Tobias Schädel | Rezension |

Zur Ehrenrettung der Wahrheit

Rezension zu „Die Wirksamkeit des Wissens. Eine politische Epistemologie“ von Frieder Vogelmann

Frieder Vogelmann:
Die Wirksamkeit des Wissens. Eine politische Epistemologie
Deutschland
Berlin 2022: Suhrkamp
628 S., 30 EUR
ISBN 978-3-518-29972-2

Wenn außerhalb geisteswissenschaftlicher Seminare oder gepflegter Diskussionszirkel der Begriff ‚Wissen‘ fällt, werden mit ihm meist unbewusst zwei komplementäre Ansprüche erhoben, deren Verbindung dem alltäglichen Verständnis keinerlei Probleme zu bereiten scheint. Zum einen wird davon ausgegangen, dass echtes Wissen nur ‚wahres Wissen‘ sein kann und insofern von Wissen keine Lügen oder Täuschungen zu erwarten sind; zum anderen zeichnet sich Wissen in Abgrenzung etwa zu falschen Überzeugungen durch seine unbestreitbare und nicht bloß zufällige Wirksamkeit aus: Seine korrekte Anwendung erzeugt einen von den Handelnden tatsächlich beabsichtigten Unterschied in der Welt. In einer Gesellschaft, die das pragmatische Denken der kontemplativen Wesensschau tendenziell vorzieht, scheint indes die zweite Komponente der Gleichung die erste, wahrheitsbezogene in sich aufzusaugen und so als Teil zugleich für die ganze Gleichung stehen zu wollen: Wahr ist, was wirkt.

Kann man eine solche pragmatistische Verkürzung nun guten Gewissens argumentativ verteidigen, ohne dabei zugleich ein zynisches Weltbild zu affirmieren, das im reinen Gelingen oder Erfolg schon das ausschlaggebende Kriterium für Wahrheit erfüllt sieht? Lässt sich Wahrheit also vor einer unkritischen Gleichsetzung mit Wirksamkeit retten, wenn doch auch Lüge, Täuschung und Gewaltanwendung wirksam ihre Ziele erreichen können? Gibt es darüber hinaus einen Weg, diese Verteidigung anzutreten, ohne die grundlegende Erkenntnis, dass ‚Wahrheit‘ ein Ding von dieser Welt ist, aufzugeben? Lässt sich also der umgekehrte Irrweg vermeiden, der darin bestünde, den überdehnten und damit potenziell zynischen Materialismus durch den Rückzug in einen naiven Idealismus bekämpfen zu wollen, der Wahrheit wieder zu einer metaphysischen, jegliche soziale Bedingtheit ablehnenden Kategorie machte? An diesen intellektuellen Spagat, der bevorzugt in geisteswissenschaftlichen Seminaren und gepflegten Diskussionszirkeln vollführt wird, schließt sich eine Vielzahl weiterer Fragen an: Kommt man von einer solchen Verteidigung der Wahrheit – sollte sie gelingen – wieder zu einem Begriff von Wissen zurück, der es schafft, die Vielfalt unterschiedlicher Wissensarten abzudecken, also etwa propositionales Wissen ebenso zu erfassen wie kritisches? Was ist mit der inhärent politischen Dimension von Wahrheit, also der Tatsache, dass sie realiter nur in einer Vielzahl von unterschiedlichen, einander möglicherweise gar feindlich gegenüberstehenden Wahrheiten vorkommt? Und wer entscheidet schließlich darüber, welche Wahrheit die ‚wahre‘ ist oder was überhaupt als Wahrheit respektive Unwahrheit bezeichnet wird?

Ein anderes Bild von Wahrheit

Mit Die Wirksamkeit des Wissens, der überarbeiteten Fassung seiner Habilitationsschrift, legt der Freiburger Philosoph Frieder Vogelmann den Grundriss einer politischen Epistemologie[1] vor, mit der er in der Auseinandersetzung mit grundlegenden Begriffen sowohl der politischen Philosophie als auch der Erkenntnistheorie beabsichtigt, Antworten auf die genannten Fragen zu finden. Wahrheit und Politik, so Vogelmanns wenig überraschende Pointe, stehen in einer innigen Beziehung zueinander und die politische Epistemologie ist nun jener Verbund von Disziplinen, der diese kategoriale Verwobenheit angemessen reflektieren und entsprechende Grundbegriffe erarbeiten kann. Durch das gesamte Buch zieht sich der ausdrückliche und wiederholt vorgebrachte Hinweis des Autors, dass hier keine Wahrheitstheorie im strikten Sinne ausgearbeitet, sondern vielmehr ein alternatives philosophisches Bild (S. 12 f.) von Wahrheit skizziert wird, welches dazu geeignet sein soll, die Fallstricke zu materialistisch (Relativismus/Reduktionismus) und zu idealistisch (Autoritarismus/Dogmatismus) gedachter Bilder von Wahrheit zu vermeiden.

Begriffsstrategisch ist durch die Konnotationen des – in kritischer Würdigung von Nietzsche, Deleuze und Foucault gewonnenen, jedoch seiner mythischen Überhöhung zum „Willen zur Macht“ entledigten – Vokabulars der Kraft (S. 374 ff.) das Ziel eines positiven In-Beziehung-Setzens von Wahrheit und Wirksamkeit ausgegeben, mit dem sich gegen etablierte Wahrheitsbilder und die ihnen inhärenten Schwächen anarbeiten sowie sogleich ein neuer Wissensbegriff konturieren lässt. Die philosophischen Strömungen, gegen die Vogelmann hier hauptsächlich argumentiert, sind die analytische Philosophie, der Pragmatismus und zu stark handlungstheoretisch fundierte Praxistheorien. Zwar trägt das Buch den Begriff des Wissens prominent im Titel, doch die Begründungslast liegt ganz klar auf dem Wahrheitsbegriff, der das Wissen erst wahr und wirksam, es also überhaupt erst als Wissen identifizierbar macht. Wissen sei schließlich ‚nur‘ die „mediatisierte Kraft der Wahrheit“ (S. 9), gleichsam materialisierte Hinterlassenschaft.

Im Zentrum der Kritik an den genannten Strömungen steht deren striktes Festhalten am althergebrachten und durch sie noch verstärkten „Standardbild der Wirksamkeit von Wissen“ (S. 23), das darauf insistiert, die gesuchte Wirkmächtigkeit in einem aktiven und rationalen Subjekt zu verorten, welches sich das lediglich passive Wissen aneignet und es handelnd zur Wirkung bringt. Eine solche Trennung in Aktivität und Passivität läuft letztlich auf eine Philosophie hinaus, die das rationale Subjekt zu ihrem Fundament macht und damit hinter die Einsichten einschlägiger Rationalitätskritiken zurückfällt, die das Subjekt längst als das Resultat von Prozessen und Techniken der Subjektivierung sichtbar gemacht haben. Hinzu kommt die gerade in der analytischen Philosophie nach wie vor weitverbreitete Fiktion eines solipsistischen, a-sozialen und a-historischen Subjekts, das Wissen ‚hat‘ und Gründe für seine Rechtfertigung als wahres Wissen angeben kann – gänzlich unbelastet von der Gesellschaft, in der es sich immer schon befindet. Um nicht in solchen und ähnlichen Sackgassen steckenzubleiben, setzt Vogelmann beim Subjekt an und macht es sich zum Ziel, „die These zu verteidigen, dass Wissen eigenständig wirksam ist und dass diese Wirksamkeit auf die Subjektivität gerichtet ist“ (S. 20).

Eine der zentralen Achsen des angestrebten philosophischen Bildes von Wahrheit ist die Vorstellung von einem Subjekt, das dem Wissen nicht schon kategorisch vorgeordnet, sondern – zumindest teilweise – dessen Resultat ist. Ebenso legt Vogelmann Wert darauf, diese „selbstformende“ (ebd.), das heißt subjektivierende Kraft tatsächlich als eigenständig, also von anderen Kräften – wie etwa Macht, Gewalt, Affekte, Naturkräfte oder auch die Kraft rhetorischer Rede – unabhängig, wenn auch nicht gänzlich isoliert, aufzufassen. An diesem häufig exerzierten Beharren auf der Eigenständigkeit von Wahrheit und Wissen wird bereits sehr deutlich, welches strategische Ziel[2] der Autor verfolgt und welche intellektuelle Lücke das Buch schließen soll: Offenkundig geht es darum, ein Bild von Wahrheit zu schaffen, das es ermöglicht, die normative Dimension von Wahrheit zu verteidigen und sie zugleich materialistisch aus den sozialen Praktiken und gesellschaftlichen Konstellationen emergieren zu lassen, Genesis und Geltung also weder gleichzusetzen, noch naiv-dichotomisch voneinander zu trennen. Gesucht wird also eine Möglichkeit, die Dignität von Wahrheit gegen einen „anti-epistemologischen Reduktionismus“ (S. 385) zu verteidigen, der Wahrheit schlicht als Macht oder Funktionalität decodiert, ohne dabei hinter die Einsichten poststrukturalistischer, feministischer und postkolonialer Kritiken am Rationalitätsideal der klassisch-westlichen Philosophie zurückzufallen. „Ein bisschen Idealismus, bitte!“, so ließe sich Vogelmanns Programm verkürzt (und wohl auch zum Ärgernis des Autors) zusammenfassen für eine Gesellschaft, deren politische Kultur an epistemologischen Kontroversen irre geworden ist und dringend Kriterien braucht, um Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden zu können. Vollführen wird dieses Kunststück in letzter Instanz der berühmt-berüchtigte Zaubertrick namens Emergenz – der erlösende Begriff und logische Schlussstein der Vogelmann‘schen materialistisch-idealistischen Wahrheitsarchitektur.

Breite und Tiefe

Bevor besagter Zaubertrick näher untersucht wird, gilt es zunächst aber die professionell-handwerkliche und schriftstellerische Leistung zu würdigen, die ganz offenkundig in den vorliegenden 570 Seiten Fließtext steckt. Mit einem Satz: Die Wirksamkeit des Wissens ist ein hervorragend geschriebenes, durchweg anregendes philosophisches Buch, das zurückhaltende Bescheidenheit mit argumentativer Schärfe und Stringenz verbindet. Nirgends wird die prätentiös-megalomanische Formel ausgegeben, die Philosophie und damit gleich die ganze intellektuelle Welt ‚neu begründen‘ zu wollen. Diese wohltuende Zurückhaltung bei der Behandlung von Wahrheitsfragen zahlt sich auch inhaltlich aus, da sie eine unaufgeregte Lektüre ermöglicht, die dem individuellen Abwägen der präsentierten Argumentation seitens der Leser:innen immer den nötigen Raum lässt, statt sie in einen philosophischen Malstrom hineinzuziehen, der mehr verzaubernd als erhellend wirkt. Dabei ist der inhaltlich gespannte Rahmen ziemlich weit: Zu Vogelmanns Sparringpartner:innen gehören unter anderem namhafte Größen wie Platon, Horkheimer, Adorno, Haraway, Foucault, Deleuze, Rawls, Arendt, Frege, Latour, Rancière, Heidegger, Nietzsche, Althusser, um nur einige zu nennen.[3] Zwar macht Vogelmann aus theoretischen Aversionen und Affinitionen keinen Hehl, dennoch werden alle Ansätze im sachlichen Tonfall des Abwägens gelobt und/oder getadelt – ganz egal, wie nah oder fern sie seinem eigenen Bild von Wahrheit als Kraft sein mögen. Leser:innen sollten sich auf einen erkundenden Rundgang durch die Ecken und Winkel verschiedenster philosophischer Traditionen und Denkschulen einstellen, der überall nur so lange verweilt, wie es für das sukzessive Ausmalen des anvisierten Bildes von Wahrheit und Wissen nötig ist.

Bevor in Teil drei (Kapitel 7–9) eine systematische Darlegung eigenständig wirksamen, selbstformenden Wissens erfolgt, versucht der erste Teil des Buches (Kapitel 2–4) durch eine „laterale Lektüre“ (S. 47) generell plausibel zu machen, dass sich dieses Bild von Wissen bereits weitgehend unbemerkt durch die Werke vieler zum festen Bestandteil des philosophischen Kanons gehörender Autor:innen zieht. Der Nachweis gelingt Vogelmann durch die Demonstration des Umstands, dass keiner der hier untersuchten Autoren (Platon, Adorno/Horkheimer, Rawls) auf eine solche Vorstellung würde verzichten können, ohne die eigenen Wahrheits- und Wissensansprüche ad absurdum zu führen. Nach diesem umsichtigen Einstieg verfolgt der zweite Teil (Kapitel 5–6) das Ziel, die Vorzüge des dargebotenen Wissensbegriffs für unterschiedliche Forschungsfelder zu umreißen, wobei zugleich schon einige spezifische Wissensarten differenziert werden. So mag die Vorstellung von eigenständig wirksamem Wissen etwa für genealogische Arbeiten der Philosophiegeschichte hilfreich sein, weil sie es ermöglicht, zu untersuchen mittels welcher Praktiken Philosoph:innen jenes, sich im selbstgenügsamen Medium des Denkens konstituierende „philosophische Wissen“ (S. 196) von weltlichen und trivialen Akzidentien zu befreien versuchen. Ebenso macht das vorgestellte Konzept die Existenz „sperrigen Wissens“ (S. 249) plausibel, welches in den Praktiken emanzipatorischen „Kritik-Übens“ (ebd.) steckt und trotz eigener Anbindung an ein existierendes und historisch gewordenes Wahrheitsregime eine befreiende Distanz zu dieser Ordnung aufbauen kann.

Hervorzuheben ist hier vor allem das sechste Kapitel, in dem sich Vogelmann in der Auseinandersetzung mit Rawls und Arendt verstärkt der politischen Philosophie und dem „internen Verhältnis“ (S. 352) von Wahrheit und Politik zuwendet, womit er seine bisherigen Ausführungen zu Wahrheit und Wissen um die Komponente der Nichtsouveränität (S. 354 ff.) erweitert. Explizit gegen die Vorstellung eines „desinteressierten Standpunktes“ (S. 355) gerichtet, betont eine solche, nichtsouveräne Epistemologie die für Wahrheit und Wissen konstitutive Gleichzeitigkeit von Pluralität und Agonalität. Da Wahrheit gemäß der materialistischen Grundthese Vogelmanns in sozialen Praktiken entsteht (besser: aus ihnen emergiert), ist Wahrheit ein lokales Phänomen, das an vielen Stellen beziehungsweise in vielen Praktiken gleichzeitig verortet ist. Durch das konfliktäre Spannungsverhältnis jedoch, in dem soziale Praktiken zueinanderstehen, kommen Wahrheit und Wissen in Konfliktsituationen eben auch als strategische Mittel zum Einsatz. Dieser Umstand kommt nicht nur in der Politik zum Tragen, sondern auch in anderweitig ausdifferenzierten gesellschaftlichen Bereichen wie der Wissenschaft oder der Rechtsprechung.

Mit seinen Ausführungen zum internen Verhältnis von Wahrheit und Politik rennt Vogelmann zumindest außerhalb der analytisch dominierten, akademischen Philosophie wohl offene Türen ein. Deutlich werden hier erneut die eigenen Theorieaffinitäten des Autors, etwa für die feministische Standpunkttheorie, deren Grundintentionen er von der in seinen Augen problematischen Metapher des Standpunktes befreit und in jenes Bild von Wahrheit als Kraft überführt, das er selbst zeichnen will. Bezogen auf die Analyse von Unwahrheit in der Politik kann ein derart nichtsouveräner Wahrheitsbegriff natürlich keine einfachen Lösungen im Sinne einer Legitimation alter Autoritäten wie Staat oder Wissenschaft produzieren, denn „die Köpfe aller epistemischen Souveräne müssen rollen“ (S. 373). Letztlich bleibt dem Autor dann doch ‚nur‘ der etwas pathetisch vorgetragene Aufruf dazu, Stellung zu beziehen und sich solidarisch zu erklären „mit all denen, die unter den politischen Verhältnissen leiden und auch noch mundtot gemacht werden“ (ebd.) – freilich nur, solange sie sich selbst solidarisch verhalten und nicht ihrerseits andere Leidende mundtot machen. Für die politische Praxis steht also eine tiefenscharfe Analyse derjenigen sozialen Praktiken, in denen Wahrheiten (wenn auch nur vorgeblich) hergestellt werden, sowie der politischen Kontexte, in denen Wahrheitsansprüche untereinander in Konflikt geraten, auf der Tagesordnung. Epistemische Kritik an Wahrheitsansprüchen zu üben, ohne dabei in Paternalismus zu verfallen – das ist wohl die aufgetragene und als solche hinlänglich bekannte Aufgabe für engagierte Intellektuelle. Nachdem sich deren kollektive Kaste ihre dauerhafte Wirkstätte zwecks kompetitiver Reichweite indes auf Twitter eingerichtet hat und dort ihrerseits den Gesetzen algorithmisierter Blasenbildung unterliegt, wirkt dieser Aufruf so verlockend, wie er nostalgisch ist.

Es bedarf „nur einer geringen Anstrengung des Geistes…“

Zuletzt muss noch ein genauer Blick auf die Herstellung von Wahrheit(en) in sozialen Praktiken geworfen werden. Bereits deutlich wurde, dass Vogelmann die Wirksamkeit der Wahrheit als ausschließlich auf Subjekte gerichtete konzipiert, sie also ohnehin keine (anderen) direkten Auswirkungen als ihre subjektivierende Kraft aufweist. Wie der Autor an zahllosen Stellen des Buches betont, verfügt die Wahrheit darüber hinaus über eine vergleichsweise nur „schwache Kraft“, womit gemeint ist, dass sie sich gegen ihre Überlagerung, Fingierung oder Negation durch Affekte, Rhetorik oder gar Gewaltanwendung im Grunde nicht unvermittelt wehren kann. Hinzu kommt, dass sie aus „prekären Konfigurationen“ (S. 418), also in Konstellationen von Elementen (etwa Akteuren, Dingen, anderen Kräften etc.) entsteht, die ihrerseits nicht bereits Wahrheit enthalten oder solche garantieren, sondern die zunächst nur eine Spannung erzeugen, aus der Wahrheit emergieren kann (S. 417 ff.).

Vogelmanns Kniff besteht demnach darin, Wahrheit eine materialistische Grundlage zu geben, auf die sie aber nicht reduzierbar ist. Genau das unterscheidet Wahrheit nach Ansicht des Autors auch von vielen anderen Kräften, deren Ursprung nicht auf den Vorgang der Emergenz zurückgeführt werden kann – etwa Naturkräfte oder physische Stärke (S. 419). Gerade weil sich an dieser Stelle sofort Einwände gegen den Gebrauch des Emergenzbegriffs erheben würden, Emergenz als spezifisches Merkmal von Wahrheit für Vogelmann aber von höchster begriffsstrategischer Bedeutung ist, wird er weiter als „immanente“ respektive „strukturale“ Emergenz präzisiert (S. 421). Diese Charakterisierungen besagen nicht nur, dass eine emergierende Kraft in nichts anderem als der Wirkung besteht, die aus dem relationalen Zusammenspiel zugrundeliegender Elemente resultiert. In Vogelmanns weiterer Interpretation ist damit auch gemeint, dass die Konstellationen, aus (oder besser: auf) denen Wahrheit emergiert, sehr spezifische Konfigurationen von Elementen sind, deren einzelne Bestandteile – sollten sie außerhalb dieser spezifischen Anordnung oder in anderen Konstellationen zum Tragen kommen – diesen Effekt nicht mehr zeitigen, sprich: keine geeignete Basis für die Emergenz von Wahrheit mehr darstellen würden. So bewegen sich etwa wissenschaftliche, juristische aber eben auch politische Praktiken, in denen tatsächlich ein irreduzibler Wahrheitseffekt erzielt wird, innerhalb sehr spezifischer Konfigurationen von Elementen, die durch kleinste Veränderungen schon keine Grundlage für die Emergenz von Wahrheit mehr bieten würden. In all diesen Konfigurationen spielen andere Kräfte wie Affekte, Rhetorik oder Macht als konstitutive Elemente durchaus eine Rolle, aber ihr bloßes Vorhandensein allein zeitigt noch keinen Wahrheitseffekt. Die Wirksamkeit der Wahrheit lässt sich also nicht kausal auf die Elemente zurückführen, sondern kann nur das potenzielle Resultat ihrer spezifischen Anordnung sein.

Folgt man nun Vogelmanns Insistieren darauf, der Emergenzbegriff stehe nicht im Widerspruch zur materialistischen Grundthese, ließe sich dennoch kritisch fragen, wie denn dann die historische Varianz in der Einrichtung von Wahrheitspraktiken zu verstehen ist: Wird so die epistemische Dignität von Wahrheit nicht direkt wieder historistisch abgeräumt? Ja und nein. Jede Wahrheit entsteht in sozialen Praktiken und ihren prekären Konfigurationen, sie führt eine ihr gemäße Unterscheidung von wahr und falsch in die Welt ein. So betrachtet, trägt sie notwendigerweise einen historischen Index, den sie aufgrund ihres „disruptiven Sperrklinkeneffektes“ (S. 432) stets zu verschleiern trachtet. Ob die aktuelle individuelle oder kollektive Wahrheit außerhalb ihrer Genesis in Praktiken und Wissensordnungen nun auch wirklich wahr ist, kann letztlich niemand garantieren. Dennoch ist Wahrheit nicht bloß agonal gegen andere Kräfte, sondern auch gegen andere Wahrheiten gerichtet: Die eigenständige Wirksamkeit der Wahrheit macht auch vor ihresgleichen nicht halt. Letztlich ist es also der Emergenzeffekt selbst, der – sobald er auf Subjekte selbstformend einwirkt – das kleine Bisschen Idealismus in die ansonsten durch und durch materialistisch funktionierende Welt trägt. Dem „materialistischen Dreh“ (S. 520), den Vogelmann zur Re-Interpretation gängiger Wahrheitstheorien anbietet, entspricht ein an die Adresse seiner eigenen Theorieaffinitäten gerichteter idealistischer Dreh.

Ausblick

Am Ende des Buches mögen Leser:innen sich fragen, welchen Ertrag sie aus der Lektüre ziehen können. Glücklicherweise bietet der aufgespannte philosophische Rahmen Raum genug für eine Fülle individueller Antworten, auch wenn revolutionäre Erkenntnisse wohl eher nicht zu erwarten sind – auch deshalb nicht, weil der Duktus des Buches eine solche Lektüre gar nicht nahelegt. Vogelmann scheint es hier im Wesentlichen darum zu gehen, eine ganze Reihe philosophischer Einsichten jenseits des analytischen und pragmatistischen Mainstreams zu bündeln und sie schließlich mit vereinter Kraft argumentativ gegen diese dominanten Richtungen ins Feld zu führen. Dieses Manöver gelingt: Die zahlreichen dabei sichtbar werdenden Nuancen und Hürden stellen eine Menge ausgefeilter Argumente bereit, um Wahrheit und Wirksamkeit zusammenzudenken. Welchen Eindruck das Buch jeweils hinterlässt, wird auch davon abhängig sein, wie sehr man an der ‚Ehrenrettung‘ des Wahrheitsbegriffs trotz seiner materialistischen und politischen Konstitution interessiert ist und ob man bereit ist, die Hauptachsen der Argumentation – Subjektivität, (nicht-ontologisches) Vokabular der Kraft, Nichtsouveränität und vor allem Emergenz – intellektuell mitzutragen. Die Einladung dazu steht jedenfalls auf solidem Grund.

Der Rezensent kann an dieser Stelle nur darauf hinweisen, dass er durchaus bereit ist, sich auf dieses philosophische Bild einzulassen, sollte es dem Autor zukünftig gelingen, eine noch recht große Lücke zu schließen, die er am Ende des Buches selbst benennt und deren Schließung er in Aussicht stellt (S. 569): Wer von Wahrheit spricht und damit auf mehr als ihre soziologische Existenzbedingung hinauswill, darf von Ideologie nicht schweigen. Gerade in seinen Beispielen zur Analyse politischer Unwahrheit (Trump, Brexit, Klimawandelleugnung) exerziert Vogelmann bereits eine Ideologiekritik, die auf die Praktiken der Wahrheitserzeugung (oder treffender: -fingierung) zielt und ganz genau darauf achtet, welche Kräfte sich hier in welchen Kontexten als Wahrheit ausgeben. Die Frage, ob das Vokabular der Kraft dafür die ausreichenden Mittel zur Verfügung stellt, wird über seinen Wert erheblich mitentscheiden. Durch die Bündelung so vielfältiger kritischer Ansätze der Epistemologie und ihre An- sowie Unterordnung unter das Primat „der Wahrheit“ (ja, im Singular), verstanden als emergente Kraft und wohl letztem Refugium eines schwachen, dafür aber lebensfähigen und realistischen Idealismus, sind die notwendigen Elemente vereint und in eine „prekäre Konfiguration“ gebracht. Die Ausarbeitung eines mit dieser Vorarbeit kohärenten Ideologiebegriffs und entsprechender theoretischer Anteile ist exakt die Aufgabe, die es jetzt zu bewältigen gilt. Die politische Schlagseite eines neuen Bildes von Wahrheit muss in ihrem Bestreben um tragfähige Ideologiekritik gesucht werden. Wäre dies nicht der Fall, wer wollte dann noch die Ehrenrettung der Wahrheit betreiben? Man darf gespannt sein, wie die Ideologiekritik ihre eigenständige Wirksamkeit entfalten wird.

  1. ‚Politische Epistemologie‘ ist gegenwärtig weder ein etablierter Begriff noch ein fest umrissenes Forschungsfeld. Zur Übersicht und Orientierung siehe: Elizabeth Edenberg / Michael Hannon (Hg.), Political Epistemology, Oxford 2021; hier insbesondere die Einführung der Herausgeber:innen.
  2. Der Rezensent möchte darauf hinweisen, dass er das Buch – andere Lesarten sind sicher möglich – an vielen Stellen so interpretiert, als ginge es Vogelmann, zugespitzt und plakativ formuliert, darum, Foucaultianer zu bleiben und dennoch substanzielle philosophische Argumente gegen die zynische Verdrehung des Wahrheitsbegriffs in der Politik formulieren zu können. Diese Einschätzung fußt unter anderem darauf, dass der Autor bei einigen der von ihm herangezogenen Philosoph:innen eine mangelnde epistemologische Selbstpositionierung moniert (S. 11); der Eindruck entsteht aber auch aus dem gesamten Duktus des Buches, insbesondere ab Kapitel 6.
  3. Es fällt allerdings auf, das zwischen der Generation Platons und derjenigen von Heidegger/Adorno eher wenig passiert.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Demokratie Epistemologien Gesellschaft Kommunikation Macht Medien Öffentlichkeit Politik

Tobias Schädel

Tobias Schädel hat Soziologie an den Universitäten Marburg und Gießen studiert und ist Mitglied des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC). In seiner Dissertationsarbeit beschäftigt er sich in kultursoziologischer Perspektive mit der Transformation des gesellschaftlichen Imaginären der Moderne.

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