Ansgar Mohnkern | Essay | 04.02.2026
Der Kult der Tradition
Fußball und die Geschichte der Gegenwart
I. Der Kult der Tradition
Der Fußball und seine Kultur werden seit den 2000er-Jahren zunehmend von einem merkwürdigen Phänomen umrankt: dem Kult der Tradition. Priester und Anhänger dieses Kults finden sich zumal in den Kurven der Fußballstadien, wo Gruppierungen von Ultras – gefeiert, bewundert und gefürchtet zugleich – bisweilen mehr sich und ihre Werte als die Erfolge ihrer Mannschaften zelebrieren. Vertreter dieses umtriebigen Teils der Fanszene feiern und beschwören eine Tradition, die wahrhaft zu repräsentieren sie im Zweifel exklusiv für sich in Anspruch nehmen. An Spieltagen sind die Kurven selbst noch der unteren Ligen geradezu übersät mit Plakaten, Bannern und aufwendig gestalteten Choreografien, die diesem Kult sinnfällig Ausdruck geben. Im Kern, so ist dann zumeist zu hören, stünden Werte: Leidenschaft, Authentizität, Teamgeist und vor allem eine unerschütterliche Treue zu den Vereinen und ihren langen und bisweilen ruhmreichen Vergangenheiten.
Zum Fußball in Zeiten totaler Kommerzialisierung gehört aber auch, dass viele jener Vereine, deren Fans in besonderer Weise dem Kult der Tradition huldigen, sich mittlerweile – und teilweise schon seit vielen Jahren – in unterklassigen Ligen tummeln. Das ist insbesondere im deutschen Fußball der Fall, wo eine große Anzahl von Traditionsvereinen bereits mindestens einen Klassenabstieg hinter sich hat. So spielten in der Saison 2024/25 allein in der Zweiten Bundesliga mehr ehemalige deutsche Meistermannschaften (12) als in der Bundesliga (9). Sie hatten dabei, Klassenprimus Bayern München (33) einmal ausgenommen, sogar mehr Titel (41) in ihren Geschichtsbüchern stehen als die restlichen Vereine der Bundesliga zusammengerechnet (26). Doch war diesen gesunkenen Riesen allesamt eines gemein: Ihre großen Erfolge hatten sie alle im vergangenen Jahrhundert errungen.
Letzter Titelträger in der Riege verblasster Meistermannschaften war in der Saison 1997/98 der 1. FC Kaiserslautern. Um diesen Verein haben sich vielleicht wie bei keinem zweiten gerade jene mythischen Schichten abgelagert, an denen sich nicht nur eine Historiografie des Fußballs selbst, sondern zugleich auch wohl eine Art Archäologie der alten Bundesrepublik betreiben ließe. So begleitet der Verein die Geschichte Westdeutschlands von den Anfängen bis zur Gegenwart. Im Jahr 1900 als reiner Fußballverein gegründet, hatte der FCK seine größte Zeit in den 1950er-Jahren. Während dieses Jahrzehnts gewann die Mannschaft nicht nur zwei Meisterschaften, sondern stellte mit dem legendären Brüderpaar Fritz und Ottmar Walter sowie Horst Eckel, Werner Liebrich und Werner Kohlmeyer den Kern jener Elf, die 1954 unter Sepp Herberger die Fußballweltmeisterschaft gewann. Darum ist es gewiss kein Zufall, dass gerade hier, wo die Vergangenheit sich so viel größer anfühlt als die Tristesse der Gegenwart, eben jener Kult der Tradition noch viel intensiver und rücksichtsloser betrieben wird als an anderen Stätten des Fußballbetriebs.
Foto: Thomas Hilmes / http://www.der-betze-brennt.de. Lizenz: CC BY-SA 3.0 de
In Kaiserslautern, wo heute mehr Totengdenken als Titel oder Triumphe gefeiert werden, ist es mittlerweile fast schon zur Gewohnheit geworden, dass die Fans vor den Heimspielen aufwändige Choreografien gestalten, die die Größe des Vereins und seiner Geschichte geradezu magisch beschwören. Erst vor wenigen Wochen etwa, am 8. November 2025, ragten vor einem Heimspiel gegen Hertha BSC Berlin riesige Hochziehelemente über drei Tribünen des Fritz-Walter-Stadions in den rauchdurchzogenen Nachthimmel, um die – ausschließlich männlichen – Helden der 125-jährigen Vereinsgeschichte zu würdigen: überlebensgroße Idole, deren Ruhm den weitaus mittelmäßigeren Spielern von heute nicht selten schwer auf den Schultern lastet. Was es mit solchen Choreografien als Bestandaufnahmen einer Geschichte unserer Gegenwart auf sich hat, zeigte sich derweil vielleicht am deutlichsten schon zum Ende der vorangegangenen Saison bei einer anderen Geisterbeschwörung auf dem Betzenberg am 12. April 2025. Vor einem Spiel gegen den 1. FC Nürnberg, ein weiteres Mitglied in der Riege abgestiegener Traditionsvereine, wurde in der ebenso berühmten wie berüchtigten Westkurve des Fritz-Walter-Stadions eine längst vergangene Kultur des Straßenfußballs zelebriert: Die Fans hatten ein meterhohes Transparent hochgezogen, das drei laufende Kinder in roten Trikots zeigt, die auf einer Straße zwischen alten, vom Krieg scheinbar unversehrten Gebäuden Fußball spielen. In großer Schrift – das seinerzeit verbreitete Spiel zwischen Kanalöffnungen in den Bordsteinkanten zelebrierend – stand unter dem Bild in Pfälzer Dialekt geschrieben: „Kinder der Stadt spielten Kanälches uff de Gass.“
Die Choreografie, wie so oft gestaltet und ausgeführt von Gruppierungen der Ultras, huldigte einer Welt, der auch der einstige „Kanälches“-Spieler und Urahn der Kaiserslauterer Fußballmythologie entstammte: Fritz Walter. Darin liegt gewiss mehr als das bloße Gedenken an die Toten und die Anrufung der Tradition. Denn das Bild der fröhlichen und selbstvergessen spielenden Kinder besitzt durchaus utopische Elemente. Dazu gehört zunächst einmal, dass in der dargestellten Szene keinerlei Agenten partikularer Interessen wirken, wie sie heute nicht zuletzt in der längst zur Gewohnheit gewordenen Herrschaft des Automobils auf den Straßen der Städte allgegenwärtig ist. Die Choreografie feiert dabei so etwas wie die unbedingte Inbesitznahme eines dem Anschein nach intakten und – sowohl von den Verheerungen des Krieges als auch den Exzessen des Wirtschaftslebens – unangetasteten öffentlichen Raums durch kindliches Spiel. Hier, so scheint es, ist man verschont geblieben von all den Beschädigungen, die durch Modernisierung (und Kapitalisierung) angerichtet wurden.
In dem Bild wirkt aber noch ein zweites Element. Denn es erzählt auch von einem stillen Einspruch eines (noch) glücklichen, von allen Verwertungsinteressen freien Spiels gegen die kapitalistische Produktion, in der sich die Menschen einer, wie Karl Marx es einmal in seinen Grundrissen nannte, „Aneignung fremden Willens“ als der „Voraussetzung des Herrschaftsverhältnisses“[1] ausgesetzt sehen. So versinnbildlicht das Banner, nach den Plagen der Arbeitswoche aufgespannt an einem Freitagabend, auch eine utopische Vorstellung von den Möglichkeiten eines sich selbst genügenden Spiels, das den Traum von einem selbstbestimmten Leben vorwegnimmt – verschont von den gesellschaftlichen Zwängen, den Automatismen der Unterordnung und den gefühlten wie realen Unfreiheiten insgesamt, die die je Einzelnen im Geflecht eines unüberschaubar gewordenen Ganzen immerzu neu erfahren. Die spielenden Kinder, radikal unproduktiv und unzweckmäßig, verkörpern also im emphatischen Sinne das, was die von der Gegenwart und den Ansprüchen des Erwerbslebens zunehmend Überforderten heute gerne wären, nämlich unbeherrscht, frei und, wie es in Friedrich Schillers berühmter Feier allen Spiels einmal hieß, „in voller Bedeutung des Worts Mensch“.[2]
Geht man den in der Choreografie aufscheinenden Spuren und Verweisen weiter nach, wird indessen deutlich, dass sie sich keineswegs auf die Welt des Fußballs beschränkt, sondern einem konkreten gesellschaftlichen Konflikt Ausdruck verleiht. Sie tut dies, indem sie einen Zustand imaginiert, in dem die gesellschaftlichen Widersprüche aufgehoben sind und die Einzelnen sich als Kollektiv aus den Abhängigkeiten befreien, die sie in der Gegenwart ihrer Lebenswelten betreffen und binden. Gleichwohl evoziert das Motiv der „Kanälches uff de Gass“ spielenden Kinder nicht die Vorstellung einer radikal freien zukünftigen Gesellschaft, sondern verklärt auf ganz eigentümliche Weise eine vergangene, buchstäblich heile Welt, die es so nie gab. In dieser Welt einer ins Gestern gewendeten Utopie spielen die Kinder nicht nur als freie, sondern sie sind – das eben auch – ganz entschieden kein Teil unserer Gegenwart, gegen deren Unübersichtlichkeit das Banner begriffslos Einspruch erhebt. Sie sind vergangene, geradezu mythische Figuren und damit Akteure einer „altmodische[n] und überholte[n] Kultur“, über die Herbert Marcuse in seiner Analyse der Mechanismen repressiver Entsublimierung einmal bemerkte, dass „nur Träume und kindliche Regression […] sie wieder einfangen [können]“.[3]
Tatsächlich entwirft die Choreografie also eine rückwärtsgewandte Utopie, welche die Lösung der gesellschaftlichen Konflikte der Gegenwart ins Vorzeitige verlegt, statt sie im Hier und Jetzt zu bekämpfen. Die ebenso drängenden wie alltäglichen Formen von Abhängigkeit, Unfreiheit und vor allem Ungleichheit in einem in vielerlei Hinsicht „too late“ geratenen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts[4] werden im Kult der Tradition durch den magischen Zauber einer Fantasie überspielt, die in der alten und untergegangen Welt des „Kanälches“-Spiels die grundlegenden Widersprüche der Gegenwart weder aufhebt noch angemessen versteht. Wenn es zum Charakter der Regression gehört, dass sie eine „inadäquate Reaktion auf einen sozialen Wandel und auf soziale Krisendynamiken“[5] darstellt, dann ist die Antwort der Kurve auf die Krisen der Gegenwart eben auch dies: eine regressive Form der Bewältigung derselben.
II. Der Zeit nach: mythisch und ideologisch
Ausgehend von diesen Beobachtungen lässt sich die eigentümliche politische Ästhetik der Choreografien, wie sie in Kaiserslautern und andernorts den glanzvollen Rahmen für oftmals wenig glanzvolle Fußballspiele von verblassten Traditionsvereinen bilden, wie folgt bestimmen: In ihr wird ein vertikaler gesellschaftlicher Konflikt in eine Art horizontalen Konflikt umgedeutet, der nicht aus der Ungleichheit von Menschen, sondern aus der von historischen Zeiten herrührt. Damit werden die immanenten Spannungen und Konflikte der Gegenwart gleichsam diachronisiert, also in den Widerspruch zwischen dem Glanz des Alten und der Misere des Neuen transformiert. Pointiert ließe sich sagen, dass mit dieser Umwendung der Konflikt zweier Klassen als Gegensatz zweier Epochen erscheint. Darin wird er bestenfalls verschleiert artikuliert, aber weder gelöst noch begriffen.
Die Rückwendung zu einer verklärten Vergangenheit, die den Kult der Tradition befeuert, wird von den Fans auch auf anderen Ebenen konsequent nachvollzogen. Ehren- und Totengedenken – in Kaiserslautern trauerte man erst 2024 um Andreas Brehme, einen anderen Weltmeister und Helden des Vereins – gehören ebenso zum Repertoire dieses regressiven Kults wie Ehrenmitgliedschaften, Vereinsmuseen und das Gerede von traditionellen Farben und Werten. Und nicht zu vergessen natürlich die Beschwörungen eines fiktiven Gestern in zahllosen Erzählungen und Legenden, die sich keineswegs allein auf den Fußball beziehen. All diese Praktiken rufen das diffuse Bild einer Vergangenheit auf, die keiner spezifischen historischen Ära angehört, sondern gewissermaßen eine Konstante von vorgeschichtlichem Urgrund bildet, auf den sich der Kult der Tradition immerzu bezieht.
In Kaiserslautern ranken sich viele dieser Geschichten um die Gestalt Fritz Walters. Der Weltmeister von 1954 und langjährige Mannschaftskapitän, der dem Verein sein ganzes Leben lang treu geblieben ist, bildet so etwas wie das Zentrum im mythischen Universum der Lauterer. Dabei werden die Legenden von seiner fußballerischen Klasse wie auch seiner charakterlichen Vorbildlichkeit nicht zuletzt von den Erzählungen jener am Leben gehalten, die ihn ‚einmal‘, wie es heißt, haben spielen sehen. Begünstigt wird der Vorrang der mythischen vor der realen Geschichte dabei in diesem Fall auch dadurch, dass es kaum bewegte Fernsehbilder von einem spielenden Fritz Walter gibt, weshalb die überlieferten Ereignisse der Kritik durch die tatsächlichen in vielem enthoben sind und diese längst unter sich begraben haben. So kommt es, dass heute gerade jene mit warmen Gefühlen der Walter-Ära gedenken, die die Wirklichkeit der Bundesrepublik unter Adenauer nicht miterlebt haben. Auch das ist eine der merkwürdigen Blüten des Kults der Tradition.
Der Umgang mit den der Wirklichkeit entrückten Helden von einst trägt Züge dessen, was der französische Literaturwissenschaftler Roland Barthes als Prinzip des Mythos bestimmte: „er verwandelt Geschichte in Natur“.[6] Barthes zufolge überzieht der Mythos das Historische, das sich ja immer auch dadurch auszeichnet, dass es kontingent und veränderbar ist, gewissermaßen mit der Patina des scheinbar Unabänderlichen. Nicht zufällig jedenfalls ist bei einem Traditionsverein wie dem 1. FC Kaiserslautern auch explizit von Mythen die Rede, etwa vom „Mythos Fritz-Walter-Stadion“ als eben dem Ort, an dem die Tradition lebendig gehalten wird und man ihrer teilhaftig werden kann. Die „Kanälches“ spielenden Kinder auf dem Transparent entstammen – wie auch ihr vermeintlicher Zeitgenosse Fritz Walter – weder einer bestimmten Epoche noch konkreten gesellschaftlichen Strukturen. Sie existieren vielmehr in einer eigenen, mythischen Zeit, die darum nicht vergeht, weil sie nicht vergehen darf. Der Idee von Veränderlichkeit insgesamt enthoben und der historischen Wirklichkeit entrückt, sind also die Kinder gleichsam verewigt. Sie sind, wenn man so will, auf endlose Dauer gestellt.
In dem Kult der Tradition, der wie hier auf die mythische Fiktion der Ewigkeit abzielt, wird damit – um es mit den einschlägigen Worten Louis Althussers zu sagen – „keineswegs das System der realen Verhältnisse repräsentiert, […] sondern das imaginäre Verhältnis dieser Individuen zu den realen Verhältnissen, unter denen sie leben“.[7] Die Choreografien der Kurven huldigen also nicht bloß einer Mythisierung im Allgemeinen. Vielmehr betreiben sie schlichtweg Ideologie. So nämlich wie der gesellschaftliche Konflikt der Gegenwart von der Anbetung vorgeschichtlicher Verhältnisse überdeckt wird, so wird das Reale der konkreten Verhältnisse der Gegenwart, das ihre Konflikte und Krisen gleichermaßen mit einschlösse, überschrieben von einem Imaginären, das von den spielenden Kindern, Fritz Walter und anderen mythischen Figuren einer irgendwie ‚besseren‘ Vergangenheit bevölkert wird. Diese wird als eine Art verloren gegangener Naturzustand verklärt – als Naturzustand eines Fußballs, der noch nicht von den Verwertungsinteressen und Krisenerfahrungen der Gegenwart kontaminiert ist, der gleichsam unverdächtig, sauber, ‚richtig‘ ist.
III. Der Form nach: faschistisch?
Die Frage, ob es die im Kult der Tradition beschworene gute alte Zeit tatsächlich je gegeben hat, stellt sich für seine Anhänger kaum. Ihre Verehrung gilt Idealen und Helden, die der Zeit und damit auch der Kritik entrückt sind. Das zeigt sich in Kaiserslautern gerade an der Figur Fritz Walters, der wohl wie kein zweiter Fußballer als Personifikation von Bescheidenheit und Heimatverbundenheit gilt – und das ausgerechnet in einer historischen Konstellation, da noch keine Dekade vergangen war, nachdem, wie Hannah Arendt anlässlich ihres Besuchs in Deutschland in ihrer gleichnamigen Bestandsaufnahme bemerkte, doch eigentlich gerade „Heimatverlust, soziale Entwurzelung und politische Rechtlosigkeit“[8] prägende Erfahrungen deutscher Geschichte wurden. Man geht vermutlich nicht fehl, wenn man die mythische Anrufung Fritz Walters auch mit der entschiedenen Ausblendung der deutschen Schuld am Holocaust und am Zweiten Weltkrieg zusammendenkt. Damit korrespondiert wiederum – der Pfälzer Helmut Kohl war Ehrenmitglied des 1. FC Kaiserslautern – die ungeheure Aufwertung des Bildes einer alten, gleichsam paradiesischen Bundesrepublik.
Zugleich aber lehrt uns der Kult der Tradition Grundlegendes über den spezifischen geschichtlichen Augenblick unserer eigenen Gegenwart. Heute nämlich, so scheint es, wird die Rückwendung zu einer mythisch überhöhten Vergangenheit auch zum imaginären Refugium derer, die nicht willens oder in der Lage sind, sich den drängenden Fundamentalkrisen eines entfesselten, den Menschen buchstäblich enteilenden Kapitalismus zu stellen. Gerade in der Verherrlichung einer Bundesrepublik, die tatsächlich nie so bestand, wie sie in den Choreografien und Mythen der Fans imaginiert wird, erweist sich der Kult der Tradition im Fußballstadion auch als Ausdruck sinnstiftender Trauer, die es gestattet, einen realen Verlust zu beweinen. Diesen Verlust suchen zumal die „Verlierer des liberalen Postindustrialismus“[9] an den Spieltagen zu bewältigen, indem sie ihn von ihren Lebenswelten und ungelösten Konflikten auf das Feld des Fußballs übertragen. Diese Übertragung nimmt dem Spiel selbst zwar keineswegs seinen ideologischen Gehalt, der nicht zuletzt darin liegt, dass die harte Realität des Verlierens als Kernelement jeder Klassengesellschaft zu einem vermeintlich natürlichen Sachverhalt verklärt wird.[10] Aber es macht das Leiden an ihm, so scheint es zumindest, doch immerhin erträglich.
Meinte man es gut mit den Traditionalisten des Fußballs, würde man ihre Choreografien als Proteste und Einsprüche gegen eine Gegenwart deuten, in der selbst nach bürgerlichen Maßstäben inzwischen allzu viele Dinge aus dem Ruder laufen. Diese Diagnose hat gewiss viel für sich. Gleichwohl ist diesen Protesten aber auch eine Form von symbolischer Spielart von jenem Phänomen zu eigen, das der Philosoph Ernst Bloch einst mit dem Begriff der Ungleichzeitigkeit bezeichnete. Hiernach wirkt, wie eben in jener Choreografie der „Kanälches uff des Gass“ spielenden Kinder, ein Vergangenes in die Widersprüche der geschichtlichen Gegenwart hinein. Bloch bemerkte dabei in seiner Analyse: „Der subjektiv ungleichzeitige Widerspruch ist gestaute Wut, der objektiv ungleichzeitige unerledigte Vergangenheit“.[11] Was die Fußballstadien betrifft, so scheint es, dass hier beide Faktoren zusammenkommen. „Wut“ nämlich gehört in nicht unbeträchtlichem Ausmaß zu den Treibern jener an Fußballspielen als Massenerscheinungen so gerne gepriesenen Stimmung und „Intensität“.[12] Und eben auch als „unerledigte“ wird gerade eine Vergangenheit zur kultischen Größe des Ehrengedenkens, die, wäre sie erledigt, gewiss sehr viel weniger idyllisch wäre, als sie in der Choreografie erscheint.
Die Inszenierungen der Fans verraten einiges über die Sehnsucht nach einer Welt, die anders ist als die jetzige, in der die Effekte einer stetig wachsenden Ungleichheit zunehmend auf den Angehörigen gerade jener arbeitenden und kleinbürgerlichen Klassen lasten, die für gewöhnlich die Stadien bevölkern. Dort hängen sie einem Kult der Tradition an, auf den sehr viel von dem zuzutreffen scheint, was Bloch im Sinn hatte, als er von der „,geschichtslosen‘ Klasse des Kleinbürgertums“ sprach, die über „kein eigenes, präsentes, gar durchgearbeitetes Klassenbewußtsein“[13] verfügt. Bekanntermaßen gehört Blochs in den 1930er-Jaren entstandene Analyse der Ungleichzeitigkeit zu den ersten bedeutenden Versuchen, die faschistische Gegenwart der damaligen Zeit auf den Begriff zu bringen. Mit der wichtigen Beobachtung des fehlenden Klassenbewusstseins der kleinbürgerlichen Massen, das ja beileibe nicht nur den Traditionalisten des Fußballs zu eigen ist, nimmt Bloch einerseits zentrale Aspekte von Hannah Arendts einige Jahre später formulierter Analyse der „Massenorganisationen atomisierter und isolierter Individuen“[14] vorweg, die sich ebenfalls dadurch auszeichnen, dass sie keine „deutliche Klassenherkunft“[15] mehr kennen. Andererseits sieht und benennt Bloch aber auch die Gefahr, die von der Anrufung eines Gestrigen und darin im Grunde Überholten ausgeht, das nicht nur bis in die Gegenwart fortwirkt, sondern ihr sogar zum gefährlichen Leitbild dient.
Der Wunsch nach kollektiver Zugehörigkeit und die Sehnsucht nach einer mythisch überhöhten Vergangenheit, das sind, so scheint es, die Kernelemente im Kult der Tradition, wie er sich in den organisierten Choreografien, Schlachtgesängen und Erzählungen der Fans in den Fußballstadien artikuliert. Solange diese Sehnsucht nur der Illusion einer alten und irgendwie ,besseren‘ Vergangenheit gilt, scheint sie vergleichsweise harmlos. Beunruhigender, wenngleich gewiss nicht weniger symptomatisch als ihr Inhalt, ist jedoch die Form, in der diese Sehnsucht zum Ausdruck kommt. Denn zum einem weist sie Ähnlichkeiten mit dem „Kult der Überlieferung“ auf, den Umberto Eco als das erste und wohl auch wichtigste „Merkmal des Ur-Faschismus“[16] identifizierte. Und zum anderen tendiert sie zu einer „Tilgung der tatsächlichen Geschichte“, die Jason Stanley jüngst als eines jener (formalen) Elemente identifizierte, an denen sich ablesen lässt, „wie Faschismus funktioniert“.[17] Kurzum, auch wenn sich der Kult der Tradition seinen Inhalten nach auf eine vermeintlich heile, von den Konflikten und den Verwertungsinteressen der kapitalistischen Gegenwart verschonte und irgendwie ,bessere‘ Vergangenheit bezieht, ist er seiner Form nach womöglich tendenziell etwas ganz anderes: nämlich faschistisch.
Gewiss, Anhänger von Traditionsvereinen wie dem 1. FC Kaiserslautern sind keine Faschisten, nur weil sie von früheren, scheinbar goldenen Zeiten träumen. Trotzdem kann der Kult der Tradition, den insbesondere Gruppierungen aus den Reihen der Ultras bisweilen so leidenschaftlich wie rücksichtslos betreiben, durchaus als symptomatisch für unsere Gegenwart gelten, die in zunehmendem Maße durch regressive Tendenzen und eine Konjunktur von Ungleichzeitigkeiten geprägt ist. Insofern müssen die glanzvollen Inszenierungen, in denen dieser Kult sich äußert, ein Unbehagen zumindest bei denen erzeugen, die nicht bloß nach dem Inhalt, sondern auch nach der Form des Ausdrucks fragen. Dass in Kaiserslautern derweil weiterhin Zweitligafußball gespielt wird, tut nur insofern etwas zur Sache, als der Verein in der laufenden Saison einen neuen Rekord bei Mitgliederanzahl und Dauerkartenverkäufen gemeldet hat. Sicher wäre es zu billig, hier einen einseitigen Zusammenhang mit den Ergebnissen der Bundestagswahl 2025 konstruieren zu wollen, bei der ausgerechnet die Alternative für Deutschland (AfD) die meisten Zweitstimmen im Wahlkreis Kaiserslautern erhielt. Doch scheint zumindest die Frage nach dem Verhältnis von Traditionskult im Fußball einerseits und regressiven Tendenzen unserer geschichtlichen Gegenwart andererseits keineswegs abwegig. Sie wäre mit Sicherheit weiterer Betrachtungen wert.
Fußnoten
- Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857/1858), in: Marx-Engels-Werke, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Bd. 42: Ökonomische Manuskripte 1857/1858, Berlin 1983 S. 47–768, hier S. 408.
- Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen (1795), in: ders., Werke und Briefe in zwölf Bänden, hrsg. von Rolf-Peter Janz u.a., Bd. 8: Theoretische Schriften, Frankfurt am Main 1992, S. 556–676, hier S. 614.
- Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft (1967), Springe 2014, S. 79.
- Vgl. Anna Kornbluh, Immediacy, or The Style of Too Late Capitalism, London 2024.
- Rahel Jaeggi, Fortschritt und Regression, Berlin 2023, S. 234.
- Roland Barthes, Mythen des Alltags, übers. von Helmut Scheffel, Frankfurt am Main 1964, S. 113.
- Louis Althusser, Ideologie und ideologische Staatsapparate, 1. Halbbd., hrsg. von Frieder Otto Wolf, übers. von Peter Schöttler, Hamburg 2010, S. 78.
- Hannah Arendt, Besuch in Deutschland (1950), übers. von Eike Geisel, Berlin 1993, S. 23.
- Vgl. Andreas Reckwitz, Verlust. Ein Grundproblem der Moderne, Berlin 2024, S. 334 ff.
- Vgl. dazu auch die Beiträge in Ansgar Mohnkern, Einer verliert immer. Betrachtungen zu Fußball und Ideologie, Berlin/Wien 2023.
- Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit, in: ders., Werkausgabe, Bd. 4, Frankfurt am Main 1985, S. 122.
- Vgl. Hans Ulrich Gumbrecht, Crowds. Das Stadion als Ritual von Intensität, Frankfurt am Main 2020.
- Bloch, Erbschaft dieser Zeit, S. 122.
- Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft (1955), München/Berlin/Zürich 1986, S. 697.
- Ebd., S. 675.
- Umberto Eco, Der ewige Faschismus, übers. von Burkhart Kroeber, München 2020, S. 30.
- Jason Stanley, Wie Faschismus funktioniert, übers. von Julien Karim Akerma, Neu-Isenburg 2024, S. 49.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.
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