Ruth Manstetten, Greta Wagner | Essay | 16.09.2026
Solidarität oder Liebe?
Für eine Grenzsoziologie des Helfens
Zeiten von Krisen, Kriegen und Katastrophen sind oft auch Zeiten, in denen – um dem Schrecken, den Ungerechtigkeiten und dem Leid etwas entgegenzusetzen – vermehrt zu Solidarität, Hilfe oder auch Liebe aufgerufen wird. Es handelt sich dabei um Begriffe, die auf Formen sozialer Bezogenheit und Mitgefühl verweisen, die in Reaktion auf Notlagen und Krisen oder aus einem gemeinsamen Streben nach einer besseren Welt entstehen. Solidarität, Hilfe und Liebe drücken insofern Varianten ‚prosozialen Verhaltens‘ aus.
Zugleich zeichnen sich Hilfe und Solidarität nicht nur durch unterstützende gegenseitige Bezugnahme aus, sondern sind genauso durch Grenzen geprägt: Wer anderen hilft oder sich solidarisch zeigt, muss entscheiden und rechtfertigen, innerhalb welches Radius die Hilfe stattfinden soll: Wer gehört zum Kreis derjenigen, die Hilfe verdienen, und wer wird davon ausgeschlossen? An welchen Grenzen endet die solidarische Praxis? Wer erfährt spontan Unterstützung in einer Notlage und wessen Not wird ignoriert?
Mal sind Radien des Helfens über national-territoriale Grenzen bestimmt, wenn etwa Deutschland der Ukraine militärisch hilft, oder bestimmte Formen sozialstaatlicher Unterstützung an nationale Zugehörigkeiten gebunden sind. Mal beziehen sich Akte solidarischer Unterstützung auf Zugehörigkeiten qua Geschlecht (etwa in der feministischen Bewegung) oder qua Klasse (etwa in der Arbeiter:innenbewegung). Und häufig sind es sogenannte deservingness-Kriterien, anhand derer die Grenze zwischen denjenigen gezogen wird, denen Hilfe zuteilwird, und jenen, denen sie verweigert wird.
Um eine solche grenzsoziologische Perspektive auf Hilfe zu illustrieren, gehen wir in drei Schritten vor: Erstens gehen wir auf unser Verständnis von Grenzen ein, zweitens erläutern wir, in welchem Verhältnis soziologische Verständnisse von Hilfe, Solidarität und sozialer Liebe zu Grenzen stehen und drittens diskutieren wir am Beispiel der Aufnahme von Geflüchteten, was eine dezidiert grenzsoziologische Perspektive auf den empirischen Ausdruck „prosozialen Verhaltens“ ermöglicht.
Grenzen als borders und boundaries
Die Grenzsoziologie vereint zwei Bedeutungen von Grenze, die im Englischen durch die Begriffe borders und boundaries unterschieden sind. Während die Grenze als border für territoriale und nationalstaatliche Grenzen und Grenzregime steht, wie sie etwa im Mittelmeer, an Zäunen, in Ämtern und an Flughäfen zu finden sind, bezeichnet die Grenze als boundary symbolische und soziale Grenzziehungen zwischen Gruppen und Akteuren, die sich in wertenden sozialen Klassifizierungen niederschlagen und häufig umkämpft sind. Gemeint sind damit etwa wertende Zuschreibungen von Leistung, Zugehörigkeit, Moralität oder Bildung sowie die Zuschreibung von „legitimer“ Hilfsbedürftigkeit (deservingness). Eine Grenzsoziologie, die beides berücksichtigt, geht damit über die Analyse gegenwärtiger Grenzregime hinaus und bezieht auch die Untersuchung von Unterscheidungen ein, die an Arbeiten der soziologischen Klassiker zu Klassifikationssystemen anschließen.[1]
Eine grenzsoziologische Perspektive auf Hilfe und Solidarität einzunehmen, heißt zu untersuchen, wo potenziell Helfende die Grenzen der (teils gegenseitigen) Unterstützung ziehen, wie sie diese rechtfertigen und durchsetzen. Nicht die normative Frage, welche Grenzen man bei Hilfe und Solidarität setzen sollte, sondern die empirische Frage, welche symbolischen Grenzen im Prozess des Helfens wirksam sind, steht dabei im Zentrum. Aus grenzsoziologischer Perspektive stellen sich dann Fragen wie: Auf Basis welcher symbolischen und territorial-nationalen Grenzziehungen entscheiden unterschiedliche Akteursgruppen, wem Hilfe zukommt und wem sie verweigert wird? Wie werden Grenzen der Solidarität gezogen und verschoben? Welche Rolle spielen dabei verschiedene Kriterien von deservingness? Wo überschreitet die empfundene Verantwortung für in Not Geratene den eigenen territorialen Nahraum und unter welchen Bedingungen ziehen sich Helfende auf die Unterstützung von Mitgliedern der Eigengruppe zurück?
Solidarität, Wohltätigkeit und soziale Liebe
Ein Großteil der alltäglich geleisteten Hilfe findet im Freundes- und Familienkreis statt. Wir interessieren uns allerdings besonders für zivilgesellschaftliche Praktiken des Helfens, die über den engsten sozialen Nahraum hinausgehen. Anderen außerhalb von Freundeskreis und Familie zu helfen, wird durch affektive und andere evaluative Dynamiken (wie etwa Mitgefühl) in Gang gebracht, Identifikationen ebenso wie Gelegenheitsstrukturen spielen dabei eine Rolle.[2]
Richtet man den Blick auf die Beziehungen, die durch Hilfe hergestellt werden, erscheinen zwei soziologische Konzepte des Helfens als besonders brauchbar: Solidarität und Wohltätigkeit. In einer sozial- und gabentheoretisch informierten Perspektive gilt Solidarität als symmetrischer Modus des Helfens. Sie basiert auf der wechselseitigen Anerkennung als Gleiche und geht oft mit einem geteilten (transformativen) Ziel einher.[3] Wohltätigkeit wird hingegen als asymmetrische Form beschrieben. Sie ist, idealtypisch betrachtet, keine wechselseitige Unterstützung innerhalb einer umgrenzten Gruppe, sondern die Hilfe wird einseitig Bedürftigen zuteil.[4] Gerade aufgrund dieser Asymmetrien ist wohltätige Hilfe auch der Kritik ausgesetzt. So wird in sozialen und politischen Bewegungen häufig gefordert, Unterstützung für Marginalisierte als „Solidarity not Charity“ zu praktizieren. In dieser Perspektive reproduziert eine einseitige Gabenbeziehung Abhängigkeiten, symbolische Ungleichheiten und Hierarchien.
In den letzten Jahren ist in der internationalen soziologischen Debatte jedoch verstärkt ein drittes Konzept des Helfens in den Vordergrund gerückt, das jenseits von Wohltätigkeit und Solidarität angesiedelt ist: Social Love. Damit sollen Hilfspraktiken beschrieben werden, die ohne Reziprozitätserwartung, ohne Aussicht auf Statusgewinn und jenseits von Eigeninteresse und Gruppenzugehörigkeiten erfolgen. In Social Love and the Critical Potential of People illustrieren Silvia Cataldi und Gennaro Iorio[5] das Konzept anhand von Situationen, in denen Menschen Fremden helfen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten: Nachbar:innen hängen in der Pandemie Brauchbares an einen Gabenzaun, Ukrainerinnen versorgen einen abgestürzten russischen Soldaten liebevoll. Diese Praktiken des Helfens können in den Augen der Autor:innen mit bestehenden soziologischen Konzepten nicht ausreichend beschrieben und verstanden werden. Im Anschluss an Boltanskis Begriff der agape schlagen sie daher vor, sie als Akte sozialer Liebe zu beschreiben. Aus grenzsoziologischer Perspektive ist dabei besonders interessant, dass soziale Liebe sich dadurch auszeichnet, soziale, territoriale und symbolische Grenzen zu überwinden:
„[…] these are gestures that go beyond any antecedent. They do not refer to the logic of duty because they question the regulatory horizon in which people live. They go beyond justice because they do not have a computation system that allows for equivalence. They do not even refer only to the gift because they do not activate the logic of the give – receive – give back cycle. And they do not even refer to the logic of solidarity because they do not necessarily imply adherence to a status or the esteem of others. Rather, they relate to the logic of overabundance. Breaking with instrumentality, calculation and standardisation, these gestures allow people to enter a regime of overabundance that meets the needs of the other in an unconditional way. Taking care of people and the world, acting in favour of others, people in need and the environment, is, therefore, an act of criticism.“[6]
So überzeugend uns das Anliegen erscheint, die Akte des Helfens in ihren moralischen Impulsen ernst zu nehmen und diese nicht nur auf einen verschleierten Ausdruck von symbolischer Kapitalakkumulation oder Tauschverhältnissen zu reduzieren, so stellt sich aus grenzsoziologischer Perspektive dennoch die Frage, ob das Konzept der sozialen Liebe durch seine implizite Normativität nicht Gefahr läuft, jene symbolischen Grenzen zu verdecken, die Praktiken des Helfens strukturieren.
Stellt man Solidarität und soziale Liebe einander aus grenzsoziologischer Perspektive gegenüber, so geht Solidarität stets mit symbolischen Grenzziehungen einher: Ihr kritisches Potenzial und ihre Wirkmächtigkeit bezieht die Solidarität aus ihrer Partikularität, auch wenn die Grenzen der Wir-Gruppe in der solidarischen Praxis immer wieder umkämpft sind: Die wechselseitige Unterstützung in der Arbeiter:innenbewegung oder der feministischen Bewegung illustrieren, inwiefern gerade die Umgrenztheit derer, die füreinander einstehen, das transformative Potenzial solidarischer Praxis ausmacht. Diese Grenzen sind immer wieder Gegenstand politischer Konflikte – darüber, wie selektiv und ausschließend solidarische Praxis sein darf, darüber, wie transversale Formen von Solidarität gedacht werden können. Und sie sind immer wieder Gegenstand theoretischer Arbeit. Doch auch wenn um die Grenzen der Solidarität gerungen wird, so ist diese Auseinandersetzung der Solidarität doch inhärent und unterscheidet sie gabentheoretisch von der Wohltätigkeit[7] und moraltheoretisch von der Gerechtigkeit.[8]
Soziale Liebe dagegen bezieht ihr kritisches Potenzial aus ihrer vermeintlichen Grenzenlosigkeit, da sie Gruppenzugehörigkeiten transzendiert und ein universalistisches Versprechen birgt. Genau darin liegt jedoch eine analytische Leerstelle. Denn auch scheinbar „grenzenlose“ Formen des Helfens setzen voraus, dass bestimmte Personen als adressierbar erscheinen, dass ihr Leid als relevant wahrgenommen wird und dass Situationen so interpretiert werden, dass Hilfe als geboten gilt. Eine grenzsoziologische Perspektive insistiert daher darauf, dass auch soziale Liebe nicht jenseits von Grenzziehungen verstanden werden kann. Vielmehr stellt sich die Frage, welche symbolischen Grenzen in konkreten Situationen wirksam sind, wie sie hergestellt werden und inwiefern sie durch Praktiken des Helfens verschoben oder bestätigt werden.
Diskurse um die Aufnahme von Geflüchteten aus grenzsoziologischer Perspektive
Ein Blick auf die öffentliche Auseinandersetzung zur Aufnahme von Geflüchteten seit 2015 verdeutlicht, welchen analytischen Mehrwert eine grenzsoziologische Perspektive bieten kann. Die Diskurse um Flucht und Asyl zeigen, wie Grenzen im Sinne von borders und solche im Sinne von boundaries in Fragen des Helfens miteinander verzahnt sind: Denn erst die gegenwärtig wirksamen Grenzregime im Sinne von borders bringen die Frage nach der Aufnahme von und Hilfe für Geflüchtete überhaupt in der Art hervor, wie sie dann wiederum im öffentlichen Diskurs verhandelt wird. Zugleich – und darauf konzentrieren wir uns im Folgenden besonders – ist es nicht allein eine Frage von borders, ob, wie und welche Menschen aufgenommen und unterstützt werden, sondern es sind gerade boundaries im Sinne symbolischer Grenzziehungen, die die Legitimationsgrundlage dafür legen.
Eine Diskursanalyse, die wir in deutschen und britischen Tageszeitungen durchgeführt haben, zeigt, wie sich verschiedene Diskursstränge zur Aufnahme von Geflüchteten in der Weise unterscheiden, wie sie Grenzen des Helfens ziehen, legitimieren und affektiv aufladen. Im Sommer 2015 in Deutschland kristallisierte sich das besonders deutlich heraus. Einerseits unterschieden sich Diskursbeiträge darin, wie Grenzen um Geflüchtete als die imaginierten ‚Anderen‘ gezogen wurden, ob ihnen etwa eher Gefährlichkeit, Nützlichkeit oder Schutzbedürftigkeit zugeschrieben wurden. Während also jene Diskursstränge, die eine Aufnahme von Geflüchteten prinzipiell legitimierten, eher mit Darstellungen von Geflüchteten als notleidend, unschuldig, gebildet, kulturell nah oder dankbar operierten, begründeten andere die Ablehnung von Geflüchteten häufig mit negativ konnotierten Bildern, indem die gleichen Menschen als kriminell, gierig, illegal, islamisch oder männlich gezeichnet wurden. Es gab 2015 also ein Ringen um die deservingness von Geflüchteten, mit dem sowohl über solidarische Formen des Helfens, also über die Frage nach der Aufnahme in die eigene Solidargemeinschaft, debattiert wurde als auch über wohltätige Formen des Helfens (Spenden, etc.).
Fragen des Helfens sind jedoch nicht allein Aushandlungen über Andere als potenziell Hilfsbedürftige, sondern stets auch Aushandlungen um das Eigene. Daher konkurrierten 2015 auch unterschiedliche Selbstbeschreibungen eines Wir, die markierten, was dieses Kollektiv auszeichnet und wo seine Grenzen verlaufen. So drückte sich damals etwa im berühmten „Wir schaffen das“ von Angela Merkel die Vorstellung eines starken, handlungsfähigen und inkludierenden Wir aus. Dieses Wir wurde diskursiv mit Toleranz, Offenheit und Hilfsbereitschaft, aber auch mit Stärke, Handlungsfähigkeit und Tatendrang in Verbindung gebracht. Die Grenzen des Kollektivs als durchlässig zu zeichnen, trug dabei auch zu einer positiven Inszenierung des nationalen Wir als offen, hilfsbereit und leistungsfähig bei.
Ein konkurrierender Diskursstrang konstruierte demgegenüber ein gefährdetes und zu schützendes nationales Wir, das durch die Aufnahme von Geflüchteten einen Verlust von Sicherheit, Wohlstand oder kultureller Ordnung zu befürchten habe. Diese Deutung ging mit Darstellungen von Geflüchteten als potenziell kriminell, ökonomisch belastend oder kulturell inkompatibel einher. Auch hier stand ein klar begrenztes nationales Kollektiv im Zentrum, das jedoch nicht primär als handlungsfähig und stark, sondern als fragil und bedroht erschien. Daraus resultierte ein Imperativ der Abschottung, der sich in Forderungen nach Grenzsicherung, Kontrolle und Ordnung übersetzte.
Auffällig ist, dass dieser Diskurs nicht auf Hilfe oder Solidarität als solche verzichtete, sondern diese auf die imaginierte Eigengruppe begrenzte. Affektiv artikulierte sich dies nicht nur in Angst, sondern auch in Formen einer auf das Eigene gerichteten Fürsorge: Sorge um das eigene Land, Solidarität mit den „eigenen“ Bedürftigen und die Vorstellung, dass Hilfe primär innerhalb der bestehenden Gemeinschaft zu leisten sei. Aus grenzsoziologischer Perspektive zeigt sich an diesen Beispielen insbesondere das Ringen um die Grenzen von Solidargemeinschaften, die entlang der Frage debattiert werden, was die Anderen auszeichnet und entlang welcher Kriterien sie sich vom Wir unterscheiden.
Neben diesen beiden Diskurssträngen, die primär ein nationales Wir imaginierten, gab es 2015 noch einen dritten Strang, der sich vornehmlich in eher links orientierten Tageszeitungen fand: Während die in den anderen Diskursen vorgenommenen Grenzziehungen, die sich primär über nationale Wirs und die Hierarchisierung von Geflüchteten auszeichnen, rigoros zurückgewiesen wurden, wurde – ganz im Sinne der sozialen Liebe – Hilfe gefordert, die auf universellen Grundlagen (wie der Anerkennung menschlichen Leids und der Menschenrechte) beruht und Geflüchtete nicht in Kategorien einteilt.
Gerade in dieser Inklusivität lag jedoch auch eine spezifische Spannung: Zwar wurde ein universalistischer Anspruch formuliert, die Frage, wie sich dieser Anspruch in konkrete Praktiken des Helfens übersetzen lässt, blieb jedoch außen vor. Die in diesem Diskursstrang gezeichneten Wirs oszillieren dabei zwischen einem sehr großen Wir, das die ganze Menschheit umfasst, und vielen kleinen Wirs, die ihren Ausdruck beispielsweise in der Rede von „uns Engagierten“ oder „uns Progressiven“ finden. Diese Wirs werden als zivilgesellschaftlich und wertebasiert gezeichnet, haben aber nicht den Anspruch, Flüchtende zum Teil ihrer Partikulargemeinschaft werden zu lassen.
Mit dieser universalistischen Haltung wird die Legitimität bestehender Grenzziehungen grundsätzlich infrage gestellt und auch das emanzipatorische Potenzial sichtbar gemacht, das in Akten des Helfens zu finden ist, die als soziale Liebe bezeichnet werden können. Doch es ist nicht allein die ‚Grenzenlosigkeit‘, die jenen Diskursstrang auszeichnet, sondern vielmehr die Abarbeitung an dominanten Grenzziehungen und dem Grenzkonflikt zwischen universellen Ansprüchen und lokalen, konkreten Entscheidungen darüber, wem, wann und wie geholfen wird.
Schlussbemerkungen
Die vorangegangenen Überlegungen haben gezeigt, dass Hilfe, Solidarität und auch soziale Liebe nicht jenseits von Grenzen gedacht werden können, sondern die Konzepte stets in spezifische symbolische und soziale Grenzziehungen eingebettet sind. Ein grenzsoziologisch informierter Blick macht sichtbar, dass diese Grenzen nicht nur festlegen, wer Unterstützung erhält, sondern auch, wie Hilfe legitimiert, affektiv gerahmt und politisch wirksam wird.
Die Hilfe für Geflüchtete illustriert prototypisch, dass eine grenzsoziologische Perspektive auf Fragen des Helfens nicht nur aufzeigt, wo Grenzen pro-sozialen Verhaltens verlaufen und gezogen werden, sondern darüber hinaus Einblicke in gesellschaftliche Selbstverständnisse und normative Ordnungen eröffnet. Der Diskurs um die Aufnahme von Geflüchteten ist eines von vielen Beispielen für gesellschaftliche Kontroversen, die sich auch als Konflikte um die Grenzen des Helfens beschreiben lassen – man denke nur an Diskussionen ums Bürgergeld, Waffenlieferungen in die Ukraine oder Seenotrettung.[9]
Die symbolischen Grenzen des Helfens ins Zentrum soziologischer Analyse zu rücken, reduziert die Hilfe für andere nicht auf einen Ausdruck des Statuskampfes um symbolisches Kapital. Dass Hilfe nicht grenzenlos erbracht wird und dass sie Bestandteil von Gabenbeziehungen ist, bedeutet nicht, dass sie per se als eigeninteressiert zu verstehen sei. Eine grenzsoziologisch informierte Perspektive auf Praktiken und Diskurse des Helfens ist vielmehr eine wichtige Grundlage für Kritik: Erst wenn Grenzen und Grenzziehungspraktiken des Helfens reflexiv zugänglich gemacht werden, wird ihre Selektivität kritisierbar, werden Verschiebungen oder die Überwindung von Grenzen sichtbar. Zugleich legt eine solche Perspektive frei, wo in Akten des Helfens kritische Potenziale liegen, die dominante Grenzziehungen herausfordern, und wo gerade enge Grenzen dazu beitragen, dass Praktiken der gegenseitigen Hilfe politische Wirksamkeit entfalten können.
Fußnoten
- Émile Durkheim / Marcel Mauss, Über einige primitive Formen von Klassifikation. Ein Beitrag zur Erforschung der kollektiven Vorstellungen, in: Émile Durkheim, Schriften zur Soziologie der Erkenntnis, Frankfurt am Main 1993 [1901/02], S. 169–256.
- Frank Adloff, Ambivalenzen des Gebens. Hilfe zwischen Hierarchie und Solidarität, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 1/2019, S. 91–100.
- Stephan Lessenich / Michael Reder / Dietmar Süß, Zwischen sozialem Zusammenhalt und politischer Praxis. Die vielen Gesichter der Solidarität, in: WSI-Mitteilungen 73 (2020), 5, S. 319–326.
- Frank Adloff / Steffen Mau, Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität, Frankfurt am Main/New York 2005; Alwin Gouldner, Etwas gegen nichts. Reziprozität und Asymmetrie, in: ders., Reziprozität und Autonomie. Ausgewählte Aufsätze, Frankfurt am Main 1984, S. 118–164.
- Silvia Cataldi / Gennaro Iorio (Hg.), Social Love and the Critical Potential of People. When the Social Reality Challenges the Sociological Imagination, London 2022.
- Dies., S. 10.
- Greta Wagner, Solidarität und Wohltätigkei, in: WestEnd 2019 (1), S. 87–90.
- Jürgen Habermas, Erläuterungen zur Diskursethik, Frankfurt am Main 1991.
- Annette Schnabel / Ulf Tranow, Zur Einleitung: Grenzziehungen der Solidarität, in: Berliner Journal für Soziologie 30 (2020), S. 5–22.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.
Kategorien: Demokratie Gesellschaft Interaktion Macht Migration / Flucht / Integration Normen / Regeln / Konventionen Soziale Ungleichheit
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