Michael Schwind | Rezension | 04.11.2025
Stadtplanung von unten
Rezension zu „Against the Commons. A Radical History of Urban Planning” von Álvaro Sevilla-Buitrago
Nach langer Suche sind soziale Bewegungen und Theorieangebote dem verloren geglaubten diskursiven Schlüssel zum materialistischen Weltverständnis wieder auf der Spur. Es gibt jedoch mindestens eine Ausnahme: Die Planungsforschung. Sie befreit sich nur mühsam aus der unglücklichen Frankfurter Liaison zwischen Erneuerungsansprüchen und Verwässerungsversuchen marxistischer Theorie – oder hat sich gleich gänzlich und mit ungewissem Ausgang dem Postmarxismus verschrieben. Heutige Versuche, an die radikalen Interventionen der marxistischen Analyse der 1970er- und 1980er-Jahre[1] anzuknüpfen, stoßen nicht selten auf – um es vorsichtig auszudrücken – Irritation. Diese Erfahrung machte beispielsweise Ståle Holgersen, als er versuchte, einen Beitrag in einer der beiden führenden planungstheoretischen Fachzeitschriften zu platzieren.[2] Dass sich die Planungswissenschaft aller Krisen zum Trotz in ihrem liberalen Nest pudelwohl fühlt, liegt neben der üblichen Skepsis gegenüber marxistischer Theorie auch an einem selbstauferlegten realpolitischen Anspruch der Disziplin, die ja irgendwie ins Handeln kommen möchte.
Die räumliche Planung als Mitgestalterin kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse
Die stiefmütterliche Behandlung von herrschaftskritischen und politökonomischen Ansätzen zeigt sich auch in der Disziplingeschichte der Stadtplanung: Einführungswerke und Grundlagentexte übernehmen klassische Narrative, in denen sich die Stadtplanung tendenziell gegen die kapitalistische Verwertung von Wohnraum, Boden und öffentlichen Räumen stellt und nach der Maxime des Interessenausgleichs im Sinne des Gemeinwohls handelt.[3]
Das Buch Against the Commons. A Radical History of Urban Planning des spanischen Professors für Planungstheorie und Planungsgeschichte Álvaro Sevilla-Buitrago nimmt die Verwobenheit von kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen und planender staatlicher Institutionen unter die Lupe und wendet sich gegen das Narrativ, das die Regulierung kapitalistischer Enteignung, Zerstörung und Verwertung in den Städten als antikapitalistische Intervention verkauft. Die These des Buches ließe sich folgendermaßen zusammenfassen: Planung ist alles andere als ein Rettungsanker, sondern Teil des kapitalistischen Motors, an dessen reibungslosem Betrieb sie gerade durch ihre Eingriffe mitwirkt.
Konkret widmet sich Against the Commons der Rolle der Stadtplanung bei der Durchsetzung und Aufrechterhaltung kapitalistischer Verhältnisse in historischer Perspektive. Álvaro Sevilla-Buitrago fokussiert seine empirische Analyse auf die sogenannten Commons, also Räume, Organisations- oder Nutzungsformen von Gütern, die vermeintlich außerhalb kapitalistischer Verwertungs- und Privateigentumslogiken stehen. Der Autor nimmt uns mit auf eine Reise vom ländlichen England des 18. und 19. Jahrhunderts über das New York und Chicago des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis ins Berlin der Weimarer Republik und das Mailand der Gegenwart. Mit dieser Fallauswahl sollen historische Schlüsselmomente der kapitalistischen Restrukturierung und Zerstörung verschiedener Formen von Commons erfasst werden. Die Geschichte beginnt mit der „ursprünglichen Akkumulation“ und der Privatisierung des englischen Weidelandes und endet mit dem neoliberalen Abschied vom Fordismus sowie dem Aufstieg des kreativen und unternehmerischen Subjekts. Der Grundtenor der vier empirischen Kapitel: Planung stand zu allen Zeiten gegen autonome Entfaltung und emanzipatorische Kollektive und begünstigte Entfremdung und Unterdrückung. Zur Zerstörung der Commons waren nicht Zwang und Gewalt nötig, sondern überwiegend diskursive, rechtliche oder planerische Strategien. Diese inkorporierten die Forderungen subalterner Gruppen, machten ihnen Zugeständnisse und konnten so deren Zustimmung organisieren.
Der historische Kampf um den Raum
In der Einleitung entfaltet der Autor seine marxistische und von der gramscianischen Geschichtsschreibung inspirierte Lesart räumlicher Planung. Urbanisierung im Kapitalismus, so die Ausgangsthese, kann als ein permanenter Kampf um soziale Reproduktion, Commons und Enteignung verstanden werden. Soziale Klassen ringen gewissermaßen um Deutungshoheit und Kontrolle über den städtischen Raum. Der räumlichen Planung kommt in diesem Aushandlungsprozess eine zentrale Stellung zu, sie beteiligt sich mittels verschiedener regulativer, gestalterischer und räumlicher Praktiken, Prozesse und Strategien (S. 3). Die Aufgabe der Planung besteht demnach darin „eine kohärente soziale Basis im Angesicht ihrer eigenen destabilisierenden Kräfte zu sichern und vor allem die populären Klassen als subalterne Klassen zu reproduzieren“ (S. 4, Übersetzung des Autors). Diese Konzeptualisierung knüpft an frühere marxistische Arbeiten an, die in der Planung nicht nur die Ermöglichung ökonomischer Produktion sahen, sondern auch ihre Rolle in der Reproduktion – beispielsweise von Subjekten über Privateigentum, Klassenstruktur und Ideologie – gleichermaßen betonen.[4] Planung ist damit zentral an der beständigen Erneuerung und Neuformierung kapitalistischer Hegemonie beteiligt.
Die räumliche Planung als Mittel der Organisation und Steuerung von Gesellschaft ist also nicht nur ein Spiegel kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse. Ein hegemonietheoretischer Zugang betont vielmehr, dass Planung gesellschaftliche Produktion und Reproduktion (mit)absichert – und dadurch, parallel zum Kapitalismus, auch selbst immer wieder Veränderungen unterliegt.
Die ursprüngliche Akkumulation als Geburt der Stadtplanung?
Das erste Kapitel Common Land and Primitive Accumulation. English Hinterlands and the Origin of Planning zeichnet mittels einer beeindruckenden Auswahl historischer Dokumenten die Durchsetzung des Privateigentums an Grund und Boden seit der Einhegung des common land (Allmende) und der sogenannten ursprünglichen Akkumulation in Großbritannien ab dem 18. Jahrhundert nach. Das Kapitel fokussiert dabei das Zusammenspiel von staatlichem Recht und räumlicher Regulierung, das in den Augen des Autors die radikale Neuorganisation des Bodens erst ermöglichte.
Planungshistoriker*innen würden die Herausbildung der Stadtplanung wohl einstimmig auf das 19. Jahrhundert und die industrielle Urbanisierung datieren. Ihre Aufgabe bestand in dieser Lesart darin, die schlimmsten Folgen dieser Transformation für die Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung abzumildern. Für Álvaro Sevilla-Buitrago krankt diese Perspektive jedoch an einem zu eng gefassten Verständnis von Stadtplanung. Er möchte plausibilisieren, dass die Anfänge der Planung bereits deutlich früher – in der Phase der Zerstörung des Gemeindelandes im ländlichen Hinterland – zu verorten sind. Auch wenn sich die Planung als Profession erst später herausbildete, entstanden bereits damals zentrale, wenngleich einfache planerische und rechtliche Instrumente.[5] Diese dienten hauptsächlich dazu, den Gemeindeboden als Privateigentum für den Kapitalismus verfügbar zu machen. Das Kapitel zeigt also, wie die Entstehung der Planung mit der Entstehung des Kapitalismus zusammenfiel und somit die von Karl Marx beschriebene „ursprüngliche Akkumulation“ auch die Geburtsstunde der modernen Stadtplanung markierte.
Empirisch konzentriert sich Álvaro Sevilla-Buitrago auf die organisierte und institutionalisierte Enteignung von Gemeingütern, die er unter dem Begriff der „parlamentarischen Einhegung“ fasst. Dabei handelt es sich um jene Form der Umgestaltung des Gemeindelandes, für die technische und regulative Instrumente des Landmanagements erfunden wurden. Die neuen Formen der Landnutzung und des Landbesitzes entsprechend den neuen sozioökonomischen Zielen zu realisieren, erforderte die Hilfe verschiedener staatlicher Institutionen (S. 34). Die „parlamentarische Einhegung“ mündete nicht nur in nationale Gesetze (Enclosure Acts), sondern brachte auch allerlei neue Expert*innen und Beratungsinstitutionen hervor, die die Einhegung der Commons und die Zerstörung der Gewohnheitsrechte legitimierten, absicherten und umsetzten. Viel wichtiger aber, so der Autor, war eine diskursive Neuausrichtung: Der Boden wurde fest an große gesellschaftliche Ziele wie „nationale Entwicklung“, „Fortschritt“ oder „Effizienz“ gekoppelt; die arme, ländliche und als faule geltende Bevölkerung sollte zu arbeitsamen und fleißigen Subjekten erzogen werden. Entkollektivierung und das Ende des Commoning, Enteignung und Verdrängung waren die Folgen dieser Entwicklungen.
Die Erziehung zum Bürger durch Parks und Spielplätze
Kapitel 2 The Commons of Publicity: The Rise of Urban Reform in New York and Chicago wendet sich den amerikanischen Metropolen des späten 19. Jahrhunderts zu. Planungsreformen zerstörten in diesen wachsenden Industrieagglomerationen alle „ländlichen, ungeregelten und antagonistischen Elemente“ (S. 70), die den neuen Vorstellungen von Urbanität im Wege standen. Der öffentliche Raum war immer schon ein potenzieller Ort des Commoning; seine Bedeutung, Form und Zugänglichkeit sind das Ergebnis beständiger Aushandlungsprozesse. Für die arme Landbevölkerung, die von Verstädterung und Industrialisierung absorbiert wurde, aber auch für Migrantengemeinschaften sowie für qualifizierte und unqualifizierte Arbeitskräfte, war der öffentliche Raum immer auch ein Ort des Überlebens, des Selbstschutzes, der gegenseitigen Unterstützung und der Zugehörigkeit. Aus diesem Grund war er zugleich Ausgangspunkt von Streiks und Aufständen gegen die (städtische) Bourgeoisie (S. 72). Die Regulierung der proletarischen Aneignung des öffentlichen Raumes erforderte, so der Autor, weitreichende städtische Reformen.
Álvaro Sevilla-Buitrago macht diese Interventionen anhand der Planung und Architektur moderner öffentlicher Parks anschaulich. Dabei widmet er sich auch den Bestrebungen der US-amerikanischen Playground-Bewegung – einer bürgerlichen Bewegung, die das kindliche und jugendliche Spiel auf der Straße als Ort von Unzucht und Kriminalität verteufelte und neue Spielformen durchzusetzen versuchte. Diese sollten einerseits mit den Vorstellungen der modernen Großstadt kompatibel sein und andererseits Kinder an die Arbeit sowie die modernen Tugenden und Moralvorstellungen heranführen (S. 80 ff.; S. 96). Öffentliche Parks, wie etwa der von Frederick Law Olmsted entworfene Central Park in New York, stellten also alles andere als bloße Erholungs- und Vergnügungsstätten dar. Vielmehr waren sie Ausdruck einer neuartigen städtischen Pädagogik, die nicht nur die Nutzung des öffentlichen Raums durch ein rigides Regelwerk regulierte, sondern auch Fehlverhalten (Verlassen der Wege, Hundekot etc.) drastisch sanktionierte. Die Arbeiterklasse sollte durch diese passive Nutzung des öffentlichen Raums befriedet werden (S. 85). Parks und Spielplätze waren also ein weiteres planerisches Regulativ, um auf die wachsenden Ansprüche der Arbeiterklasse zu reagieren, ohne ihr Zugeständnisse zu machen.
Die Peripherie im Zentrum der Welt
Das dritte Kapitel Shaping Community in the World-City fokussiert die Kämpfe um die zur Weltstadt aufstrebenden Metropole Berlin zur Zeit der Weimarer Republik. Während sich die Arbeiterklasse vormals in den innerstädtischen Quartieren konsolidierte und neue Formen von Gemeinschaft und Zugehörigkeit erschuf, entwickelten, so der Autor, die westlichen Metropolen eine Reihe von Maßnahmen, um die Räume entsprechend den Anforderungen des nationalen und globalen Marktes umzustrukturieren. Diesen Konflikt zwischen den Ansprüchen der Arbeiterklasse und den Ansprüchen Berlins als Weltstadt fasst Álvaro Sevilla-Buitrago begrifflich als Kampf um Zentralität zusammen. Damit sind Kämpfe um die von Erneuerung und Kahlschlagsanierung bedrohten innerstädtischen Arbeiterviertel sowie die Verdrängung der Arbeiterschaft in die Peripherie gemeint. Die innerstädtischen Berliner Kieze deutet Sevilla-Buitrago insofern als Commons, als sie für die Arbeiterklasse Orte kollektiver Autonomie waren: Nicht nur waren sie wichtig für soziale Bindung, Netzwerke und Beziehungen, sondern sie ermöglichten überdies Selbstbestimmung, Selbstschutz und Antagonismus. Die Berliner Wachstumsstrategie, Arbeitersiedlungen (etwa die Siedlung Onkel Toms Hütte, die Hufeisensiedlung oder die Siedlung Haselhorst) im Umland zu errichten und Teile der innerstädtischen Arbeiterviertel aufzulösen, interpretiert der Autor als weiteres Beispiel für die Zerstörung von Commons. Ihr Resultat war die Zersplitterung und Peripherisierung der Arbeiterschaft.
Kreativität als Beute
Hatten Commons in den vorangegangenen Kapiteln eine materiell-räumliche Dimension, so wendet sich The Capture of Creativity: Social Movements and Neoliberal Planning in Milan nun der Neuerfindung von Kreativität in der postfordistischen Stadt zu. Spätestens seit Richard Floridas[6] Prophezeiung, dass die „kreativen Klassen“ als Retter verarmter Quartiere fungieren würden, oder Andreas Reckwitz‘[7] kritischer Analyse des „Kreativitätsdispositivs“ zeigt sich, dass kreative Praktiken mittlerweile im Dienst kapitalistischer Stadtproduktion stehen. Álvaro Sevilla-Buitrago zeigt, dass Kreativität zunächst entdeckt und eingehegt werden musste. So war für die Gruppe Autonomia, eine soziale Bewegung, die in der italienischen Stadt Mailand agierte, kollektive Kreativität ein elementarer Bestandteil des Arbeitskampfes und der Kontrolle über urbane Räume und Produktionsstätten. Kreativität war eine emanzipatorische Reaktion auf wirtschaftliche Umstrukturierung, Austerität und Klassenzerfall. Im Zuge der neoliberalen Umstrukturierung Mailands wurde die Stadtpolitik neu ausgerichtet und privilegierte die wohlhabende kreative Klasse und unternehmerischen Subjekte, die in kreativen Räumen arbeiten sowie konsumieren und zum Gesicht der neuen Dienstleistungs- und Wissensökonomie werden sollten. Das Besondere am Beispiel Mailands sei, resümiert der Autor, dass die Stadtpolitik nicht versucht habe, die Commons der Kreativität zu zerstören, sondern sie stattdessen neoliberal assimilierte. Man könnte dieses Kapitel auch als auf Raum fokussierte Darstellung dessen lesen, was Luc Boltanski und Ève Chiapello in ihrem Buch „Der neue Geist des Kapitalismus“[8] als die Einverleibung der Künstlerkritik beschrieben haben.
Hoffnungsträger Graswurzelplanung
Kein planungswissenschaftliches Buch endet ohne den Vorschlag, Planung neu zu denken. Álvaro Sevilla-Buitrago hebt das Potenzial von Commoning-Praktiken für eine progressive und emanzipatorische Planung hervor: Sie stünden für kollektive Handlungsformen, die die Autonomie gegenüber Markt und Staat stärkten. Der Versuch, sich über Commons von Marktzwängen und staatlicher Unterdrückung zu befreien, steht im Gegensatz zu einer Planung, die dem Kapitalismus zuarbeitet, indem sie auf die Unterordnung und Dekollektivierung der Arbeiterklasse abzielt und gleichzeitig deren Reproduktion sicherstellt (S. 206).
Darüber hinaus arbeitet das Buch die verschiedenen Mechanismen heraus, mit denen die Planung an Zugeständnissen für die Bevölkerung beteiligt war – wenn auch immer nur in einem Maße, das die gesellschaftliche Grundordnung nicht gefährdete. So habe die Planung einerseits die Lebens- und Wohnbedingungen der Bevölkerung verbessert, etwa durch öffentliche Dienstleistungen. Allerdings gingen diese Verbesserungen immer auch mit einem Abbau und Verlust von Autonomie sowie mit Enteignung und Vertreibung einher (S. 209).
Welche konkreten Maßnahmen schlägt der Autor vor diesem Hintergrund vor? Ist die Planung nach dieser erdrückenden Analyse überhaupt noch zu retten? Natürlich ist sie das – allerdings bedarf es einer weltweiten kollektiven Anstrengung (S. 209). Nach einem kurzen Hinweis darauf, dass die beschriebene Zerstörung der Commons heute in ähnlicher Form auch im sogenannten Globalen Süden stattfindet, werden Praktiken des Commonings als Grundlage für eine zukünftige Stadtplanung vorgeschlagen. Denn diese verfügten über emanzipatorisches Potenzial, könnten „entfremdender Arbeitsteilung, Lohnabhängigkeit, Markterhalt, staatlicher Repression und sterilem Individualismus“ (S. 214, Übers. MS) entgegenwirken und Räume „expansiver Solidarität“ (S. 215) schaffen, aus denen gegenhegemoniale Netzwerke und Allianzen hervorgehen. Sogenannte Graswurzelplanung könne dazu beitragen, Raum sowie Produktion und Reproduktion nichtkapitalistisch zu organisieren. Voraussetzung dafür sei, dass Boden und Ressourcen jenseits von Privateigentum und ökonomischen Verwertungsinteressen genutzt werden können. Doch das stehe nicht notwendigerweise im Widerspruch zu staatlicher Planung, schreibt Álvaro Sevilla-Buitrago: Als Verbündete könne sie durchaus kapitalistische Räume verkleinern und sogar als Kontroll- und Vermittlungsinstanz zwischen verschiedenen Commoning-Gemeinschaften wirken. Die Stärkung von Planungsansätzen von unten würde die staatliche Planung jedenfalls schwächen und Planung insgesamt dezentralisieren. Im besten Fall würden die Planenden selbst zu Commoners. Was das für die Deutungshoheit über Commoning-Praktiken bedeuten würde, diskutiert der Autor leider nicht.
Álvaro Sevilla-Buitragos Vorschlag für eine progressive Planung ist unter anderem von Antonio Negris neomarxistischem Ansatz geprägt. Dieser setzt keine Revolution für die präfigurative Schaffung autonomer Räume voraus, sondern betont die Einübung postkapitalistischer Lebensformen und Praktiken im Hier und Jetzt. Doch Álvaro Sevilla-Buitragos Hoffnung auf eine affirmierende Haltung der Planung gegenüber den Commoning-Gemeinschaften überrascht vor dem Hintergrund seiner eigenen Analyse, die den enormen Einfluss des Kapitalismus herausarbeitet. Neben den gängigen Einwänden gegen Commoning-Praktiken, die deren Skalierbarkeit und Universalisierung problematisieren und die Gefahr eines resignierten Rückzugs aus der Gesellschaft hervorheben, stellt sich schließlich die Frage, ob es angesichts der derzeitigen rechten Tendenzen und autoritären Verschiebungen überhaupt ein politisches Moment für solche präfigurativen Praktiken gibt.
Fußnoten
- Wie etwa von Robert Beauregard, Manuel Castells, Cynthia Cockburn, David Harvey, Henri Lefebvre, Allen John Scott
- Holgersons Versuch, einen Artikel über die Rückkehr marxistischer Planungstheorien zu veröffentlichen, scheiterte, wie er in einem Blogbeitrag beschreibt, an Fundamentalkritik: Der Artikel sei zu einseitig, zu unkritisch und blende das historische Versagen des Marxismus aus: Ståle Holgerson, Spatial Planning and Marxism, in: Marxist Sociology. Theory, research, politics, 24.03.2021, online unter https://marxistsociology.org/2021/03/spatial-planning-and-marxism/ (16.05.2025).
- Vgl. Gerd Albers / Julian Wékel, Stadtplanung. Eine illustrierte Einführung, Darmstadt 2021.
- So arbeitete etwa Manuel Castells heraus, wie das Eintreten für soziale Sicherungsmaßnahmen oder gar die Ermöglichung guter Lebensbedingungen für die Arbeiterklasse integralen Bestandteil der Reproduktion kapitalistischer Verhältnisse ist: Manuel Castells, The Urban Question. A Marxist Approach, übersetzt von Alan Sheridan, Cambridge, MA 1979.
- Diese zentralen planerischen Instrumente bestanden neben den Enclosure Acts in der Landvermessung und Kartographie – mittels derer neu geschaffenen Grundstücke in sogenannten Enclosure Maps abgebildet wurden, die wiederum als Grundlage für die Verleihung eines Enclosure Awards dienten – sowie der Bodenbewertung und der Erstellung von Verteilungsplänen zu den zentralen planerischen Instrumenten während des Einhegungsprozesses.
- Richard L. Florida, The Rise of the Creative Class, New York 2019.
- Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Berlin 2012.
- Luc Boltanski / Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, übersetzt von Franz Schultheis, Konstanz 2013.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.
Kategorien: Geschichte Kultur Politische Ökonomie Soziale Ungleichheit Stadt / Raum Wirtschaft
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