Gangolf Hübinger | Rezension | 08.01.2026
Demokratie und Staatsfinanzen bei Max Weber
Rezension zu „Der andere Ökonom. Max Webers Spätwerk und die fiskalische Verfassung einer neuen deutschen Demokratie“ von Sebastian Huhnholz
Der deutsche Historikertag 2025 war dem Thema „Dynamiken der Macht“ gewidmet, einem klassischen Max-Weber-Thema. Zur Eröffnung befand die Historikerin Ute Daniel jedoch so pauschal wie provozierend: „Max Weber vernebelt die Gehirne.“ Es war ein Plädoyer, Weber für die Problemdiagnose unserer Zeit zu vergessen. Was dagegen Sebastian Huhnholz mit seiner so informierten wie wuchtigen Studie von über 700 Seiten vorlegt, ist eine entschiedene Intervention, für die Analyse moderner Demokratien „eine weberianische Interpretation“ unbedingt hinzuzuziehen, um „das gesamte Feld der kommerziellen und monetären Beziehungen zwischen Staat, Markt, Zivilgesellschaft und Privatpersonen“ (S. 27) problemgerecht zu erschließen. Huhnholz ist Politikwissenschaftler; seine Habilitationsschrift an der LMU München von 2020 widmete sich dem Thema Fiskus und politische Verfassung. Studien zur Demokratietheorie und Ideengeschichte der Finanzierung freier Gemeinwesen, steckte also exakt das Problemfeld ab, in dem er jetzt seine Weber-Studie verortet.
Webers Schriften klopft Huhnholz gezielt darauf ab, welche Zusammenhänge der geschulte Nationalökonom zwischen demokratischer Herrschaftsordnung und staatlicher Finanzpolitik herstellt und welche Absichten er damit seit der weltpolitischen Zäsur von 1917 verfolgt. Die These, die Huhnholz seiner Studie zugrunde legt, besteht aus drei eng verknüpften Teilen. In seiner Lesart besteht ein Gutteil von Webers „Wirtschafts-, Religions- und späten Herrschaftssoziologie inklusive der unvollendeten Fragmente – ob Legitimitätsmodell, Bürokratietheorie oder Parteiensoziologie (…) erkennbar auch in einer praxisdurchtränkten fiskalischen Reflexion“ (S. 24). Diese Reflexion stehe unter einem Primat der Politik – Weber sei ein „aktivistischer Politikökonom“ (S. 25) gewesen, kein hochschwebender Makrosoziologe. In Umkehr neuerer Weberdeutungen könne dessen „Liberalisierungs- und Demokratisierungsengagement“ (S. 25) nicht hoch genug eingeschätzt werden. So behandele er Staatsfinanzen überall dort, wo es um den Reformdiskurs des Kaiserreichs und die revolutionäre Gründungsphase der Weimarer Republik gehe.
Im Kern geht es also um die finanzielle Basis von Deutschlands erster Demokratie. Weber selbst bringt das Problem in seiner einschlägigen Artikelfolge über „Deutschlands künftige Staatsform“ auf den Nenner: „Die Finanzverhältnisse sind in einem Bundesstaat das, was die wirkliche Struktur am entscheidendsten bestimmt“.[1] Für seine Verflechtungsgeschichte von Demokratie und Staatsfinanzen beherzigt Huhnholz zwei Gebote der weberianischen Methode. Er beansprucht erstens nicht, einen ganz anderen Weber zu kreieren, sondern will ihn unter „Gesichtspunkten spezifisch besonderten Charakters“[2] auswerten. Und leitend ist für ihn zweitens die Doppelfrage, die Weber bis zu seinem Tod 1920 nicht losließ: Wie sind Kulturerscheinungen „ökonomisch bedingt“, und wie werden sie „ökonomisch relevant“? Als oft überlesenes Beispiel für eine solche Kulturerscheinung nennt Weber im „Objektivitätsaufsatz“ explizit den „Staat“ und die „staatliche Finanzwirtschaft“.[3]
Huhnholz handelt diesen spezifischen Gesichtspunkt in vier opulenten Buchteilen ab. Teil I mit 250 Seiten führt anstelle einer klassisch konzisen Einleitung ausgreifend auf „Panoramen und Probleme“ hin. Die werkbiografische Frage, „Wer war Weber?“ beantwortet der Autor bündig mit „ein politischer Ökonom“, der in der „fiskalischen Entscheidungsgewalt“ des „budgetsouveränen“ Parlaments gegenüber einer charismatisch agierenden Regierung die Garantie für eine demokratische Herrschaftsordnung sieht. Und der als politischer Intellektueller darüber nachdenkt, „wie Demokratie ökonomisch gelingen könnte“ (S. 264). Als Schlüsselquelle dient Huhnholz Webers unvollendete Vorlesung über Staatssoziologie vom Frühjahr 1920, insbesondere der Vorlesungsauftakt zur „Lückentheorie“ einer „Verfassung“ (S. 263) – eine Anspielung auf Bismarcks Staatscoup: „Die Eigentümlichkeit vieler Verfassungen ist die, daß sie an einer Stelle eine Lücke zeigen: was passiert, wenn sich der König, das Abgeordnetenhaus und das Ständehaus nicht über das Budget einigen können.“[4] Kann, konträr zu Bismarck, die bis dato unerprobte demokratische Verfassung einer modernen Massengesellschaft diese Lücke schließen? Bekanntlich ist Webers Herrschaftssoziologie dreipolig angelegt: Plebiszitär gewählte „Führer“ mit charismatischen Qualitäten, Verwaltungsstäbe als bürokratische Institutionen und die „beherrschte“ Bevölkerung in ihren vielschichtigen Selbstorganisationen wie Parteien und Vereinen. Verbunden sind diese drei Pole für Weber durch das Parlament, das budgetsouverän die Verfassungslücke schließt. In einer gelingenden Demokratie, so liest Huhnholz Webers einschlägige Schrift Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland, ist das Parlament nicht länger auf „negative Politik“ gegenüber Regierung und Bürokratie beschränkt. Weber wertet es zur entscheidenden finanzpolitischen Machtinstanz auf, unterwirft die Regierung parlamentarischer „Auslese“ und „Verantwortlichkeit“, gesteht ihm die „Verwaltungskontrolle“ zu und macht es damit im demokratisch neugeordneten Deutschland zum „Faktor positiver Politik“.[5]
Der zweite Teil des Buches steht unter dem Vorzeichen des Weber-Zitats vom Jahresende 1918: „Nur eine Regierung und nur eine Wirtschaft bürgerlicher Struktur erhält Kredit“ (S. 267).[6] Zwei Aspekte sind wirklich bemerkenswert. Erstens klingt hier Webers Lebensmelodie an, erstmals intoniert, als er das prägende Berlin verlassen und in Freiburg 1894 seine ordentliche Professur für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft angetreten hatte. „Ich bin ein Mitglied der bürgerlichen Klassen, fühle mich als solches und bin erzogen in ihren Anschauungen und Idealen.“ Dieses Bekenntnis aus seiner Freiburger Antrittsvorlesung[7] galt ungebrochen 1918/19, als er sich, und das ist der zweite Aspekt, um die Kreditfähigkeit der Deutschen nach ihrer Kriegsniederlage auf dem von den USA global beherrschten Finanzmarkt sorgte.
Es ist eine doppelte „Schnittstelle“ (S. 269), die Huhnholz in diesem Kapitel in vielen Varianten markiert. Im engeren verfassungspolitischen Sinn entscheidet Finanzpolitik bei Max Weber über die gelingende Verbindung von Regierung und Parlament. Im weiteren Sinne bindet Finanz- und Steuerpolitik ganz generell die Sphären Politik und Wirtschaft zusammen; sie balanciert Machtchancen und Marktchancen. Für den politischen Ökonomen Max Weber kann das in industriellen Massengesellschaften nur „eine bestimmte politische Herrschaftsverfassung, wie sie Weber mit der parlamentarischen Demokratie vorschwebt“, sein, verbunden mit „einer ganz bestimmten Wirtschaftsverfassung, namentlich der einer rentabilitätsorientierten Kapitalismusrationalität“ (S. 389). Huhnholz schlägt deshalb vor, zu lernen, Webers „unvollständige Politiktheorie“ konsequent als „Politische Ökonomie der Demokratie zu erfassen “ (S. 390). Ob er dabei Weber eine „im Wesenskern liberalistische Definition des modernen Staates“ unterstellen muss, scheint mir fraglich. „Liberal“ dürfte genügen, denn die langjährige Freundschaft mit dem sozialliberalen Friedrich Naumann hat nun doch auf Weber abgefärbt.
Der dritte Teil bietet eine Vertiefung des Generalthemas „Staat und Wirtschaft“ sowie der in Webers Konflikttheorie unter „Kampf“ als soziologischem Grundbegriff subsumierten Tugenden von „Konkurrenz“ und „Wettbewerb“. Unter finanz- und steuerpolitischen Gesichtspunkten, so akzentuiert Huhnholz Webers politische Soziologie, bildeten parlamentarische und „Führerdemokratie“ keinen Gegensatz. „Charisma“ bringe zwar als „Korrektiv rationalisierter Politik“ die notwendige Bewegung in bürokratisch verhärtete Abläufe (S. 508). Aber dem Parlament bleibe die Rolle vorbehalten, charismatische Herrschaftsambitionen durch „haushaltsrechtliche Domestizierung“ in „verfassungsdemokratischen Grenzen“ zu halten (S. 511). In dieser Lesart wird mehr als deutlich: Von Weber führt kein Weg zu Hitler.
Huhnholz liest Weber durchaus kritisch. Zwei Punkte hebt er hervor, in denen Weber den Konstellationen moderner Massendemokratien nicht gerecht werde. Zum einen individualisiere und personalisiere Weber auch dort, wo Strukturanalysen geboten wären, etwa zu den politischen Massenmedien und zum Beruf des politischen Journalisten (S. 509). Zum anderen unterschätze ausgerechnet der Bürokratiekritiker Weber die „Beharrungskräfte von Verwaltungskulturen“, wenn es um demokratische „Verfassungstreue“ und die Sicherung des „zivilgesellschaftlichen Unterbaus“ gehe (S. 670).
Lesefreundlich ist Huhnholz‘ gewichtige Studie eher nicht geschrieben. Wenn er Weber ein „im Detail manchmal überkomplexes (…) Analysieren“ (S. 24) zuschreibt, so scheint er das stilistisch durch sperrige Wortschöpfungen („Fiskalherrschaftsanalyst“ (S. 22), „fiskalspolitologischer Pionier“ (S. 24)) noch überbieten zu wollen. Was etwa soll „öffentlichkeitsmechanisch“ (S. 508) heißen? Bei manchen politologischen Satzgirlanden dürften Leserinnen und Leser den gedanklichen Zusammenhang aus dem Blick verlieren. Die sprachlichen Hürden eines solchen Expertengestus machen es der Weberforschung nicht leicht, sich die im vierten Teil vorgestellten neuen Impulse zum großen Krisenthema „Kapitalismus und Demokratie“ (S. 671) anzueignen. Huhnholz verortet sie im Primat des Politischen: „Webers Fiskaldenken [ist] politisches Transformationsdenken (Hervorhebung GH)“ (S. 18). Mit Huhnholz‘ Befunden lässt sich also die ideengeschichtliche Dauerfrage, ob die Schriften von Klassikern wie Weber helfen, unsere Zeit besser zu verstehen, klar mit „ja“ beantworten.
Auf den Schultern von Weber gehören politisch-soziale Grundbegriffe wie „bürgerlich“, „demokratisch“, „liberal“ nicht auf die Resterampe der Ideengeschichte. Sie bleiben erhellend, wenn es um die Leistungsvergleiche politisch-ökonomischer Ordnungsmodelle geht. Für Weber selbst bestand die intellektuelle Herausforderung darin, die große Transformation von der „scheinkonstitutionellen Monarchie“ zu einer demokratisch-kapitalistischen Republik mit den Instrumenten seiner „Staatssoziologie“ positiv abzugrenzen – einerseits von den konkurrierenden Modellen einer sozialistischen Planungsmaschinerie und andererseits von einer völkisch durchstaatlichten Gemeinwirtschaft in der Nachfolge der nationalistischen „Ideen von 1914“. Webers Transformationsdenken ist gleichermaßen Freiheits-, Ordnungs- und Konfliktdenken. Deshalb bleibt es für ihn eine conditio sine qua non, dass demokratisch gewählte Parlamente die Budgetsouveränität für eine steuerstaatliche Bedarfsdeckung behalten. Das heißt, sie allen charismatischen Übergriffen zum Trotz zu „positiver Politik“ zu ermächtigen. Als Lektion für unsere Gegenwart mit ihrer Sympathie für autoritäre Politikstile trifft Huhnholz hier mit Weber einen entscheidenden Punkt.
Schon Hans-Peter Müller hatte seine ertragreiche Spurensuche in Weber und wir auf die Schlussbetrachtung zulaufen lassen: „Wenn wir also wissen wollen“, wie wir nach „langen Friedens- und Wohlstandszeiten“ mit den neuen Erfahrungen der „Zerbrechlichkeit von gesellschaftlicher und politischer Ordnung“ umzugehen haben, „werden wir Weber lesen“.[8] Auch Huhnholz schließt mit einem Abschnitt Weber und wir (S. 674) und dem Rat, sich an Weber methodisch zu schulen, auch wenn wir in der heutigen Realität ein gefühltes Lichtjahr von den Problemkonstellationen der Jahre 1919/20 entfernt seien. Weber konnte noch nicht wissen, wie „globalisierter Steuerwettbewerb, die eigentumspolitischen Verwerfungen, Herrschaftsprivatisierungen und käufliche oder kommerzielle Parteien, Markt- und Ressourcenoligopole, Raubbau und Raubkriege“ inzwischen „Budgetspielräume und Fiskalzwänge an auswärtige Mächte und globale Märkte“ verpfänden (S. 679 f). Geahnt hat es schon – Stichwort: „amerikanischer Kredit“ – und seine „Staatssoziologie“ problemoffen angelegt. Von Weber lernen, heißt dann primär, im weiter gezogenen Licht unserer „großen Kulturprobleme“ die Staatssoziologie umzurüsten, um mit passendem „Begriffsapparat“ neu „aus der Höhe des Gedankens auf den Strom des Geschehens zu blicken“.[9]
Fußnoten
- Max Weber, Deutschlands künftige Staatsform [1918], in: ders., Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 16: Zur Neuordnung Deutschlands. Schriften und Reden 1918-1920, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Wolfgang Schwentker, Tübingen 1988, S. 143.
- Diese Wendung als leitendes wissenschaftliches Erkenntnisprinzip bei Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: ders., Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 7: Zur Logik und Methodik der Sozialwissenschaften, Schriften und Reden 1900 – 1907, hg. von Gerhard Wagner in Zusammenarbeit mit Claudius Härpfer, Tom Kaden, Kai Müller und Angelika Zahn, Tübingen 2018, S. 135–234, hier S. 233.
- Weber, ebd., S. 163.
- Zitat in: Max Weber, Allgemeine Staatslehre und Politik (Staatssoziologie). Mit- und Nachschriften 1920, Gesamtausgabe, Abt. III, Bd. 7, hg. von Gangolf Hübinger in Zusammenarbeit mit Andreas Terwey, Tübingen 2009, S. 68.
- Max Weber, Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland (1918), in: ders., Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 15: Zur Politik im Weltkrieg, Schriften und Reden 1914–1918, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Gangolf Hübinger, Tübingen 1984, S. 421–596, hier S. 473.
- Zitat in Weber, Deutschlands künftige Staatsform, S. 112.
- Max Weber, Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik, in: ders., Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 4: Max Weber: Landarbeiterfrage, Nationalstaat und Volkswirtschaftspolitik, Schriften und Reden 1892 –1899, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff, Tübingen 1993, S. 543-574, hier S. 568.
- Hans-Peter Müller, Max Weber. Eine Spurensuche, Berlin 2020, S. 425, 431.
- Weber, Objektivität, S. 234.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.
Kategorien: Demokratie Geschichte der Sozialwissenschaften Gesellschaftstheorie Kapitalismus / Postkapitalismus Methoden / Forschung Politik Staat / Nation Wirtschaft
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