Rainer Paris | Essay |

Das Mittelmaß und die Fallstricke des Perfekten

Eine Apologie

Gradualität und Abstufung sind Grundelemente des Sozialen. Es gibt keine Gesellschaft oder Organisation, in der Statusunterschiede und Staffelungen (von Macht, Ansehen oder Fähigkeiten) keine Rolle spielten. Gewiss gibt es große Differenzen hinsichtlich möglicher Grenzen und Übergänge, und auch die funktionalen Bezüge sind je nach Aufgabenstellung und Ressourcenmischung höchst variabel: So ist es zum Beispiel das Geniale an der sozialen Erfindung der Bürokratie, dass sie es erlaubt, mit eher durchschnittlichen Talenten und ‚gemäßigtem‘ Engagement ein relativ hohes Leistungsniveau sicherzustellen.

Das Mittelmaß hat keinen guten Ruf. Dem Gebrauch des Wortes haftet häufig etwas Abschätziges, Herabwürdigendes an. Etwas ist eben „nur“ Mittelmaß. In der Rede vom Mittelmaß ist die Bewertung von Ergebnissen und persönlichen Fähigkeiten, von Produkt und Urheber, immer schon miteinander verschränkt. Der Begriff setzt eine generelle Qualifizierung von Eigenschaften und Fähigkeiten voraus und markiert einen unübersehbaren Abstand zur Spitze. Was als „Mittelmaß“ eingestuft wird, ist zwar nicht wertlos, aber dennoch nur zweite oder dritte Wahl.

Wer vom Mittelmaß spricht, operiert stets mit einer semantischen Skala von Leistungsurteilen, die er als allgemeingültig und selbstverständlich voraussetzt. Er benennt (grobe) Rangunterschiede und Qualitätsstufen, und reklamiert damit zugleich eine bestimmte Differenzierungs- und Bewertungskompetenz. Er bezeugt Kennerschaft. Ja mehr noch: Unausgesprochen versetzt er sich selbst in die Rolle eines Wächters und Hüters der Norm. Doch was ist hier eigentlich der Maßstab und welche Kriterien gelten für Qualität?

Der Gegenbegriff zum Mittelmaß ist die Elite. Das Wort „elité“ bezog sich im 17. Jahrhundert ursprünglich auf eine bestimmte Kategorie von erlesenen Waren, die ausschließlich für eine besonders betuchte und finanzkräftige Käuferschaft infrage kamen. Der hohe oder sogar überhöhte Preis war für sie, wie Thorstein Veblen in der Theory of the Leisure Class gezeigt hat,[1] gerade kein Hindernis, sondern vielmehr die Bedingung des Distinktionswertes. Erst später wurde der Elitebegriff auf besonders herausgehobene soziale Gruppen, etwa speziell qualifizierte militärische Einheiten oder die oberen Ränge des Adels, angewendet, wobei die Kriterien der Zugehörigkeit vor allem durch Auswahl (Selektion) und Separierung bestimmt wurden. Die Elite erneuert sich aus sich selbst heraus, ihre neuen Mitglieder werden von oben kooptiert: Auch noch so herausragende Leistungen machen deren Urheber lediglich zu Kandidaten, über deren Aufnahme in den erlesenen Kreis von denen entschieden wird, die diesem bereits angehören.

In der modernen Gesellschaft ist der Elitebegriff hingegen ein Stück weit trivialisiert worden. Er bezieht sich heute vor allem auf die relevanten politisch-wirtschaftlichen Entscheidungsträger, die die obersten Machtpositionen einnehmen und das Schicksal des Gemeinwesens bestimmen. Zugleich hat die funktionale Differenzierung der Gesellschaft den Effekt, dass jedes ihrer Teilsysteme seine eigene Elite hervorbringt. Dies impliziert die Grundvorstellung einer Leistungselite und etabliert so ein Bewertungssystem, das von vornherein zwischen Durchschnitt und Breite auf der einen und Spitzenleistungen auf der anderen Seite unterscheidet. Jenseits aller normativen Rhetorik von Gleichheit und Nivellierung gilt nach wie vor: Ohne ein Oben und Unten gibt es auch keine Mitte. Gerade die Rede vom „Mittelmaß“ verdeutlicht, wie sehr ein Denken in Status- und Prestigeunterschieden trotz aller populären Elitenschelte auch in heutigen Zeiten zum kulturellen Allgemeingut gehört. Es handelt sich im Grunde um die moderne (wenn man so will: ‚demokratische‛) Version einer Prestigeordnung, die – in unterschiedlichen Varianten und Ausprägungen – in allen Gesellschaften anzutreffen ist. Reichtum und Besitz lassen sich vererben oder umverteilen, Achtung und Anerkennung nicht. Sie müssen verdient werden.

Hier zeigt sich in voller Schärfe die Problematik von Ehrgeiz und Aufstieg. Wer unbedingt an die Spitze und zur Elite gehören will, zahlt oft einen hohen Preis. Er unterwirft sich den Maßstäben und Kooptationskriterien derjenigen, die über die Aufnahme entscheiden. Er passt sich ihnen an und verortet sich selbst gewissermaßen im Spiegel ihres Urteils.

In seiner reinen Form fordert und belohnt das Leistungsprinzip ein Streben nach Perfektion. Das Perfekte ist das Nicht-mehr-zu-Übertreffende, ja das Unüberbietbare schlechthin. Dies gilt sowohl im Hinblick auf die Möglichkeiten des Einzelnen als auch im sozialen Vergleich. Es ist die Höchstleistung, die jemand erbringen oder sich selbst abverlangen kann. Wichtig ist freilich, sich klarzumachen, dass es sich dabei um ein prinzipiell unabschließbares, unerreichbares Ideal handelt, dass es absolute Perfektion nie geben kann. Mit anderen Worten: Es geht immer noch besser (genauer, differenzierter und so weiter). Perfektion ist mithin immer nur relativ zu denken, also im Hinblick auf ein gesetztes oder auferlegtes Ziel und Ergebnis.

Perfekt können keine Personen, sondern nur Objekte oder Objektivierungen sein: Nobody is perfect. Deshalb ist Perfektionsstreben überall dort anzutreffen, wo es um die Bearbeitung und das Schaffen von materiellen oder geistigen Werken (und unter Umständen auch: um künstlerische Darbietungen) geht, in denen Individuen ihren Lebenssinn sehen und ihre Erfüllung suchen. Vom bulgarisch-französischen Philosophen und Kulturtheoretiker Tzvetan Todorov stammt die These, es gäbe einen Typus von Lebenserfülltheit und Selbstanerkennung, der gerade nicht über den Umweg der Anerkennung Dritter vermittelt sei, sondern sich ausschließlich in der ‚einsamen‛ Beziehung zwischen dem Subjekt und seinem Gegenstand realisiere. Als Beispiel nennt er das Gefühl „gut getaner Arbeit“: „Ich kann die Arbeit daheim tun, allein und weit weg vom Blick der anderen, mich aber verdoppeln in ein Produzenten-Objekt und ein Richter-Subjekt. Anders gesagt fungiere ich als mein eigener Richter, beglückwünsche mich innerlich für meine so gut getane Arbeit.“[2] Gewiss sind die anderen auch in diesem Urteil insofern präsent, als ich ja die angelegten Kriterien für Güte und Qualität sozialisatorisch erworben haben muss – und trotzdem bleiben die Selbstanerkennung und das Gefühl tiefer Befriedigung vom möglichen oder wahrscheinlichen Beifall anderer unberührt. Kurzum, wir wissen selbst am besten, wann und in welchem Maße uns eine Sache gelungen ist oder nicht. Was letztlich zählt, ist der Eigenwert unseres Tuns anstelle des immer schon stattfindenden, häufig zwanghaften Vergleichs.

Sicherlich ist es sinnvoll, seine Talente auszureizen und sich nicht mit dem erstbesten Ergebnis zufrieden zu geben. Dennoch hat das Streben nach Perfektion seine besonderen Gefahren und Tücken. Dazu gehören vor allem Selbstüberschätzung und Überforderung. Wer seine Ziele zu hoch steckt und seine Ambitionen nicht zu zügeln vermag, gerät rasch in eine Situation, die ihn dauerhaft überanstrengt und ihm am Ende alle Erfolgschancen verstellt. Der Schweizer Psychiater und Heidegger-Schüler Ludwig Binswanger hat diese Lebenseinstellung einmal als Seinsweise einer elementaren Verstiegenheit charakterisiert.[3] Als Beispiel nennt er die Situation eines Bergsteigers, der sich in einer Felswand ‚verstiegen‛ hat: Die Höhe der Entscheidung hat mit der Weite der Erfahrung nicht schrittgehalten, er hat seine Kräfte und sein Können überschätzt, und kann nun, in der Wand, weder vor noch zurück. Seine Ansprüche und sein Handeln waren in gewisser Weise ‚maßlos‛: Es ist diese größenphantastische Überhöhung des Selbst, die ihn daran hindert, die ihm möglichen Ziele auch tatsächlich zu erreichen.

Doch damit nicht genug. Es gibt weitere Fallstricke des Perfektionsstrebens, die oft übersehen werden. Einer davon ist die mögliche Verschwendung und Vergeudung von Ressourcen, die unter Umständen effektiver genutzt werden könnten. Eine einfache Überlegung kann das verdeutlichen: Wenn ich einen wissenschaftlichen Text verfasst habe, der, in meinen Augen, zu fünfundachtzig Prozent perfekt ist, so würde es für mich einen großen zeitlichen und gedanklichen Aufwand bedeuten, ihn auf neunzig oder gar fünfundneunzig Prozent zu steigern. Für fünf oder zehn Prozent mehr Qualität einige Monate oder ein Jahr mehr Aufwand! Im Prinzip könnte ich in diesem Zeitraum aber auch einen weiteren Text mit fünfundachtzigprozentigem Perfektionsgrad verfassen – was persönlich und wissenschaftlich womöglich ertragreicher wäre.

Auch für das Streben nach Perfektion gilt also das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens: Trotz immer höherem Aufwand werden die erzielten Perfektionsgewinne nicht viel größer. Andererseits gelten in den obersten Spitzenregionen, zumal im literarischen Feld, andere Kriterien. Legendär sind zum Beispiel die Schreibblockaden Flauberts und sein mitunter tagelanges Ringen um das „mot juste“. Mitunter waren ihm Satzbau und Sprachmelodie wichtiger als grammatische Korrektheit; und ob Kafkas eigenwillige Interpunktion künstlerisch beabsichtigt war, wissen wir nicht. Oft ist die Originalität eines Textes ja gerade durch einen Mangel an Perfektion verursacht und das Fragmentarische einer These oder eines Gedankens wirkt am Ende als Einladung zum Selbstdenken.

Diese Problematik betrifft in gewisser Weise auch die Arbeit des Sozialwissenschaftlers. Auch wer Soziologie als verstehende „und dadurch“ (Max Weber) erklärende Wissenschaft betreibt, steht grundsätzlich vor dem Problem, dass Verstehen und Interpretieren prinzipiell unabschließbare und qualitativ nach oben offene Prozesse sind, so dass man bei jeder Forschung irgendwann an einen Punkt gelangt, an dem man (zumindest für sich selbst) von einer ausreichenden ‚theoretischen Sättigung‘ ausgehen muss. Wir haben nie etwas ganz verstanden. Auch für Interpretationen gilt, dass sie immer noch tiefgehender/genauer/quantitativ besser belegt und abgesichert sein können.

Es gibt also gute Gründe, sein Perfektionsstreben zu begrenzen. Andererseits sind diese keine Rechtfertigung oder Entschuldigung für Laxheit und Schlendrian. All das bedeutet ja nicht, dass es keine Qualitätsunterschiede gäbe. Wichtig ist jedoch, dass es die eigenen Maßstäbe sind, die man an sein Tun anlegt. Wo sich hingegen die Verortung der eigenen Person zwanghaft an den – unterstellten – Bewertungskriterien äußerer Instanzen und Eliten orientiert, mündet der unablässige Drang nach Spitzenleistung und Perfektion nicht selten in eine krankhafte Selbstüberforderung, der die lähmende Arbeitsblockade über kurz oder lang auf dem Fuße folgt.

Am Ende dreht sich alles um die Frage: Wozu Perfektion? Und: Im Hinblick worauf und für wen? Letztlich geht es darum, sich dort anzustrengen und sein Bestes zu geben, wo es einem wichtig ist. Dies schließt ein, dass es immer auch Bereiche geben wird, die einem weniger wichtig sind und in denen ein gemäßigtes, also ‚mittelmäßiges‛ Engagement ausreicht – wobei zu bedenken ist, dass das, was einem selbst weniger wichtig ist, für andere möglicherweise überaus wichtig sein kann. Kurzum, ich plädiere dafür, sich in seinem Bemühen um Qualität zwar durchaus zu fordern, am Ende aber mit dem So-einigermaßen-Perfekten zufrieden zu geben. Nach dem Motto: „So gut es geht, ist gut genug.“

 

Eine französische Fassung, übersetzt von Barbara Thériault, erscheint parallel in Siggi. Le magazine de sociologie 12, Printemps 2026.

  1. Thorstein Veblen, The Theory of the Leisure Class [1899], Oxford 2007 (dt.: ders., Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen [1958], übers. von Suzanne Heintz u. Peter von Haselberg, Frankfurt am Main 2007).
  2. Tzvetan Todorov, Abenteuer des Zusammenlebens. Versuch einer allgemeinen Anthropologie, übers. von Wolfgang Kaiser, Berlin 1996, S. 163.
  3. Vgl. Ludwig Binswanger, Drei Formen missglückten Daseins. Verstiegenheit, Verschrobenheit, Manieriertheit, Tübingen 1956, S. 1–8.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

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Porträt Rainer Paris

Rainer Paris

Rainer Paris, Jg. 1948, lehrte bis 2013 als Professor für Soziologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Wichtige Buchveröffentlichungen: Figurationen sozialer Macht. Autorität – Stellvertretung – Koalition (1994, mit Wolfgang Sofsky); Stachel und Speer (1998); Normale Macht (2005); Der Wille des Einen ist das Tun des Anderen. Aufsätze zur Machttheorie (2015, Open Access 2022).

 

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