Lutz Raphael | Rezension |

Von Marx inspiriert: Aktueller Bericht aus deutschen Arbeitswelten

Rezension zu „Klassengesellschaft akut. Warum Lohnarbeit spaltet und wie es anders gehen kann“ von Nicole Mayer-Ahuja

Nicole Mayer-Ahuja:
Klassengesellschaft akut. Warum Lohnarbeit spaltet – und wie es anders gehen kann.
Deutschland
München 2025: C.H. Beck
279 S., 26,00 EUR
ISBN 978-3-406-83783-8

Vorzustellen ist ein Buch, das längst überfällig war: ein gut lesbarer Überblick über die Dynamiken bundesdeutscher Arbeitswelten. Zwar wird in den Sozialwissenschaften gerne wieder von Klassen und Klassengesellschaft gesprochen, wenn es um Ungleichheit in der Gegenwart geht, aber die Arbeitswelten sind nach wie vor unterbelichtet, wenn es darum geht, Ursachen und Zusammenhänge von Einkommens- und Vermögensungleichheit, von soziokulturellen Distanzwahrnehmungen zu finden.

Nicole Mayer-Ahuja, Arbeitssoziologin an der Universität Göttingen, hat das Kunststück fertiggebracht, zentrale Einsichten aus eigenen Forschungen wie denen ihrer arbeitssoziologischen Kolleginnen und Kollegen für ein allgemeines Leserpublikum zusammenzufassen. Schnörkellos, klar argumentierend und sehr gut lesbar liefert das Buch auf 230 Seiten einen kritischen Zustandsbericht aus der Arbeitswelt der Unternehmen und Betriebe der deutschen Privatwirtschaft. Die Reise führt von den klassischen Orten industriesoziologischer Studien, den Großbetrieben der Industrie, zu den verschwiegeneren Ecken vor allem der privaten Dienstleistungswirtschaft: Leiharbeit, Einzelhandel, Reinigungsfirmen, Pflegearbeit. Ungewöhnlich ist die Art und Weise, wie Mayer-Ahuja die zahlreichen Befunde aufbereitet: Sie begrenzt statistische Informationen auf das strikt Nötige, verzichtet auf regionale oder branchenspezifische Besonderheiten und folgt dem ehrgeizigen Ziel, grundlegende Strukturprobleme und dominante Trends herauszuarbeiten. Herausgekommen ist ein kritischer Bericht zur aktuellen Lage der Lohnarbeit in Deutschland.

Das Buch spricht von Lohnarbeit unter dem Verwertungsdiktat des Kapitalismus. Den analytischen Rahmen übernimmt Mayer-Ahuja von Marx. Sie greift auf die Marxschen Grundbegriffe und Grundüberlegungen zur Arbeitswertlehre, zur Lohnarbeit und zum konstitutiven Klassenverhältnis von Kapital und Arbeit zurück, um einen plausiblen Erklärungsrahmen für aktuelle Tendenzen in den deutschen Arbeitswelten anzubieten. Im Mittelpunkt ihres Buches stehen die widersprüchlichen Tendenzen von „Klassenformierung“, denen aktuell die heterogene „Klasse“ der Lohnabhängigen ausgesetzt ist. Besonders aufmerksam beobachtet Mayer-Ahuja aber auch – gut „marxistisch“ – die eigensinnigen Reaktionen der Beschäftigten auf die Gestaltungs- und Direktionsmacht der Kapitalseite. Aber die Autorin begnügt sich nicht damit, Ausbeutungsmechanismen, Spaltungstendenzen, Widerstandsformen und Widersprüche an den aktuellen Arbeitsorten kapitalistischer Lohnarbeit zu analysieren. Sie verfolgt ein klares politisches Ziel: Ihr Buch ist auch eine Programmschrift für erfolgreiche Gegenwehr und politische Kurskorrekturen. Es geht zurück zu Marx, um für unsere heutige Gesellschaft und ihre Arbeitswelten erneut den Grundwiderspruch von Kapital und Arbeit als Dreh- und Angelpunkt einer kritischen Gesellschaftstheorie in Erinnerung zu rufen. Politisch geht es darum, den Klassengegensatz zwischen Kapital und Arbeit wieder in den Mittelpunkt der Debatten und politischen Kämpfe um eine bessere Gesellschaft zu rücken. Mayer-Ahuja betreibt arbeitssoziologische Analyse mit dem Ziel der arbeits- und gesellschaftspolitischen Veränderung.

Man wird dem engagierten Ziel der Autorin also nur gerecht, wenn man diesen Zusammenhang ernst nimmt. Das ehrgeizige Projekt wird in drei Schritten dem Leser vorgestellt. Im ersten Teil – „Wie Arbeit Klasse aktualisiert“ – erläutert Mayer-Ahuja den Marxschen Ansatz, von den Widersprüchen der Lohnarbeit im Kapitalismus aus die Bewegungsdynamik sozialer Ungleichheit und der Bildung sozialer Klassenlagen und -solidarität zu erklären. Dieser theoretischen Einleitung folgt ein Teil II: „Arbeitende zwischen Einheit und Spaltung“. Es ist ein Bericht über die aktuelle Lage der Arbeiterklasse in Deutschland. Auf knapp 120 Seiten entwirft die Autorin einen Überblick über die elementaren Spannungslinien und Grundtendenzen lohnabhängiger Beschäftigung in drei Kernsektoren: industriellen Großunternehmen, Leihfirmen, prekärer Arbeit in privaten Dienstleistungssektoren. Durchgängig dokumentiert dieser Teil als dominanten Trend seit nunmehr gut zwei Jahrzehnten einen wachsenden Druck der Kapitalseite auf die Arbeitsleistung Lohnabhängiger. Dem stehen nur vereinzelt Verbesserungen in den Arbeitsverhältnissen und Arbeitseinkommen gegenüber. Dieser qualitativen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen entspricht die seit den 1980er-Jahren sich vertiefende Kluft zwischen Kapitalgewinnen und Lohnzuwächsen. Die veränderte politische Ökonomie von Kapital und Arbeit schlägt sich in Arbeitshetze, Stress und der Entstehung einer prekären Arbeitswelt privater Dienstleister nieder. Diese negativen Tendenzen haben die Verbesserungen ausgehöhlt, die mit dem Ende fordistischer Industrieproduktion in den 1980er- und 1990er-Jahren zu beobachten waren, als in der Bundesrepublik industrielle Facharbeit in vielen Betrieben aufgewertet, neue Spielräume für die Mitgestaltung von Arbeitsplätzen und Tätigkeiten eröffnet worden waren und die Digitalisierung Verbesserungen und Erleichterungen von Arbeitsabläufen und -anforderungen versprach oder konkret ermöglichte.

Dieser kritische Überblick konzentriert sich darauf, die widerstreitenden Dynamiken von Spaltung und Solidarisierung, von professionellen Qualitätsansprüchen an gute Arbeit und Zeitdruck beziehungsweise Überlastung gestützt auf die Befunde arbeitssoziologischer Studien herauszuarbeiten. Immer wieder klopft die Autorin diese Befunde darauf hin ab, wo sie diese widersprüchlichen Tendenzen in der heutigen Arbeitswelt aufzeigen. Es ist eine Suche nach Möglichkeiten und Ansätzen für eine Politik der Solidarisierung Lohnabhängiger über die Trennlinien ethnischer oder kultureller Unterschiede, politischer Statusgrenzen, von Geschlechterdifferenzen oder Qualifikationsunterschiede hinweg. Mayer-Ahuja vertraut beharrlich auf die Wühlarbeit des Marxschen Maulwurfs unter der Oberfläche der deutschen Arbeitswelten.

Teil III – „Was tun?“ – fragt nach konkreten Ansätzen für eine Politik, die das Ziel verfolgt, über die „Formierung“ der Klasse der Lohnabhängigen zu einer besseren Gesellschaft zu kommen. Hier lauten die Stichworte: Stärkung und Politisierung von Gewerkschaften, Abbau sozialer Ungleichheit durch eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit, Ausbau der staatlichen Grundleistungen der Daseinsvorsorge: Bildung, Sozialversicherungen, Verbesserung der Standards „guter Arbeit“ in den verschiedenen Branchen und Berufsfeldern.

Das Buch steht auf den Schultern einer inzwischen mehr als 50-jährigen Tradition kritischer Arbeitssoziologie in der Bundesrepublik und es kehrt zu deren wichtigster theoretischer Inspirationsquelle zurück, wenn es auf die Marxsche Arbeitswertlehre und seine Analyse des Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit rekurriert, um die aktuellen Tendenzen kapitalistischer Lohnarbeit zu erklären. Es übernimmt auch den Schlüsselbegriff „Klassenformierung“ aus dieser Tradition – leider ohne den Leser über dessen Geschichte und über Alternativen zu informieren. Erfreulich ist aber, dass Mayer-Ahuja die Sackgassen der neomarxistischen Industriesoziologie der 70er-Jahre vermeidet, indem sie neben Marx auch den britischen Historiker E. P. Thompson als zweiten Klassiker nutzt, um die widersprüchlichen Tendenzen aktueller „Klassenformierung“ zu analysieren. Von Thompson übernimmt sie den Ansatz, die Entstehung von Zusammengehörigkeit, Solidarität von Lohnabhängigen aus den konkreten Erfahrungen des sozialen Gegensatzes zu Kapitaleignern, Managern und Vorgesetzten, also aus den konkreten Bedingungen der Lohnarbeit zu entwickeln. Nur anders als Thompson, der aus der Rückschau von gut 120 Jahren die Entstehung der englischen Arbeiterklasse als ein dynamisches Zusammenspiel von Ausbeutung und Gegenwehr sowie der Verbreitung politisch-kultureller Gegenentwürfe zur bestehenden Sozialordnung und Weltdeutung beschreiben konnte, untersucht Mayer-Ahuja „Klassenformierung“ unter den heutigen Bedingungen von „Klassenkampf ohne Klassen“. Sie registriert aufmerksam die untergründigen Gegenströmungen zu Spaltung und Vereinzelung von Lohnabhängigen, legt die Möglichkeits- oder Opportunitätsfenster solidarischen Handelns angesichts der sich ständig reproduzierenden Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise offen. Statt einer „Arbeiterklasse auf dem Papier“ geht es ihr um eine Lohnabhängigenklasse als Möglichkeit. Auch ihr Bericht stimmt weitestgehend mit der Analyse überein, die Klaus Dörre in der griffigen Formel „demobilisierte Klassengesellschaft“ zusammengefasst hat (S. 49).[1]

Von E.P. Thompson übernimmt Mayer-Ahuja auch die Einsicht, dass die Orte und Formen von Klassenbildung genauso jenseits der Fabriktore und Betriebsrealitäten zu suchen sind, dass Familien- und Einzelbiografien, Haushalte, Partnerbeziehungen eine wichtige Rolle spielen. Angesichts ihres Schwerpunkts macht sie aber nur sehr begrenzt Gebrauch von dieser Einsicht, vielleicht zu wenig, um daraus wiederum Erklärungen für die widersprüchlichen Reaktionen Betroffener auf die Veränderungen, vielfach Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen zu gewinnen. So fällt es der Autorin schwer, sich dem faszinierenden Alleinerklärungsanspruch der Marxschen Theorie zu entziehen. Dass aktuelle Ansätze der Sozialstrukturanalyse (im Buch exemplarisch vorgeführt am Beispiel von Daniel Oesch) wirklich blind seien für die Dynamik heutiger Klassenverhältnisse und Effekte des aktuellen Kapitalismus, vermag der Rezensent nicht nachzuvollziehen. Man denkt unwillkürlich an historisch-genetische Ansätze wie die von Christoph Weischer[2] („Stabile Ungleichheiten. Eine praxeologische Sozialstrukturanalyse“) oder von Historikern wie Thomas Welskopp[3] oder Fred Cooper[4], um solchen Alleinvertretungsansprüchen entgegenzutreten und für eine offenere Diskussion zu plädieren. Die Eleganz eines schlanken Theoriebezugs hat also vielleicht doch ihren Preis. Klassenbildung vollzieht sich, so das Argument solcher Ansätze, nicht ohne Verbindungen in Haushalten, Nachbarschaften, durch geteilte Sozialkultur und Erfahrungsräume jenseits der Arbeitswelt in einem ebenfalls schon immer vorstrukturierten Raum sozialer Lagen und Positionen. Das sind Bereiche der sozialen Welt, die nicht im Mittelpunkt des Buches stehen. Das konzentriert sich auf die heute allen präsenten Trennlinien Geschlecht und ethnische Herkunft/Staatsangehörigkeit. Hier verdient gerade der nicht soziologische Leser mehr Hintergrundinformationen und vielleicht auch eine bessere Argumentation.

Der dritte Teil „Was tun?“ wagt den Sprung von der Analyse zur Politikberatung. Heraus kommt ein klassisches Programm sozialdemokratischer Einhegung kapitalistischer Dynamik. Mit guten Gründen beharrt die Autorin darauf, dass die vielen Errungenschaften der sozialdemokratischen Ära des (west)europäischen Kapitalismus es wert seien, verteidigt und erneuert zu werden. Gewerkschaften, Betriebsräte und Sozialversicherungen verweisen auf Solidarisierungserfolge und Klassenkämpfe der Vergangenheit. Sie sollen über den Weg neuer Klassenkämpfe revitalisiert werden.

Der Leser wird sich am Ende der Lektüre zwangsläufig fragen, wie es denn um die Realisierungschancen eines solchen, im Kern defensiven Programms sozialdemokratischer Klassenpolitik steht. Angesprochen fühlen müssten sich in erster Linie Gewerkschafter, Linke und Sozialdemokraten. Ob die Rückkehr zu Marx die Brückenpfeiler für ein solches politisches Bündnis und Mobilisierungsprogramm zu liefern vermag, ist eine Wette auf die Zukunft.

Auf Marx‘ Spuren würde man die Autorin gern bitten, noch ein kleines Kapitel über die Klassenformierung der Gegenseite anzuhängen. Denn gerade die Kapitalistenklasse hat sich enorm verändert, auch sie kennt Spaltungen und vor allem unterschiedliche Kooperationen mit der Gegenseite. Es sind wohl nicht zuletzt die internationale Verflechtung und die grenzüberschreitenden Verwertungschancen des Kapitals, welche einem sozialdemokratisch inspirierten „New Deal in einem Land“ im Wege stehen. Der Weg von der Klassenanalyse zur „Klassenpolitik“ wird also mühsam und steinig bleiben. Daran hat sich seit Marx‘ Zeiten nichts geändert.

  1. Eine weiterführende Monografie von Klaus Dörre zur „demobilisierten Klassengesellschaft” soll 2026 erscheinen: ders., Die demobilisierte Klassengesellschaft. Begriffe, Theorie, Analysen, Politik, Frankfurt 2026.
  2. Christoph Weischer, Stabile UnGleichheiten. Eine praxeologische Sozialstrukturanalyse, Wiesbaden 2022.
  3. Thomas Welskopp, „Ein modernes Klassenkonzept für die vergleichende Geschichte industrialisierender und industrieller Gesellschaften“, in: Karl Lauschke / Thomas Welskopp (Hg.), Mikropolitik im Unternehmen. Arbeitsbeziehungen und Machtstrukturen in industriellen Großbetrieben des 20. Jahrhunderts, Essen 1994, S. 48–106. Er unterscheidet analytisch zwischen der „Klassenbeziehung“ im Marxschen Sinne und der „Klassenstrukturierung“ außerhalb des Verhältnisses von Arbeit und Kapital.
  4. Frederick Cooper, „African Labor history”, in: Jan Lucassen (Hg.), Global Labour History. A State of the Art, Bern 2006, S. 91–116.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Kategorien: Arbeit / Industrie Kapitalismus / Postkapitalismus Politische Ökonomie Soziale Ungleichheit

Lutz Raphael

Lutz Raphael ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier.

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