Johannes Becker | Essay | 16.09.2026
Neues Land, alte Grenzen
Über die Replikation von (Staats-)Grenzen in der assyrischen Diaspora
Wenn Menschen migrieren, können Grenzen mitwandern. Das gilt sowohl für territoriale Grenzen zum Beispiel zwischen Staaten als auch für symbolische Grenzziehungen zwischen Menschen und Gruppen. Waren derlei Grenzen vor der Migration relevant, können sie es auch danach noch sein. Um solche Kontinuitäten sichtbar zu machen, lohnt es sich, Familien- und Kollektivgeschichten vor dem Aufbruch zu untersuchen und deren Einfluss auf die Reise und das Ankommen an einem anderen Ort zu analysieren – verbunden mit der Frage, wie lange oder wie stark sie dort nachwirken.[1] Wie Staatsgrenzen nach der Migration in physischer und symbolischer Form wieder in Erscheinung treten können, soll im Folgenden am Beispiel eines assyrischen Kulturzentrums in einer deutschen Großstadt veranschaulicht werden.[2]
Das assyrische Kulturzentrum
Assyrer:innen, Aramäer:innen oder Suryoye sind verschiedene (Eigen-)Bezeichnungen für Angehörige christlicher Gruppierungen aus dem Nahen Osten, insbesondere aus der Osttürkei, Syrien und dem Irak, die im Alltag und/oder in der kirchlichen Liturgie aramäische Sprachen verwenden. Die verschiedenen Bezeichnungen sind umstritten, und für viele ist die Zugehörigkeit zu einer der verschiedenen Kirchen (etwa der syrisch-orthodoxen Kirche) von größerer Bedeutung.[3] Ich verwende hier die Bezeichnung „Assyrer“, weil sich die Mitglieder des säkularen migrantischen Vereins in einem Kulturzentrum, das mein Kollege Orhan Nassif und ich seit 2023 im Rahmen unserer Forschung regelmäßig besucht haben, selbst so nennen.
Dieses assyrische Kulturzentrum besteht aus zwei großen Räumen. Der linke Raum, „Teeraum“ genannt, verfügt über eine Küche; dort wird Tee getrunken und Karten gespielt. Der rechte, über den Haupteingang zugängliche Raum wird für politische Diskussionen genutzt, beinhaltet eine kleine Bibliothek und wird entsprechend auch als „Politikraum“ bezeichnet. Die Vereinsmitglieder verteilen sich jedoch meist nicht nach diesen Aktivitäten auf die beiden Räume. Vielmehr hielten sich im Politikraum während unserer Besuche am Nachmittag vor allem ältere assyrische Männer aus Syrien auf, im „Teeraum“ hingegen überwiegend Assyrer aus der Türkei. Eine Erklärung mag auf den ersten Blick einleuchtend erscheinen: Die Migrant:innen versammeln sich je nach Herkunftsland. Doch wie sie selbst sagen, gibt es nur wenig, was syrische und türkische Assyrer:innen voneinander unterscheidet. Die Männer in beiden Räumen sprechen dieselbe aramäische Sprache (Surayt), gehören derselben Kirche an (syrisch-orthodox), viele von ihnen sind sogar eng miteinander verwandt. Zudem lebten sie vor der Migration in unmittelbarer räumlicher Nähe zueinander, nur wenige Kilometer voneinander entfernt, auf beiden Seiten der türkisch-syrischen Grenze – sowohl in der syrischen Stadt Qamishli und deren Umgebung als auch in der bergigen Region Tur Abdin auf der türkischen Seite der Grenze.
Dass alle demselben Verein angehören und dieselbe Einrichtung, nämlich ein Kulturzentrum ausschließlich für Assyrer:innen, aufsuchen, kann als Hinweis auf eine gewisse Nähe zueinander und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit gelesen werden. Die Separation in unterschiedliche Gruppen und die getrennte Nutzung der Räumlichkeiten nach Herkunftsländern deutet hingegen auf Unterschiede innerhalb einer eng verbundenen migrantischen Gruppe hin. Die räumliche Trennung spiegelt wider, dass das Leben in der Türkei und in Syrien mit unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten verbunden war. Diese haben sich historisch herausgebildet und führten zu divergierenden Deutungsmustern, die so wirkmächtig sind, dass sie auch in der Diaspora zunächst fortbestehen und zu dieser räumlichen Separierung in Deutschland beitragen. Statt dem Herkunftsland scheint vielmehr die Geschichte der jeweiligen Gruppe vor der Migration ausschlaggebend für die Verteilung der Mitglieder auf beide Räume im Kulturzentrum zu sein.
Langfristige Folgen von Staatsbildung
Der Territorialraum, der in eurozentrischer Weise – teils aber auch in der Region selbst – als Naher Osten bezeichnet wird, ist im Laufe der Geschichte immer wieder neu eingeteilt und geordnet worden. Dennoch stellen die kolonialen Grenzziehungen und postkolonialen Staatsbildungen im 20. Jahrhundert eine besonders deutliche und sich langfristig verfestigende räumliche Setzung dar. Sie sind Ausdruck des modernen Kolonialismus und des Kampfes europäischer Mächte um Einfluss in der Region. Im Nahen Osten intensivierten sich diese Bestrebungen im 19. Jahrhundert, als das Osmanische Reich, damals schon der „kranke Mann am Bosporus“ genannt, an Einfluss verlor. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang des Osmanischen Reiches wurde ein großer Teil der Region zwischen Frankreich und Großbritannien aufgeteilt. Im Jahr 1923 erhielt Frankreich das Völkerbundmandat für das Gebiet des heutigen Syriens, im gleichen Jahr wurde die türkische Republik unter Mustafa Kemal Atatürk gegründet und die Grenze zum französischen Mandatsgebiet festgelegt. Seither ist das assyrische Siedlungsgebiet entlang der Grenze bei Nusaybin in der Südosttürkei und Qamishli in Nordostsyrien geteilt.
Diese historischen Perioden – das späte Osmanische Reich, die Kolonialzeit, die postkolonialen Staatsgründungen – haben in den Geisteswissenschaften viel Aufmerksamkeit erfahren. Eine zuvor kaum durch alltagsrelevante territoriale Grenzen durchzogene Region wurde zunächst in Völkerbundmandate und später in unabhängige Staaten unterteilt.[4] Es fehlen jedoch detaillierte Untersuchungen dazu, wie sich diese Prozesse auf Familien und auf verschiedene (ethno-religiöse) Gruppierungen ausgewirkt haben beziehungsweise wie diese hiermit gestaltend umgegangen sind.
Um die sozialen Folgen derartiger Grenzziehungen und der späteren Staatsgründungen im ehemaligen Territorium des Osmanischen Reiches aus einer historischen Langzeitperspektive nachzuvollziehen, greife ich auf mehrgenerationale Ansätze der soziologischen Biografieforschung und auf die Figurationssoziologie zurück.[5] Meine Forschungen zeigen, dass die Einteilung in Staaten im Alltagsleben anfangs recht wenig relevant war, aber im Laufe mehrerer Jahrzehnte immer wichtiger wurde. Zunächst kam es zu einer stärkeren Bürokratisierung, etwa durch die Einführung von Ausweispapieren, später von Pässen, wobei diese zunächst nur wenige praktische Einschränkungen beim Grenzübertritt mit sich brachten. Mit der Zeit wurden Mobilität, Migration und Ansässigkeit in den postkolonialen Staaten zunehmend reguliert. Die verschiedenen Staaten durchliefen zudem unterschiedliche politische, soziale und wirtschaftliche Entwicklungen. Gleichzeitig schrieben die Menschen ihnen im Alltag diskursiv unterschiedliche Charakteristika und Wertigkeiten zu. Mit der Grenzziehung begannen auch die Beziehungen zwischen den fortan in unterschiedlichen Staaten lebenden Menschen sich zu verändern. So entstanden etwa Zuschreibungen vermeintlich typischer Eigenschaften und „Mentalitäten“ der Bewohner:innen der jeweiligen Staaten – etwa als „faul“ oder „arrogant“. Dieser Vorgang machte auch vor Menschen, die sich miteinander in Familien, Familienverbänden oder durch gemeinsame ethnische oder politische Wir-Gruppenzugehörigkeiten verbunden fühlten, nun aber als Bürger:innen unterschiedlicher Staaten galten, nicht Halt.[6] Diese Ambivalenz aus Vertrautheit und Ablehnung lässt sich bis in die Gegenwart rekonstruieren, wie sich etwa in unserem Forschungsprojekt zu Figurationen von Migrant:innen und Geflüchteten aus angrenzenden arabischen Ländern und Altansässigen in der jordanischen Hauptstadt Amman zeigte.[7]
Im Folgenden stelle ich dar, dass sich in der Diaspora die gleichen Effekte der zunehmenden alltäglichen Differenzierung durch territoriale Grenzziehung einstellen wie im Nahen Osten. Das wird auch am Beispiel des assyrischen Kulturvereins in Deutschland deutlich.
Feldforschung an der türkisch-syrischen Grenze in Deutschland
Viele der Assyrer:innen im Kulturzentrum waren vor der Migration in der bergigen Region Tur Abdin ansässig, einer über mehrere historische Epochen hinweg ethnisch und religiös sehr heterogenen Region im heutigen Südosten der Türkei. Das Gebiet gehörte zur vormaligen großen Verwaltungsprovinz (Vilâyet) Diyarbakır des Osmanischen Reiches, die bis in das heutige Syrien reichte. Für das Alltagsleben der Menschen waren solche Verwaltungsgrenzen jedoch kaum relevant. In den letzten Jahrzehnten des Osmanischen Reiches wurden Assyrer:innen zunehmend diskriminiert und verfolgt. Diese Entwicklung kulminierte 1915 bis circa 1917 im assyrischen Genozid, dem „Sayfo“, bei dem mehr als 200.000 Menschen getötet wurden und der große Fluchtprozesse in umliegende Regionen in Gang setzte.[8] Zeitgleich fand der Völkermord an den Armenier:innen statt, der ungleich bekannter ist. Nach der Aufteilung der Region am Ende des Ersten Weltkriegs verlief in der Nähe des Tur Abdin die Grenze zwischen der neugegründeten Türkischen Republik und dem späteren Staat Syrien. In der Türkei gab es weiterhin diskriminierende Politiken gegenüber Assyrer:innen. Sie wurden nicht als Minderheit anerkannt, ihnen wurde staatlicherseits kaum Schutz gewährt, und im Tur Abdin kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit kurdischen Nachbar:innen. Daher migrierten auch in den 1920er- bis 1940er-Jahren zahlreiche Assyrer:innen nach Nordsyrien – in die unmittelbare Nähe des Tur Abdin, getrennt lediglich durch die neue Staatsgrenze.
Diese Staatsgrenze findet sich auch im Kulturzentrum in der deutschen Großstadt wieder: Die assyrischen Männer aus dem Tur Abdin treffen sich nachmittags im Teeraum, die nordsyrischen im Politikraum. Die beiden Räume sind zwar durch eine Tür verbunden, die Männer verbleiben aber normalerweise in ihrem jeweiligen Raum. Die Tür repliziert gewissermaßen den offiziellen Grenzübergang zwischen Nusaybin und Qamishli, an dem sich früher die durch die Grenze getrennten Familien trafen.
Diese Raumaufteilung des Kulturzentrums lässt sich also als eine temporäre Entsprechung der türkisch-syrischen Grenze beschreiben und veranschaulicht die fortdauernde Relevanz vormigrantischer Strukturen in Ankunftskontexten. Sie verweist auf die Trennung durch die kolonialen Grenzen im Nahen Osten, die wiederum unterschiedliche Lebenschancen auf beiden Seiten der Grenze mit sich brachten. Dieses charakteristische Verhältnis im Herkunftskontext bildet sich nach der Migration räumlich ab, die unterschiedlichen Deutungs- und Handlungsmuster der beiden Gruppen bleiben in der Diaspora zunächst weiter bestehen. Die Grenze wird vorerst wie selbstverständlich in die Diaspora mitgenommen – sie migriert mit und bleibt relevant.
Wie entstehen Unterschiede durch Grenzziehung?
Die Zusammenarbeit mit einem Forschungspartner aus der assyrischen Community in der deutschen Großstadt ermöglichte es uns, ausführliche biografisch-narrative und familiengeschichtliche Interviews mit langjährigen Vereinsmitgliedern und deren Familien zu führen und die Genese der Raumaufteilung im Kulturzentrum zu rekonstruieren. In den Analysen dieser Interviews war ein zentraler Aspekt, dass sich die Lebensbedingungen in der Osttürkei und in Nordsyrien in den Jahrzehnten nach der Grenzziehung zunehmend unterschiedlich entwickelten und mit immer stärker divergierenden Handlungs- und Deutungsmustern verbunden waren.
Assyrer:innen aus der Türkei hoben ihr einfaches, auf Subsistenzwirtschaft basierendes Leben in ihren Dörfern im Tur Abdin hervor. Sie verwiesen auf den Mangel an schulischer Bildung. Detailliert erzählten sie von der Feindseligkeit kurdischer Nachbar:innen. Die Männer betonten die schwierige Zeit des verpflichtenden Dienstes in der türkischen Armee. Sie erinnerten sich an gewaltsame Konflikte mit nichtchristlichen Männern und an Schikanen durch Ranghöhere. Bis heute haben die meisten aus der Türkei stammenden Assyrer:innen ein negatives Bild von Türk:innen und Kurd:innen.
Assyrer:innen aus Syrien betonten hingegen ihre oftmals erfolgreiche soziale Integration in die nordöstliche Region Jazira und den syrischen Staat. Im Gegensatz zur Türkei wurden christliche Minderheiten unter dem französischen Mandat im heutigen Syrien bis 1946 gefördert, etwa durch Landzuweisungen und Unterstützung beim Aufbau neuer Siedlungen und Gemeinden.[9] Auch nach der Unabhängigkeit Syriens erfuhren Assyrer:innen weniger Diskriminierung als etwa Kurd:innen, die als Bedrohung der arabischen Hegemonie in der Region galten. Trotz mancher Restriktionen beim Ausdruck ihrer ethnischen oder nationalen Zugehörigkeit genossen Assyrer:innen in Nordsyrien eine bessere und längere Schulbildung als in der Osttürkei und hatten größere kulturelle wie politische Handlungsspielräume. So existierten im baathistischen Syrien, das von 1963 bis 2024 von einer arabisch-nationalistischen Diktatur regiert wurde, assyrische Parteien sowie assyrische Schulen. Ökonomisch waren sie in die generelle autoritär-sozialistische Planpolitik und Förderung ärmerer Gesellschaftsschichten eingebunden.[10] Zudem ergaben sich für sie im Nordosten Syriens ab den 1970er-Jahren Arbeitsmöglichkeiten in der dortigen Ölindustrie. Damit ging ein Zuwachs an ökonomischem Kapital einher, der es mehr Assyrer:innen der Folgegeneration ermöglichte, ihre Kinder zur Universität zu schicken.[11]
Die Kontakte zwischen den assyrischen Familien auf beiden Seiten der Grenze blieben zwar bestehen, schließlich gab es zahlreiche enge verwandtschaftliche Verbindungen. Man traf sich an der Grenze, und manche Jungen kamen im Sommer aus der Türkei zum Arbeiten auf den Feldern ihrer Verwandten nach Syrien, da sie dort mehr Geld verdienen konnten. Letzteres deutet aber auch auf die zunehmende Divergenz der sozio-ökonomischen Lebensbedingungen zwischen den Assyrer:innen in der Osttürkei und denen in Syrien hin. Das zeigen auch die Berichte syrischer Assyrer:innen über ihre Besuche im türkischen Tur Abdin: Sie empfanden die Dörfer und ihre assyrischen Bewohner:innen als rückständig und konnten wenig mit ihnen anfangen. Diese Unterschiede bestehen bis heute, auch in Deutschland.
Die mitreisende Grenze
In der Diaspora kamen Assyrer:innen aus der Türkei und aus Syrien an einem Ort zusammen. Inzwischen leben in Deutschland bis zu 150.000 Assyrer:innen. Damit wohnen in Deutschland, von Schweden abgesehen, mit Abstand die meisten Assyrer:innen in Europa. Ab Ende der 1960er-Jahre kamen Assyrer:innen aus der Türkei zunächst als „Gastarbeiter:innen“, später als Asylsuchende. Ab Ende der 1970er-Jahre wanderten auch Assyrer:innen aus Syrien nach Deutschland ein. Oft waren sie mit den aus der Türkei gekommenen Migrant:innen verwandt. Im Zuge des 2011 begonnenen Bürgerkriegs in Syrien verstärkte sich der Zuzug von dort erneut. Die deutsche Großstadt, in der sich der Kulturverein befindet, gilt als eines von mehreren Zentren assyrischer Ansiedlung in Deutschland. Für viele der Assyrer:innen, mit denen wir sprachen, bildet die eigene Community den wichtigsten alltagsweltlichen und kulturellen Bezugspunkt in der Stadt.
Die meisten Assyrer:innen aus der Türkei begannen nach ihrer Ankunft in Fabriken zu arbeiten. Sie bezeichnen sich selbst als Malocher und sind stolz darauf, sich in den vergangenen 40 Jahren durch Fleiß und Anstrengung einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet zu haben, den sie vor allem zum Immobilienerwerb nutzen. Den aus Syrien Zugewanderten warfen die türkischen Assyrer:innen in unseren Interviews hingegen vor, nicht so fleißig zu sein, da sie aufgrund ihrer Sozialisation in einer arabischen Umgebung eher faul seien und wegen ihrer besseren Bildung arrogant wirkten.
Diese als sehr unterschiedlich wahrgenommenen Verläufe der Etablierung waren ständiger Anlass zur Diskussion. Assyrer:innen aus Syrien argumentierten, aus der Türkei stammende Assyrer:innen legten größeren Wert auf ökonomischen Wohlstand, was zu Lasten von deren Bildung gehe – sowohl in Bezug auf die Etablierung in Deutschland mittels Bildungsaufstieg als auch in Bezug auf die mangelnde Vermittlung assyrischer Sprache und Kultur an nachfolgende Generationen. Ein Teil der syrischen Migrant:innen verwies dabei auf die säkulare assyrische Nationalbewegung, die in Syrien in den vergangenen Jahrzehnten an Einfluss gewonnen hatte und deren Vertreter:innen großen Wert auf die Weitergabe assyrischer Kultur und Sprache legen. Eine solche Nationalbewegung hatte es in dieser Form in der Türkei nicht gegeben. Vertreter:innen dieser säkularen Nationalbewegung waren es auch, die in den frühen 1980er-Jahren den Kulturverein gründeten. Die aus Syrien stammenden Vereinsgründer waren stolz auf ihr großes Kulturbewusstsein und ihr größeres (Allgemein-)Wissen.
In dieser Hinsicht erhält auch die Trennung der beiden Räume des Kulturzentrums eine zusätzliche Bedeutung: Betritt man das Gebäude über den Haupteingang, gelangt man zuerst in den Politikraum, in dem sich nachmittags die syrischen Assyrer aufhalten. Im Zuge unserer teilnehmenden Beobachtungen vermuteten wir, dass sie sich uns vorgestellt hatten, weil wir erwähnt hatten, dass wir Arabisch sprechen, was sie neben ihrem muttersprachlichen Aramäisch ebenso beherrschen. Später wurde uns jedoch klar, dass dies auch noch andere Gründe haben könnte: Die Assyrer:innen aus Syrien übernahmen den Empfang, da sie sich im Verein eine herausgehobene Rolle zuschreiben und häufig als Sprecher:innen fungieren. Sie nahmen für sich in Anspruch, den kulturellen und politischen Auftrag des Vereins weiterzutragen und stellten sich somit vor die türkischen Assyrer:innen – getragen von der latenten Unterstellung, dass diese weniger dafür geeignet seien.
Das von den syrischen Assyrer:innen beanspruchte kulturelle Kapital geht jedoch nicht notwendigerweise mit ökonomischem Kapital einher. Die Analyse der biografischen Verläufe legt nahe, dass die Assyrer:innen aus der Türkei – sicher auch wegen ihrer längeren Anwesenheit in der Stadt – deutlich erfolgreicher darin sind, sich ökonomisch zu etablieren. Die Überlegenheit der aus Syrien stammenden Assyrer:innen innerhalb des Vereins symbolisierte somit keine Vormachtstellung in der Community insgesamt, sondern blieb auf diesen Kontext beschränkt. Insbesondere standen die Vereinsmitglieder der syrisch-orthodoxen Kirchengemeinde skeptisch gegenüber, da sich die Kirchenvertreter durch die säkular-nationalistische Bewegung in ihren Hegemoniebestrebungen beeinträchtigt fühlten. Seit Jahrzehnten existiert eine gegenseitige Abneigung.
Aber: Die Grenze zwischen Syrer:innen und Türk:innen war nicht nur im Verein, sondern auch generell in der Community wirkmächtig und kam beispielsweise in Heiratspräferenzen für Ehepartner:innen zum Ausdruck, deren Familien aus demselben Land nach Deutschland migriert waren – wenngleich diese Grenzziehung bei den Jüngeren in der Community deutlich weniger ausgeprägt war. Diese Zuschreibungen wurden uns während unserer Feldforschung immer wieder zugetragen – als kleines Beispiel seien hier zwei Zitate aus biografisch-narrativen Interviews mit einem Ehepaar angeführt, bei dem Benjamin aus Syrien, Ariane aus der Türkei stammt:
Benjamin: „[Der Syrer] hat eine ganz, ganz andere Mentalität als [der] im [türkischen] Tur Abdin. Der lebt das ganze Jahr von seinem Ackerland. Keine Schulen, kein Wissen, kein gar nix, nur Arbeit, Arbeit, mehr nicht. [Heute haben die] Häuser, die haben Autos, die haben alles, aber im Kopf hat sich nicht viel geändert […]. Die haben nur Geld im Kopf.“
Ariane: „Die aus Tur Abdin waren fleißiger und haben es schneller zu etwas gebracht als die Syrer, die gekommen sind […]. Die aus Syrien sind [mit] ihrer arabischen Mentalität abends lange wach geblieben […]. Die haben sich so ein bisschen besser gefühlt.“
Abgegrenzt, aber zusammen
Nicht außer Acht gelassen werden sollte aber, dass es sich bei dem Kulturzentrum immer noch um ein Gebäude handelt. Es mag eine Differenzierung nach Räumen geben, aber gleichzeitig besteht auch eine Grenze nach außen. Hierzu gehört insbesondere die Abgrenzung gegenüber Muslim:innen. Das ist auch so gewollt. Man bleibt unter sich – allerdings in unterschiedlichen Räumen. In fast allen Gesprächen und Interviews war die Abgrenzung zu Muslim:innen und dem Islam ein wichtigeres Thema als die Trennung zwischen syrischen und türkischen Assyrer:innen. Die Sorge vor einer angeblichen Islamisierung Deutschlands – aus ihrer Perspektive ein Damoklesschwert, das seit 2015 über dem Land schwebt und sie an ihr Leben vor der Migration erinnert – überlagerte alle anderen Themen und vereinte beide Räume.
Der Blick über die Grenze
Die Trennung der beiden Räume im assyrischen Kulturzentrum in der deutschen Großstadt spiegelt die staatliche und lebensweltliche Grenze vor der Migration wider. Diese interne Differenzierung zeigt, wie sich Abgrenzungen trotz kultureller, religiöser, sprachlicher und familialer Gemeinsamkeiten konstituieren können – hier auf Basis von Staatsgrenzen, die im 20. Jahrhundert entstanden sind. Das Kulturzentrum ist somit nicht nur ein Ort des Zusammenkommens, sondern auch ein Ort, an dem soziale Hierarchien reproduziert werden.
Das oftmals durch den Begriff „Herkunftsländer“ geprägte Verständnis von Migration als Bewegung aus einem Nationalraum in einen anderen wird damit unterlaufen. Denn einerseits ist es die ethnisch-religiöse Wir-Gruppe, die von größerer Bedeutung ist als das Herkunftsland, andererseits entstanden durch Grenzziehungen interne soziale Unterscheidungen dieser Communities, die langfristig nachwirken – und ohne einen Blick über die Grenze hinweg lassen sich diese Beziehungen nicht rekonstruieren. Die hier vorgeschlagene ausgedehnte historische Perspektive kann somit nicht nur zum Verständnis gegenwärtiger migrantischer Communities beitragen, sie zeigt außerdem, dass die Rekonstruktion komplexer sozialer und gesellschaftlicher Entwicklungen in Gesellschaften und Regionen des Globalen Südens nötig ist, um solche Grenzen nachvollziehen zu können.[12]
Fußnoten
- Vgl. Abdelmalek Sayad, The Suffering of the Immigrant, Cambridge 2004; Hein de Haas, A Theory of Migration: The Aspirations-Capabilities Framework, in: Comparative Migration Studies 9 (2021), 1, S. 8 ff.; Johannes Becker / Arne Worm, Classes in Transition. Intergenerational Family Trajectories and Forced Migration in Historical Context, in: Current Sociology 74 (2026), 2, S. 239–256; und klassisch: William Isaac Thomas / Florian Znaniecki, The Polish Peasant in Europe and America. Monograph of an Immigrant Group (5 Bde.), Boston, MA 1918–1920.
- Aus Anonymisierungsgründen können sowohl der Name des Kulturzentrums als auch die Stadt, in der die Erhebungen durchgeführt wurden, hier nicht genannt werden. Der Beitrag beruht auf teilnehmenden Beobachtungen und insgesamt 88 biografisch-narrativen Interviews im Rahmen des DFG-Projekts „Migrantische Ankunftskontexte im transregionalen Vergleich. Lokale Figurationen und unterschiedliche Kollektivgeschichten von Assyrer*innen in Deutschland und Jordanien“ (BE 7494/1-1, 2023–2027, Leibniz-Zentrum Moderner Orient Berlin).
- Sanherib Ninos, Aramäer, Assyrer oder Syrer? Identitätsdiskurse und Selbstbezeichnungspraktiken der syrisch-orthodoxen Diaspora-Milieus, Bielefeld 2026.
- Für die hier behandelte Region siehe insbesondere: Michael Provence, The Last Ottoman Generation and the Making of the Modern Middle East, Cambridge, MA 2017; und Cyrus Schayegh, The Middle East and the Making of the Modern World, Cambridge, MA / London 2017.
- Gabriele Rosenthal, Erlebte und erzählte Lebensgeschichte. Gestalt und Struktur biographischer Selbstbeschreibungen, Frankfurt am Main / New York 2024 [1995].
- Vgl. Johannes Becker, Refugees, Migration and the Tightening Borders in the Middle East. A Perspective from Biographical Research on the Re‐Figuration of Spaces and Cross‐Cultural Comparison, in: Forum Qualitative Sozialforschung 22 (2021), 2, Art. 8.
- DFG-Forschungsprojekt „Dynamische Figurationen von Flüchtlingen, Migranten und Altansässigen in Jordanien seit 1946“ (2017–2022, RO 827/201). PI: Gabriele Rosenthal (Göttingen). Vgl. die folgenden Publikationen: Johannes Becker, State Building and the (Trans)Regionalization of Families in the ‘Middle East’, in: Middle East Critique (2026), S. 1–17; ders., Refugees, Migration and the Tightening Borders in the Middle East, in: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research 22 (2021), 2, Art. 8; ders. / Hendrik Hinrichsen / Arne Worm, Fluchtmigration von Syrien nach Jordanien im familiengeschichtlichen und regionalhistorischen Kontext. Zum Nutzen einer biographietheoretischen und figurationssoziologischen Forschungsperspektive, in: Michaela Köttig / Nicole Witte (Hg.), Biographie und Kollektivgeschichte, Weinheim 2021, S. 276–291; Johannes Becker / Hendrik Hinrichsen, Transformatorische Fluchtverläufe. Migration aus lokalisierten Milieus und Etablierung in einem neuen Kontext am Beispiel irakischer Geflüchteter in Jordanien, in: Eva Bahl / Johannes Becker (Hg.), Global Processes of Flight and Migration. The Explanatory Power of Case Studies, Göttingen 2020, S. 163–181.
- Vgl. etwa David Gaunt / Naures Atto / Soner N. Barthoma (Hg.), Let Them not Return. Sayfo. The Genocide of the Assyrian, Syriac, and Chaldean Christians in the Ottoman Empire, New York / Oxford 2017.
- Seda Altuğ, Refugees, Labour and Sectarianism in Syria under the French Mandate (1921–1950), in: Revue des mondes musulmans et de la Méditerranée 156 (2024), 2.
- Raymond Hinnebusch, Syria. From ‘Authoritarian Upgrading’ to Revolution?, in: International Affairs 88 (2012), 1, S. 95–113.
- Vgl. Johannes Becker / Arne Worm, Classes in Transition. Intergenerational Family Trajectories and Forced Migration in Historical Context, in: Current Sociology 74 (2026), 2, S. 239–256.
- Vgl. Johannes Becker / Marian Burchardt, Doing Global Sociology. Qualitative Methods and Biographical Becoming after the Postcolonial Critique – An Introduction, in: Historical Social Research 48 (2023), 4, S. 7–32.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Noah Serve.
Kategorien: Familie / Jugend / Alter Geschichte Migration / Flucht / Integration Staat / Nation
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