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Über Schreiben lesen

Weitere Interviews zum "Wissenschaftlichen Schreiben"

Schreiben, fand der argentinische Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Luis Borges, sei weniger vornehm als lesen. Wer wollte widersprechen? Ohne einen gewissen Geltungsdrang, ohne die womöglich fragwürdige Überzeugung, etwas nicht nur sagen zu wollen, sondern unbedingt sagen zu müssen, also ohne ein bisschen Hybris, ja vielleicht sogar eine Spur von Exhibitionismus, dürfte sich niemand an den Schreibtisch setzen, um für Stunden, Tage, mitunter sogar Wochen und Monate in die kraftraubende Verfertigung eines Textes abzutauchen. Doch die Vornehmen, die Leser*innen, die sich ihrem gelegentlichen Ausdrucksverlangen widersetzen und sich voller Diskretion lieber der ebenso abgeschiedenen wie stillen Beschäftigung widmen, die Darstellungen und Gedankengänge anderer nachzuvollziehen, prämiert die Wissenschaft nicht. Wer in Akademia eintreten will, muss ein Tor durchschreiten, das der Imperativ „Publish or Perish!“ überschreibt. In ihrer Welt ist Distinktion nur durch’s Schreiben zu gewinnen, das Lesen hat sein Recht hingegen nur als integraler Bestandteil der Exerzitien, die das Schreiben vorbereiten.

Da sich die Praxis des Schreibens in Wahrheit keineswegs von selbst versteht, da sie der Übung bedarf und vom Vergleich profitiert, also von in der Regel seltenen Gelegenheiten, Autor*innen bei der Verschriftlichung ihres Meinens einmal über die Schulter zu schauen, hat unsere erste Serie von Interviews über wissenschaftliches Schreiben große Resonanz bekommen. Sie hat uns bewogen, die Reihe fortzusetzen. In der zweiten Interviewrunde wird es unter anderem um das Verhältnis von Wissenschaft und Autor*innenschaft, um veränderte Publikationsstrategien, aber auch, ein Stück weit pro domo, das heißt für die Hausapotheke der Redaktion, um die Beschaffenheit der Zusammenarbeit mit Lektor*innen und Redakteur*innen gehen. Wir starten mit einem nächsten Gespräch, zu dem wir den Freiburger Soziologen Ulrich Bröckling geladen haben. Ihm werden in loser Folge – zunächst in Interviews mit Jo Reichertz, Rahel Jaeggi, Andreas Reckwitz und Gesa Lindemann – weitere Auskünfte darüber folgen, was zu wissen und zu tun ist, soll die Praxis des Schreibens ihre Schrecken verlieren.

Im Rahmen einer ersten Interviewrunde führten wir Gespräche mit Ute Frevert, Paula-Irene Villa Braslavsky, Renate Mayntz, Ute Gerhard und Cornelia Klinger. Zusätzlich hat uns Jan-Holger Kirsch, Redakteur der Zeithistorischen Forschungen und von H-Soz-Kult, dankenswerterweise eine Literaturliste mit Titeln zum wissenschaftlichen Schreiben zur Verfügung gestellt und wir durften – mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor – Thomas Hoebels Beitrag zur Kleinen Soziologie des Studierens abdrucken. Dieser ist einer Herausforderung gewidmet, die insbesondere die Soziologie für ihre Studierenden bereithält, nämlich geeignete Themen für soziologische Studien- und Abschlussarbeiten zu finden. Denn "Die Themen liegen [zwar] auf der Straße", aber das Aufsammeln ist mitunter gar nicht so einfach. Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre der Interviews und Texte.

Die Redaktion

Kategorien: Universität

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