Stephanie Kappacher, Karsten Malowitz, Jens Bisky, Henriette Liebhart | Essay | 06.10.2026
Buchempfehlungen zum Herbst
Die Soziopolis-Redakteur:innen geben Lektüretipps
Welche Neuerscheinung war eine freudvolle, erkenntnisreiche Lektüre? Welches ältere Buch kann man wieder in die Hand nehmen, um aktuelle Phänomene besser zu verstehen? Und auf welchen demnächst veröffentlichten Titel freuen wir uns? Die Mitglieder der Soziopolis-Redaktion geben vier Mal im Jahr Buchtipps – ausgewählt, knapp und subjektiv.
Gerne gelesen
Zukunftsorientiert
Die jüngsten Wahlerfolge der AfD sind herausfordernd, Theorien und Mutmaßungen über die Gründe für diese Entwicklung gibt es derlei viele. Eine monokausale Erklärung dafür – darüber dürfte Konsens herrschen – kann es nicht geben; vielmehr braucht es verschiedene Perspektiven, um mithilfe der Puzzleteile aus einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen ein umfassendes Bild erstellen zu können. Eines dieser Puzzleteile für den Erfolg der AfD steuern die Erziehungswissenschaftler:innen und Bildungsforscher:innen Rita Nikolai und Moritz Gawert mit ihrem Buch Schulpolitik von rechts bei. Sie setzen sich darin mit den schulpolitischen Vorstellungen der AfD auseinander und sensibilisieren so für die bedeutsame Rolle, die Schulen dabei zukommt, demokratische Subjekte überhaupt erst hervorzubringen und somit das Leben in demokratisch verfassten Gesellschaften zu erlernen, schließlich kann es „ohne Demokrat:innen […] keine Demokratie geben“ (S. 14). Sich in der Gestaltung von Schulen und Bildungsprozessen einzubringen, ist damit vor allem eine Investition in die Zukunft, werden hier doch die Wähler:innen von morgen unterrichtet.
Logisch also, dass Bildungsinstitutionen längst „ein ideologischer Schauplatz“ (S. 12) geworden sind, den die AfD immer stärker für sich und ihre Ziele zu nutzen versucht. Welche Positionen sie dabei vertritt, welcher strategischen Mittel sie sich bereits bedient und welche sie noch einsetzen kann, haben die Bildungsforscher:innen in diesem Band übersichtlich zusammengetragen. Das Manuskript wurde zwar im Frühjahr 2026 und damit vor den jüngsten Landtagswahlen fertiggestellt, beinhaltet jedoch auch Überlegungen zu zukünftigen Szenarien mit einer AfD in Regierungsverantwortung. Neben ihren Erkenntnissen im deutschen Kontext nehmen Nikolai und Gawert auch einen Ländervergleich vor, stellen Entwicklungen etwa in Argentinien und Italien jenen in Neuseeland, Österreich und Polen gegenüber, um Entwicklungen abschätzen zu können, die uns hier in Deutschland womöglich bevorstehen, sollte der Erfolg rechter Politik anhalten. Wer sich einen Eindruck von bisherigen Entwicklungen dies- und jenseits deutscher Grenzen machen sowie einen Blick in eine mögliche Zukunft werfen möchte, ist mit der Lektüre des Bandes gut beraten. (Stephanie Kappacher)
Against All Odds
Die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes haben derzeit vielerorts einen besonders schweren Stand. Während sie selbst sich häufig mit dem populistischen Vorwurf konfrontiert sehen, langsam und leistungsscheu zu sein, werden Verwaltungsstrukturen, -verfahren und -vorschriften von interessierter Seite gerne als ineffizient, langwierig und komplex verunglimpft. Politiker:innen unterschiedlichster Couleur überbieten sich in Klagen über den Behördendschungel oder das Verwaltungsdickicht, deren Auswüchsen sie – je nach Temperament – wahlweise mit der Kettensäge (Javier Milei) oder der Heckenschere (Christian Lindner) zu Leibe rücken wollen. Vor diesem Hintergrund scheint es nicht verkehrt, wenn Sozialwissenschaftler:innen die Vertreter:innen der politischen Klasse ebenso wie die Bürger:innen von Zeit zu Zeit an die konstitutive Bedeutung des öffentlichen Dienstes für den modernen Staat im Allgemeinen und den demokratischen Wohlfahrtsstaat im Besonderen erinnern. Ein äußerst lesenswertes ,Erinnerungsschreiben‘ dieser Art ist das jüngst erschienene Buch Data Are Made, Not Found der US-amerikanischen Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin danah boyd.
Im Zentrum von boyds Studie steht die jüngste US-Volkszählung von 2020, zu deren Durchführung es neben mehr als zehn Jahren Planungen und technischer Vorarbeiten auch der Mitwirkung von annähernd einer Viertelmillion Zeitarbeitskräften bedurfte. Gestützt auf Gespräche mit Hunderten von Personen, die an der Durchführung der Volkszählung beteiligt waren, gibt boyds Buch sowohl einen Eindruck von der immensen Arbeit, die der Erzeugung validen staatlichen Wissens vorausgeht, als auch von den zahlreichen Schwierigkeiten, die seiner Erfassung entgegenstehen – von den unvorhergesehenen Folgen der COVID-19-Pandemie bis hin zu den gezielten Attacken durch die erste Trump-Administration. boyd zeigt, wie die Beschäftigten des United States Census Bureau den immer neuen Herausforderungen begegneten und die ihnen anvertraute Mammutaufgabe zu einem erfolgreichen Abschluss führten. Vor allem aber vermittelt sie ihren Leser:innen ein Gefühl für die politische Relevanz von Daten, deren Erhebung alles andere als ein Selbstzweck ist, sondern über die Verteilung von Macht und Geld entscheidet – und eben deshalb politisch umkämpft ist. (Karsten Malowitz)
Aus aktuellem Anlass
Die barbarisch zivile Ordnung
Als H.G. Adlers Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland 1974 zum ersten Mal erschienen, lasen die Deutschen Joachim Fests Hitler-Biografie, die den Mord an den europäischen Juden nur beiläufig behandelte. Das war zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich. Nur vierzig Zeilen hatte etwa der Historiker Martin Broszat 1969 in seinem Buch Der Staat Hitlers dem Holocaust gewidmet. Dabei nahm Broszat die Staatsverwaltung ausdrücklich in Schutz, die „vollen Absichten der Führung“ hätte sie nur ungenügend gekannt.
H.G. Adlers Darstellung, die auf Quellen, vor allem Akten der Würzburger Gestapo, beruhte, zerstörte solche Legenden. Er wollte es genau wissen:
„Es sagt sich leicht, da wir das Ergebnis kennen: ein Jude oder die Juden werden deportiert. Aber was ist das eigentlich? Was ist dem Betroffenen geschehen? Wie hat man es gemacht? Wie ist es möglich geworden und gewesen? Wer war daran amtlich beteiligt? Wie liefen die Befehlswege? Wie geht es überhaupt zu, wenn man nicht schlechtweg vertreibt, wie es seit 1945 immer erschreckender häufig in Europa, Asien und Afrika üblicher Brauch geworden ist, sondern sozusagen in barbarisch ziviler Ordnung einen Menschen wider seinen Willen in einem Ort vollkommen entwurzelt und ihn, aller – oder doch fast aller – Mittel entblößt, scheinbar legitim abschafft und auf diese Weise administrativ bereits tötet, bevor ihm physisch der Garaus bereitet wird?“ (S. 6)
Von diesen Fragen handelt das Buch Der verwaltete Mensch. Heinrich Böll hat es damals im Spiegel rezensiert: „Sollte aus der Hitlerwelle auch nur andeutungsweise eine Hitlernostalgie werden, so wären Adlers ;Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland‘ das wahre Gegenmittel.” In der jüngst erschienen Neuausgabe informiert ein Vorwort von Götz Aly über die Entstehung dieses Grundlagenwerks und seinen Autor. 1910 in Prag geboren, wurde Hans Günther Adler 1942 mit seiner Frau und deren Eltern nach Theresienstadt deportiert, wo sein Schwiegervater starb. Seine Frau und seine Schwiegermutter wurden 1944 in Auschwitz vergast. Adler selbst überlebte Auschwitz, Buchenwald und andere Lager. 1955 veröffentlichte er Theresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft.
In seinen Studien dokumentiert Adler die konkreten Abläufe und Handlungen, schildert, wie die Juden entrechtet, beraubt und deportiert wurden, wie Verwaltung und Mitbürger ihnen den „Finanztod“ und den sozialen Tod bereiteten, um sie anschließend nach Regeln zu ermorden. Auf weit über zweihundert Seiten werden „Schicksale aus den Akten“ rekonstruiert. Die Darstellung ist auch nach über fünfzig Jahren nicht veraltet. Adlers Prosa – genau, frei von vagen Verallgemeinerungen, scharf und zurückhaltend zugleich – taugt zum Muster für historische und soziologische Analysen. (Jens Bisky)
Noch nicht erschienen
Spurensuche
Was bleibt von einem Staat, wenn er nicht mehr existiert und seine Monumente verschwinden? Nach 1990 wurden zahlreiche Ostberliner Denkmäler, die den Kommunismus und den Personenkult der DDR repräsentiert hatten, abgebaut oder entfernt. Sophie Calle suchte wenige Jahre nach der Wende jene Orte in Ostberlin auf, an denen Denkmäler, Embleme oder andere Symbole des untergegangenen Staates beseitigt worden waren – etwa die beiden Kampfgruppendenkmäler an der Hohenschönhauser Straße oder die Inschrift am Eingang zum Nikolaiviertel. Dort fragte sie Passant:innen und Anwohner:innen nach ihren Erinnerungen an die vergangene Zeit. Ihre Aussagen hat Calle in Erinnerungen an Ostberlin dokumentiert und führt sie mit Fotografien der leeren oder neu gestalteten Orte zusammen.
Calle betreibt zeithistorische Recherche mit künstlerischen Mitteln. Sie dokumentiert nicht, wie es war, sondern wie sich Menschen an etwas erinnern, das nicht mehr zu sehen ist. Dabei zeigt sich, wie unterschiedlich und lückenhaft diese Erinnerungen ausfallen. Das Buch verhandelt Fragen der Erinnerungskultur, der symbolischen Ordnung und des Umgangs mit politischen Zeichen nach einem Systemwechsel. Die ungewöhnliche wissenschaftliche Lektüre empfiehlt sich für all jene, die sich auf eine Spurensuche in Ostberlin begeben und sich mit der Bedeutung von verschwundenen politischen Symbolen beschäftigen wollen. (Henriette Liebhart)
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