Noah Serve | Zeitschriftenschau | 28.05.2026
Aufgelesen
Die Zeitschriftenschau im Mai 2026
Der Begriff „Diaspora” bezeichnet in der Regel Gemeinschaften von Menschen, die außerhalb ihrer ursprünglichen Heimat leben.[1] Medial werden sie meist von einzelnen Exiloppositionellen repräsentiert. Einige von diesen erhalten einen Karlspreis (wie die belarussische Bürgerrechtlerin Maryja Kalesnikawa)[2], andere schenken den Friedensnobelpreis an Donald Trump weiter (wie die venezolanische Aktivistin María Machado)[3] und wieder andere bekommen weder die eine noch die andere Auszeichnung, wissen sich aber dennoch öffentlichkeitswirksam zu inszenieren (wie der ehemalige iranische Kronprinz Reza Pahlavi jüngst vor der Bundespressekonferenz)[4]. Unabhängig davon, welches dieser Beispiele man näher betrachtet: Diasporagemeinschaften und ihre Repräsentant:innen sind heutzutage wichtige öffentliche Akteur:innen nationaler und internationaler Konflikte. Die in westlichen Öffentlichkeiten gern gepflegte Vorstellung, Diasporas seien Gemeinschaften geflohener Exilant:innen, die in liberalen Aufenthaltsländern in Freiheit leben, um das autoritäre politische System ihrer Herkunftsländer zu transformieren und letztendlich in ihre Heimat zurückzukehren, hat jedoch wenig mit der Realität gemein. Das zeigen die drei Artikel der Zeitschriftenrundschau diesen Monats deutlich: Für die Politikwissenschaftler:innen Fiona B. Adamson und Enze Han, den Soziologen Vasil Navumau sowie die Schriftstellerin Ece Temelkuran reichen die einfachen Dichotomien von Repression und Freiheit, Regierung und Opposition oder Heimat und Fremde nicht aus, um Diasporas angemessen zu charakterisieren – besonders in einer Zeit, die von einer weltweiten Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte, also einer globalen Autokratisierung,[5] geprägt ist. Transnationale Repression betrifft Diasporagemeinschaften – ein dynamisches, hybrides Phänomen, das aus der Interaktion der weltweit verstreut lebenden Gruppen mit dem Herkunfts- und dem Ankunftsland entsteht – unmittelbar. Die im Folgenden vorgestellten Artikel nähern sich Diasporas aus drei verschiedenen Perspektiven: von oben, von unten und aus persönlicher Erfahrung.
Wie üben Staaten Einfluss auf ihre Diasporas aus, also auf jene, die sie verlassen haben und in anderen Ländern leben? In der im Juni 2026 erscheinenden Sonderausgabe 8/2026 Voices across borders: exploring transnational activism and repression through diaspora perspectives der Ethnic and Racial Studies kritisieren Fiona B. Adamson (SOAS University of London) und Enze Han (University of Hong Kong), dass staatliche Diasporapolitik selten als solche verstanden wird. In wissenschaftlichen Analysen werde sie stattdessen oft als Teil der Migrationspolitik des Herkunftslandes betrachtet oder gar als staatliche Unterstützung einer transnationalen Staatsbürgerschaft romantisiert (S. 1 f.). Adamsons und Hans Artikel Diasporic geopolitics and differentiated policies of transnational repression zufolge verfolgt staatliches Handeln jedoch immer einen machtmaximierenden, eigennützigen Zweck. Dieses Streben nach relativer Macht ende nicht bei der Diasporapolitik – im Gegenteil: Diasporas bieten Regierungen die Möglichkeit, in den rechtlichen und territorialen Raum anderer Staaten einzugreifen. Die Rede ist von einer diasporischen Geopolitik (diasporic geopolitics) (S. 3). Diasporas stellen somit aus Sicht von Herkunftsstaaten eine strategische Ressource dar. Adamson und Han erläutern:
„For example, they can treat diaspora populations as economic assets that can be used to promote trade and foreign investment or view them as soft power assets that facilitate the promotion of official ideologies or ‚civilizational‘ discourses and identities“ (S. 3 f.).
Diese außenpolitische Wirkung der Diasporapolitik dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass transnationale Repressionen oder punktuelle Unterstützung auch dazu eingesetzt werden, die Diaspora selbst zu kontrollieren – sei es, um exilierte Oppositionelle zu verfolgen oder die Identifikation der Diaspora mit dem Herkunftsland sicherzustellen. Genau hier, zwischen innen- und außenpolitischen Interessen, entwerfen Han und Adamson eine Typologisierung verschiedener Einbindungspraktiken des Herkunftslandes gegenüber seinen emigrierten Bürger:innen, sogenannte diaspora engagement policies (S. 4 ff.). Anhand von Primärdaten, Sekundärliteratur und Kenntnissen über ihre regionalen Schwerpunkte China (Han) und Türkei (Adamson) zeigen die Autor:innen auf, dass zur politischen Beeinflussung von Diasporas stets mehrere Strategien gleichzeitig angewendet werden. Im Falle Chinas gehörten beispielsweise Drohanrufe chinesischer Agent:innen bei exilierten Dissident:innen ebenso dazu wie die staatlich beförderte Mobilisierung von weltweiten Diasporaprotesten zugunsten der politischen Programmatik der Volksrepublik China – so geschehen im Jahr 2019 im Zuge der Hongkonger Demokratiebewegung (S. 5, 7 f.). Entgegen der Berichterstattung über die gewaltsame Niederschlagung der Hongkonger Massenproteste gegen die damalige Regierungschefin der Sonderverwaltungszone, Carrie Lam, und ihr angekündigtes Gesetz zur Auslieferung von Häftlingen an das chinesische Festland sollten patriotische chinesische Proteste in diasporischen Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten, Australien oder Frankreich ein Gegennarrativ schaffen.[6] Welche Segmente der Diaspora schließlich mobilisiert (elevating), ignoriert (ignored) oder unterdrückt (repressive policies) werden, hänge neben der politischen Orientierung der Ausgewanderten auch von deren sozioökonomischen Situation (gering oder hochqualifizierte Arbeitskräfte), ethnischen Identität, Religion oder Standort ab (S. 4). Vor allem Diasporamitglieder uigurischer, tibetischer oder Hongkonger Herkunft respektive mit kurdischem oder alevitischem Hintergrund im türkischen Fall werden von ihren Herkunftsstaaten verfolgt. Dabei lassen sich laut Adamson und Han verschiedene Intensitäten der transnationalen Repression unterscheiden. Neben direkten Zwangs- und Strafmaßnahmen, die von Überwachung bis zu Auftragsmorden reichen, verwenden Herkunftsländer auch Propagandainformationen oder internationale Strukturen, um durch loyale Diasporamitglieder (indirect) oder dritte Akteure (mediated) wie den Aufnahmestaat Druck auf Dissident:innen auszuüben (S. 6). Mithilfe der Mobilisierung türkischnationalistischer Diasporamitglieder oder durch die Schaffung telefonischer Meldestellen, um Kritiker:innen der Regierungspartei AKP zu denunzieren, versuche beispielsweise der türkische Staat, in der Diaspora „an environment of fear and uncertainty“ (S.7) zu erzeugen, mit dem Ziel:
“[…] to erode the support networks and resolve of dissidents, ultimately aiming to silence opposition without attracting widespread condemnation.” (S. 9)
Als Beispiel für die Strategie, Repressionsmaßnahmen an Dritte zu delegieren, führen die Autor:innen den erfolgreichen Versuch der Türkei an, internationale Akteure davon zu überzeugen, exiloppositionelle Gruppen als Gefährdung für die eigene territoriale Sicherheit wahrzunehmen. So ist die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) seit 1993 in Deutschland verboten und in der Europäischen Union seit 2002 als terroristische Vereinigung eingestuft, was auch die staatliche Verfolgung assoziierter Organisationen und Medien einschließt (S. 11). Han und Adamsons Artikel zeigt deutlich: Innerstaatliche Konflikte, politische Verfolgung und die transnationale Beeinflussung vertriebener Bevölkerungsgruppen enden nicht an der Grenze; stattdessen ermöglicht die Diasporapolitik deren Überschreitung.
Doch kann die Situation von Diasporas rein auf geopolitische Interessen von Staaten zurückgeführt werden? Mitnichten, würde Vasil Navumau (Universität Siegen) mit Bezug auf die belarussische Zivilgesellschaft in Litauen und Polen antworten. In seinem Artikel Fragmentiert, aber widerstandsfähig in der Ausgabe 1/2026 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen spielt die transnationale Repression zwar eine wichtige Rolle zur Erklärung der prekären Situation der belarussischen Diaspora, jedoch nur eine von vielen. Entscheidender sei, wie verschiedene Faktoren – die Repression des Herkunftsstaates, die Migrationspolitik des Aufnahmelandes, regionale Konflikte sowie die institutionelle Organisation und informelle Realität der Diaspora – situationsspezifisch zusammenwirken (S. 69 f.). Um diese Konfiguration verschiedener Einflüsse nachzuvollziehen, braucht es, so Navumau, einen Blick von unten, der Diasporamitgliedern ermöglicht, ihre Erfahrungen selbst zu schildern (S. 65). Damit bezieht sich Navumau allerdings nicht auf Akteur:innen wie Maryja Kalesnikawa, Swjatlana Zichanouskaja und Weranika Zepkala, die die belarussische Oppositionsbewegung im Jahr 2020 mit den Gesten „Herz, Faust und Victory“[7] anführten, sondern auf gewöhnliche Exilant:innen,[8] auf die Basis. Anhand von zwei Fokusgruppendiskussionen, die im Sommer 2025 mit einer breiten Stichprobe an Sichtweisen – von jugendlichen Aktivist:innen bis Kriegsveteran:innen – durchgeführt wurden, analysiert der Autor, wie die oppositionelle belarussische Diaspora ihr politisches Überleben aushandelt und auf welche Grenzen sie hierbei stößt (S. 70 f.).
Infolge der gefälschten Präsidentschaftswahlen zugunsten des langjährigen, skrupellosen Diktators Aljaksandr Lukaschenka und der anschließenden Massenproteste und staatlichen Repressionen im Jahr 2020 wurden die beiden Nachbarstaaten Polen und Litauen zu zentralen Anlaufstellen für das oppositionelle Exil. Im Januar 2025 bildeten Belaruss:innen in Litauen die zweitgrößte ausländische Gemeinschaft des Landes und in Polen die zweitgrößte nationale Minderheit (S. 66). Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hat sich die Situation der Exilant:innen jedoch signifikant verschlechtert. Nachdem Lukaschenka belarussisches Territorium für den russischen Aufmarsch zur Verfügung gestellt hatte, verhängten die EU-Mitgliedstaaten Litauen und Polen wirtschaftliche Sanktionen gegen Belarus und verschärften ihre Grenzpolitik gegenüber dem Nachbarstaat. Dazu gehört auch eine Verhärtung der Migrations- und Visabestimmungen: Die Mobilität, der rechtliche Status und die Integrationsaussichten belarussischer Geflüchteter in den beiden Aufenthaltsländern werden seither kontinuierlich eingeschränkt. Obwohl sich die belarussische Exilopposition mit der Ukraine solidarisiert hat, wächst in den Aufnahmegesellschaften Polens und Litauens die Angst, Russland und Belarus könnten die Diaspora missbrauchen, um Einfluss auf die Politik der beiden Länder auszuüben, etwa durch die Einschleusung von Agent:innen. Zudem besteht Misstrauen, dass die belarussische Diaspora doch auch territoriale Ansprüche auf die beiden Aufnahmestaaten haben könnte (S. 73). Auf die belarussische Diaspora wirkt sich diese angespannte Situation emotional erschöpfend aus. Für Navumau stellt dies das zentrale Paradox des Lebens im Exil dar:
„Während Vertreibung neue Möglichkeiten für freieres zivilgesellschaftliches Engagement eröffnet, bringt sie zugleich strukturelle und emotionale Belastungen mit sich, die Solidarität fragmentieren und kollektives Handeln begrenzen.“ (S. 74)
Anhand von Diskussionsausschnitten verdeutlicht der Autor, wie die unsichere Situation gemeinsam mit dem Druck, vor internationalen Institutionen, staatlichen Regierungen, Graswurzelbewegungen sowie der eigenen Nation als legitime Opposition zu erscheinen, eine Fragmentierung der Diaspora bedingt (S. 75). So äußert sich die exilierte Basis vorwiegend missmutig gegenüber der öffentlichen, teils auch durch den sogenannten Koordinierungsrat formalisierten oppositionellen Elite. Sie sei intransparent, fokussiere sich nur auf ihre internationale Sichtbarkeit, lasse keine interne Kritik zu und habe letztendlich keine politische Vision vorzuweisen – oder wie sie es selbst zugespitzt formulieren:
„Einige Teilnehmende bezeichneten die Exilführung als ‚weniger zugänglich als die belarussischen Staatsvertreter‘ und warfen ihr vor, genau jene hierarchischen und intransparenten Strukturen zu reproduzieren, die sie eigentlich überwinden wolle (Teilnehmer*in 5, Fokusgruppe Vilnius).“ (S. 72)
Im Gegensatz zu „klassischen Protestparadigmen“ (S. 77) möchte Navumau diese Fragmentierung jedoch nicht als Schwäche verstanden wissen. Folgt man einem nationalistischen Deutungsrahmen und heroischen Vorstellungen vom ideologischen Kampf, scheint Fragmentierung die Effektivität sozialer Bewegungen zu gefährden. Doch ein Exil müsse keiner zentralen Autorität verpflichtet sein. Vielmehr sei dessen Fortbestand nachhaltig garantiert, wenn eine Diaspora „Räume der Bedeutung, Unterstützung und gegenseitigen Anerkennung“ (S. 76) schafft. Hierfür sei Fragmentierung eine optimale Voraussetzung, denn ihre Pluralität ermögliche es, sich vielseitigen Herausforderungen anzupassen. Innerhalb seiner angeleiteten Diskussion stellt Navumau fest, dass die Abkehr gewöhnlicher Exilant:innen von deren institutioneller Elite den Aufbau von Graswurzelinitiativen befördert hat. Durch deren alltägliche Arbeit in Form von juristischer, psychologischer oder sprachlicher Unterstützung entstehen Solidaritätsnetzwerke innerhalb der diasporischen Zivilgesellschaft, was wiederum deren Resilienz stärkt (S. 74, 76 f.). Fragmentierung ermögliche im Falle der belarussischen Diaspora in Polen und Litauen somit, deren Widerstandsfähigkeit zu erhalten.
Anders als Han, Adamson und Navumau möchte Ece Temelkuran die Diaspora, das Exil oder die geflüchtete Opposition nicht als spezielle, abweichende Formen des Zusammenlebens charakterisieren. Für die türkische Journalistin und Schriftstellerin, die 2016 aufgrund staatlicher Verfolgung nicht aus einem Aufenthalt in Zagreb in ihr Land zurückkehrte, beginnt die Diaspora und der damit verbundene Heimatverlust als Gefühl. In ihrem Artikel Gemeinschaft der Heimatlosen aus der Ausgabe 5/2026 der Blätter für deutsche und internationale Politik, der auf ihrem jüngst bei Rowohlt erschienenen Buch Nation of Strangers basiert, ergründet Temelkuran mithilfe ihrer eigenen Fluchterfahrung essayistisch, wann Heimatverlust beginnt und wieso es sich hierbei um kein randständiges Phänomen mehr handelt. Die Autorin beschreibt, wie der von der türkischen Regierung erzwungene Jobverlust als Kolumnistin für die Tageszeitung Habertürk, die an sie adressierten Todes- und Vergewaltigungsdrohungen sowie die ständige Furcht, von Sicherheitskräften aus dem Schlaf gerissen zu werden, dazu führten, dass selbst „die Stimme verstummt[e], die dich in deiner Erinnerung immer nach Hause ruft“ (S. 78). Für Trauer bleibe in dieser Situation jedoch keine Zeit: Um ihre Selbstbestimmtheit und Freiheit wiederherzustellen, schaltete Temelkuran in einen Überlebensmodus. Dabei gehe die eigene Menschlichkeit verloren. Egal, wie viel die Journalistin im Exil auch schrieb, sie merkte, dass ihr Wert als Mensch zum „Diskussionsgegenstand“ (S. 78) ihrer neuen Aufnahmeländer – erst Kroatien, dann Deutschland – wurde. Auch wenn sie in Lesungen und Vorträgen davor warnte, dass der globale Autoritarismus keine Gesellschaft verschone, dienten ihre Berichte dem Publikum liberaler Demokratien letztlich nur dazu, sich zivilisiert und sicher zu wähnen. Genau hier setzt Temelkurans affektive Intervention an. Menschen mögen ihre Heimat mit dem Flugzeug oder dem Schlauchboot verlassen, sie durch eine Bombe oder eine Flut verlieren; manche Menschen werden jedoch auch heimatlos, ohne dass sich ihre physische Heimat verändert. Ihr Haus, ihre Familie, ihre Arbeit, ihr Land mag noch da sein, aber die moralische Ausrichtung der Gesellschaft weicht stetig der „kalten Grausamkeit“ einer autoritären „neuen Weltordnung“ (S. 81). Temelkuran möchte keine wissenschaftliche Differenzierung verschiedener Typen von Heimatverlust vorlegen. Sie möchte zeigen, dass die Furcht vor Heimatverlust ein universelles Gefühl geworden ist:
„Es liegt eine Traurigkeit in der Luft. Sie ist noch schwach, aber real. Als würden wir nicht das betrauern, was schon verloren ist, sondern das, was wir ganz sicher verlieren werden. Zum ersten Mal in der Geschichte trauert die Menschheit im Tempus der Zukunft.“ (S. 81)
Diese Erkenntnis soll keine Resignation stiften, sie soll der Ausgangspunkt sein, um „neue Zugehörigkeiten“ (S. 82) zu bilden. Die Schriftstellerin gibt zu, dass es riskant ist, den baldigen Heimatverlust eines jeden vorherzusagen, doch nur so könne wieder eine progressive Gemeinschaft mit Handlungsmacht entstehen – eine Gemeinschaft der Fremden. Diese Gemeinschaft sei nichts Endgültiges oder Äußeres, wie das Exil oder die Diaspora. Sie sei eine Sammlung von Individuen, die sich autoritären Entwicklungen nicht zugehörig fühlen und menschlich bleiben möchten.
Folgt man den Überlegungen des Artikels, stellen weder die transnationale Repression, wie Han und Adamson sie beschreiben, noch das Misstrauen des Aufenthaltsstaates, die internationale Situation oder die internen Differenzen eines Exils, wie Navumau sie ins Spiel brachte, die größte Gefahr für Diasporas dar. Für Temelkuran ist das,
„was einen Menschen bricht, jeden Menschen: nicht der Verlust der Heimat, sondern der Verlust der Zuversicht, die nötig ist, um eine neue Heimat aufzubauen.“ (S. 83)
Diasporas vor staatlichen Repressionen zu schützen oder Solidaritätsnetzwerke für den täglichen Bedarf aufzubauen, mag die Resilienz ausgesiedelter Gemeinschaften stärken. Für Temelkuran beginnt Zuversicht allerdings bereits mit der Wahrnehmung, dass man nicht allein ist, sondern eine „Nation of Strangers“ (S. 83) bildet. Nicht ohne Grund schrieb Benedict Anderson, dass eine Nation dort entsteht, wo man beginnt, sich eine Gemeinschaft vorzustellen.[9]
Fußnoten
- Zur konzeptionellen, begrifflichen Diskussion rund um die Diaspora siehe: Laura Stielike, „Diaspora“, in: Inken Bartels / Isabella Löhr / Christiane Reinecke / Philipp Schäfer (Hg.), Inventar der Migrationsbegriffe, 15.02.2023; online unter: http://www.migrationsbegriffe.de/diaspora [21.5.2026] und Nagendra Bahadur Bhandari, „Diaspora and Cultural Identity. A Conceptual Review”, in: Journal of Political Science 21 (2021), S. 100–108.
- Artur Weigandt, „‚Ich würde sogar dem Teufel danken‘“, in: FAZ, 22.3.2026; online unter: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/maria-kalesnikava-ich-wuerde-sogar-dem-teufel-danken-accg-200649993.html [21.5.2026].
- Elisabeth von Thadden, „Es lebe der König!“, in: DIE ZEIT, 16.1.2026; online unter: https://www.zeit.de/kultur/2026-01/maria-machado-venezuela-opposition-friedensnobelpreis-donald-trump [21.5.2026].
- Omid Rezaee, „‚Sie stellen zu viele Fragen‘“, in: DIE ZEIT, 23.4.2026; online unter: https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-04/reza-pahlavi-schah-iran-regimewechsel-anhanger [21.5.2026].
- „The world has never before seen as many countries autocratizing at the same time as during the last few years.” Marina Nord / David Altman / Tiago Fernandes / Ana Good God / Staffan I. Lindberg, V-Dem Democracy Report 2026. Unraveling The Democratic Era?, Gothenburg 2026, S. 17; online unter: https://www.v-dem.net/documents/75/V-Dem_Institute_Democracy_Report_2026_lowres.pdf [21.5.2026].
- Vicky Xiuzhong Xu, „China’s Youth Are Trapped in the Cult of Nationalism. Dreams of liberalization have clashed against the reality of successful propaganda”, in: Foreign Policy, 1.10.2019; online unter: https://foreignpolicy.com/2019/10/01/chinas-angry-young-nationalists/ [21.5.2026].
- Friedrich Schmidt, „Ein Herz, eine Faust, ein V wie Victory“, in: FAZ, 30.7.2020; online unter: https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/belarus-ein-herz-eine-faust-ein-v-wie-victory-16883297.html [21.5.2026].
- Obwohl die Begriffe „Diaspora” und „Exil” Personengruppen mit Überschneidungen beschreiben, werden sie in der Wissenschaft nicht unbedingt synonym verwendet: Jenny Kuhlmann, „Exil, Diaspora, Transmigration“, in: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte 64 (2014), 42, S. 9–15.
- Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen Konzepts, übers. von Benedikt Burkard, Frankfurt am Main / New York 1988.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.
Kategorien: Internationale Politik Migration / Flucht / Integration Staat / Nation Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen
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