Nicola Gess | Rezension |

Blendgranaten der politischen Kommunikation

Rezension zu „Alternative Fakten. Zur Praxis der kommunikativen Erkenntnisverweigerung“ von Nils Kumkar

Nils Kumkar:
Alternative Fakten. Zur Praxis der kommunikativen Erkenntnisverweigerung
Deutschland
Berlin 2022: Suhrkamp
336 S., 18 EUR
ISBN 978-3-518-12811-4

Das Problem an „alternativen Fakten“ ist nicht, dass sie die Wirklichkeit verdrehen, sondern dass sie den politischen Diskurs verschieben – das ist Nils Kumkars anregende These in seinem Buch Alternative Fakten, das im September letzten Jahres im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Sind erst einmal alternative Fakten im Spiel, diskutiert man bald nicht mehr über mögliche Lösungsansätze für ein eigentlich klar identifizierbares, aber politisch konfliktträchtiges Problem, sondern problematisiert die Diskussionsgrundlage als solche. Das Ergebnis ist, dass sich ein vager Skeptizismus ausbreitet, notwendige politische Entscheidungen verzögert oder mindestens verwässert, politische Konflikte weder offengelegt noch bearbeitet werden. Die Analyse des Bremer Soziologen nimmt mit diesen Thesen etwas in den Blick, das in den meisten Untersuchungen zum sogenannten „postfaktischen Diskurs“ zu kurz kommt: nicht dessen affektive Dimension, nicht dessen epistemische Problematik, sondern dessen kommunikative Funktion. Er untersucht, welche Rolle alternative Fakten in konkreten Konversationen und politischen Diskurszusammenhängen spielen, ausgehend von der so schlichten wie überzeugenden These, dass alternative Fakten „in der Kommunikation wie die Verdrängung irritierender Inhalte wirken“ (S. 18) – und zwar unabhängig davon, ob sie von ihren Verfechter:innen affirmativ behauptet oder von ihren Kritiker:innen problematisiert werden.

Seine Hypothese testet Kumkar in vier Fallstudien, die sehr unterschiedliche kommunikative Kontexte und politische Themenfelder in den Blick nehmen. Im ersten Kapitel setzt er sich mit den beiden Urszenen des Begriffs der alternativen Fakten auseinander – dem Interview des Journalisten Chuck Todd mit der Präsidentenberaterin Kellyanne Conway und einem Pressebriefing des Weißen Hauses, auf das sich die beiden in dem Interview beziehen und in dem der Pressesprecher Sean Spicer behauptet hatte, dass zur Amtseinführung von Donald Trump mehr Menschen gekommen seien als jemals zuvor. Dabei verfolgt Nils Kumkar zwei Ziele: zu klären, wovon man überhaupt spricht, wenn man sich seit 2017 auf alternative Fakten bezieht – wobei die Hoffnung auf eine Konsistenz der Begriffsverwendung wohl eher trügerisch sein dürfte; und die konkrete Situation zu untersuchen, in der der Begriff geprägt wurde.

In der detaillierten Analyse des Interviews arbeitet Nils Kumkar dann ein grundlegendes Merkmal heraus, das sich auch in den weiteren Fallstudien bestätigt: Nicht die Falschbehauptung als solche ist entscheidend in der Berufung auf alternative Fakten, sondern die Negation der Ausgangsbehauptung. In der Sachdimension hat man es dabei, wie Nils Kumkar formuliert, mit einem „an Nullaussagen grenzenden Skeptizismus“ zu tun, in der Sozialdimension hingegen sei die „Bezugnahme auf einen der Kommunikation bereits vorgängigen Konflikt“ entscheidend (S. 92). Daraus ergibt sich die paradoxe Konsequenz einer Verhärtung der Konfliktstruktur auf der sozialen Ebene bei gleichzeitiger Verdrängung der Sachlage, die dem Konflikt eigentlich zugrunde liegt. Die Berufung auf alternative Fakten beschreibt Nils Kumkar darum auch als eine „Blendgranate“: ihre Funktion ist nicht die „Veränderung der Wirklichkeit, in welcher der Konflikt stattfindet, sondern ihre temporäre Überblendung“ (S. 93). Das heißt: die Berufung auf alternative Fakten hat ihr Ziel erfüllt, wenn anschließend nur noch über die Falschbehauptungen gesprochen wird, nicht mehr aber über das Problem, das sie verdrängen. In diesem Fall wäre das, so Kumkar, die Legitimitätskrise des frisch gewählten Präsidenten gewesen, zu dessen Inaugurationsfeier vergleichsweise wenig Menschen gekommen waren und der nicht der Gewinner des „popular vote“ war.

Im zweiten Kapitel wechselt Nils Kumkar den Schauplatz, um sich mit alternativen Fakten zum menschengemachten Klimawandel zu beschäftigen, die im Gewand einer wissenschaftlichen Gegenexpertise daherkommen, sich von einer solchen aber in einem wesentlichen Punkt unterscheiden: Eigene Hypothesen werden nicht vorgetragen, sondern lediglich bestehende Erkenntnisse zurückgewiesen. Nils Kumkar führt das sehr anschaulich anhand der Art und Weise vor, wie ein Bericht des Non-Governmental International Panel on Climate Change einen Bericht des International Panel on Climate Change anzweifelt. Die Ergebnisse werden einfach Punkt für Punkt negiert, ohne Alternativen zur bisherigen wissenschaftlichen Expertise zu formulieren: „Die unbestimmte Negation […] kommuniziert lediglich die Nullhypothese(n): Es handelt sich nicht um X sondern um -X“ (S. 157). Selbst die Verwicklung in interne Widersprüche stellt kein Problem dar, weil „der eigentlich kohärenzstiftende Kern der Argumentation“ (S. 155) lediglich die Abwehr der wissenschaftlichen Expertise des IPCC bzw. der Entscheidungsgrundlage ist, die diese für die Politik bedeutet. Das Ergebnis ist ein Skeptizismus, der zur Verdrängung politischer Konfliktsituationen und dadurch auch zum Aufschub notwendiger Entscheidungen führt.

Anders als man vielleicht annehmen könnte, sieht Nils Kumkar eine Lösung für dieses Problem jedoch nicht in der Bekämpfung der alternativen Fakten zum menschengemachten Klimawandel, sondern in der Problematisierung der Verkopplung von Wissenschaft und Politik. Denn nur dort, wo sich „die Politik hinter dem Wissen versteck[e]“ (S. 173), sei es möglich, alternative Fakten als scheinbare Gegen-Expertise ins Feld zu führen und so letztlich – wie Kumkar mit Referenz auf Alexander Bogners Problematisierung der „Epistemisierung des Politischen“ ausführt – der Diskussion über notwendige politische Maßnahmen durch eine Diskussion über epistemische Fragen auszuweichen.

Das dritte Kapitel untersucht Konversationen zu Corona und zur Pandemiepolitik auf Facebook-Seiten der AfD und nimmt damit zwei neue Aspekte in den Blick: zum einen die Rolle der sozialen Medien in der Verbreitung alternativer Fakten, zum anderen die gegenseitige Bestätigung von alternativen Fakten und Verschwörungstheorien. Vieles, was Nils Kumkar schon in den ersten Kapiteln herausgearbeitet hatte, bestätigt sich hier, so der Einsatz alternativer Fakten zur Abwehr eines allen Beteiligten aus dem „Mehrheitsdiskurs“ gut bekannten Sachverhalts – von einer Filterblase keine Spur. Neu ist in diesem Kapitel aber die Beobachtung, dass die Kommunikation alternativer Fakten in den sozialen Medien vor allem der Identitätsbehauptung dient. Nils Kumkar identifiziert, zusammen mit Hannah Trautmann, der Co-Autorin der diesem Kapitel zugrunde liegenden Studie, in den Kommentaren ein bestimmtes narratives Muster: „Der Ausgangspost der AfD wird von den Kommentator:innen als Aufforderung angenommen, die wahren Gründe hinter einer beobachteten Inkohärenz zu ermitteln, wobei das Ergebnis dieser Ermittlung unweigerlich der Plan der Regierung ist, die Bundesrepublik in eine Diktatur zu verwandeln“ (S. 205). Die Kommentator:innen inszenieren sich also als Ermittler:innen, sind dabei jedoch weniger an der Untersuchung der vermeintlichen Verschwörung als an der wiederholten Bestätigung ihrer Identität „als Durchblicker, die sich von der Gesellschaft der Schlafschafe abheben“ (S. 206), interessiert.

Zugleich demonstrieren die untersuchten Konversationen auch, wie eng sich alternative Fakten und Verschwörungstheorien gegenseitig stützen. Nils Kumkar geht es jedoch nicht primär darum, diese Nähe zu demonstrieren, sondern zu argumentieren, dass die Wirksamkeit der alternativen Fakten in der gesellschaftlichen Debatte durch deren enge Bindung an Verschwörungstheorien paradoxerweise noch verstärkt wird. Denn diese Bindung lässt es wahrscheinlicher erscheinen, dass die Personen, die alternative Fakten verbreiten, an diese tatsächlich glauben. Und das wiederum macht es wahrscheinlicher, dass in der öffentlichen Debatte epistemische Probleme in den Vordergrund rücken – anstelle der konkreten politischen Konflikte, der Entscheidungsschwierigkeiten und -notwendigkeiten, die durch die Kommunikation über alternative Fakten überblendet werden.

Auf diesen Aspekt geht Nils Kumkar dann noch einmal gezielt im vierten Kapitel ein. Hier nimmt er die Rolle in den Blick, die die Massenmedien für die Kommunikation über alternative Fakten spielen und greift dafür die öffentliche Debatte über die sogenannten Querdenker heraus. Er konzentriert sich dabei auf die Frage, wie diese eigentlich recht marginale Figur in der öffentlichen Debatte über die Corona-Maßnahmen so wichtig werden konnte. Im Ergebnis kann er plausibel machen, dass die Thematisierung der „alternativen Fakten“ der Querdenker in der massenmedialen Kommunikation vor allem die Verschiebung eines Konflikts bedeutete: Die Querdenker bzw. deren übermäßige Präsenz im massenmedialen Diskurs „erlaubten es der politischen Debatte, die konflikthafte Abwägung von Gesundheitsrisiken und wirtschaftlichen Interessen normativ umzudeuten (in Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt) und thematisch zu verlagern“ (S. 282).

So gelangt Nils Kumkar in den vier Fallstudien immer wieder zu einem ähnlichen Ergebnis. Das ist aber nicht repetitiv, sondern trägt zur Anschaulichkeit und Überzeugungskraft seines Befundes bei, dass die Kommunikation alternativer Fakten letztlich der Verdrängung eines politischen Konfliktes dient, und dass die Problematisierung alternativer Fakten im öffentlichen Diskurs dieser Verdrängung nicht entgegenwirkt, sondern diese im Gegenteil noch verstärkt. Wollte man etwas kritisieren, so wäre nach der Konsistenz seines Gegenstandes zu fragen. Mal benutzt Nils Kumkar den Begriff der „alternativen Fakten“ nämlich als eine analytische Kategorie – etwa, wenn er offenlegt, dass es sich bei der wissenschaftlichen Gegenexpertise in Wahrheit um „alternative Fakten“ handele; mal ist der Begriff selbst Gegenstand seiner Analyse – wenn er Conways Rede von „alternativen Fakten“ untersucht; mal verwendet er den Begriff deskriptiv, um die Tatsachenbehauptungen, Zukunftsprognosen und Affektäußerungen von Facebook-Nutzern als „alternative Fakten“ zu beschreiben.

Jenseits dieses methodischen Vorbehalts bleibt Nils Kumkars Buch jedoch ein großer Gewinn, insofern es eine wichtige Ergänzung zu den bereits bestehenden Arbeiten zum postfaktischen politischen Diskurs liefert, die sich vor allem auf dessen affektive Dimension und epistemische Problematik beziehen. Beide Aspekte werden von Nils Kumkar keinesfalls ignoriert, zu wichtig sind sie für ein tiefergehendes Verständnis der Konjunktur des Postfaktischen. Doch seine Untersuchung der kommunikativen Funktion alternativer Fakten ergänzt die vorliegenden Befunde um einen zentralen Aspekt und hat dabei eine entdramatisierende und auch aktivierende Note. So lässt er beispielsweise die Befürchtung, die Menschen lebten zunehmend in getrennten Wirklichkeiten, grundsätzlich hinter sich. Für ihn treten alternative Fakten vielmehr vor allem dann auf den Plan, wenn der tatsächliche Stand der Dinge allen so klar ist, dass man nur noch mit einer unbestimmten und in sich widersprüchlichen Negation gegen sie vorgehen kann. Denn das erzeugt Irritation und verschiebt die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Problem auf die Grundlagen der Debatte selbst. Aktivierend ist sein Beitrag schließlich, weil er fordert, nicht länger über alternative Fakten zu diskutieren, sondern die politischen Konflikte, die durch sie verdeckt werden, offen zu legen und als solche zu bearbeiten. Darin sieht er auch, ergänzend zu den Untersuchungen des postfaktischen politischen Diskurses durch andere Disziplinen, den Beitrag einer „soziologischen Aufklärung“ oder einer „Sozio-Analyse“: „die Konflikte explizit zu machen, die in den betreffenden politischen Aushandlungen wirksam werden“ (S. 318).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Kategorien: Affekte / Emotionen Demokratie Epistemologien Gesellschaft Kommunikation Macht Medien Öffentlichkeit Politik Wissenschaft

Nicola Gess

Nicola Gess ist Professorin für Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Basel. 2021 erschien ihr Buch „Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit“ in der Reihe Fröhliche Wissenschaft beim Verlag Matthes & Seitz.

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