Alexander Wierzock | Essay |

Neue Disziplin, neue Anwendungen

Ferdinand Tönnies und die Soziologie als Lehr-, Forschungs- und Reformfach

Einleitung

Wenn es um die Deutung gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse und die Formulierung von Prognosen ging, erwies sich der Soziologe und Statistiker Ferdinand Tönnies (1855–1936) nicht immer als sonderlich treffsicher.[1] Das gilt nicht nur für seine bis zur Novemberrevolution 1918 oft vorgebrachte Annahme, dass die kapitalistische Produktions- und Eigentumsordnung bald obsolet und durch eine sozialistische ersetzt werden würde;[2] auch Tönniesʼ Voraussage einer Wiedergeburt des Neulateinischen als internationaler Gelehrtensprache neben dem Englischen bewahrheitete sich nicht.[3] Sehr viel mehr Scharfsicht bewies Tönnies hingegen mit Blick auf die akademische Etablierung der Soziologie, als deren Wegbereiter und Klassiker er heute gesehen wird: Im Jahr 1905 sagte Tönnies dem noch jungen Wissensgebiet im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik eine günstige Zukunft voraus. Den Anlass für seine optimistische Prognose bot eine systematische Inhaltsanalyse der ersten sechs Jahrgänge des 1896 durch Émile Durkheim begründeten LʼAnnée sociologique. Ein „ausgezeichnetes Jahrbuch“ schwärmte Ferdinand Tönnies über das damals wichtigste französische Rezensionsorgan für soziologische Literatur.[4] Der im Nachbarland erreichte Stand der Soziologie bewog Tönnies dazu, sich zum Status quo des Faches im Deutschen Reich zu äußern. Dieser war im Jahr 1905 äußerst dürftig: Das im Aufbau befindliche Wissensgebiet war institutionell noch völlig ungefestigt und existierte ohne einen eigenen Lehrstuhl. Trotz der widrigen Ausgangslage erwartete Tönnies schon bald positive Veränderungen: Die Soziologie werde „wie in anderen Ländern, so in dem unseren sich durchsetzen“, und zwar „schon im Laufe von 2-3 Lustren“,[5] das heißt Tönnies rechnete mit der Etablierung der Soziologie in zehn respektive in fünfzehn Jahren. Mit dieser Schätzung sollte er voll und ganz recht behalten: Im Frühjahr 1919 wurde an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt am Main erstmals ein Lehrstuhl für das Fach eingerichtet. Auf die neugeschaffene Professur, ein Ordinariat, wurde Franz Oppenheimer berufen. Tönnies übersandte dem Kollegen seine Visitenkarte, auf deren Rückseite er Oppenheimer knapp, aber mit Ausrufezeichen „zum ersten soziologischen Lehrstuhl“ Deutschlands beglückwünschte,[6] auch wenn die Denomination der Professur strenggenommen auf „Theoretische Nationalökonomie und Soziologie“ lautete – und zwar in dieser Reihenfolge.[7] Bis zum ersten ausschließlich der Soziologie gewidmeten Lehrstuhl dauerte es noch bis ins Jahr 1925, als Hans Freyer auf ein eigens eingerichtetes Ordinariat an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig berufen wurde.[8]

Unabhängig von der jeweiligen Bezeichnung der einzelnen Lehrstühle erfuhr die Soziologie in der Weimarer Republik einen institutionellen Aufschwung, der sich sehen lassen konnte. An diversen Universitäten und Hochschulen, darunter Berlin, Dresden, Göttingen, Halle, Kiel, Köln und München, entstanden weitere soziologische Lehrstühle und Honorarprofessuren.[9] Auch in sachlicher Hinsicht, also mit Blick auf seine Fragestellungen und Gegenstände, behauptete sich das neue Fach, sodass Tönnies der Soziologie in einer Sammelrezension aus dem Jahr 1924 „eine gesicherte Problematik“ attestierte. Ein weiterer Indikator für den Ausbau des Faches waren vermehrte soziologische Habilitationen. Im Juli 1923 wurde etwa dem Tönnies-Schüler Alfred Meusel die venia legendi für Sozialökonomik und Soziologie an der Technischen Hochschule Aachen erteilt; etwas später, im Jahr 1926, wurde er vor Ort zum Extraordinarius für diese Fächerkombination.[10] Soziologische Seminare und Forschungsinstitute, die in den frühen 1920er-Jahren errichtet wurden, dokumentieren ebenfalls den Disziplinierungsschub des Faches. Als bestes Beispiel dafür kann das 1923 errichtete Frankfurter Institut für Sozialforschung gelten, dessen erste konzeptionelle Grundrisse auf den früh verstorbenen Nationalökonomen und Soziologen Kurt Albert Gerlach, einen weiteren Schüler von Tönnies, zurückgehen.[11] Vielleicht noch wichtiger für die frühe soziologische Wissenslandschaft war aber das der Universität Köln angegliederte Forschungsinstitut für Sozialwissenschaft, das 1919 gegründet wurde.[12] Von dieser Einrichtung aus wurde auch die Kölner Vierteljahrsschrift für Soziologie, die führende soziologische Zeitschrift der Weimarer Republik, herausgeben. Neben Frankfurt und Köln entwickelte sich aber auch die damals nördlichste deutsche Hochschule, die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, zu einem wichtigen Entstehungsmilieu der frühen deutschen Soziologie. Dass es dazu kam, lag vor allem an Ferdinand Tönnies, der im Jahr 1921 einen speziellen Lehrauftrag für Soziologie an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät erhielt. Damit vertrat nicht irgendwer das neue Fach, sondern einer der zentralen Vertreter der ersten Soziologengeneration, der als Präsident der 1922 rekonstituierten Deutschen Gesellschaft für Soziologie das Wissensgebiet auf nationaler wie internationaler Ebene repräsentierte.[13] Im Folgenden soll es darum gehen, wie Tönnies das neue Fach als Lehr- und Forschungsgegenstand an der Universität Kiel implementierte und welche weitergehenden wissenschaftlichen und auch gesellschaftspolitischen Erneuerungshoffnungen er mit der Soziologie verknüpfte. Die Ausgangslage des Faches war keineswegs einfach: Die Soziologie gewann zwar mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ihr akademisches Bürgerrecht. In die Fakultätsstrukturen und insbesondere in die Habilitations- und Promotionsordnungen der Hochschulen und Universitäten war sie damit aber noch nicht automatisch integriert. Anders als heute war die Disziplin kein Massen-, sondern ein Orchideenfach. In der frühen Weimarer Republik fehlte es zudem an Möglichkeiten anwendungsbezogener Forschung, beispielsweise in der arbeits- und industriesoziologischen Beratung, wie sie später vor allem für die 1960er-Jahre charakteristisch werden sollte, als Soziologen von rohstoffverarbeitenden Wirtschaftszweigen und Gewerkschaften mit Forschungsstudien beauftragt wurden. Auch andere Praxisfelder, wie die sozialwissenschaftliche Kommunal- und Politikberatung, waren zu diesem Zeitpunkt noch inexistent.[14] Die junge Soziologie stand damit vor einer dreifachen Herausforderung: Sie hatte nicht nur das akademische Milieu, sondern auch das praxisbezogene externe Umfeld von Begriff und Programm der neuen Disziplin zu überzeugen. Hand in Hand damit ging die dritte Herausforderung, die in der Formierung des Faches bestand. Wenn sich das Fach erfolgreich innerhalb der Fakultätsstrukturen etablieren wollte, musste es zu einem Anwachsen von Forschenden und Forschungen kommen, und als Voraussetzung dafür ein regulärer Lehrbetrieb institutionalisiert werden. Vor diesem Hintergrund gliedert sich die vorliegende Abhandlung in zwei Abschnitte: Im ersten Teil geht es um Tönnies’ Lehrtätigkeit ab 1921, wobei auch die besonderen örtlichen Strukturen der Kieler Universität Berücksichtigung finden sollen. Der zweite Teil befasst sich mit der von Tönnies im Verlauf der späten 1920er-Jahre vorgenommenen Neujustierung der Soziologie, die unter dem Stichwort der „Soziographie“ um eine stärker empirische und praxisorientierte Version erweitert werden sollte.

1. Tönniesʼ Rückkehr an die Universität Kiel im Jahr 1921 und sein soziologisches Lehrprogramm

Durch preußischen Ministerialerlass erhielt Tönnies am 25. Juli 1921 einen Lehrauftrag für Soziologie an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiel. Diesbezügliche Verhandlungen hatten bereits ein Jahr zuvor, im April 1920, begonnen: Tönnies hatte sich an den Unterstaatssekretär und späteren preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker gewandt, um die eigene „Rückkehr an die Universität“ einzuleiten.[15] Tönnies war zu diesem Zeitpunkt 64 Jahre alt und entpflichteter Professor der Universität Kiel. Zuvor war er bis zum Wintersemester 1916/17 Ordinarius für Staatswissenschaften und Statistik gewesen.[16] Mit dem Disziplinierungsschub der Soziologie zu Beginn der Weimarer Republik fühlte er jedoch die Notwendigkeit, „für die Soziologie auch lehrend eintreten“ zu müssen, wie es in der Korrespondenz mit dem Kultusministerium heißt.[17] Diesem Wunsch wurde stattgegeben. Neben einer Teuerungszulage für die entpflichtete Professur, einem Jahresgehalt von 6000 Mark und der Aussicht, Kolleggelder ohne Abzug einbehalten zu dürfen, kehrte Tönnies im Wintersemester 1921/22 an die Universität Kiel zurück.[18] Die Öffentlichkeit erfuhr davon im August 1921. In den Spalten der Kieler Zeitung war am 4. des Monats zu lesen, „der ordentliche Professor in der hiesigen rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät, Geheimer Regierungsrat Dr. Ferdinand Tönnies, [ist] beauftragt, die Soziologie in Vorlesungen und, soweit nötig, in Uebungen zu vertreten.“[19]

Tatsächlich konnte von einer „Rückkehr an die Universität“ nur bedingt die Rede sein, denn de facto hatte sich Tönnies nie komplett aus der Lehre zurückgezogen. Eine Durchsicht der Kieler Vorlesungsverzeichnisse zeigt, dass der Hochschullehrer bis zum Sommersemester 1921 tatsächlich nur drei Semester pausierte. Während der übrigen Semester zeigte er hingegen jeweils mindestens eine Vorlesung oder Übung an, darunter am häufigsten statistische, gelegentlich aber auch zeitdiagnostische Veranstaltungen. Einen Wandel markiert allerdings das Sommersemester 1921, in dem Tönnies gleich zwei genuin soziologische Veranstaltungen anbot. In der Kieler Zeitung hieß es dazu: „Dr. Ferdinand Tönnies nimmt mit gegenwärtigem Semester seine Lehrtätigkeit wieder auf und wird lesen: 1. Einleitung in die Soziologie Mittwochs 5–6 Uhr. 2. Uebungen über Probleme der Soziologie Donnerstag 3–5 Uhr (im Institut für Weltwirtschaft).“[20] Dieses soziologische Doppellehrangebot, welches er wohl bereits im Sommersemester offerierte, um seine Verhandlungsposition mit dem Ministerium zu stärken, behielt Tönnies dann bis zum Wintersemester 1925/26 bei.[21] Danach reduzierte sich, womöglich altersbedingt, das Lehrangebot auf nur noch eine Lehrveranstaltung. Hinzu kam eine Verlagerung auf stärker sozialstatistisch ausgerichtete Übungen, ein Wandel, auf den ich unten näher eingehen möchte.

Tönnies’ „Rückkehr an die Universität“ bedeutete für ihn auch eine Rückkehr nach Kiel. Hier hatte Tönnies seine akademische Laufbahn im Jahr 1881 mit einer Habilitation in der Philosophie begonnen. Als Privatdozent hatte er Kiel im Jahr 1894 verlassen und anschließend mit seiner jungen und stetig wachsenden Familie in Hamburg, Altona und schließlich in Eutin gelebt. In dem Ort in der ostholsteinischen Provinz hatte er mehr als zwanzig Jahre verbracht, bevor er 1921 nach Kiel zurückkehrte[22] – eine auch für damalige Verhältnisse eher ungewöhnliche Konstellation für einen national wie international immer bekannteren Wissenschaftler, die aber ganz Tönnies’ Naturell entsprach. Die räumliche Entfernung war ihm wichtig. Sie garantierte ihm buchstäbliche Distanz zur Universität Kiel und zur akademischen Welt, woran Tönnies gelegen war, denn bis zu seiner Berufung im Jahr 1908 hatte ein durchaus gespanntes Verhältnis zur Christian-Albrechts-Universität bestanden. Um Abstand war Tönnies auch noch bemüht, als er im Herbst 1921 ein Haus im Villenviertel Düsternbrook im Niemannsweg 61 bezog.[23] Die Adresse war so gewählt, dass sie in einiger Entfernung von der Universität, aber nahe dem Institut für Weltwirtschaft lag. Tönnies pflegte nämlich zu dem vor dem Ersten Weltkrieg gegründeten Institut, an dem er als Ordinarius die statistische Abteilung geleitet hatte, eine enge Beziehung. Die alte Universität an der Förde suchte Tönnies dagegen nur für Vorlesungen auf. Daran erinnerte sich auch der mit Tönniesʼ ältester Tochter Franziska verheiratete Soziologe Rudolf Heberle, der in einem Interview aus dem Jahr 1980 über seinen Schwiegervater und dessen Verhältnis zum Institut berichtete: „He had no official position [anymore] in the Institute, but he […] used the library of the Institute; he had his seminars in the Institute […]. The ones in which I participated were always held in the Institute. He was always invited to any Institute affairs – lectures and social affairs, to begin with the inauguration ball at which I met my wife“.[24] Tönnies gehörte sozusagen zum Institutsinventar. Diese enge Anbindung war Bernhard Harms zu verdanken: Der Institutsdirektor und Tönnies pflegten ein nicht ganz konfliktfreies, aber von hoher Wertschätzung geprägtes Verhältnis.[25]

Tönnies profitierte ganz klar von den Strukturen des staatlich wie privat großzügig geförderten Instituts.[26] Das fing mit der Bibliothek an, die bereits damals eine der größten deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Büchersammlungen inkorporierte. Anders als heute standen die Wirtschaftswissenschaften seinerzeit in starkem Austausch mit ihren sozialwissenschaftlichen Schwesterdisziplinen. Nicht zufällig firmierte das Fach im offiziellen Sprachgebrauch der Universität Kiel nicht etwa als „Nationalökonomie“ oder – nach der alten Bezeichnung – als „Staatswissenschaften“, sondern als „Sozialökonomik“.[27] Das weite Fachverständnis spiegelt sich auch in den Sammelschwerpunkten der Institutsbibliothek wider, zu denen wie selbstverständlich genuin sozialwissenschaftliche Themen gehörten.[28] In welchem Maße das soziologische Sachwissensgebiet in die Institutsstrukturen eingemeindet war, das zeigt auch die institutseigene Zeitschrift, das Weltwirtschaftliche Archiv. In diesem seit 1913 vierteljährlich erscheinenden Periodikum existierte seit der ersten Nummer ein explizit ausgewiesener Rezensionsteil für soziologische Literatur.[29] Gleichzeitig stand das Journal auch soziologischen Abhandlungen offen – eine Publikationsplattform, die Tönnies intensiv nutzte.[30] Eines ist aber mit Blick auf die Soziologie noch wichtiger: Die am Institut praktizierte Sozialökonomik garantierte der Soziologie ein hohes Maß an Anschlussfähigkeit, ein Umstand, der sich auch in der Lehre niederschlug. Wie selbstverständlich zählte etwa ein Wegweiser für Studierende, den das Institut 1922 veröffentlichte, neben juristischen, geografischen und praktischen Wissensgebieten auch die jungen Disziplinen der „Politik“ und der „Soziologie“ zu den an der Einrichtung gelehrten Fächern.[31]

Die am Institut in den frühen 1920er-Jahren angebotenen soziologischen Lehrinhalte gingen zwar nicht nur, aber doch weitgehend auf Tönnies zurück. Von daher konstituierte sich das Gros der Studierenden, die bei Tönnies hörten, aus Studierenden des Instituts. Als Rudolf Heberle im Jahr 1980 gefragt wurde, warum sein Schwiegervater meist am Institut und nicht an der Universität gelehrt hatte, lautete die erste Antwort des Soziologen: „Because […] most of his students were studying at the Institute.“[32] Dabei profitierte Tönnies von allgemeinen Entwicklungstrends. So verzeichnete nach dem Ersten Weltkrieg gerade die Wirtschaftswissenschaft in Kiel steigende Studentenzahlen: Hatten die Wirtschafts- und die Agrarwissenschaft kurz vor Ausbruch des Krieges knapp vier Prozent aller Kieler Studierenden gestellt, waren es 1919 bereits neun Prozent und im Wintersemester 1921/22, als Tönnies offiziell Soziologie zu lehren begann, sogar mehr als 18 Prozent.[33] Das entsprach in absoluten Zahlen 326 Studierenden, während es vor dem Krieg lediglich 97 gewesen waren.[34] Im Gesamtzeitraum zwischen 1920 bis 1930 pendelte sich die Studierendenfrequenz für diesen Fachbereich auf rund 243 Studierende pro Semester ein.[35]

Wie viele Teilnehmer in diesem Zeitraum durchschnittlich bei Tönnies hörten, lässt sich nicht eindeutig beantworten, es gibt lediglich Indizien.[36] Als er seine Vorlesung im Sommersemester 1921 mit einer Einleitung in die Soziologie eröffnete, herrschte anscheinend reger Andrang.[37] So vermerkte Tönnies in einer Taschenkalender-Notiz, die auf den 4. Mai des Jahres datiert: „5 – 6 U. [Uhr] Vorlesung. Umzug in [das] Audit. [Auditorium] maximum. Gedrängt voll!“.[38] Eine Woche darauf hatte sich an dem Zulauf nichts geändert. Seine Taschenkalender-Eintragung lautet: „5 U. Vorlesung. Noch Audit [Auditorium] max. [maximum] überfüllt.“[39] Mit dem in diesem Semester erstmals von Tönnies angebotenen Seminar Probleme der Soziologie verhielt es sich nicht anders.[40] Auch diese Veranstaltung wurde gut angenommen. „3-5 U [Uhr] Uebung 23 Teilnehmer“, notierte er sich für den 12. Mai 1921 in seinen Taschenkalender.[41] Von 17 der Teilnehmenden fertigte er im Kalendarium auch eine Liste an, die über Namen, Geburtsorte, Studiensemester und Vorkenntnisse informiert.[42] Unter diesen Namen befindet sich auch derjenige von Annemarie Gobbin, die sechs Semester später, im Jahr 1924, bei Tönnies als erste Frau mit einer soziologischen Untersuchung über die christlichen Gewerkschaften promovierte.[43] Freilich waren die Vorlesungen und Übungen von Tönnies nicht jedes Semester derart hoch frequentiert. In den Aufzeichnungen aus den Taschenkalendern finden sich auch Hinweise auf dürftig besuchte Veranstaltungen. „3-5 U [Uhr]. Uebungen. Nur 6 außer Carola“, das heißt sieben Studierende einschließlich der eigenen Tochter, so lautete beispielsweise der nüchterne Befund in der zweiten Seminarsitzung des Wintersemesters 1924/25.[44] Genauso konnte es auch passieren, dass eine Vorlesung wie die Elemente der Soziologie ohne Resonanz blieb.[45] „3 Zuhörer!“, notierte sich Tönnies diesbezüglich am 13. Mai 1925 in sein Kalendarium.[46] Eine Woche später, am 20. Mai, reagierte er auf die niedrigen Hörerzahlen mit dem Abbruch der betreffenden Lehrveranstaltungen: „Vorlesung u. [und] d. [das] Sem. [Seminar] nicht fortgesetzt.“[47] Als Hochschullehrer erzielte Tönnies somit unterschiedliche Wirkungen. Im Regelfall notierte er allerdings weder rückläufige noch zunehmende Studierendenfrequenzen, was auf normal besuchte Vorlesungen und Seminare schließen lässt.

Aber was unterrichtete Tönnies in seinen Veranstaltungen? Aus den Vorlesungstiteln lässt sich ermitteln, dass deren Inhalte von Semester zu Semester wechselten. Einige der Titel stehen in Verbindung mit größeren Monografien, an denen der Soziologe etwa zur selben Zeit arbeitete. Als Tönnies beispielsweise im Sommersemester 1930 über Theoretische Soziologie las, schrieb er parallel an einer Einführung in die Soziologie, die ein Jahr später erschien und eine Einleitung in seine theoretische Soziologie darstellte.[48] Genauso koinzidierte eine Vorlesung zur Rechtsphilosophie im Wintersemester 1925/26 mit der zur selben Zeit veröffentlichten Monografie Das Eigentum.[49] Dasselbe Muster lässt sich auch hinsichtlich der im Jahr 1922 veröffentlichen Schrift Die Kritik der öffentlichen Meinung erkennen.[50] Diese Publikation wurde in der Lehre gleich dreimal wieder aufgegriffen, so im Wintersemester 1921/22 mit einer Vorlesung Über die öffentliche Meinung und im Semester darauf, als Tönnies über die Literaturgeschichte der Öffentlichen Meinung las.[51] Das letzte Mal widmete er sich dem Thema im Sommersemester 1924, als er eine Vorlesung über Die öffentliche Meinung in der neuen Literatur anzeigte.[52] Das Seminar Probleme der Soziologie, das Tönnies erstmals im Sommersemester 1921 durchführte und unter dieser Bezeichnung bis zum Sommersemester 1925 anbot, war dagegen ein Lektüre- und Schreibkurs.[53] Darauf deuten weitere Notizen des Kalendariums. So eröffnete Tönnies dieses Seminar anscheinend mit Ernst „Troeltsch[s] Soziallehre und Vortrag auf [dem] I. Soziologentag“, wie einem Vermerk zu entnehmen ist, den er zwei Tage vor Übungsstart, am 3. Mai 1921, mit dem Zusatz „Seminarbeginn“ versah.[54] Von einer Erörterung seiner eigenen Theorien im Rahmen der Kurse nahm Tönnies offenbar Abstand. Heberle, der im Herbst 1921 erstmals an einem Seminar teilnahm, wunderte sich eben darüber. Statt mehr über Tönniesʼ soziologische Theorie zu erfahren, was Heberle zur Teilnahme an der Übung bewogen hatte, wurde „Max Webers soeben erschienenes Werk Wirtschaft und Gesellschaft“ durchgearbeitet.[55] Im Übrigen stellte Tönnies an die Seminarteilnehmer relativ hohe Anforderungen. Zu jeder Sitzung musste, wie sich Heberle erinnerte, aufgetragene soziologische Literatur vor allen präsentiert werden. Angesichts der Seminargröße erforderte das von allen zwangsläufig ein hohes Lektürepensum und damit einen Mehraufwand an Zeit und Mühe.[56] Zusätzlich dazu forderte Tönnies von den Teilnehmenden, im Semesterverlauf diverse Aufsätze zu bestimmten Themen zu schreiben. „Stände u. Klassen“ – so lautete ein Aufsatzthema, das er im Sommersemester 1921 vergab.[57]

In dieser Lehrroutine setzte etwa ab Mitte der 1920er-Jahre eine thematische Terrainverschiebung ein. Bei einem sich insgesamt reduzierendem Lehrpensum begann Tönnies nun häufiger empirische statt theoretische Soziologie zu unterrichten. Die erste entsprechende Veranstaltung fand im Wintersemester 1925/26 statt, als der Soziologe Übungen über Bevölkerungs- und Moralstatistik anzeigte.[58] Der mittlerweile aus der Mode gekommene Begriff der „Moralstatistik“ verweist auf das Studium und die Beobachtung von Regelmäßigkeiten in den moralischen Vorstellungen und Praktiken der Bevölkerung eines Staates oder Landesteiles. Das konnte auf kriminalstatistische Tatsachenzusammenhänge abheben, weiter gefasst aber auch auf soziale Beziehungen wie Partnerschaften oder Eheschließungen.[59] Für diesen Terminus, der als statistique morale ursprünglich im frühen 19. Jahrhundert durch den französischen Statistiker und Juristen André-Michel Guerry geprägt worden war, sollte sich im Verlauf der 1920er-Jahre zunehmend der neutralere Begriff der „Sozialstatistik“ etablieren.[60] Ein weiterer Austauschbegriff, der damals einen Aufschwung erlebte, war derjenige der „Soziographie“, der auf den Amsterdamer Ethnologen und Soziologen Sebald Rudolph Steinmetz zurückging. Vermittelt durch Tönnies und andere wurde der Begriff auch in den deutschsprachigen Sozialwissenschaften vermehrt gebräuchlich.[61] Ab dem Wintersemester 1931/32 nannte Tönnies seine diesbezüglichen Übungen bezeichnenderweise Soziographische (sozialstatistische) Uebungen.[62] Auch die letzte von ihm für das Sommersemester 1933 angezeigte Lehrveranstaltung lautete: Uebungen zur Soziographie (Sozialstatistik).[63] Weitere diesbezügliche Veranstaltungen konnte der Soziologe nicht mehr halten. Am 26. September 1933 wurde Tönnies von den Nationalsozialisten aus dem Hochschuldienst entfernt.[64]

In didaktischer Hinsicht knüpfte Tönnies mit seiner soziographischen Lehre an die Zeit seiner Statistikprofessur an, als er entsprechende Inhalte als Leiter der Statistikabteilung des Instituts für Weltwirtschaft zu unterrichten hatte.[65] Was Tönnies’ eigene wissenschaftliche Arbeiten betrifft, bestand darüber hinaus eine direkte Verbindung zu seinen frühen Forschungen im Bereich delinquenten Verhaltens, die er zu Beginn der 1890er-Jahre in norddeutschen Haftanstalten angefangen hatte. Tönnies präsentierte mit der Soziographie aber keineswegs bloß alten Wein in neuen Schläuchen. Es ging ihm um mehr: Mit der Kategorie der „Soziographie“ intendierte er vielmehr eine grundsätzliche Neuaufstellung von Begriff und Programm der Soziologie. Das Ziel war eine anwendungsbezogene Gesellschaftsanalyse.

2. Planung und Steuerung: Die Soziologie als anwendungsbezogene Gesellschaftsanalyse

Wie bereits erwähnt, attestierte Tönnies der Soziologie im Jahr 1924, mit ihrem Gegenstandsbereich über eine „gesicherte Problematik“ zu verfügen. Die akademischen Grabenkämpfe der frühen Nachkriegszeit, als die Soziologie im Hochschulsystem als eine, wenn nicht sogar die umstrittene Wissenschaft galt, reklamierte er für gewonnen. Die Aussage koinzidiert zeitlich mit Tönniesʼ Aufnahme als prüfungsberechtigtes Mitglied des Volkswirtschaftlichen Prüfungsamtes der Universität Kiel. Die Soziologie hatte im Wintersemester 1923/24 an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät den Status als Examensfach erhalten.[66] Dessen ungeachtet war aber die Soziologie im Jahr 1924 an der Universität Kiel noch längst kein gänzlich gleichberechtigtes Fach. Das zeigt ein Blick auf die Philosophische Fakultät der Universität: Seit dem Wintersemester 1929/30 war hier die Soziologie als Fach im Vorlesungsverzeichnis ausgewiesen, wo sie durch den Privatdozenten Rudolf Heberle vertreten wurde.[67] Eine Promotionsberechtigung war damit aber nicht verbunden. Noch im Jahr 1931, als eine neue Promotionsordnung für die Philosophische Fakultät erlassen wurde, war die Soziologie weder als Haupt- noch als Nebenfach zugelassen.[68]

Auch in anderer Hinsicht war Tönniesʼ Rede von der „gesicherte[n] Problematik“ der Soziologie unzutreffend. Klagen wie die von Eduard Spranger, der im Jahr 1925 bemerkte, dass die Soziologie „noch immer jener Rattenkönig verschiedener Fragestellungen, Methoden und Gegenstände“ sei, stellten das Existenzrecht der Disziplin auch über das Stichjahr 1924 hinaus infrage.[69] Der Berliner Pädagoge unterstellte der Soziologie, keinen innovativen Kern zu besitzen, sondern lediglich Wissen aus anderen Fachgebieten zu okkupieren. Im zweiten Band seiner Soziologischen Studien und Kritiken konterte Tönnies im Jahr 1926 Sprangers Vorwurf, die Soziologie sei ein zu einem Wirrwarr verfilztes Ungetüm. Es existiere zwar, so räumte Tönnies ein, fachintern „Uneinigkeit“ über die „verschiedensten Fragestellungen“.[70] Dieser Befund gereiche der Soziologie aber nicht zum Nachteil, vielmehr sei dies „ein Zeichen ihres Lebens“, wie Tönnies attestierte.[71] Diese selbstsichere Behauptung war allerdings in erster Linie eine strategische Abwehrgeste: Außerhalb der engeren Fachkollegenschaft zeigte sich nämlich auch Tönnies wiederholt unzufrieden mit dem Zustand der Soziologie. Vor allem Teile der soziologischen Theoriebildung schienen ihm auf Holz- und Abwegen befindlich. In einem Brief an den befreundeten Adolf Grimme, seit 1930 amtierender preußischer Kultusminister, attestierte Tönnies diesem Teilbereich im März 1931 unumwunden eine „zu mannigfaltige Vielfalt und zu geringe Harmonie“.[72] Und das war noch diplomatisch formuliert: Gegenüber Otto Siebeck, dem Tübinger Verleger, schlug er noch drastischere Töne an: „Um das Ansehen der Soziologie zu heben“, schrieb Tönnies im Juni 1929 an den Geschäftsmann, „halte ich für dringend notwendig[,] die Wogen der Theoreme und Spekulationen zu hemmen“.[73] Als Abhilfe gegen diese diagnostizierte Fehlentwicklung des Faches schien ihm stattdessen die vermehrte Durchführung und Publikation von „streng empirischen Studien über die Wirklichkeit des sozialen Lebens“ geboten, wofür er Siebeck zu gewinnen suchte.[74] Die Einzelbelege, die mit den bereits skizzierten Verschiebungen seines Lehrangebots koinzidierten, deuten darauf hin, dass Tönnies gegen Ende der 1920er-Jahre nichts weniger als einen Kurswechsel der soziologischen Gesellschaftsanalyse zu induzieren versuchte. Das erklärte Ziel war eine konsequent anwendungsorientierte Sozialforschung, die der Soziologie in der Gesellschaft und bei den staatlichen Behörden mehr Kredit verschaffen und sie akademisch konsolidieren sollte. Diese epistemischen Hoffnungen konkretisierten sich für Tönnies in dem Schlagwort der „Soziographie“. Die Soziographie, das heißt die empirische Sozialforschung, wollte er breit ausgebaut sehen. Fast inflationär, in Briefen wie in Abhandlungen, schmückte er sein Credo für eine stärker empirisch ausgerichtete Soziologie mit einem Zitat des Mathematikers Pierre-Simon Laplace, das schon dem belgischen Statistiker Adolphe Quetelet als Motto seiner Abhandlungen gedient hatte: „Appliquons aux sciences politiques et morales la méthode fondée sur lʼobservation et sur le calcul, méthode qui nous a sie bien servi dans les sciences naturelles.“[75]

Aber es blieb nicht nur bei Absichtserklärungen. Mit welcher Eindringlichkeit Tönnies die Erschließung des Empirisch-Konkreten zu einer Prinzipienfrage der Soziologie erklärte, lassen viele Vorhaben erkennen, die der Wissenschaftler damals vorantrieb. Die durch ihn vorgenommene Lehrangebotsverschiebung an der Universität Kiel reihte sich ein in eine breite Front von Maßnahmen, die alle auf einen Ausbau der Soziographie zielten. Eine der Einflussmöglichkeiten, die dem Fachgelehrten dafür zur Verfügung standen, war die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, der Tönnies seit dem Jahr 1922 als Präsident vorstand. In dieser Funktion war er beispielsweise daran beteiligt, dass im Zuge der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre in der DGS gesonderte Gliederungen entstanden. In diesen konnten sich interessierte Mitglieder mit soziologischen Teilbereichen beschäftigen. Auf diese Weise entstanden sogenannte Untergruppen (Vorstufen der heutigen Sektionen), darunter unter anderem solche zur Wissenssoziologie, zur Politischen Soziologie und im Jahr 1930, auf Initiative von Tönnies, eben auch eine Untergruppe zur Soziographie. Auf dem Siebten Soziologentag in Berlin 1930 offiziell konstituiert, war die erste offizielle Sitzung der Untergruppe für den Achten Soziologentag in Kiel im Jahr 1933 geplant gewesen, der nach dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft jedoch nicht mehr abgehalten wurde.[76]

Neue Zentren für empirische, angewandte Forschungen erstrebte Tönnies zudem über geeignete Lehrstuhlbesetzungen ins Leben zu rufen. Das lässt exemplarisch ein im Jahr 1929 vom preußischen Kultusministerium bei der DGS erbetenes Gutachten erkennen, in dem Tönnies als Präsident der DGS Stellung zur Nachwuchsfrage in der Soziologie bezog. Den konkreten Anlass dafür bildete eine im April desselben Jahres vom preußischen Landtag verabschiedete Resolution, in der die Regierung zur Errichtung neuer soziologischer Lehrstühle aufgefordert wurde. Für Tönnies war dies eine willkommene Gelegenheit, um sowohl für den Ausbau der Soziographie zu werben als auch auf geeignete Kandidaten hinzuweisen. Von daher firmiert die „Sociographie“ im Gutachten an zentraler Stelle und wird dem Ministerium als „ein notwendiges Element in der gesamten Gestaltung der Sociologie“ unterbreitet.[77] Die Liste der im Folgenden von Tönnies vorgeschlagenen Kandidaten versteht sich als Ergänzung dazu, denn es waren gerade auch sozialstatistisch versierte jüngere Kollegen, die Tönnies auf neue Lehrstühle berufen sehen wollte.[78]

An weiteren markanten Beispielen für Tönniesʼ Bestrebungen, eine sozialempirische Trendwende in der Soziologie einzuleiten, herrscht kein Mangel. Das Werkverzeichnis des Fachgelehrten weist zwischen 1928 bis 1933 gleich Dutzende von Monografien, Abhandlungen, Rezensionen und Diskussionsbeiträgen auf, in denen er eine weitere Professionalisierung der Soziologie an den Auf- und Ausbau der Soziographie koppelte. Entsprechend formulierte Tönnies beispielsweise auf der Neunten Versammlung der Deutschen Statistischen Gesellschaft, die am 6. September 1928 in Hamburg tagte, dass ihm daran gelegen sei, „die Soziographie als die ebenbürtige Schwester der Soziologie vorzustellen“.[79] Das Projekt Soziographie war darüber hinaus ebenfalls Anlass einer geplanten zweiten Reihe der Schriften der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Als deren erste Serie fungierten die von Mohr-Siebeck herausgegebenen Verhandlungen der Soziologentage.[80] Im Jahr 1929 versuchte Tönnies den Tübinger Verlag dafür zu gewinnen, eine zweite Reihe zu eröffnen, welche nach seinem Vorschlag vornehmlich für soziographische Texte reserviert sein sollte.[81] Gerade von solchen Publikationen versprach sich der Fachgelehrte einen soliden Absatz. Dieser Einschätzung wollte sich aber der Verlagseigentümer Otto Siebeck nicht ohne Weiteres anschließen. Zwar bekundete er sein generelles Interesse, „eine Reihe von Schriften zur Soziographie […] als zweite Serie“ in seinem Verlagshaus erscheinen zu lassen, verwies aber zugleich auf Sicherheiten, die er dann benötige, um sein verlegerisches „Risiko“ abzumildern.[82] Auch im Zuge der sodann ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise versandete das Projekt anscheinend alsbald.[83] Ähnlich ergebnislos verliefen von Tönnies angestoßene Planungen zum Aufbau eines „Instituts für soziographische Forschung“.[84] Für eine solche Einrichtung versuchte Tönnies offenbar diverse Geldgeber zu gewinnen, darunter auch das preußische Kultusministerium, wie einem überliefertem Schriftverkehr mit Adolf Grimme zu entnehmen ist.[85]

Die Einrichtung eines solchen Instituts erklärte Tönnies zeitlich parallel für „ein notwendiges Gebot“ der Stunde.[86] Gerade auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften war aus seiner Sicht ein äußerstes Maß an Pioniergeist gefordert. Tönnies zeigte sich überzeugt davon, dass Wert und Wichtigkeit entsprechender Studien weiter anwachsen würden, wie er in einem 1930 publizierten Aufsatz proklamierte. Dieser Beitrag unterrichtete über die jeweilige Genealogie und Stellung der in der Weimarer Republik existierenden wissenschaftlichen Institute und deren Verhältnis zu Universitäten, Staat, Privatinteressen und der bestehenden amtlichen Statistik. Ein Soziographisches Institut sah Tönnies dabei in Analogie zu den „Sternwarten“ oder einer einzelnen „Seewarte“, denn die Ursachenforschung „sozialpathologischer Ereignisse und Zustände“ sei nichts weniger als ein Anliegen des Allgemeininteresses.[87] Bezeichnenderweise pflegte Tönnies dieses intendierte bevölkerungspolitische Monitoring auch sein „soziographisch-moralisches Observatorium“ zu nennen.[88] Dem Soziologen schwebte dabei vor, ein engmaschiges Netz von mehreren Instituten zu errichten, die zunächst als statistische Datensammelstellen operieren sollten. Ihre Daten sollten diese Einrichtungen dabei von entsprechend geschulten „Vertrauensmännern und -frauen“ gewinnen, die wiederum „über ein Gebiet von 2000 bis 3000 Einwohnern vierteljährliche Berichte verfassen“ sollten.[89] Aufgrund dieses so im Feld gewonnenen Informationsmaterials könne dann in einem zweiten Schritt die eigentliche Forschungsarbeit erfolgen, deren Ziel es sein solle, die Ursachen und Zusammenhänge spezifischer sozialer Missstände aufzudecken. Das jeweilige Soziographische Institut hatte dabei nach Tönniesʼ Vorstellungen staats- oder kommunalpolitisch völlig autonom zu handeln, da nur so die wissenschaftliche Unabhängigkeit dieser Einrichtungen garantiert werden könne.[90] Nimmt man die Umrisse und Zielsetzungen zu diesem ambitionierten Vorhaben und fügt sie in das Ensemble der anderen Bemühungen ein, die Tönnies unternahm, um die Soziographie zu befördern, so erhärtet sich aus biografischer Perspektive folgender Eindruck: Der Gesellschaftsanalytiker Tönnies war im Vorfeld des nie abgehaltenen Soziologentages in Kiel bestrebt gewesen, die soziologische Landschaft in Deutschland grundlegend neu zu gestalten.

Mit der Umformung und Erweiterung der Soziologie in Gestalt der Soziographie strebte Tönnies aber nicht nur wissenschaftsimmanente Ziele an. Dem Fachgelehrten ging es nicht nur darum, die Soziologie durch quantitative Verfahren zu erweitern, die der Sammlung empirischer Daten dienen sollten. Die Soziographie hatte die Soziologie vielmehr, so eine weitere Grundintention Tönniesʼ, in die Richtung des Praktischen zu rücken. Die soziographische Soziologie war insofern zugleich auch praktische Gesellschaftslehre. Ihr Wissen und ihre Erkenntnisse sollten handlungsleitend sein. Aber für wen? Nach Tönnies lautete die Antwort: Für die politischen Entscheidungs- und Ausführungsinstanzen, genauso aber auch für zivilgesellschaftliche Akteure. Diese Anwendungsorientierung ist beispielsweise den Rundbriefen zu entnehmen, die Tönnies in Zusammenhang mit der Etablierung der Untergruppe für Soziographie kursieren ließ. In ihnen formulierte er, dass die Untergruppe nicht nur „in wissenschaftlicher Hinsicht“ einen Gewinn bedeuten würde.[91] Jenseits wissenschaftlicher Kreise rechnete er auch mit einem „Interesse der Sozialreformer und Sozialpolitiker (im weitesten Sinne)“.[92] Um deren Aufmerksamkeit zu gewinnen, sollten allerdings bevorzugt Probleme „von eminent praktischer Bedeutung“ zum Beobachtungs- und Untersuchungsgegenstand der Untergruppe werden.[93] Als konkrete Beispiele nannte Tönnies unter anderem die Stadtforschung, die soziale Mitgliedschaft politischer Parteien oder Fragen sozialer Mobilität.

Im Grunde knüpfte Tönnies hiermit an bereits längst gehegte Vorstellungen über soziologisch geschulte Staatsbeamte an. Bereits zuvor, im Jahr 1920, hatte er diese intendierte Anwendungsebene auf einer Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik deutlich formuliert. Gegenstand der Verhandlungen, die seinerzeit im Institut für Weltwirtschaft stattfanden und im Übrigen teils von Tönnies präsidiert wurden, war die Reform des staatswissenschaftlichen Unterrichts. Vor diesem Hintergrund hatte es der Soziologe schon seinerzeit zur grundlegenden „Aufgabe der Staatswissenschaft“ erklärt, die jeweiligen „Staatsmänner“ – von Staatsfrauen war noch keine Rede – „zu bilden, sei es für den Staatsdienst, sei es für den Gemeindedienst“.[94] Zu beachten ist allerdings, dass Tönnies von einem erweiterten Begriff der „Staatswissenschaft“ ausging, denn als „selbstverständliches Element der gesamten Staatswissenschaft“ galt ihm zugleich die „soziologische Wissenschaft“.[95] Das war nichts anderes als eine Herausforderung des in Deutschland bestehenden Juristenmonopols. Der Staatsbedienstete der Zukunft hatte seiner Ansicht nicht mehr nur juristisch, sondern weitaus mehr soziologisch geschult zu sein. Die Soziographie sollte zu einem Grundbaustein werden, um diesem Ziel näher zu kommen. Gewiss: Die empirische Soziologie war für Tönnies zuerst ein Lehr- und Forschungsfach. Gerade aber durch ihr anwendungsfähiges Wissen, das nach seinem Verständnis eine gesellschaftspolitische Dimension eröffnete, war sie allerdings auch noch etwas anderes: Ein Reformfach mit gesellschaftskritischer Funktion.

Einordnung und Schluss

Tönniesʼ Begriff und Programm einer soziographisch bereicherten Soziologie weisen weiter gefasst auf die Geschichte des Zusammenspiels von Wissenschaft und Politik hin. So unterschiedlich die Beweggründe und die Zielsetzungen auf wissenschaftlicher und politischer Seite auch sein mochten, beide gesellschaftlichen Funktionsbereiche wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts wechselseitig von immer zentralerer Bedeutung für den Aufbau und Ausbau nationaler wie internationaler Ordnungsregime. Die Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik war dabei freilich oft konfliktreich. Wie eine große Anzahl europäischer Intellektueller des frühen 20. Jahrhunderts glaubte auch Tönnies an die Möglichkeit einer Steuerung und Planung der Gesellschaft durch die akademische Elite der Wissenschaft. Der Mechanismus, mit dem dieses Programm vorangetrieben werden sollte, verweist bei Tönnies auf eine wissenschaftlich angeleitete Politik. Aufs Engste damit verbunden waren der Glaube an wissenschaftliche Dignität und an die eigene Bedeutung als Forscher. Deutlich wird das nicht zuletzt an Äußerungen im engsten Kreis der Familie. Ein Beispiel: Als dem Soziologen der älteste, in die USA ausgewanderte Sohn Gerrit im August 1929 mitteilte, dass er sein Fach, die Chemie, zugunsten einer Anstellung in einem Krebsforschungsinstitut in Philadelphia aufgeben werde, reagierte der Vater kühl.[96] Die Krebsforschung – damals noch kaum etabliert – erschien Tönnies für seinen Sohn ungeeignet; lieber hätte er ihn anderweitig im Dienst der Wissenschaft gesehen. So „bedauere ich manchmal“, ließ er den Ältesten wissen, „daß ich Dir nicht energisch abgeraten und nicht Dir suggeriert habe, daß meine Forschung die einzig wahre und wichtige ist – die Krebsbekämpfung in Ehren!“[97] Noch stärker hätte Tönnies die wissenschaftliche Bedeutung der Soziologie und damit des eigenen Namens kaum auf die Spitze treiben können. Pointiert könnte man also formulieren: Begriff und Programm der Tönniesʼschen Soziologie waren nicht frei von Hybris. In diesem Punkt unterschied sich der Kieler Soziologe nicht von so manchen seiner Fachkollegen.

  1. Der folgende Aufsatz basiert auf einem Vortrag, den ich am 1.12.2021 im Rahmen einer Kooperationsveranstaltung des Instituts für Sozialwissenschaften der Universität Kiel und der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft gehalten habe. Im Zusammenhang mit Organisation und Ablauf der Veranstaltung, die anlässlich der vor hundert Jahren erfolgten Erteilung eines Lehrauftrags für Soziologie an Tönnies im Jahr 1921 erfolgte, sei hiermit Wilhelm Knelangen, Sebastian Klauke und Dieter Haselbach herzlich gedankt.
  2. In der zweiten Auflage seiner Entwicklung der sozialen Frage proklamierte Tönnies etwa eine „Tendenz zum Sozialismus“, die „unbefangene Geister“ zu unterstützen, statt zu verhindern suchten – eine kaum kaschierte Selbstreferenz auf sich als kapitalismuskritischen Sozialreformer. Siehe ders., Entwicklung der sozialen Frage, Berlin 1913, S. 155. Durch den Ersten Weltkrieg und dessen revolutionäre Folgen sah Tönnies die von ihm konstatierte Tendenz allerdings unterbrochen. Auf dem Internationalen Soziologischen Kongress in Wien im Oktober 1922 schlug er vor, die Staatsumwälzungen der Zeit – terminologisch sprach er von „proletarischen Revolutionen“ – als „paradoxe Phase im Gesamtprozess der politischen Revolution der Neuzeit“ zu begreifen. Ferdinand Tönnies, Thesen zur Theorie der Revolution, in: Il Congresso Sociologico Internazionale. Vienna 1–8 ottobre 1922, Moderna 1923, S. 34–39, hier S. 36 f. Zu diesem bei Tönnies festzustellenden zeitdiagnostischen Wandel ausführlicher Alexander Wierzock, Die Ambivalenzen eines Republikaners. Ferdinand Tönnies und die Weimarer Republik, in: Andreas Brauen / Michael Dreyer (Hg.), Republikanischer Alltag. Die Weimarer Demokratie und die Suche nach Normalität, Stuttgart 2017, S. 69–86, hier S. 74–76.
  3. Die Idee einer Wiederbelebung des Neulateinischen entwickelte Tönnies um 1900 am ausführlichsten im Kontext von Erörterungen, die auf eine terminologische Vereinheitlichung der wissenschaftlichen Sprache zielten. Siehe ders., Philosophische Terminologie in psychologisch-soziologischer Ansicht, in: ders., Gesamtausgabe, Bd. 7: 1905–1906, hrsg. v. Arno Bammé u. Rolf Fechner, Berlin u. New York 2009, S. 119–250, hier S. 247. Dieser Gedanke war sicherlich eurozentrisch, aber dennoch nicht ganz aus der Luft gegriffen, wenn man bedenkt, dass eine andere tote Sprache, das Hebräische, im 20. Jahrhundert wirksam wiederbelebt wurde. Im Übrigen hatten nur wenige der zeitgenössischen Rezensenten von Tönnies gegen die Idee einer Wiederbelebung des Neulateinischen etwas einzuwenden. Der mit Tönnies befreundete Paul Barth – wie jener ein früher, eifriger Wegbereiter der Soziologie – pflichtete etwa bei: „Dass das Latein als internationale Gelehrtensprache, wie einst bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, so auch in Zukunft zweckmässig sein werde, ist gewiss richtig; dass es als solche eingeführt werde, sehr zu wünschen.“ Ders., Rez. zu Ferdinand Tönnies, Philosophische Terminologie in psychologisch-soziologischer Ansicht, Leipzig 1906, in: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie 31 (1907), S. 370 f., hier S. 371.
  4. Ferdinand Tönnies, Soziologische Literatur, in: ders., Gesamtausgabe, Bd. 7, S. 328–341, hier S. 339.
  5. Ebd., S. 340.
  6. Ferdinand Tönnies an Franz Oppenheimer, o. D. [1919?], Zionistisches Zentralarchiv Jerusalem, Nachlass Franz Oppenheimer, CZA, Abt. A 161, Nr. 73. Aus einem überlieferten Brief Oppenheimers an Tönnies vom 21.1.1919, in dem sich jener durch die Zusendung der ersten drei Bände seines Systems der Soziologie für „Glückwünsche“ bedankte, ist anzunehmen, dass Tönniesʼ Visitenkarte zuvor an Oppenheimer gesendet wurde. Siehe Franz Oppenheimer an Ferdinand Tönnies, 21.1.1919, zit. nach: Klaus Lichtblau, Die Frankfurter Briefe von Franz Oppenheimer an Ferdinand Tönnies, in: Zyklos 1. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, hrsg. von Martin Endreß, Klaus Lichtblau und Stephan Moebius, Wiesbaden 2015, S. 399–409, hier S. 400. Für die Datierung der Visitenkarte auf die Zeit vor dem 21.1.1919 spricht auch ein Eintrag von Tönnies in einen Taschenkalender des Jahres 1919, in den er sich am 23.1.1919 notierte: „Bf. [Brief] v. [von] F. [Franz] Oppenheimer als Antw. [Antwort] f. [für] Glückwunsch.“ Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek (SHLB), Nachlass Ferdinand Tönnies (TN), Cb 54.11:17.
  7. In der Literatur zu Oppenheimer wird die Reihenfolge zuweilen umgekehrt. Siehe etwa Klaus Lichtblau, Einleitung, in: Franz Oppenheimer, Schriften zur Soziologie, hrsg. v. Klaus Lichtblau, Wiesbaden 2015, S. 7–24, hier S. 11. Bekanntlich hatte sich Oppenheimer selbst ausbedungen, dass die Denomination seines Lehrstuhls nicht lediglich die erst noch im Werden befindliche Disziplin der Soziologie umfasste. Dem entsprachen auch Oppenheimers in der Folge angebotene Lehrveranstaltungen an der Universität Frankfurt am Main, deren Titel einen nationalökonomischen Fokus aufweisen. Zumindest in Oppenheimers Lehre bildete die „Soziologie“ somit eher „einen Appendix zu einer etablierten Disziplin“. Siehe zu dieser Einschätzung Roberto Sala, Theorie versus Praxis? Soziologie in Deutschland und den Vereinigten Staaten im frühen 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main u. New York 2019, S. 265.
  8. Zu dem Leipziger soziologischen Milieu siehe ausführlich Elfriede Üner, Soziologie als „geistige Bewegung“. Hans Freyers System der Soziologie und die „Leipziger Schule“, Weinheim 1992, S. 11.
  9. Für eine Übersicht der deutschsprachigen Hochschulen, an denen die Soziologie in dieser frühen Phase ihrer Institutionalisierung mit einer Professur vertreten war, siehe Dirk Käsler, Die frühe deutsche Soziologie 1909 bis 1934 und ihre Entstehungs-Milieus. Eine wissenschaftssoziologische Untersuchung, Opladen 1984, S. 626–628. Zu beachten ist allerdings, dass diese Übersicht Käslers nach heutigem Wissensstand quellenkritisch zu optimieren wäre.
  10. Im Verlauf des Jahres 1930 erfolgte schließlich Meusels Ernennung zum Ordinarius für Volkwirtschaftslehre und Soziologie. Siehe ausführlicher hierzu Alexander Wierzock, Tragisches Bewusstsein und sozialer Pessimismus als wissenschaftliche Erkenntnisvoraussetzung: Alfred Meusel und Ferdinand Tönnies, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 62 (2014), 11, S. 901–920, hier S. 907 u. S. 910 sowie Mario Kessler, Alfred Meusel. Soziologe und Historiker zwischen Bürgertum und Marxismus (1896–1960), Berlin 2016, S. 31.
  11. Zu Gerlach und der Institutsgründung siehe Ulrike Migdal, Die Frühgeschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Frankfurt am Main 1981, S. 35–40. Weitergehende Informationen zur Beziehung zwischen Gerlach und Tönnies sowie zur Gründung des Instituts für Sozialforschung bietet Detlef Siegfried, Das radikale Milieu. Kieler Novemberrevolution, Sozialwissenschaft und Linksradikalismus 1917–1922, Wiesbaden 2004, S. 77–101.
  12. Zum Kölner Entstehungsmilieu der Soziologie, das sich in der Weimarer Republik vor allem um Leopold von Wiese gruppierte, siehe Stephanie Knebelspieß / Stephan Moebius, Programm, personelle und organisatorische Entwicklung des Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften 1918/1919 bis zum heutigen Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS), in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 71 (2019), S. 515–552, hier S. 518–524.
  13. Zur frühen Geschichte der von Tönnies in Zusammenarbeit mit Werner Sombart und anderen wiederbegründeten DGS siehe Uwe Dörk, Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) in der Zwischenkriegszeit (1918–1933). Akademische Etablierung unter dem Zeichen elitär-demokratischer Kreisbildung, in: Stephan Moebius / Andrea Ploder (Hg.), Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie, Bd. 1: Geschichte der Soziologie im deutschsprachigen Raum, Wiesbaden 2018, S. S. 829–848.
  14. Zu den Praxisfeldern soziologischer Planung und Beratung vgl. etwa Birgit Blättel-Mink / Ingrid Katz (Hg.), Soziologie als Beruf? Soziologische Beratung zwischen Wissenschaft und Praxis, Wiesbaden 2004.
  15. Die Formulierung ist einem Schreiben des preußischen Kultusministeriums an Tönnies entnommen. Erich Wende an Ferdinand Tönnies, 23.4.1920, SHLB, TN, Cb 54.57:12.11.
  16. Zeitungen wie das Berliner Tageblatt berichteten damals, Tönnies hätte sich von seinen Pflichten entbinden lassen und Richard Passow wäre als Nachfolger auf seinen Lehrstuhl berufen worden. Siehe Professor Ferdinand Tönnies, in: Berliner Tageblatt, 14.9.1916.
  17. Die Formulierung ist einem Schreiben des preußischen Kultusministeriums an Tönnies entnommen. Erich Wende an Ferdinand Tönnies, 23.4.1920, SHLB, TN, Cb 54.57:12.11.
  18. Zu diesen Regelungen siehe Erich Wende an Ferdinand Tönnies, 26.11.1920, SHLB, TN, Cb 54.57:12.12.
  19. Hochschulnachrichten, in: Kieler Zeitung, 4.8.1921. Dieser Lehrauftrag stiftet bis heute, das sollte hier bemerkt werden, einige Verwirrung. So wird in der Literatur häufig kolportiert, Tönnies sei ab 1921 Professor für Soziologie geworden. Gelegentlich wird sogar sein 1908 erhaltenes Ordinariat für Staatswissenschaften und Statistik unter der Hand in ein soziologisches umgewidmet. Siehe zu dieser Fehleinordnung etwa Harald Seubert, Tönnies, Ferdinand, in: Marcus Knaup / Harald Seubert (Hg.), Edith Stein-Lexikon, Freiburg i. Breisgau 2017, S. 367 f., hier S. 367.
  20. Kiel, 4. April, in: Kieler Zeitung, 4.4.1921.
  21. Zu diesen Angaben siehe die Liste „Sämtliche Veranstaltungen (Abschrift)“ bei Nicole Holzhauser / Alexander Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie: Ferdinand Tönniesʼ Lehrveranstaltungen an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, in: Zyklos 5. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, hrsg. von Martin Endreß u. Stephan Moebius, Wiesbaden 2019, S. 209–245, hier S. 231–241, insb. S. 238–241.
  22. Vgl. Ferdinand Tönnies, Ferdinand Tönnies, in: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, hrsg. von Raymund Schmidt, Leipzig 1924, S. 202–242, hier S. 216–225.
  23. Entsprechend findet sich diese Wohnadresse erstmals im Vorlesungsverzeichnis 1921/22 angeführt. Siehe Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie, S. 223.
  24. David Lindenfeld, Transcript of conversation with Rudolf and Franziska Heberle, December 13, 1980. Für die Nutzung des Interview-Manuskripts danke ich hiermit David Lindenfeld (Baton Rouge).
  25. Hinzu kam, dass Tönnies auch eine Klientel am Institut besaß. Darunter ehemalige Schüler wie Paul Hermberg, der in den frühen 1920er-Jahren die Statistische Abteilung des Instituts leitete, im Jahr 1921 bei Harms habilitierte und im Jahr 1922 als Leiter an die Staatliche Fachschule für Wirtschaft und Verwaltung in Berlin wechselte. Siehe zu Hermberg detaillierter Gunnar Take, Forschen für den Wirtschaftskrieg. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft im Nationalsozialismus, Berlin u. Boston, MA 2019, S. 37–40 und Alexander Wierzock / Sebastian Klauke, Das Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr als Wegbereiter einer Politikwissenschaft aus Kiel?, in: Wilhelm Knelangen / Tine Stein (Hg.), Kontinuität und Kontroverse. Die Geschichte der Politikwissenschaft an der Universität Kiel, Essen 2013, S. 293–323, hier S. 310–315. Weitere am Institut beschäftigte ehemalige Schüler von Tönnies waren neben dem bereits erwähnten Kurt Albert Gerlach unter anderem Hermann Curth, Hero Moeller und Eduard Rosenbaum.
  26. Für ausführlichere Informationen hierzu, allerdings vorrangig mit Blick auf die um Tönnies zu beobachtende Schulbildung, siehe Alexander Wierzock, Die Tönnies-Schule. Voraussetzungen und Besonderheiten einer frühen soziologischen Schule, in: Soziopolis, 15.9.2021.
  27. So auch die offizielle Rubrizierung der Wirtschaftswissenschaft in den Promotions- und Habilitationsordnungen der Universität Kiel aus dieser Zeit. Siehe dazu etwa Auszug aus der Promotionsordnung der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Genehmigt durch Min.-Erlaß U I Nr. 16533/30 vom 11. Februar 1931, S. 2.
  28. Dieser auch sozialwissenschaftliche Literatur umfassende Bibliothekszuschnitt deckte sich mit den Zielen des ersten Institutsdirektors Bernhard Harms, der im Rahmen seiner Weltwirtschaftslehre beabsichtigte, die „Gesamtäußerung der Weltwirtschaft“ zu beobachten. Harms zit. n. Claudia Thorn, Erst königlich dann weltbekannt. Entwicklungsetappen der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, Kiel 2018, S. 8.
  29. Diese spezielle Rezensionsrubrik hieß bis ins Jahr 1917 „Bevölkerungs-, Rassen- und Religionsforschung, einschließlich sozialer Zustandsschilderung“, danach wurde sie in „Bevölkerungs-, Rassen- und Religionsforschung, Bevölkerungspolitik, Soziologie“ abgeändert. Siehe Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 1 (1913), 1, S. 162 u. Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 9 (1917), 1, S. 90. Mit Band 26 des Erscheinungsjahres 1927 wurde wiederum eine Neustrukturierung im Weltwirtschaftlichen Archiv vorgenommen. Ab sofort gab es im Rezensionsteil einen Abschnitt „Staat und Gesellschaft“, der den Unterpunkt „Soziologie. Internationale Kulturbeziehungen“ enthielt. Siehe Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 26 (1927), 1, S. 103.
  30. Stellvertretend für viele weitere Abhandlungen und Rezensionen sei hier bloß auf die für die frühe deutsche Soziologie zentrale Abhandlung Soziologie und Hochschulreform verwiesen, die Tönnies zuerst als Aufsatz im Weltwirtschaftlichen Archiv veröffentlichte, bevor sie als eigenständige Monografie bei Gustav Fischer in Jena erschien. Siehe Ferdinand Tönnies, Soziologie und Hochschulreform, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 16 (1920), 2, S. 212–245.
  31. Das Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr. Wirtschaftswissenschaftliche Forschungs- und Lehranstalt an der Universität Kiel. Ein Wegweiser für Studierende, Kiel 1922, S. 6 f.
  32. Lindenfeld, Transcript of conversation with Rudolf and Franziska Heberle.
  33. Hartmut Titze, Bd. 1: Hochschulen, Tl. 2: Wachstum und Differenzierung der deutschen Universitäten 1830–1945, Göttingen 1995, S. 354, Tab. 16. 1: Die Studierenden an der Universität Kiel nach Fachbereichen in Prozent 1800/01–1941/1.
  34. Ebd. Die Zahlen beruhen auf eigenen Umrechnungen.
  35. Ebd.
  36. Detaillierte Zahlen zu Hörenden existieren nach heutigem Wissensstand lediglich für den Lehrzeitraum vor dem Ersten Weltkrieg: Eine „Eingabe des Kieler Universitätskuratoriums“ an das preußische Kultusministerium vom 26. Januar 1906 dokumentiert beispielsweise Zahlen für folgende Veranstaltungen von Tönnies aus den Jahren 1903 bis 1905: „1. Wintersemester 1903/04[:] a) Über Wesen und Probleme der Soziologie (privatim)[,] 11 Zuhörer[,] b) Einführung in die Methoden der Statistik[,] (privatim) 8 Zuhörer[;] 2. Sommersemester 1904[:] a) Philosophie des Staatsrechts (privatim) 16 Zuhörer[,] b) Kriminal- und Verbrecherstatistik (privatissime) 11 Zuhörer[;] 3. Wintersemester 1904/05[:] a) Philosophische Staatslehre (privatim) [,] 8 Zuhörer[,] b) Übungen über Bevölkerungsstatistik (privatissime)[,] 2 Zuhörer[;] 4. Sommersemester[:] 1905 a) Sozialphilosophische Ansichten der Geschichte (privatim)[,] 25 Zuhörer[,] b) Moralstatistik mit Übungen (privatim) 3 Zuhörer“. Zit. n. Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie, S. 211. Weitere Auskünfte zu Hörenden liegen durch eine Umfrage der Deutschen Statistischen Gesellschaft über den statistischen Unterricht für die Jahre 1911 bis 1912 vor. Als Statistik-Professor und Vizepräsident der Gesellschaft, die nach ihrer Gründung vorerst als Abteilung der DGS geführt wurde, beteiligte sich auch Tönnies an der Erhebung. Die von ihm gemachten Angaben lauten wie folgt: Sommersemester 1911: „Moralstatistik“ und „Übungen in Bevölkerungs- u. [und] Moralstatistik“, Hörende: „17“ und „11“; Wintersemester 1911/12: „Einführung in das Studium d. [der] Statistik“ und „Übungen“, Hörende: „57“ und „22“; Sommersemester 1912: „Statistik, Teil II“ und „Statistische Übungen“, Hörende: „15“ und „17“; Wintersemester 1912/13: „Statistik, Teil 1“ und „Statistische Übungen“, Hörende: „17“ und „19“. Siehe Ergebnisse der Umfrage über den statistischen Unterricht an den deutschsprachigen Hochschulen, in: Deutsche Statistische Gesellschaft. Abteilung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Niederschrift der Verhandlungen der zweiten Mitgliederversammlung vom 22. bis 23. Oktober 1912 in Berlin, Dresden o. J. [1913?], S. 45–63, hier S. 48.
  37. Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie, S. 239.
  38. Taschenkalender 1921, SHLB, TN, Cb 54.11:19. Eintragung v. 4.5.1921.
  39. Ebd., Eintragung v. 11.5.1921.
  40. Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie, S. 239.
  41. Taschenkalender 1921, SHLB, TN, Cb 54.11:19. Eintragung v. 12.5.1921.
  42. Die sich über mehrere Tage erstreckende Randnotiz findet sich ebd., Eintragungen ab d. 4.5. bis 6.5.1921.
  43. Ein vollständiges Typoskript dieser Arbeit gehört zu den Beständen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Siehe Annemarie Gobbin, Die Ideologie der christlichen Gewerkschaften. Eine soziologische Untersuchung mit besonderer Berücksichtigung von Tönnies. Gemeinschaft und Gesellschaft, o. O., o. J. [1924]. Für weitere Angaben zu Annemarie Gobbin, die im Jahr 1924 den Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Paul Hermberg heiratete, ebenfalls ein Tönnies-Schüler, siehe Wierzock/Klauke, Das Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr, S. 306–310.
  44. Taschenkalender 1924, SHLB, TN, Cb 54.11:21. Eintragung v. 17.11.1924.
  45. Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie, S. 240.
  46. Taschenkalender 1925, SHLB, TN, Cb 54.11:22. Eintragung v. 13.5.1925.
  47. Ebd., Eintragung v. 20.5.1925.
  48. Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie, S. 240 sowie Ferdinand Tönnies, Einführung in die Soziologie, in: ders., Gesamtausgabe, Bd. 21: 1931, hrsg. v. Dieter Haselbach, Berlin u. Boston, MA 2021, S. 3–287.
  49. Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie, S. 240 u. Ferdinand Tönnies, Das Eigentum, Wien u. Leipzig 1926.
  50. Ferdinand Tönnies, Kritik der öffentlichen Meinung, in: ders., Gesamtausgabe, Bd. 14: 1922, hrsg. v. Alexander Deichsel, Rolf Fechner u. Rainer Waßner, Berlin u. New York 2002, S. 5–680.
  51. Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie, S. 239.
  52. Ebd.
  53. Ebd.
  54. Taschenkalender 1921, SHLB, TN, Cb 54.11:19. Eintragung v. 3.5.1921.
  55. Rudolf Heberle, Soziologische Lehr- und Wanderjahre, in: Wolf Lepenies (Hg.), Geschichte der Soziologie. Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität einer Disziplin, Bd. 1, Frankfurt am Main 1981, S. 271–298, hier S. 274 (Hervorh. im Original).
  56. Siehe hierzu Lindenfeld, Transcript of conversation with Rudolf and Franziska Heberle.
  57. Taschenkalender 1921, SHLB, TN, Cb 54.11:19. Eintragung v. 30.6.1921. Vierzehn Tage später wurden die Aufsätze wohl besprochen. Eine diesbezügliche Notiz vermerkt hierzu: „3-5 U [Uhr] Uebungen. Eingereichte Aufsätze üb. [über] Stände u. [und] Klassen.“ Ebd., Eintragung v. 14.7.1921.
  58. Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie, S. 240.
  59. Siehe zu weiteren Dimensionen des Begriffes auch Ferdinand Tönnies, Moralstatistik, in: ders., Soziologische Studien und Kritiken. Dritte Sammlung, Jena 1929, S. 117–131.
  60. Der Begriff wurde vor allem durch die folgende Schrift geläufig: André-Michel Guerry, Essai sur la statistique morale de la France, Paris 1833.
  61. Tönnies wurde auf den Begriff der „Soziographie“ zuerst durch seinen Schüler Kurt Albert Gerlach gestoßen.
  62. Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie, S. 240.
  63. Ebd., S. 241.
  64. Siehe ausführlicher zu Tönniesʼ Entlassung aus dem Hochschuldienst Uwe Carstens, Ferdinand Tönnies. Friese und Weltbürger. Eine Biographie, Bräist/Bredstedt 2013, S. 295 f.
  65. Die Forschungsliteratur zu Tönnies als Statistiker und Vertreter einer empirisch ausgerichteten Soziologie ist bis heute überschaubar. Siehe etwa den Kapitelabschnitt „Tönnies, social statistics, and sociography“ bei Anthony Oberschall, Empirical Social Research in Germany 1848–1914, Paris 1965, S. 51–63; ders., The Empirical Sociology of Tönnies, in: Werner J. Cahnman (Ed.), Ferdinand Tönnies. A New Evaluation. Essays and Documents, Leiden 1973, S. 151–159; Alfred Bellebaum, Das soziologische System von Ferdinand Tönnies unter besonderer Berücksichtigung seiner soziographischen Untersuchungen, Meisenheim a. Glan 1966; das Kapitel „Empirische Soziologie und Soziographie“ bei Eduard Georg Jacoby, Die moderne Gesellschaft im sozialwissenschaftlichen Denken von Ferdinand Tönnies, Stuttgart 1971, S. 200–225 u. später auch Michael Terwey, Theorie und Empirie bei Tönnies. Am Beispiel von Arbeiten über Selbstmord und Kriminalität, in: Lars Clausen / Franz Urban Pappi (Hg.), Ankunft bei Tönnies. Soziologische Beiträge zum 125. Geburtstag von Ferdinand Tönnies, Kiel 1981, S. 140–171. Aus der neueren Sekundärliteratur sei verwiesen auf Michael Engberding, Ferdinand Tönnies (1855–1936) – Statistiker, Soziograph und Soziologe, in: Rainer Mackensen (Hg.), Bevölkerungsforschung und Politik in Deutschland im 20. Jahrhundert, Wiesbaden 2006, S. 31–43.
  66. Siehe hierzu Holzhauser/Wierzock, Zwischen Philosophie, Staatswissenschaften und Soziologie, S. 241. Der erste Promovend, der durch Tönnies noch 1923 den Doktor der Rechtswissenschaften erhielt, hieß Tonn Hummel. In seiner Arbeit befasste er sich mit einer Grundlegung des Gerechtigkeitsbegriffs. Siehe ders., Versuch einer historisch-dogmatischen Grundlegung des Gerechtigkeitsbegriffs unter der besonderen Berücksichtigung der aristotelischen Unterscheidung zwischen austeilender und ausgleichender Gerechtigkeit, Hamburg 1923.
  67. Unter der neugeschaffenen Rubrik „Soziologie“ kündigte Heberle die folgenden Veranstaltungen an: 1) „Die Bevölkerung des Deutschen Reiches, in soziologischer Betrachtung“ sowie 2) „Übungen zur Einführung in die Empirische Soziologie (Soziographie)“. Siehe Christian-Albrechts-Universität Kiel, Personal-Verzeichnis für das Sommersemester 1929 (nach dem Stand vom 1. Juli 1929) und Vorlesungs-Verzeichnis für das Wintersemester 1929/30, Kiel 1929, S. 55. Heberles Habilitation war nach einer mehrjährigen, von der Rockefeller-Stiftung finanzierten Studienreise durch die Vereinigten Staaten erfolgt. Nach seiner Rückkehr habilitierte er sich 1929 mit der folgenden Arbeit bei seinem Schwiegervater Tönnies: Rudolf Heberle, Über die Mobilität der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten, Jena 1929. Zur weitergehenden Orientierung über Heberle siehe Rainer Waßner, Rudolf Heberle. Soziologe in Deutschland zwischen den Weltkriegen, Hamburg 1995.
  68. Auszug aus der Promotionsordnung der Philosophischen Fakultät, S. 2.
  69. Eduard Spranger, Die Soziologie in der Erinnerungsgabe für Max Weber, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 6: Grundlagen der Geisteswissenschaften, hrsg. v. Hans Walter Bähr, Tübingen 1980, S. 133–150, hier S. 134.
  70. Ferdinand Tönnies, Soziologie als Wissenschaft und die Deutsche Soziologische Gesellschaft, in: ders., Soziologische Studien und Kritiken. Zweite Sammlung, Jena 1926, S. 144–149, hier S. 148.
  71. Ebd.
  72. Ferdinand Tönnies an Adolf Grimme, 2.3.1931, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GSPK), I. HA Rep. 92 Grimme 3058.
  73. Ferdinand Tönnies an Otto Siebeck, 20.6.1929, Staatsbibliothek zu Berlin. Preußischer Kulturbesitz, Mohr-Siebeck-Archiv, Nl. 488, A 406, 2.
  74. Ebd.
  75. Ebd. In deutscher Übersetzung steht diese Sentenz auch an zentraler Stelle in Tönnies’ 1931 verfasster Einführung. Siehe ders., Einführung in die Soziologie, S. 285: „Lasset uns auf die politischen und moralischen Wissenschaften die Methode anwenden, die auf Beobachtung und Berechnung gegründet ist, jene Methode, die in der Naturwissenschaft uns so treffliche Dienste geleistet hat.“
  76. Für die Erörterungen im Vorfeld der Gründung der Untergruppe Soziographie siehe detailliert Sala, Theorie versus Praxis?, S. 238–250.
  77. Ferdinand Tönnies, Die Berechtigung der Soziologie als akademisches Lehrfach (Denkschrift, gerichtet an das Kultusministerium), ed. v. Alexander Wierzock, in: Zyklos 3. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, hrsg. von Martin Endreß, Klaus Lichtblau u. Stephan Moebius, Wiesbaden 2017, S. 323–339, hier S. 325 (Hervorh. im Original).
  78. So befanden sich unter den von Tönnies genannten Kandidaten nicht zufällig auch eine Reihe von jüngeren Kieler Kollegen, die am Institut für Weltwirtschaft arbeiteten und heute eher als Wirtschaftswissenschaftler eingeordnet werden: „Prof. [Adolph] Löwe“, „Priv. [Privat] Doz. [Dozent] Dr. [Gerhard] Colm“ und „Priv. [Privat] Doz. [Dozent] Dr. [Hans] Neisser“. Ebd., S. 327.
  79. Tönnies, Redebeitrag, in: Verhandlungen der Deutschen Statistischen Gesellschaft in Hamburg 6. September 1928, in: Allgemeines Statistisches Archiv. Organ der Deutschen Statistischen Gesellschaft 18 (1929) S. 565–588, hier S. 581.
  80. Die offizielle Bezeichnung lautete: „Schriften der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. I. Serie: Verhandlungen der Deutschen Soziologentage.“ Siehe Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19.–22. Oktober 1910 in Frankfurt a. M., Tübingen 1911, o. S.
  81. In einer beigefügten Liste schlug Tönnies auch gleich eine Reihe von möglichen Mitarbeitern vor, die mehr als 41 Namen umfasste, darunter 40 Männer und mit Charlotte von Reichenau eine Frau. Siehe Ferdinand Tönnies an Otto Siebeck, 20.6.1929, Staatsbibliothek zu Berlin. Preußischer Kulturbesitz, Mohr-Siebeck-Archiv, Nl. 488, A 406, 2.
  82. Otto Siebeck an Ferdinand Tönnies, 5.7.1929, Staatsbibliothek zu Berlin. Preußischer Kulturbesitz, Mohr-Siebeck-Archiv, Nl. 488, A 406, 2 (Hervorh. im Original).
  83. In der überlieferten Korrespondenz mit Siebeck konnte kein weiterer diesbezüglicher Schriftverkehr an oder von Tönnies identifiziert werden.
  84. Ferdinand Tönnies an Adolf Grimme, 2.3.1931, GSPK, I. HA Rep. 92 Grimme 3058.
  85. Im Schreiben an Grimme erwähnte Tönnies beispielweise, dass er parallel auch „bei der Schlewsig-Holsteinischen Universitätsgesellschaft um eine Beihilfe von RM [Reichsmark] 3000“ sich beworben habe. Ebd. Ein Aktenvorgang hat sich bei der Universitätsgesellschaft kriegsbedingt nicht erhalten.
  86. Ferdinand Tönnies, Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitute, in: Ludolph Bauer / Albrecht Mendelssohn Bartholdy / Adolf Meyer (Hg.), Forschungsinstitute. Ihre Geschichte, Organisation und Ziele, Bd. 1, Hamburg 1930, S. 425–440, hier S. 429.
  87. Ebd., S. 438 u. S. 437.
  88. Ebd., S. 436. Biografisch gesehen haben diese Pläne zur Errichtung eines soziographischen Observatoriums ihrerseits eine längere Vorgeschichte. In Umrissen erläuterte Tönnies bereits 1890 solche Ziele, das heißt zu einem Zeitpunkt, als er gerade seine kriminalstatistischen Forschungsarbeiten begonnen hatte. „Zu meinen Projekten gehört“, erklärte er im Juni des Jahres vor dem befreundeten Philosophen Friedrich Paulsen, „die Einrichtung eines landesstatistischen Amtes – für die Provinz –, einer Art von moralischem Observatorium, nach neuen Grundsätzen.“ Ferdinand Tönnies an Friedrich Paulsen, 26.6.1890, in: Ferdinand Tönnies / Friedrich Paulsen, Briefwechsel 1876–1908, hrsg. von Olaf Klose, Eduard Georg Jacoby u. Irma Fischer, Kiel 1961, S. 283–285, hier S. 285.
  89. Tönnies, Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitute, S. 439.
  90. Siehe ebd., S. 438.
  91. Ferdinand Tönnies, Rundschreiben, 12.3.1931, SHLB, TN, Cb 54.61:3.2.01.
  92. Ebd.
  93. Ebd.
  94. Tönnies [Redebeitrag], in: Schriften des Vereins für Socialpolitik, Bd. 161: Verhandlungen der außerordentlichen Generalversammlung in Kiel 21. bis 23. September 1920, München u. Leipzig 1921, S. 107–110, hier S. 109.
  95. Ebd.
  96. Gerrit Toennies hatte im Jahr 1925 an der Universität Kiel bei dem Chemiker Otto Diehls promoviert und war dann wenig später in die USA ausgewandert. Für seine Promotionsschrift siehe Gerrit Tönnies, Über das Verhalten des Kohlensuboxyds gegen organische Säuren, Berlin 1925 (zugleich Diss. Universität Kiel 1925).
  97. Ferdinand Tönnies an Gerrit Tönnies, 25.8.1929, Privatbesitz Jan Peter Toennies (Hervorh. im Original). Ich danke Jan Peter Toennies für die Erlaubnis zur Nutzung des Briefmaterials.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Gruppen / Organisationen / Netzwerke Methoden / Forschung Öffentlichkeit Universität Wissenschaft

Alexander Wierzock

Alexander Wierzock promoviert an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Biografie über den Soziologen und politischen Intellektuellen Ferdinand Tönnies (1855-1936). Außerdem ist er derzeit am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen im DFG-Projekt „Ferdinand Tönnies: Eine digitale Briefedition“ beschäftigt.

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