendenzverhökern“[6] widmen.
Der Kitt dieser Klasse ist die Überzeugung, noch immer im „Kriegszustand“[7] mit dem Bürger zu sein, und dies, obwohl längst niemand mehr da ist, der dessen Werte ernsthaft verteidigt. „Wer in aller Welt, besonders in der Kulturwelt“, so fragte Bell bereits in den 1970er-Jahren, „verteidigt denn gegenwärtig die Bourgeoisie?“[8] Wo diese Legende dennoch fortgeschrieben werde, handele es sich um „reine Karikatur“.[9] Eine Feindkultur ohne Feind aber lässt die avantgardistische Attitüde zur bloßen Konvention erstarren und führt auch auf der sozialen Ebene zu dem, was Arnold Gehlen schon in den 1960er-Jahren für die Kunst auf die Formel „Avantgardismus gleich Establishment“[10] gebracht hatte. Bell erweitert diesen Gedanken hin zum Bild einer insgesamt avantgardisierten Gesellschaft, einer Gesellschaft also, in der jeder Status quo als rückschrittlich gilt und die Dynamik stetiger Erneuerung sich über alle Bereiche zieht.
Religion, das Ende des Glaubens und das Resilienzproblem
Dem ließe sich entgegenhalten, dass diese kulturelle Dynamik des Westens von den multiplen Krisen des 21. Jahrhunderts ohnehin unterbrochen wurde. Bell aber würde vermutlich vehement widersprechen, weil er das eigentliche Problem deutlich tiefer verankert sieht: „Das wahre Problem des Modernismus“, so Bell, „ist das Glaubensproblem.“[11] Nach dem Ende der Religion habe die Suche nach Sinngebung zu Literatur und Kunst geführt, die nun als „Religionsersatz“[12] fungieren. Da sich der künstlerische Modernismus längst in seinen Postmodernismen erschöpft hat, lebt allein noch der Glaube fort. Dieser Glaube aber findet keinen Halt mehr in einer „in der Erfahrung verankerten“[13] Realitätsvorstellung, wie ihn die traditionelle Religion einst bot. Aus dem transzendenten Ideal wurde, verbunden mit dem Fortschrittsgedanken und der Technologiegläubigkeit, ein kulturell fest verankerter, aber schutzloser Glaube. Schutzlos ist dieser Glaube Bell zufolge, weil es ein Fortschrittsglaube ohne ricorso ist, das heißt ohne Rückwendung zu den existenziellen Agonien des Menschen.
Aus heutiger Sicht ist diese Einschätzung insofern bemerkenswert, als Bell bereits vor fünfzig Jahren da war, wo die europäische Sozialtheorie erst um die Jahrtausendwende hinfand: beim Begriff der Resilienz und der Frage, warum die bürgerliche Gesellschaft auf Katastrophen jedweder Art moralisch wie intellektuell schlecht vorbereitet ist. Dass diese Einsicht in den USA früher reifte als in Europa, lässt sich womöglich auf den früheren und radikaleren gesellschaftlich-kulturellen Wandel der amerikanischen Gesellschaft zurückführen. Für die Gegenwartsdiagnostik – sei es Andreas Reckwitz’ „Krise des Allgemeinen“[14] oder die Wiederentdeckung des Resilienzbegriffs[15] – liefert Bell damit eine erstaunlich frühe Blaupause. Bereits bei Bell war das uneinlösbare Streben nach ewigem Fortschritt und individueller Authentizität der Kern des Problems, nur dass er daraus unverblümt die Frage ableitete, mit welcher Art von Sinngebung sich eine Gesellschaft überhaupt absichern könnte.
Die kritische Grenze der Bell’schen Diagnose
Wie gesagt, Bell, der sich selbst als Kulturkonservativer verstand, blickte mit einem apokalyptischen Schaudern auf das, was er die „Wende zur Freizügigkeit“ nannte, und warnte eindringlich vor den Folgen. Sein Weckruf aber verhallte – und der Westen ging auch nicht unter. Die Annahme, dass, wo modernistische Kunst an die Stelle der Religion tritt, das „Dämonische“ den moralischen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu zerfressen drohe, erscheint heute daher als kulturkonservative Fehlkalkulation. Bell erlag gewissermaßen selbst dem Paradox der Avantgarde, indem er deren rhetorische Revolutionsspiele für bare Münze nahm und die offene soziale Revolution ausgerechnet durch die Kulturklasse fürchtete, deren restlose Domestizierung er selbst attestiert hatte. Die von ihm beschriebenen culturati betreiben heute keine Subversion mehr, sondern verwalten eine institutionalisierte „Tradition des Neuen“.[16] Und auch das, was Bell als existenzielle Bedrohung des Kapitalismus beschrieb, erweist sich gegenwärtig als dessen eigentlicher Triumph, andernfalls hätten Luc Boltanski und Ève Chiapello Jahrzehnte später nicht die Einverleibung der „Künstlerkritik“[17] in einen neuen, projektbasierten Geist des Kapitalismus beschreiben können.
Wenn aber der Kapitalismus von den kulturellen Widersprüchen lebt und nicht an ihnen zugrunde geht, was bleibt dann vom Bell’schen Bedrohungsszenario? Wenn sich das kreative, nach Authentizität suchende Subjekt nicht als der Totengräber der Ökonomie erweist, sondern als ihr profitabelstes Geschäftsmodell, was sind dann die eigentlichen Gefahren der modernen Gesellschaft? Bell selbst hat darauf erst mit einiger Verspätung geantwortet. Im Nachwort zur Jubiläumsausgabe von 1996 führt er nach dem Kalten Krieg einen gänzlich neuen Akteur ein: den islamischen Fundamentalismus. Mit ihm stehe nicht nur das bürgerliche Kapitalismusverständnis, wie es in der protestantischen Ethik Max Webers oder der Genealogie der Buddenbrooks gezeichnet wird, zur Disposition, sondern der Liberalismus und die Idee der Moderne selbst. Dem kulturellen Postmodernismus, den er jahrelang mit Erschrecken verfolgt hatte, sieht er nur noch resigniert zu. Man könne dazu, so Bell lakonisch, „vielleicht mit einem leisen Seufzer, nur sagen: auch das wird vorübergehen.“[18] Der „Aufstand gegen die Moderne“,[19] den er im religiösen Fundamentalismus am Werk sieht, ist für ihn dagegen eine Bedrohung anderer Ordnung.
Die Begründung fällt erstaunlich schlicht aus und lautet im Kern, dass da, wo der Koran sämtliche Lebensbereiche regiert, es keine säkulare Sphäre und damit auch keine Trennung von öffentlich und privat geben könne, wie sie der Liberalismus voraussetzt. Aus dieser Diagnose leitet Bell zwei praktische Regeln ab: Erstens müsse der Westen im Anschluss an Kant an der Unterscheidung von öffentlicher und privater Sphäre festhalten und moralische Fragen von öffentlichem Zwang freihalten. Zweitens gelte es, kulturelle und symbolische Fragen nicht zu politisieren, da sie ihrer Natur nach nicht verhandelbar seien und der Versuch nur zu Konflikt einladen würde.
Dass sich damit ein weiteres, kaum auflösbares Paradox auftut, war Bell durchaus bewusst – schließlich würde die Befolgung seiner Regeln darauf hinauslaufen, dass sich die Reaktion gegen die Moderne ihrerseits nur durch strikte Anerkennung des Autoritätsprinzips eindämmen lasse. Dazu komme, dass dem Westen jedwede Autoritätsgläubigkeit abhandengekommen sei. Das Scheitern der Eliten und Institutionen mache sich ja gerade am Fehlen einer solchen „respektierten Autorität“[20] in den Universitäten wie in der Politik als dem vielleicht „folgenschwerste[n] Vermächtnis“[21] der späten 1960er-Jahre fest. Und so lautet Bells letzte Einsicht zum Westen, dass der Kapitalismus zwar kulturelle Widersprüche in sich trage und das bürgerliche Leben spießig sei, beides jedoch geringere Übel gegenüber den Mühen seien, die es koste, aktiv für die Autonomie der verschiedenen Sphären (innerhalb moralischer Grenzen) sowie die Offenheit eines politischen Systems einzustehen, das Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit respektiert.
Wollte man aus alledem ein Moment ableiten, das gegenwärtige Diskussionen bereichern könnte, so wäre es vielleicht Bells anthropologische Prämisse. Der Mensch, so seine Überzeugung, könne zwar seine Technologien und sozialen Strukturen ändern, nicht aber seine eigene Natur. Von daher erschien ihm das moderne, expressive Subjekt nicht als Hybrid, sondern als Hybris. Wo nachfolgende Kultursoziologen die Entstehung der „Erlebnisgesellschaft“[22] oder eben die „Krise des Allgemeinen“[23] als Strukturmerkmal der Spätmoderne beschreiben, bediente sich Bell ganz unverhohlen selbst des moralischen Einspruchs. Wenn die Moderne keine inneren Grenzen mehr kennt, so sein Credo, dann muss die Grenze von außen gezogen werden, sei es durch die Politik oder durch eine Religion, die das Sakrale wiederaufrichtet.
Und doch: Es ist nicht die Öffnung hin zum Autoritären, die Bells Studie noch immer lesenswert macht, sondern die wohlreflektierte Suche nach Möglichkeiten einer Rettung der Moderne vor ihr selbst. Bell lieferte bereits eine Bestimmung der Tiefenstruktur unserer Gegenwart – den algorithmischen Narzissmus, den Aufstieg der neuen kreativen Mittelschicht, die Moralisierung der Debatten – verweigerte sich aber den Konsequenzen ihrer Alternativlosigkeit. Angesichts der Dynamik permanenter Entgrenzung sehnte er sich nach den Deichen der alten bürgerlichen Ordnung, wurde dabei aber nicht zum Spießbürger, sondern zu einem der „brillantesten unter den amerikanischen Neokonservativen“.[24] Als solcher hat Bell uns mit The Cultural Contradictions of Capitalism weniger fertige Antworten hinterlassen als vielmehr schmerzvolle Erkenntnisse, und dies nicht nur über unsere modernistische Kultur, sondern auch und vielleicht mehr noch über den Kulturkonservatismus. Wo die Rebellion zur Konvention des Establishments erstarrt, werden der Ruf nach Grenzen und die Sehnsucht nach der alten Ordnung zur einzig verbleibenden Provokation.
Fußnoten
- Daniel Bell, Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus, Frankfurt am Main / New York 1991, S. 98.
- Joseph Conrad, Das Herz der Finsternis, in: ders., Jugend. Drei Erzählungen, Berlin 1926, S. 49–180.
- Bell, Die kulturellen Widersprüche, S. 14.
- Ebd., S. 50.
- Ebd., S. 51.
- Ebd., S. 43 f.
- Ebd., S. 57.
- Ebd.
- Ebd.
- Arnold Gehlen, Erörterung des Avantgardismus in der bildenden Kunst, in: Bayerische Akademie der Schönen Künste (Hg.), Avantgarde. Geschichte und Krise einer Idee, München 1966, S. 77–97, hier S. 86.
- Bell, Die kulturellen Widersprüche, S. 38.
- Ebd..
- Ebd.
- Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017, S. 432.
- Gunnar Folke Schuppert / Martin Repohl (Hg.), Resilienz. Beiträge zu einem Schlüsselbegriff postmoderner Gesellschaften, Baden-Baden 2023.
- Bell, Die kulturellen Widersprüche, S. 50.
- Luc Boltanski / Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003, S. 32.
- Bell, Die kulturellen Widersprüche, S. 339.
- Ebd.
- Ebd., S. 346.
- Ebd.
- Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt am Main / New York 2000 [1992].
- Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten, S. 432.
- Jürgen Habermas, Die Moderne – ein unvollendetes Projekt, in: ders., Die Moderne – ein unvollendetes Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze 1977–1990, Leipzig 1990, S. 32–54, hier S. 37.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.
Kategorien: Demokratie Gesellschaft Moderne / Postmoderne Öffentlichkeit Politik Religion Technik
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