Uwe Dörk | Rezension |

Meilenstein mit Makeln

Rezension zu „Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe, Band 2: Gemeinschaft und Gesellschaft. 1880–1935, hrsg. von Bettina Clausen † und Dieter Haselbach.

Ferdinand Tönnies:
Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe, Band 2. Gemeinschaft und Gesellschaft. 1880–1935
Herausgegeben von Bettina Clausen (†) und Dieter Haselbach
XVI, 950 S., 219,95 EUR
ISBN 978-3-11-015835-9

Das hier zu besprechende Buch ist in mehrfacher Hinsicht gewichtig: Es wartet nicht nur mit einem beeindruckenden Umfang und einem stolzen Preis auf, vielmehr präsentiert es in historisch-kritischer Manier ein Werk, das sich nach seinem Erscheinen im Jahr 1887 und einer anfänglich eher verhaltenen Rezeption schon bald in wissenschaftlicher wie politischer Hinsicht als außerordentlich wirkmächtig erweisen sollte. Gemeinschaft und Gesellschaft (fortan: GuG), so der programmatische Titel des ursprünglich 330 Seiten starken Buchs,[1] galt vom späten Kaiserreich bis zum Ende der Weimarer Republik als das soziologische Standardwerk schlechthin im deutschen Sprachraum.[2] Es handelt sich um einen radikalkonstruktivistischen, systematisch durchkomponierten Gesamtentwurf einer Theorie der Gegenwartsgesellschaft, die unter den Leitbegriffen „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ – und den ihnen je zugeordneten Willensformen: Wesens- versus Kürwille als Letzteinheiten des Sozialen – beschrieben wird. Als äußerst einflussreich erwies sich die in dem Buch vorgetragene Diagnose, dass die moderne Gesellschaft die Formen von Gemeinschaft zerstört, obgleich sie auf diese existenziell angewiesen ist. Eine noch heute viel zitierte Adaption erfuhr diese Deutung durch Ernst-Wolfgang Böckenförde, demzufolge der freiheitliche, säkularisierte Staat „von Voraussetzungen [lebt], die er selbst nicht garantieren kann“.[3] Seit dem späten Kaiserreich wurde die schicksalshafte Frage nach dem Verhältnis von Gemeinschaft und Gesellschaft von einem sehr breiten politischen Spektrum auf je differente Weise diskutiert. In der Weimarer Republik fand sie schließlich Eingang in die Debatten um Bildungs- und Volksreform.[4] Die Frage aber, ob ein Untergang des Abendlandes bevorstand, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg etwa von Owald Spengler imaginiert wurde, oder ob sich die Formen von Gemeinschaft auf sozialistische Weise erneuern würden, hat Tönnies selbst nie eindeutig beantwortet und darin jede Festlegung vermieden.[5]

Bisherige Ausgaben nach 1945

Lange Zeit war GuG nur in der erstmals 1963 erschienenen Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft zugänglich,[6] die auf der Ausgabe letzter Hand von 1935 beruhte und zusammen mit dem Text auch alle fünf Vorworte präsentierte, die sein Autor im Laufe der Jahre aus Anlass der zahlreichen Neuauflagen verfasst hatte. Seit Mit dem Erlöschen des Urheberrechts im Jahr 2006 änderte sich die Situation grundlegend. Seither sind zahlreiche Varianten von GuG erhältlich: Das Deutsche Textarchiv (DTA) etwa ließ vor einigen Jahren die Erstausgabe von 1887 digitalisieren. Leserinnen und Leser können seither nicht nur wahlweise auf das Faksimile oder das Transkript der Ausgabe zugreifen, sondern darüber hinaus auch unterschiedliche Editionswerkzeuge nutzen: Geboten werden etwa eine Suchfunktion oder eine Wortstatistik, die Worthäufungen auf unterschiedliche Weise grafisch repräsentiert, zum Beispiel als Wolke oder in Form von Kreisen. Auch Renaissance Books griff auf die Erstauflage zurück,[7] wohingegen der Verlag Forgotten Books die vierte und fünfte Auflage reproduzierte,[8] die den mit der zweiten Auflage veränderten Untertitel Grundbegriffe der ‚Reinen Soziologie‘ trägt und auch den mit der dritten Auflage vorgenommenen terminologischen Wechsel von „Willkür“ zu „Kürwillen“ vollzogen hat. Überhaupt wurde in der anglo-amerikanischen Verlagswelt die Erstauflage aus der Harvard College Library mehrfach wieder aufgelegt, etwa bei Kessinger Publishing[9] oder Andesite Press. Auch die diesseits des Atlantiks erschienene Ausgabe von Hansebooks (2017) beruht auf dieser Auflage. Die im Profilverlag erscheinende Tönnies-Werkausgabe, die von der Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle am Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt verantwortet wird, griff 2016 hingegen wieder auf die Ausgabe letzter Hand zurück.[10]

Editorische Entscheidungen und Anspruch der vorliegenden kritischen Ausgabe

Was bisher jedoch gefehlt hatte, war eine kritische Ausgabe von GuG. Immerhin liegt zwischen der Erstausgabe von 1887 und der Ausgabe letzter Hand von 1935 fast ein halbes Jahrhundert, in dem der Text nicht nur einen grundlegenden Bedeutungswandel, sondern im Rahmen seiner insgesamt acht Auflagen auch zahlreiche Eingriffe erfahren hat. Eine Edition, die solche Veränderungen sichtbar macht und sie zugleich historisch kontextualisiert, liegt nun seit Juni 2019 mit dem zweiten Band der von der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft beauftragten Tönnies-Gesamtausgabe vor.[11] Die beiden Bandherausgeber, der in Marburg lehrende Soziologe Dieter Haselbach und die 2018 leider verstorbene Hamburger Literaturwissenschaftlerin Bettina Clausen, hatten sich ursprünglich sogar eine historisch-kritische Edition zum Ziel gesetzt, das überaus ambitionierte Vorhaben aber aufgrund fehlender personeller Ressourcen aufgegeben. Formal wurde daher von ihnen ,nur‘ noch der Anspruch einer „lesefreundlichen“, wiewohl „kritischen“ Ausgabe verfolgt (S. XIII). Gänzlich aus den Augen verloren wurde das ursprüngliche Ziel von ihnen dennoch nicht, wie ein Blick in den opulenten Anhang zeigt, in dem das Werk umfassend kommentiert und historisch eingeordnet wird. Zu Recht bezeichnet der Herausgeber Dieter Haselbach die vorliegende Ausgabe im Endergebnis als „Hybrid“, der kritische und historisch-kritische Editionsansprüche in sich vereinigt (ebd.). Als solche will sie „jede ,Bewegung‘ des Textes, vom Manuskript und dessen Vorstudien (1880) bis hin zur Ausgabe letzter Hand (1935), präzise verfolgen“ und diese Bewegung auch historisch und biografisch einbetten – ein Anspruch, den bereits der Titel dieses Bandes der Tönnies-Gesamtausgabe anzeigt: Gemeinschaft und Gesellschaft 1880–1935.

Eine zentrale editorische Entscheidung betrifft den Referenztext: Die beiden Herausgeber haben sich gegen eine Orientierung am ,Urtext‘ und damit sowohl gegen das ursprünglich von Tönnies verfasste Manuskript als auch gegen den Abdruck des Textes der Erstausgabe entschieden. Stattdessen haben sie für die achte Auflage von 1935 und somit für die Ausgabe letzter Hand optiert, da sie die Entstehung des von Tönnies immer wieder überarbeiteten Textes erst mit der letzten vom Autor selbst edierten Ausgabe als beendet betrachten. Damit folgt der zweite Band der Tönnies Gesamtausgabe der editorischen Praxis der WBG-Ausgabe und der Klagenfurter Werkausgabe. Im Unterschied zu ihren Vorgängern weist der kritische Apparat der vorliegenden Ausgabe von GuG aber sämtliche Textvarianten aus, da jede Abweichung von der Ausgabe letzter Hand notiert wird – angefangen beim Manuskript und endend mit dem Text der vierten und fünften Auflage von 1922.[12] Außerdem wurden auch die Abweichungen der Druckfahnen und der Vorreden, die Tönnies in seinen zwischen 1925 und 1929 in insgesamt drei „Sammlungen“ veröffentlichten Soziologischen Studien und Kritiken abdrucken ließ.[13]

Charakteristisch für die vorliegende Ausgabe ist, dass sämtliche Veränderungen des Textes im editorischen Bericht ausführlich besprochen und historisch kontextualisiert werden. Der hybride Charakter der Edition kommt somit auch in einer Art Arbeitsteilung zwischen den kommentierenden Fußnoten im Text und dem anschließenden umfassenden editorischen Bericht zum Ausdruck. Hierbei erschließt der umfangreiche Fußnotenapparat nicht nur – wie dargelegt – die im Verlauf der Zeit erfolgten textlichen Eingriffe, sondern bietet auf knappem Raum zusätzliche Informationen zu Zitaten, Redewendungen und fremdsprachigen Textelementen, die übersetzt oder auch erklärt werden. Der fast 400 Seiten umfassende editorische Bericht hingegen macht den Großteil des im Anhang befindlichen Apparats aus, der außerdem Ausführungen zur Edition sowie Bibliografien zu Publikationen von und über Ferdinand Tönnies und diverse Register enthält.

Der Hauptakzent liegt auf dem editorischen Bericht, der die Aufgabe einer historischen Kommentierung von GuG übernimmt und – von Tönniesʾ Wiege bis zur Bahre gewissermaßen –, die ,tektonischen Bewegungen‘ des Textes über die einzelnen Ausgaben hinweg verfolgt und historisch situiert: Zum einen in einem umfassenden Sinne, da der Text biografie-, sozial-, alltags-, kultur-, literatur- und politikgeschichtlich eingebettet und erläutert wird; zum anderen in einem engeren Sinne, insofern die Editoren die fortwährende Interpretationsarbeit an GuG beleuchten, indem sie die auf jede Ausgabe folgenden Besprechungen sowie Tönniesʾ eigene Auslegungen in Form von Vorwörtern, Kommentaren, Stellungnahmen und anderen Publikationen auswerten. Vereinzelt wurde auch bislang unveröffentlichtes Quellenmaterial aus dem Tönnies-Nachlass berücksichtigt, so unter anderem Briefe von Tönnies an Friedrich Paulsen. Insgesamt gliedert sich der editorische Bericht in drei größere Teile: 1. Allgemeine Hinweise zur Stellung dieser Ausgabe von GuG in der Tönnies Gesamtausgabe, zur Quellen- und Textgrundlage sowie zu den wesentlichen editorischen Entscheidungen. 2. Die Darstellung der Textentstehung – und zwar angefangen von der Geburt des Autors bis zur Manuskriptabgabe – über 150 Seiten hinweg. 3. Die von der ersten bis zur letzten Ausgabe von GuG verfolgte Publikationsgeschichte, wobei Texte, die für die Entwicklung von GuG besonders aufschlussreich sind, in Form von Exkursen gesondert gewürdigt und manchmal auch abgedruckt werden. Dazu gehören etwa das im Rahmen der Habilitation handschriftlich verfasste erste „Concept“ von GuG, die erste Version der Erstausgabenvorrede oder die unveröffentlichte Vorrede von 1935. Dieser Part ist mit 2000 Seiten auch der Gewichtigste, da er detailliert jede Auflage beziehungsweise Neuauflage bis zur letzten Ausgabe von 1935 beschreibt: Von den Eingriffen in den Text über die Produktionsbedingungen, den Absatz und die Rezeption bis hin zum historischen Kontext.

Kritische Würdigung

Die vorliegende Ausgabe von GuG ist zweifellos ein Meilenstein in der Tönnies-Forschung, denn noch nie wurden der Wandel des Textes und der Wandel der Rezeption in dem sich verändernden historischen Umfeld so klar und ausführlich beschrieben wie hier. Als besonders verdienstvoll ist hierbei die historische Kontextualisierung des Werks in den 1920er- und 1930er-Jahren hervorzuheben, da gerade diese Phase, in der Tönnies auf dem Zenit seiner Laufbahn stand und seine größte Wirkung entfaltete, von der Forschung bisher am wenigsten behandelt wurde. Ebenso eindrucksvoll ist die genaue Auswertung der für die Entstehung von GuG wegweisenden Schriften, die Einbeziehung des Manuskripts samt anderer nicht veröffentlichter Texte, darunter auch die Erstfassung des Vorworts, die überarbeiteten Titelentwürfe, ein „Erstes Concept“ oder die so genannte „Habilitationsschrift“.[14] Die Bedeutung der Ausgabe von GuG unterstreichen auch die Veranstaltungen, die ihrem Erscheinen gewidmet waren oder dieses begleitet haben: So das X. Tönnies-Symposium, das vom 5. bis 7. September 2019 in Kiel stattfand, oder die vom Hamburger Institut für Sozialforschung im November durchgeführte Diskussionsveranstaltung „Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Zum Hauptwerk von Ferdinand Tönnies“. Die Leserinnen und Leser der Ausgabe erwartet zweifellos eine ungeheure Vielfalt detaillierter Informationen, die neue Perspektiven auf das bahnbrechende Tönnies‘sche Werk eröffnen und bislang verborgene Zusammenhänge erschließen und verständlich machen.

Wenig überzeugend ist hingegen der weite und konzeptionell unscharfe Zugriff auf den Prozess der Textentstehung. Dass dieser Prozess mit der Ausgabe letzter Hand als beendet betrachtet wird, mag einleuchten, da Tönnies hier nicht nur ein letztes Mal kleine Veränderungen vorgenommen hat, sondern unter den prekären Umständen der nationalsozialistischen Herrschaft auch ein vorsichtig, aber dennoch unmissverständlich formuliertes neues Vorwort verfasst hat. Es ist äußerst verdienstvoll, dass die Editoren das seinerzeit unveröffentlichte, mithin unterdrückte Vorwort in der vorliegenden Ausgabe (wieder-)abgedruckt haben.[15] Deutlich zu weit führt allerdings die Entscheidung der Herausgeber, den Anfang der Textproduktion von GuG mit Tönniesʾ Geburt auf der Halbinsel Eiderstedt im Jahr 1855 anzusetzen. Die Auseinandersetzung mit der besonderen Konstellation von Tönnies‘ Herkunft und seiner sich ausformenden „psychophysischen Disposition“ führt nicht nur weit fort von der Entstehung der ersten idiomatischen Muster sowie charakteristischer Sprach- und Denkfiguren, die dann in GuG bestimmend werden oder sich dort zumindest nachweisen lassen. Die Entscheidung hat vor allem zu einer teleologischen Blickverengung verleitet, die nicht nur den Autor, sondern auch sein Werk auf eine zu kleine Krippe in einer heimeligen Hofgemeinschaft von Mensch und Vieh unter dem Reetdach eines eiderstedter ‚Haubargs‘ zurückführt.[16] Ohne den Einfluss dieser Herkunft leugnen zu wollen, so taugt diese biographisch-genetische Deutung weder zur Erklärung der Textgenese im engen Sinne noch zur Erhellung der wissenschaftsgeschichtlichen Tatsache, dass der hier Geborene später das sozialtheoretische Hauptwerk einer gerade entstehenden modernistische Disziplin verfassen wird. Die auf die Herkunft fixierte Blickrichtung auf das Werk widerspricht zudem der editorischen Entscheidung, die Ausgabe letzter Hand und nicht die Fassung erster Hand als Referenztext zu wählen. Denn im letzten Fall wäre die Fortentwicklung des Textes mit jeder Folgeauflage einfacher und konsequenter zu beschreiben gewesen. Vor allem aber hätte sich der Rezensent eine größere Textnähe des editorischen Berichts und eine intensivere Arbeit am Anmerkungsapparat gewünscht. GuG ist schließlich ein äußerst dicht gewebter Text, in dem viele Lektürefäden, von denen einige bis in die Antike zurückreichen, kunstvoll miteinander verflochten sind, ohne dass diese hier im Einzelnen zurückverfolgt wurden. Ausgewiesen wurde nur, was als Zitat offensichtlich oder als Anspielung eindeutig kenntlich ist, nicht aber, was Tönnies an argumentativen Mustern und Topoi zumeist klassischer Autoren für seine eigene Darstellung nutzte.

Wirklich betrüblich, um nicht zu sagen ärgerlich sind schließlich die zahlreichen Register, die unübersichtlich und nicht annähernd vollständig sind. Schon das Verzeichnis der „Abkürzungen und Siglen“ ist lückenhaft: Was verbirgt sich etwa hinter dem Kürzel TN Xt 2? Worin unterscheidet sich A von EA? Ferner vermisst der Rezensent im übergreifenden Sachregister (und in allen anderen) etwa den Begriff „Blut“ (nur „Blutsverwandtschaft“ wird genannt), der für Tönnies‘ Konstruktion von „Gemeinschaft“ und „Wesenswillen“ eine zentrale Rolle spielt. In der digitalen Version der Erstausgabe von GuG des Deutschen Textarchivs werden dagegen auf elf Seiten (zumeist mehrfache) Treffer nachgewiesen. Ebenso fehlt das nicht minder wichtige Lemma „Vertrag“ (DTA: Treffer auf zehn Seiten), obwohl Tönnies‘ Werk auch als ein vertragstheoretisches gelesen werden kann und genau darin innovativ war und ist. Den genannten Beispielen für Auslassungen im Register ließen sich zahlreiche weitere hinzufügen: So kommt zwar das Substantiv „Fiktion“ vor, aber nicht das eigentlich wichtige Verb „fingiert“, das irritierender Weise nur in den „Orthographischen Abweichungen“ registriert wurde. Wichtige Stellen, in denen das Adjektiv „sociologisch“ genannt wird (u. a. S. 29, S. 380) wurden nicht notiert. Der „Verein“ wird in der digitalen Version auf 16 Seiten (oft mehrfach) nachgewiesen, in der vorliegenden Edition aber nur auf neun. Offensichtlich haben für solche Arbeiten die personellen und technischen Ressourcen gefehlt. Das ist umso bedauerlicher, als die Herausgeber sowohl in kritischer als auch historischer Hinsicht mit dem zweiten Band der Tönnies Gesamtausgabe eine editionswissenschaftliche Herkulesaufgabe bewältigt, das Register aber in ein Nessoshemd gekleidet haben. Die genannten Defizite schaden zwar der Nutzungsfreundlichkeit der Ausgabe, nicht aber den Verdienst der Herausgeber insgesamt. Denn tatsächlich können die Veränderungen des Textes, der Rezeption und des historischen Kontextes nun erstmals präzise nachvollzogen werden, so dass die künftige Forschung über eine hervorragende Grundlage verfügt. Und wer im Text von GuG nach Begriffen sucht, der kann schließlich auch die Suchfunktion der digitalen Version der DTA-Erstausgabe konsultieren oder einen zusätzlichen Blick in das Register „Orthographische Abweichungen“ der TG 2 werfen.

  1. Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirischer Erscheinungsformen, Leipzig 1887.
  2. So René König, Zur Soziologie der zwanziger Jahre, in: Leonhard Reinisch (Hg.), Die Zeit ohne Eigenschaften. Eine Bilanz der zwanziger Jahre, Stuttgart 1961, S. 82–118, hier S. 98. Erst in der zweiten Auflage von 1912 wird das Buch, das sich 1887 laut Untertitel noch als eine kulturphilosophische Abhandlung des Communismus und des Socialismus verstand, als ein explizit soziologisches Werk ausgewiesen. Tatsächlich kommt der Terminus „Soziologie“ in der ersten Auflage gar nicht vor; auch das Attribut „sociologisch“ taucht im gesamten Text nur dreimal auf. Das Ergebnis steht im Einklang mit dem Befund, dass sich Tönnies‘ Selbstverständnis als Soziologe erst in den frühen 1890er-Jahren, etwa mit der Gründung des Institut International de Sociologie von 1893, verfestigte. Vgl. dazu Alexander Wierzock, „Nicht Kartenhäuser oder Luftschlösser, sondern einen Tempel des Geistes und der Gesittung“. Ferdinand Tönniesʾ Verhältnis zu den revolutionären Erneuerungshoffnungen 1918/19, in: Albert Dikovich / Alexander Wierzock (Hg.), Von der Revolution zum Neuen Menschen. Das politisch Imaginäre in Mitteleuropa 1918/19. Philosophie, Humanwissenschaften und Literatur, Stuttgart 2018, S. 39–66. Wesentlich für den Erfolg des Werkes war, dass GuG sich von den bis dato vorherrschenden organizistischen Sozialtheorien im Stile Spencers, Gumplowiczs, Schaeffles oder Lilienthals deutlich abhob und sich gerade durch seine grundsätzliche Entscheidung, Soziales nur durch Soziales zu erklären, als Standardwerk für die sich herausbildende Disziplin der Soziologie empfahl. Diesen Status behielt das Buch im deutschen Sprachraum auch nach dem Ersten Weltkrieg. Dass GuG zur maßgeblichen Referenz avancierte, lag – nicht nur, aber auch – an der fehlenden Konkurrenz. Georg Simmels „große“ Soziologie von 1908 war schließlich eine Kollektion schon publizierter Artikel und Max Webers posthum erschienenes Werk Wirtschaft und Gesellschaft blieb ein Torso. Zudem starben sowohl Simmel als auch Weber noch vor der institutionellen Etablierung des Fachs in der Weimarer Republik, wohingegen Tönnies als Präsident der 1909 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Soziologie einen großen Einfluss auf die disziplinäre Ausformung der Soziologie ausübte. Siehe dazu Uwe Dörk, Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie in der Zwischenkriegszeit (1918–1933). Akademische Etablierung unter dem Zeichen elitär-demokratischer Kreisbildung, in: Stephan Moebius / Andrea Ploder (Hg.), Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie, Bd. 1: Geschichte der Soziologie im deutschsprachigen Raum, Wiesbaden 2018, S. 829–848.
  3. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, in: ders., Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt am Main 1991, S. 92–114, hier S. 112.
  4. Vgl. Erhard Stölting, Akademische Soziologie in der Weimarer Republik, Berlin 1986, S. 73 u. S. 104. Uwe Dörk, Vom Idiom zur Norm. Zum sozialanalytischen Vokabular von „Gemeinschaft und Gesellschaft“, in: Soziopolis, 15.09.2021.
  5. Siehe dazu Alexander Wierzock, „Der Ort, denke ich, wird Dir gefallen.“ Dokumente über Ferdinand Tönniesʾ Pläne einer sozialwissenschaftlichen Privatdozentur an der Universität Göttingen im Jahr 1890, in: Zyklos 4. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Wiesbaden 2018, S. 395–435.
  6. Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie, Darmstadt 1979. Nachdrucke der Ausgabe von 1979 erschienen 1988, 1991 und 2005 sowie – mit einem neuen Impressum versehen – 2010.
  7. Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft (German Edition), o. O. / o. J. Im Verzeichnis der deutschsprachigen Nachdrucke und Auflagen der vorliegenden Edition wird fälschlich der Text der vierten und fünften Auflage als Grundlage für die genannte Ausgabe angegeben (S. 938).
  8. Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie, London 2017.
  9. Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirischer Erscheinungsformen, Whitefish 2010.
  10. Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie, hrsg. v. Arno Bammé, Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle am Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, München/Wien 2016.
  11. Die Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe (FTG) ist chronologisch aufgebaut und auf 24 Bände konzipiert, von denen bisher zehn erschienen sind.
  12. Die sechste und siebte Auflage können in diesem Zusammenhang vernachlässigt werden, da es sich in beiden Fällen um einen anastasischen Nachdruck der vorausgegangenen Auflagen handelt.
  13. Vgl. Ferdinand Tönnies, Soziologische Studien und Kritiken. Erste Sammlung, Jena 1925; ders., Soziologische Studien und Kritiken. Zweite Sammlung, Jena 1926; ders., Soziologische Studien und Kritiken. Dritte Sammlung, Jena 1929. Diese Sammlungen sind auch im Internet durch unterschiedliche Anbieter – etwa durch das Münchner Digitalisierungszentrum (MDZ) – verfügbar. Die erste Sammlung wurde im fünfzehnten Band der Tönnies Gesamtausgabe abgedruckt und dort ebenfalls kritisch kommentiert. Vgl. Ferdinand Tönnies, Gesamtausgabe, Band 15: 1923–1925: Innere Kolonisation in Preußen, Soziologische Studien und Kritiken. Erste Sammlung: Schriften 1923, hrsg. von Dieter Haselbach, Berlin / Boston, MA 2000.
  14. Tönnies hatte ursprünglich geplant, GuG als Habilitationsschrift bei Benno Erdmann in Kiel einzureichen. Da er aber nicht fertig geworden war, habilitierte er sich dort im Juni 1881 mit seinen „Anmerkungen über die Philosophie des Hobbes“ und fügte das „Concept“ von GuG bei, das er am 9.1. 1881 in Reinschrift fertig gestellt und auf 1880 rückdatiert hatte (im Tönnies-Nachlass in zwei Varianten unter der Signatur Cb 54.32: 1.01 beziehungsweise Cb 54.32: 1.02). Hierbei wurde er verpflichtet, bei der Veröffentlichung von GuG die Einreichung des Konzepts zu notieren, was am Ende des Vorwortes zur ersten Auflage auch erfolgte (TG 2: S. 32). Siehe Ferdinand Tönnies, Anmerkungen über die Philosophie des Hobbes, in: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 3–5 (1879–1881), S. 453–466; S. 55–74; S. 428–453; S. 186–200.
  15. Das Vorwort wurde schon von Jürgen Zander in Band 23,2 der Tönnies-Gesamtausgabe veröffentlicht.
  16. Dieser ,verbäuerlichende‘ Blick auf Ferdinand Tönnies ist nicht nur den beiden Editoren anzulasten. Er findet sich ebenso bildreich illustriert in der Tönnies-Biografie von Uwe Carstens und, etwas anders nuanciert, bei Niall Bond. Vgl. Uwe Carstens, Ferdinand Tönnies. Friese und Weltbürger. Eine Biographie, 2., erw. Aufl., Bräist/Bredstedt 2013, S. 15–18; Niall Bond, Understanding Ferdinand Tönniesʾ „Community and Society“. Social Theory and Political Philosophy between Enlighted Liberal Individualism and Transfigured Community, Zürich/Berlin 2013, S. 42 f. Es bleibt darauf hinzuweisen, dass Tönniesʾ Vater in erster Linie Viehhändler und kein Großbauer mehr war. Eine knappe, anschauliche soziologische Schilderung des entsprechenden Milieus bietet etwa Tönniesʾ Schwiegersohn Rudolf Heberle in seiner sozialempirischen Studie über das Wählerverhalten Schleswig Holsteins von 1918 bis zum Nationalsozialismus. Siehe Rudolf Heberle, Landbevölkerung und Nationalsozialismus. Eine soziologische Untersuchung der politischen Willensbildung in Schleswig-Holstein 1918–1932, Stuttgart 1963.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Kultur Politik Universität Wissenschaft

Uwe Dörk

Uwe Dörk, Dr. phil., Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) und designierter Projektleiter des Vorhabens „Ferdinand Tönnies Briefe: Eine digitale Edition“. Arbeitsschwerpunkte: Historische Epistemologie der Sozialwissenschaften, Geschichte der deutschsprachigen Soziologie und der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“ sowie Geschichte der Geschichtswissenschaft.

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