Sybille Krämer | Rezension |

Schwundstufe des Analogen

Rezension zu „D̶i̶g̶i̶t̶a̶l̶i̶s̶i̶e̶r̶u̶n̶g̶“ von Dirk Baecker

Dirk Baecker:
D̶i̶g̶i̶t̶a̶l̶i̶s̶i̶e̶r̶u̶n̶g̶
Deutschland
Berlin 2026: Suhrkamp
157 S., 20,00 EUR
ISBN 978-3-518-58848-2

Das Cover fasziniert und provoziert zugleich: Der Titel Digitalisierung ist kurzerhand durchgestrichen. Kurzerhand allerdings nicht ganz. Denn mit seiner neuesten Monografie legt der prominente Systemtheoretiker Dirk Baecker eine Studie auf höchstem Abstraktionsniveau vor; so hoch, dass die Verbindung zu den erfahrbaren Phänomenen der Digitalisierung nicht selten zugunsten einer sich nahezu selbst tragenden theoretischen Konstruktion abhandenkommt. Manches – so viel vorweg – ist für die Rezensentin, die keine Systemtheoretikerin ist, schwer verständlich. Gleichwohl kristallisiert sich bei der Lektüre ein Deutungsrahmen heraus, der unseren Blick auf das Digitale verändern kann, womöglich sogar nachhaltig.

Mindestens sechs Ideen fügen sich zu diesem Rahmen. Sie stiften ein Begriffsinventar, das nicht chronologisch aufeinanderfolgend entwickelt wird, sondern vielmehr das Innenleben, die Tiefenstruktur dieser Studie ausmacht. Das Sextett von Baeckers Kernideen beginnt mit der:

(1) Digitalisierung: Die Frage, was Digitalisierung ist, wird zur Frage, was es für soziale Systeme bedeutet, mit einer analogen Welt konfrontiert zu sein, die als beständig Mitlaufende deren Digitalisierung durchkreuzt (S. 89). Drastisch ausgedrückt: Die Digitalisierung zerbricht laufend am Analogen.

(2) Analog: Anders als es der Gemeinplatz einer Verdrängung und Kolonialisierung des Analogen durch das Digitale suggeriert, ist hier nicht nur die Welt selbst als analog gedacht (S. 79 ff.), sondern überhaupt alles, was der berechenbaren Funktionalität von Irgendetwas einen Widerstand entgegensetzt. Mit Widerstand ist nicht etwa der Protest von Akteuren gemeint, sondern der nicht eliminierbare Zufall von Ereignissen. Dieser verhindert stets die Extrapolation, die Vorhersage einer Zukunft aus den Daten der Vergangenheit. Zugespitzt formuliert: Das Digitale ist eher eine Schwundstufe des Analogen als dessen Antipode und Überwinder. Doch warum wird der Zufall bei Baecker so prominent gemacht?

(3) Stochastik: Dass Ungewissheit, Wahrscheinlichkeit, statistische Datenanalyse federführend sind in den Verfahren prädiktiver, selbstoptimierender Algorithmen ist epistemisch hinreichend bekannt. Doch bei Baecker avanciert das Stochastische, die Modellierung von zukünftigen Zufallsereignissen, zum Prinzip der Weltverfassung. Jedes mögliche Modell des Realen hat den Zufall mit einzubeziehen (S. 69 ff.). Die Oberfläche berechenbarer, komputationaler Verfahren birgt auf ihrer Unterseite die Möglichkeit, dass die durch und durch analoge Welt auch immer anders sein könnte.

(4) Medialität: Dass jede reale Konfiguration, Kopplung oder Konstellation auch alternativ konfiguriert, gekoppelt, konstelliert werden kann, ist die Grundeinsicht der auf den Psychologen Fritz Heider zurückgehenden, von Luhmann fortgebildeten Medium/Form-Unterscheidung. Medialität ist das Ereignis, das Momentum einer Konfiguration, welche in den Optionen der Form als einer nur losen, bereitstellenden Kopplung von Elementen angelegt ist, die sich sodann zu einem realen Medium prozessual verbinden (S. 33 ff.). Prozessual heißt, dass nur im Zerfall der Ordnung, neue Formen der Medien emergieren können. Entkopplung, Störung, Zerfall sind durch und durch kreativ. Kraft dieser beständigen Verbindung und Auflösung wird Zeitlichkeit kategorial grundlegend zum Verständnis von Medialität. Doch – um eine uralte Frage aufzuwerfen – was bedeutet Zeit?

(5) Zeitlichkeit: Auf die ereignishafte Prozessualität eines Entstehens und Vergehens kommt alles an. Zeit ist die Strukturform von Systemen, welche nur ereignishaft existieren, bei denen ein Vorher und Nachher als Differenz somit beobachtbar ist. Wenn in dieser Evolution eine Synchronisierung von Verschiedenartigem erfolgt, wenn also Komponenten mit Eigenlogik und Eigensinn für einen Moment auf das Gelungendste zusammenspielen, dann entsteht ein Medium mit gesellschaftsveränderndem, Epoche bildendem Potenzial. Nach dem Buchdruck also jetzt das Digitale, bei Baecker spezifiziert durch eine Kopplung der Trias: System, Netzwerk und Ontologie mithilfe übertragbarer Datenformate (S. 83 ff.). Gelingt diese Kopplung, entsteht ein Datenraum, in dem Daten zu anderen Daten in eine entweder technische, organische, psychische oder soziale Beziehung treten. Ein Datum kommt also niemals allein, es ist kein Solitär. Doch was sind Daten?

(6) Daten: Daten sind jene Elemente, deren Verbindung diese erst in ein Medium der Kommunikation transformiert. Leibniz hatte mit seinem „Kalkül der Lage“, an den Baecker anknüpft (S. 89 ff.), ein neuartiges Raumkonzept eingeführt: Raum ist demnach weder ein Behälter (wie bei Newton), noch das Ausgedehnte (wie bei Descartes); Raum entsteht durch Relationen, durch ein Gefüge von Beziehungen. Vor dem Horizont solcher konstitutiven Relationalität ist jedes Datum korrigierbar, indem es in neue Relationen einrückt. Baecker bietet dafür sogar eine Formel nebst Zeichnung an, die Objektivität suggerieren, nicht jedoch Verständlichkeit schaffen (S. 83). Daten sind – so viel bleibt jedenfalls festzuhalten – Verbindungsmedien (S. 66). Sie entstehen und vergehen, indem sie Beziehungen eingehen und sich wieder lösen.

In der Grammatik dieser Beschreibung fällt auf, dass Daten etwas zu machen scheinen, geradezu in eine Subjektposition einrücken. Dieser Eindruck ist intendiert und vollzieht einen rhetorischen Gestus des Buches nach, der zugleich auf ein Problem verweist. Die Eliminierung von Menschen, von Akteuren und ihrem mehr oder weniger von Verantwortung geprägtem Handeln wird der Systemtheorie notorisch attestiert und ist hinreichend kritisiert. Das braucht hier nicht erneut ausgeführt zu werden, auch wenn es auf diese Studie zutrifft. Auffallend aber ist, dass sich bis in die Grammatik hinein, wie ein Textunbewusstes etwas in die Position des rhetorischen Subjektes schiebt, mit der die Systemtheorie nichts zu schaffen hat. Und das sind hier eben die Daten: Das „Datum [gewinnt] Halt aus dem Widerstand […], auf den es trifft“ (S. 62). Es gibt eine „Lernbereitschaft“ der Daten (S. 66). Daten erkunden „neue Zustandsräume […] und funktionale Beziehungen“ (S. 90). Die Eigenaktivität der Daten ist unübersehbar.

Es besteht kein Zweifel, dass die Digitalisierung als Datifizierung zu begreifen ist. Doch Daten werden gemacht, sie entstehen nicht von selbst. Das gilt auch dann, wenn prädiktive Algorithmen Daten synthetisch erzeugen und damit Originale und keine Plagiate hervorbringen.

In einer Epoche, in der das individuell wie auch gesellschaftlich Unbewusste als Datenmuster von Maschinen rekonstruierbar wird, wie niemals zuvor, ist es geboten, trotz einer angeblichen Verselbstständigung von Daten auf deren Gebrauch und Missbrauch durch Menschen, Firmen und Institutionen zu verweisen. Und das, obwohl bis tief in die nur aus Daten errechneten Forschungsbestände vieler Wissenschaften (computational sciences) hinein, Daten aus Daten generiert werden.

Doch zurück zu Baeckers Analyse. Das Abstraktionsniveau, auf dem die Digitalisierung darin behandelt wird, erstaunt durch seine Ferne von den alltäglichen Vorkommnissen gelingender oder misslingender Digitalisierung. Doch ist solche Lektüreerfahrung nicht wirklich verwunderlich: Das Raffinement systemtheoretischer Argumentation zu verstehen, heißt immer schon ein Stück weit ihren Prämissen folgen zu müssen. Denn erst dann tritt die Problemkonstellation hervor, auf welche eine Antwort mit dem Begriffsinventar der Systemtheorie zu geben ist.

Versuchen wir, die von uns gelegten Pfade der Texterschließung andeutungsweise mit dem zu verbinden, was als Phänomene der Digitalisierung nach Stand der Debatte vertraut ist. Mehrere Anschlussstellen drängen sich dafür auf:

Die Grundverschiedenheit von Kommunikation, Bewusstsein, Umwelt, Technik lässt ermessen, wie fragil – und immer auch zerfallend – eine Digitalisierung ist, die sich deren in Echtzeit vollzogener Verbindung überhaupt erst verdankt. In dieser Perspektive wird die Digitalisierung zu einem Medium, das die Diversität gesellschaftlicher Funktionsbereiche bis hin zur Differenz von Digitalem und Analogem verbindend zu überbrücken erlaubt – und zwar im Ereignis der zeitlichen Synchronisierung und datenräumlichen Kombination. Die unaufgeregte Vermittlung zwischen Verschiedenartigem durch Medien und die Tatsache, dass dies immer nur der Augenblick eines Ereignisses sein kann, bringt die Zeitlichkeit unaufhaltsam ins medientheoretische Spiel. Denn ohne Medienhistorie verliert die Medientheorie ihre Grundlagen. Und taucht in der konstitutiven Temporalität, die ein Medium nur als Ereignis auftreten lässt, nicht in veränderter Diktion die Einsicht auf, dass Medien nicht einfach sind, sondern nur im Akt der Ingebrauchnahme als Medium existieren, auch wenn systemtheoretisch die Pragmatik des Gebrauchens weitgehend vermieden wird?

Der systemtheoretisch vorausgesetzte Abstand zwischen individueller Psyche beziehungsweise dem menschlichen Bewusstsein und der operativen Geschlossenheit von Gesellschaft und Technik, kann erklären, wie mit Chatbots eine Technologie entsteht, die kommuniziert, aber nicht denkt oder versteht, weil sie mit Bewusstsein nichts zu schaffen hat. Die Rezensentin hat immer schon überlegt – oder war es eher ein Hadern? – dass sie sich philosophisch eher Habermas‘ und nicht Luhmanns Kommunikationstheorie verpflichtet fühlte. Aber nun, wo Chatbots einen Gutteil der Kommunikation realisieren, sind wir mit Luhmanns methodischen Instrumentarium viel besser davor gefeit, den Verführungen anthropomorpher Überwältigungsvorstellungen zu widerstehen, kraft derer Maschinen generelle menschliche Intelligenz zugesprochen wird. Das Damoklesschwert des Anthropomorphismus, das die Technik zum konkurrierenden Überbieter des Menschen macht – letztlich zu einem ihn gefährdenden, wenn nicht gar beherrschenden Akteur – wird systemtheoretisch elegant vermieden.

Diese Herauslösung aus dem anthropomorphen Schema stillt die Zweifel derer, die in dem Computer und erst recht in der Künstlichen Intelligenz einen Angriff auf die menschliche Geisteskompetenz vermuten. Baeckers Buch propagiert ein diverses Intelligenzkonzept, das menschliche und maschinelle Intelligenz als andersartige Gegebenheiten begreifen lässt: „Auch Rechner sind intelligent, wenn auch anders.“ (S. 13). Vielleicht geht der Autor dabei zu weit, wenn im selben Atemzug „Pflanzen, Seen und Flüsse, Wälder und Städte, Meere und Winde […] ihre eigene Form der Intelligenz“ (S. 13) zugesprochen wird. Gleichwohl ist die Annahme, dass Künstliche Intelligenz eine nicht-menschliche, fremdartige Form der Intelligenz ist, wegweisend. Damit ist der Bann gebrochen, der Intelligenz (egal ob kognitiv, emotional, sozial) zum Privileg des Menschen stilisiert und dabei zumeist großzügig übersieht, dass die menschliche Unvernunft (vielleicht sogar: Dummheit) im Umgang mit maschineller Intelligenz unser Schicksal und vielleicht auch Unglück ist. Dass jedenfalls eine neue, eine digitale Aufklärung von der Anerkennung einer Diversität der Intelligenzkonzepte über den Menschen hinaus auszugehen hat, ist eine der grundlegenden Einsichten dieser Studie.

Baeckers „Kalkül der Lage“ (S. 89 ff.), ausgehend von Raumrelationen zu denen jeder temporale Vollzug kondensiert, kann sowohl die algorithmische Verarbeitung von Bedeutung durch die Identifizierung von Wortnachbarschaften in Large Language Models erklären als auch die steile Karriere der Idee des Musters (Armin Nassehi) als eine Art Universalkategorie der Digitalisierung.[1]

Erst der Übergang von der Statistik zur Stochastik als dem wahrscheinlichkeits- und wirklichkeitstheoretisch basaleren Begriff macht deutlich, dass es nicht einfach (statistisch) um die Auswertung vergangener Daten, vielmehr (stochastisch) um die Modellierung von Zukünften geht, in die der Zufall irreversibel eingeschrieben bleibt. Da die übliche Hypostasierung von Berechenbarkeit qua Computereinsatz durch den das Vorhersagbare beständig unterminierenden, mitlaufenden Zufall konterkariert wird, kann die Digitalisierung nur als durchgestrichenes, also das Analoge beständig mitführendes Phänomen beschrieben werden. Dass die Digitalisierung selbst es ist, die „sich durchstreicht“ (S. 79), in ihrer unterschwelligen Akteurseigenschaft und damit der sublimen Subjektposition der Daten keineswegs nachsteht, sei nur am Rande vermerkt.

Fassen wir zusammen: Die konsequente Verbindung der Digitalisierung mit dem Analogen, die das Digitale als eine Schwundstufe des Analogen charakterisiert, ist eine überraschende Einsicht innerhalb der vielstimmigen Debatte über computergenerierte Digitalität. Dokumentiert wird damit, dass ein systemtheoretischer Ansatz das Innovationspotenzial birgt, neue Aspekte der Gegenwart offenzulegen. Der Sprachgestus des Buches ist schwierig, nicht selten auch kryptisch: „Das Gesetz, unter dem die Maschinenlernmodelle stehen, ist das Gesetz des Lernens“ (S. 76); „Form [ist] die einzelne Mitteilung, die einschließt, was sie einschließt, und ausschließt, was sie ausschließt.“ (S. 36).

Die systemtheoretischen Prämissen ein Stück weit zu teilen, kann bei der Lektüre nicht schaden. Eine Verbindung zur Empirie der realen Phänomene der Digitalisierung, seien es individuelle oder soziale, wird nicht angestrebt und auf Fragen der Macht sowie der Ethik beziehungsweise Verantwortung wird weitgehend verzichtet. Das ist – wenn man so will – der Preis, der zu zahlen ist für eine Tiefenbohrung in das differentielle Gewebe einer Digitalisierung, welche das Verhältnis von digital und analog auf neuartige Weise zu konturieren vermag. Anders als die technische Differenz zwischen beiden im Sinne von diskreten (= digitalen) und kontinuierlichen (= analogen) Formaten es suggeriert, artikuliert das Analoge in diesem Buch eine Weltverfassung, in der Widerständigkeit und Unberechenbarkeit die Grundkomponenten bilden. Die Digitalisierung und ihre Begleitillusion der Berechenbarkeit setzt diese Eigenschaften der analogen Welt nicht etwa außer Kraft und überwindet sie, im Gegenteil: Sie befördert und radikalisiert diese.

  1. Armin Nassehi, Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft, München 2019.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Noah Serve, Jens Bisky.

Kategorien: Daten / Datenverarbeitung Digitalisierung Medien Systemtheorie / Soziale Systeme Technik

Sybille Krämer

Prof. Dr. Dr. h.c. Sybille Krämer, bis 2018 Professorin für Philosophie an der Freien Universität (jetzt: i.R.,) lehrt gegenwärtig an der Leuphana Universität Lüneburg Ästhetik und Kulturen Digitaler Medien.

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