Ingrid Gilcher-Holtey | Rezension |

Weltliteratur – und wie man sie macht

Rezension zu „Qu’est-ce qu’un auteur mondial? Le champ littéraire transnational“ von Gisèle Sapiro

Gisèle Sapiro:
Qu’est-ce qu’un auteur mondial? Le champ littéraire transnational
Frankreich
Paris 2024: Éditions du Seuil
469 S., 25,00 EUR
ISBN 978-2-02-156855-4

„Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen“, bekannte Johann Wolfgang Goethe am 31. Januar 1827 im Gespräch mit seinem Sekretär Johann Peter Eckermann. Knapp zweihundert Jahre später legt die renommierte französische Soziologin Gisèle Sapiro nun dar, wie man ein Weltautor wird. Goethe, so ist zu vermuten, hätte das Buch verschlungen. Die Autorin, Forschungsleiterin am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) und Studienleiterin an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS-Paris), befasst sich seit langer Zeit mit dem literarischen Feld Frankreichs sowie der politischen Rolle und Verantwortung von Schriftstellern.[1] Sie ist Trägerin der Bronzenen (2000) und Silbernen (2023) Medaille des CNRS und des Humboldt-Forschungspreises in Sociological Theory (2023). In ihrem Buch Qu’est-ce qu‘on auteur mondial? Le champ littéraire transnational rückt sie „die Analyse der Mechanismen“ ins Zentrum, die, wie sie schreibt, „den Zugang zur transnationalen literarischen Anerkennung bestimmen, unter Berücksichtigung der Faktoren, die diese begünstigen oder behindern, sowie der Rollen, die die daran beteiligten Personen und Institutionen spielen, deren Handeln sich jedoch hinter den Kulissen der Anerkennungsszene abspielt, in deren Mittelpunkt der Autor steht“ (S. 9).[2]

Die Anerkennung als Weltautor, so ihre These, verdanke sich nicht allein der dem Werk innewohnenden Qualität. Vielmehr bedingten äußere Faktoren die transnationale Zirkulation literarischer Werke und damit auch die Chance von Schriftstellern, internationale Anerkennung zu finden. Um die in diesem Zusammenhang maßgeblichen Faktoren zu erkennen, gelte es, die konkreten Maßnahmen zu studieren, die die Zirkulation wirksam werden lassen. Am Beginn stehen Sapiro zufolge die verlegerische Entscheidung für die Übersetzung eines Textes, die eine erhebliche Investition in Zeit und Geld darstelle, und die Auswahl des Übersetzers, dem als einer Art „Doppelgänger“ (S. 10) des Autors eine zentrale Rolle zukomme. Wichtig für die Zirkulation sei zudem das Zusammenspiel eines Ensembles von Vermittlern – bestehend aus Verlagshäusern (Verlegern und Herausgebern von Reihen), Literaturagenten und -agenturen, Kritikern, Experten sowie Konsekrationsinstanzen, also literarischen Preisen oder internationalen Festivals, die für internationale Bekanntheit sorgen.

Das Erkenntnisinteresse der Studie richtet sich darauf, die zentrale Rolle der Vermittler in der Konstruktion des Weltautors herauszustellen. In der Kunstsoziologie und der Kulturgeschichte, so die Autorin, sei die Frage nach der Rolle der Vermittlungsfiguren seit Langem Teil der Forschung. Verschiedene Ansätze daraus seien in die Geschichte des Kulturtransfers sowie die Soziologie der Übersetzungen und des internationalen Austausches übernommen worden. Parallel dazu habe das „Paradigma der ‚Weltliteratur‘“ (ebd.) die vergleichende Literaturwissenschaft inspiriert, sich für die Zirkulation von Texten zu interessieren. Es synthetisiere diese verschiedenen Ansätze, indem es einen „theoretischen Rahmen“ vorschlage (ebd.), der sich auf Begriffe und Theoreme Pierre Bourdieus stützt. Neben dem Feldbegriff und der Feldtheorie Bourdieus sowie seinen Reflexionen zur internationalen Zirkulation von Ideen gehört dazu insbesondere Bourdieus Unterscheidung eines Feldes der Verlage/Editionen innerhalb des Feldes der kulturellen Produktion. Entstanden im 19. Jahrhundert, habe das Feld der Verlage im Prozess der Autonomisierung zwei divergierende Pole ausgebildet: den auf kurzzeitigen Erfolg und Rentabilität ausgerichteten „Pol der großen Produktion“ einerseits und den „Pol der eingeschränkten Produktion“ andererseits (S. 13). Verlage aus dem Umfeld des zweiten Pols seien an symbolischer Anerkennung orientiert und setzten darauf, dass die Konsekration und Kanonisierung von Texten deren Wert steigert, sodass diese langfristig ökonomischen Profit abwerfen. Bourdieu schreibt den Verlagen drei zentrale „Operationen“ zu, mit denen diese in das literarische Feld eingreifen: Selektion, Markierung und Interpretation.[3] Alle drei Maßnahmen, so Sapiro, dienten dazu, die Bedeutung von übersetzten Texten im neuen nationalen Kontext des Aufnahmelandes zu gewährleisten und damit auch deren Absatz zu sichern.

Sapiro zufolge lässt die Zirkulation der von ihr untersuchten literarischen Übersetzungen historisch-empirische Regelmäßigkeiten erkennen: asymmetrische Strukturen, die von den zentralen zu den peripheren Sprachen weisen und dergestalt Zentrum und Peripherie in Opposition zueinander bringen. Das Zentrum bilden demnach Länder, in denen Englisch dominiert. Diese Länder würden literarische Texte in erster Linie „exportieren“, aber nicht „importieren“ (S. 12). Neben der Sprache wirkten sich außerdem die Textgattung sowie das Geschlecht des Autors auf die Chance transnationaler Zirkulation und Anerkennung aus. So ließen unter anderem die Nominierungslisten für den Literaturnobelpreis erkennen, dass die Öffnung der Konsekrationsinstanzen für Texte aus nicht westlichen Ländern bereits zwischen 1960 und 1972 erfolgt sei und damit früher eingesetzt habe als die Öffnung für Autorinnen, die noch bis 1990 sehr restriktiv gewesen sei.

Überzeugend an Sapiros Werk sind aber nicht nur die analytisch-methodischen Überlegungen, mit deren Hilfe sie die Faktoren der transnationalen Zirkulation von literarischen Texten zu fixieren sucht, sondern auch die darin enthaltenen Fallstudien. Zwei Beispiele seien im Folgenden explizit hervorgehoben: Das erste findet sich im vierten Kapitel und gilt dem US-amerikanischen Schriftsteller William Faulkner. Gestützt auf Quellen des Verlags Gallimard rekonstruiert Sapiro die Konkurrenz um den Transfer seines Werkes nach Frankreich, die Interaktion zwischen Literaturagentur, Übersetzer und Verlag sowie Gallimards ausgeklügelte Verkaufsstrategie. So habe sich der Verlag entschieden, der französischen Leserschaft die Werke Faulkners in einer bestimmten Reihenfolge zu präsentieren und das erste zudem durch ein Vorwort von André Malraux sowie eine Besprechung von Jean-Paul Sartre prominent zu rahmen. Der Status der transnationalen Autorschaft, den Faulkner dadurch in den 1930er-Jahren erlangte, so die These Sapiros, sei die Voraussetzung gewesen für die spätere Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 1949. Im sechsten Kapitel rekonstruiert und analysiert die Autorin das 1948 von der UNESCO angestoßene Programm zur Erstellung eines „universellen Kanons“ von „Weltklassikern“ (world classics). Bis zu seiner Einstellung im Jahr 2005 habe das Projekt das Ziel verfolgt, die „repräsentativen Werke der Weltliteratur“ zu übersetzen und in einer „Bibliothek der Bibliotheken“ zu präsentieren (S. 255). Das mit diesem Projekt verbundene Übersetzungsprogramm, so Sapiro, habe „das Imaginäre des Marktes der Übersetzungen“ für nicht westliche Kulturen geöffnet und sich damit auf eine „wahrhaft universelle Kultur“ zubewegt: „eine Kultur“, die, folgt man der Definition Bourdieus, „sich aus vielfältigen kulturellen Traditionen zusammensetzt, die durch die gegenseitige Anerkennung, die sie einander entgegenbringen, vereint sind“ (S. 261).

Die Virtuosität, mit der Gisèle Sapiro die analytischen Begriffe, Fragestellungen und Hypothesen des Paradigmas der Weltliteratur mit empirischer Feldforschung verknüpft – von der Formation eines „inter-nationalen Feldes“ zur „symbolischen Ökonomie des Nobelpreises“ im Zeitalter der Globalisierung –, macht ihr Werk nicht nur für frankophile Literatursoziologen zu einer lohnenden Lektüre. Auch für die allgemeine Soziologie sowie eine analytisch orientierte Zeitgeschichte, die sich für den Transfer von Ideen und die Dynamiken des Feldes der kulturellen Produktion interessieren, hält ihre Studie eine Fülle von Einsichten bereit. Insofern wäre es wünschenswert, wenn sich ein Verlag fände, der dieses Werk auch auf Deutsch einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich macht.

  1. Vgl. u. a. La Guerre des écrivains, 1940–1953, Paris 1999; La Responsabilité de l’écrivain. Littérature, droit et morale en France, (XIXe-XXIe siècle), Paris 2011; Les Écrivains et la politique en France. De l’Affaire Dreyfus à la guerre d’Algérie, Paris 2018; Peut-on dissocier l’œuvre de l’auteur?, 2. Aufl., Paris 2024.
  2. Alle Übersetzungen aus dem hier besprochenen Buch stammen von mir, IGH.
  3. Vgl. Pierre Bourdieu, Les conditions sociales de la circulation internationale des idées, in: Actes de la recherche en sciences sociales (2002), 145, S. 3–8.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

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Porträt Ingrid Gilcher-Holtey

Ingrid Gilcher-Holtey

Ingrid Gilcher-Holtey ist emeritierte Professorin für Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld und assoziiertes Mitglied des Centre Européen de Sociologie et de Science Politique (CESSP) an der Université de Paris 1. Sie war Mitarbeiterin der historisch-kritischen Max-Weber-Gesamtausgabe.

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