Georg Kamphausen | Rezension |

Schiffbruch beim Spagat, oder: Warum Humorlosigkeit das Denken ruiniert

Rezension zu „Schiffbruch beim Spagat. Wirres aus Geist und Gesellschaft 1“ von Dirk Braunstein und Christoph Hesse

Dirk Braunstein / Christoph Hesse:
Schiffbruch beim Spagat. Wirres aus Geist und Gesellschaft 1
Deutschland
Freiburg / Wien 2021: ça ira
176 S., 22,00 EUR
ISBN 978-3-86259-178-7

Eine Rezension im gängigen Referentenstil verbietet sich bei einem Buch, das mit einem Nachwort von Eckhard Henscheid gekrönt wird. Den Jüngeren sei zunächst einmal gesagt, dass es sich bei jenem um einen der Großmeister der sogenannten „Neuen Frankfurter Schule“ handelt, zu der noch andere Edelgewächse wie Robert Gernhardt, F. W. Bernstein, Bernd Eilert, Chlodwig Poth, Hans Traxler und F. K. Waechter hinzugezählt werden müssen, allesamt Erben Karl Kraus‘ mit einem herzhaften Einschlag ins Valentineske, Groteske, Deftige und Renitente. Sprachkritiker ausnahmslos, unter Einschluss eines Hans Magnus Enzensberger, der wie alle zuvor Genannten nicht müde wurde, auf die zunehmende Verholzung und Banalisierung des akademischen Jargons hinzuweisen, auf die wachsende Unlust der Gebildeten, sich der aalglatten Politiker-Lyrik und der gemeinen Marketingsprache, die sich flächendeckend in der universitären Selbstbeweihräucherungsrhetorik durchgesetzt hat, kraftvoll Paroli zu bieten. Was haben wir gelacht, als Henscheid in der FAZ(!) seine vollständig aus dem Ruder laufende Polemik „Spaß mit Suhrkamp“ (1992) veröffentlichte, die dem Suhrkamp-Konfabulatorium allein auf der Grundlage einer grotesken Kommentierung von Autoren (Godela Unseld) und Titeln („Der Diskurs des Radikalen“) auf den Leib rückte und eine Sprache vorführte, die er als prätentiös, gravitätisch und weltgeistlich entlarvte. „Was ein Schmarren, was ein heftig vergammelter monströser Schmus“, konnte man da lesen, „was ein begeisternder Stiefel, wie von sich selbst begeistert; kaltschnäuzig und ruchlos in die Welt gesetzt, was ein Siebenmeilenstiefel. Was ein von sich selbst entzündeter arteriopoetisch-autopoietischer Schleim.“[1] Über den zunehmenden geistigen Dreck, der in „schauerlichster Schrumpelprosa in die Welt gestemmt wird“, konnte, ja musste man herzhaft lachen, eine Reinigungskur auf der Grundlage ideologiekritischer Beschämung. Und heute? Ironie, Selbstkritik, Sprachsensibilität und Leidenschaft sind nahezu vollständig verschwunden, die Banalität schwimmt im „Brackwasser der Beliebigkeit“ (Georg Schramm), Sprache dient nicht mehr der Aufklärung, sondern der Vernebelung und der moralinsauren Denunziation. Überall Schwafelheimer, Werbetexter, Innovationsfetischisten, die jede „Arbeit am Begriff“ unmöglich machen und vor lauter wohlgemeinten Antworten vergessen, die richtigen und wichtigen Fragen zu stellen. Wenn man die inzwischen auch in universitären Hochglanzbroschüren massenhaft unter das junge akademische Volk gebrachte Sprache versteht, hat sie ihren Sinn verfehlt. Sie dient zu nichts anderem als der Hervorbringung von Kniebeugereflexen. Die Universität ist zu einer selbstbezüglich-frommen Einrichtung verkommen, deren Herrschaftssprache der Eingewöhnung in das intellektuelle Geplapper dient, das in Talkshows zelebriert wird. Nein, kein Wort mehr!

Dirk Braunstein und Christoph Hesse kämpfen auf verlorenem Posten. Denn wenn es der Fels der Erkenntnis ist, an dem die dummdreiste Sprachverhunzerei Schiffbruch erleiden soll, stehen die Zeichen denkbar schlecht. Wie soll man der Flut der signalhaft eingeschmuggelten Wörter entgegentreten, die allein auf ihre Wirkung hin konstruiert und kalkuliert sind, deren Inhalt aber völlig unklar, jedenfalls zweitrangig ist? In der vollständigen Substanzlosigkeit wird der Laie zum Experten seiner selbst. Unerschöpflich der Vorrat des Dummdeutschen, so Henscheid vor nahezu vierzig Jahren. Nach vorsichtiger Schätzung, so die beiden Autoren, bestehen wahrscheinlich etwa 80 bis exakt 91,4 Prozent der geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Texte, die dieser Tage publiziert werden, aus Müll. Das kann nur jemanden verwundern, der sich in Anbetracht der achtzig Joghurtsorten im Supermarktregal eine ernährungswissenschaftlich informierte Entscheidungshilfe erhofft. Braunstein und Hesse bekümmern sich daher um Sätze, in denen ein Wort nicht weiß, was das andere von ihm will. Als Vertreter der Frankfurter Schule leiden sie nicht unter dem Vorwurf, dass die Sprache der Kritischen Theorie schwer verständlich sei, sondern daran, dass deren vorgebliche Adepten schlechthin unverständliches Zeug fabrizieren. Getreu der wunderbaren Einsicht von Karl Kraus: „Das Merkwürdige ist, dass die Einheimischen einander verstehen…offenbar gelingt es (vor allem den Hochgeschulten), indem jeder weiß, was der andere nicht meint.“ (zitiert nach S. 11) Das schlechteste Deutsch sprechen heute die sogenannten Gebildeten. Man kann diesen Gipfel allerdings nur durch ein Studium erklimmen, denn „der holdeste Schwachsinn fällt einem nicht in den Schoß“ (ebd.). Wo der gewöhnliche Sterbliche (vgl. das gleichnamige Buch von G. K. Chesterton) eine Frage stellt, geht der Studierte mindestens schon in Fragestellung. „Er allein kennt das Geheimnis, wie man eine Stellung formuliert.“ (ebd.) Nein, Schiffbruch erleidet er deshalb nicht. Mit Widerspruch oder Gelächter muss er schon deshalb nicht rechnen, weil jener Spagat, bei dem jeder Satz Schiffbruch erleidet, nur in einer Sprache möglich ist, in der nur deshalb nichts mehr undenkbar scheint, weil in ihr schon gar nicht mehr gedacht wird. Die im Buch versammelten Beispiele folgen außer einer alphabetischen Reihung nur den Launen der Verfasser und Kompilatoren. Es wird alles gezeigt, aber nichts erklärt. Die Freude des Lesers beruht daher auf Voraussetzungen, die ihrerseits höchst voraussetzungsvoll sind: Wer Wichtigtuerei und Windbeutelei erkennen will, muss mit ihren Gegenstücken vertraut sein. „Wer hingegen irreparablen Stuß von sich gibt und womöglich gar nicht anders kann, kann das heute immerhin reinsten Gewissens und ganz unbeanstandet tun, solange er nicht versäumt, ein paar gefällige Grußworte an Gender & Diversity zu richten“ (S. 13).

Spätestens an dieser Stelle ergreift den Leser eine große Traurigkeit. Ist alles so schlimm, dass selbst der Kritischen Theorie ihr bildungsbürgerlicher Grundbass abhandengekommen ist? Schlucken deshalb all jene, die im Bürgerlichen nur das Spießige respektive Faschistische wahrnehmen, die Rechtschreibreform plus die Reform der Reform, „als sei derlei nun wirklich scheißegal?“ (S. 14). Das Bestehende vermittels sprachlicher Konstruktionen aus den Angeln zu heben, erschien vordem als Idealismus, ja als Ideologie, aber „wo gesinnungstüchtige Sprachverweser am Werk sind, die frühvergreist immer dann dagegen sind, wo es ihnen die Peer group als Mitmachvoraussetzung vorschreibt, da fallen nun mal Späne“ (ebd.). So gewinnt eine sozial sanktionierte Vernunft, die jeder autonomen Subjektivität im Wege steht.

Was soll ich noch sagen? Kaufen Sie das schmale Bändchen, tauchen Sie ein in den Kosmos der inzwischen wenig bekannten Neuen Frankfurter Schule, erwerben Sie Chlodwig Poths wundervolles Buch „Mein progressiver Alltag“, treten Sie den Sprachverhunzern mutig entgegen, machen Sie unmissverständlich klar, dass viele soziologische „Werke“ (Welzer, Rosa, Reckwitz e tutti quanti) nicht in die Hände junger Leser gehören. Vor allem aber: misstrauen Sie Autoren, die schlechtes Deutsch schreiben und/oder humorlos sind.

  1. Eckhard Henscheid, Spaß mit Suhrkamp, in: Gesammelte Werke Band 8: Lyrik & Drama, Frankfurt 2006

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Epistemologien Kritische Theorie Wissenschaft

Georg Kamphausen

Georg Kamphausen ist außerplanmäßiger Professor für Soziologie an der Universität Bayreuth. Seine Habilitationsschrift behandelte die Erfindung Amerikas in der Generation von 1890, seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Historischen Soziologie.

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