Florian Schmidt | Veranstaltungsbericht | 03.11.2025
Frankfurt School statt Frankfurter Schule
Bericht zu den Adorno-Vorlesungen „In guter Verfassung? Zur Neuordnung des Geldes“ von Katharina Pistor am 22., 23. und 24. Oktober 2025 in Frankfurt am Main
Vom „Wesen des Geldes“ bis zur „Neuordnung des Geldwesens“ bot Katharina Pistor in drei Vorlesungen, den diesjährigen Adorno-Lectures, die Sicht einer sozialwissenschaftlich interessierten Rechtsprofessorin auf das liebe Geld dar.[1] Sie changierte dabei zwischen juristischer Begutachtung, sozialwissenschaftlicher Problematisierung und politischer Intervention. Pistor hatte vor allem mit der Monografie „Der Code des Kapitals“ (2020)[2] hierzulande ein weites Publikum gefunden und die Sozialwissenschaften sowie andere Fachfremde für die kapitalismuskonstitutive Rolle des Rechts sensibilisiert. Dieser interdisziplinäre Dialog sollte nun in Frankfurt am Main über das Geld fortgeführt werden. Dass die Reden und Gegenreden an den drei Abenden mitunter etwas weitläufig gerieten, sagte weniger über die „intellektuell stets liquide“[3] Rednerin von der Columbia University New York als über die Widerspenstigkeit des Themas und die überraschende Zusammensetzung des Frankfurter Publikums aus.
Eine institutionelle Autopsie
„Reden wir über Geld.“ – So hatte Stephan Lessenich, Direktor des Instituts für Sozialforschung und Gastgeber, die Adorno-Lectures 2025 an der Goethe-Universität Frankfurt eingeleitet. Doch worüber reden wir, wenn wir über Geld reden? Anders als im Fall von Stuhl, Heft oder Stift handelt es sich beim Geld um ein eher unzuverlässiges Denotat. Die naheliegende Antwort, dass die Münzen oder Scheine in meiner Brieftasche Geld seien, ist zwar nicht falsch, führt letztlich aber in die Irre. Denn die Münze oder der Geldschein verweist ja wiederum auf etwas, nur worauf? Wohl gerade, weil das Geld schwer zu begreifen und unsere Vorstellung von seiner Verfasstheit durch Ideologien[4], Mythen[5] und folk theories[6] vernebelt ist, widmete Katharina Pistor ihre erste Vorlesung dem „Wesen des Geldes“. Hatte der Titel eine philosophische Abhandlung versprochen, so erwies sich Pistors Wesensbestimmung in der folgenden Stunde als stichhaltiges Gutachten zum Fall „Geld“. Der Aufbau des Vortrags ließ die ausgebildete Rechtswissenschaftlerin erkennen. Dass sie in dessen Verlauf dann juristische Argumentationsweisen mit geldtheoretischen Debatten und historischen Beispielen verknüpfte, bestätigte ihre Bedeutung weit über die Rechtswissenschaft hinaus. Geld, davon sollte uns die erste Vorlesung überzeugen, sei ein relationales Gut und sein Wesen lasse sich nicht aus seinen Funktionen ableiten.
Am Anfang stand die Kritik der Lehrbuchmeinung. Üblicherweise, das heißt in wirtschaftswirtschaftlichen Lehrbüchern, werde Geld durch seine Funktionen bestimmt. Geld fungiere als – ‚Und jetzt alle!‘ – Zahlungsmittel, Wertmesser und Wertaufbewahrungsmittel. Als Zahlungsmittel nutzen wir Geld beim Kauf an der Supermarktkasse oder bei der Überweisung unserer Miete. Als Wertmesser ermöglicht uns Geld, Unterschiedliches miteinander zu vergleichen. Und aufgrund seines stabilen Nominalwerts erlaubt es als Wertaufbewahrungsmittel, Vermögen über kürzere oder längere Zeiträume hinweg zu transferieren – auch, wenn der Realwert dabei durch Inflation selbstverständlich sinken kann. Pistor verzichtete darauf, die Ontologie eines solchen Funktionalismus fundamental zu hinterfragen.[7] Stattdessen wies sie auf die sozialen Vorbedingungen der Geldfunktionen hin und bemerkte, dass eine derartige Auffassung von Geld erstaunlich wenig zur Frage zu sagen habe, wo das Geld eigentlich herkomme. Zudem gebe es verschiedene Geldformen – Pistor unterschied zwischen staatlichem Geld und privat geschöpftem Buchgeld –, die diese Funktionen nicht gleichermaßen erfüllten. So sei etwa die Funktion als Wertmesser und Wertaufbewahrungsmittel nur dem staatlichen Geld vorbehalten. Die kritische Auseinandersetzung mit funktionalistischen Gelddefinitionen dient in der Literatur mittlerweile als ritualisierter Aufhänger und wirkte daher hier etwas pflichtschuldig, war dann jedoch nicht mehr als eine Aufwärmübung. Im ersten Teil kam es Pistor nur darauf an, zu sagen: „So nicht!“. Wie dann?
Geld könnte man, so die Ausgangsüberlegungen des zweiten Teils, als ein relationales Gut begreifen. Anders als erwartet, hielt sich Pistor nicht lange damit auf, die Bedeutung seiner Relationalität zu beleuchten. Geld existiere nun einmal nur in soziale Beziehungen – ohne soziale Beziehungen kein Geld. Zunächst interessierte Pistor die Einordnung des Geldes als Gut. Diese galt es, genauer zu prüfen. Dafür griff sie auf Definitionen aus dem römischen Recht und den Wirtschaftswissenschaften zurück. Dem römischen Recht zufolge könne man zwischen Gemeinschaftsgütern und aneignungsbaren Gütern unterscheiden. Die Luft sei etwa ein Gemeinschaftsgut, ein wildes Tier, das gejagt werde, ein aneignungsbares Gut. Die Wirtschaftswissenschaften hingegen differenzierten zwischen öffentlichen Gütern als jenen Gütern, die keinen Ausschluss Anderer dulden, und privaten Gütern, die andere ausschließen, sowie rivalen Gütern, die durch eigenen Gebrauch den Gebrauch anderer ausschließen. Anders als behauptet, war die Luft im fensterlosen Hörsaal IV keinesfalls ein öffentliches, sondern ganz sicher ein rivales Gut, aber das nur am Rande.
Geld lasse sich weder als öffentliches noch als privates oder rivales Gut qualifizieren. Einerseits schließe Geld sehr wohl aus, könne also nicht einfach ein öffentliches Gut darstellen. Andererseits bedürfe Geld der allgemeinen Nutzung, ein allzu rigider Ausschluss sei gerade nicht wünschenswert. Deshalb sperre sich das Geld auch gegen die Vereinnahmung als privates Gut. Dass es zudem vermehrbar sei, ließe außerdem die Einordnung als rivales Gut ausscheiden. Pistor legte also schrittweise dar, dass die bewährten Kategorien das Geld nicht trafen und der Begriff des relationalen Gutes die Eigenschaft des Geldes, zugleich exklusionsfähig und inklusionsbedürftig zu sein, besser erfasse.
Wenn Geld ausschließlich in sozialen Beziehungen existieren kann, so stellt sich die Anschlussfrage, wodurch diese Beziehungen eigentlich zustande kommen. Etwas anders gefragt: Warum wird Geld mehr oder weniger allgemein akzeptiert? Hier setzte Pistor zu einer kurzen Kritik der Modern Monetary Theory (MMT) an. Deren neochartalistische Erklärung, die Teilnehmer einer Gesellschaft würden das Geld akzeptieren müssen, weil es einst von einem Herrscher zur Begleichung der Steuerschuld ausgegeben worden wäre, erschien Pistor nicht hinreichend. Die Akzeptanz des Geldes sei so leicht nicht durchsetzbar. Pistor wechselte das Spielfeld, verließ für einen Moment die Prüfung rechtlicher Kategorien und stieg hinab in die Geschichte. Aus ihr hatten neochartalistische Ansätze ihr Selbstbewusstsein gewonnen, waren es doch jüngere historische Arbeiten, die den Ursprung des Geldes aus dem Marktgeschehen infragestellten und staatlicher Autorität eine größere Bedeutung zuwiesen.[8] Pistor wendete historische Befunde gegen den Neochartalismus, ging ihn also mit seinen eigenen Waffen an. Ihre beiden historischen Beispiele verdankte sie der Dissertation von Fabian Heide, die unter dem Titel „Die rechtliche Konstruktion des Geldes“ 2025 veröffentlicht wurde.[9]
Im Jahr 1767 änderte Friedrich der Große die Satzung der Königlichen Giro- und Lehnbank in Preußen. Die Bank sollte fortan Giralgeld emittieren, dass die Kundschaft zur Tilgung ihrer Steuerschuld nutzen durfte. Anders als von neochartalistischen Ansätzen der MMT behauptet führte diese Änderung nicht dazu, dass die Bevölkerung ebenjenes Giralgeld als Zahlungsmittel verwendete. Stattdessen tauschte sie es, wann immer möglich, gegen Silbermünzen ein und nutze es vorwiegend als reines Steuerzahlungsmittel. Die Befugnis zur Steuertilgung mache also noch kein Geld, so Pistors Schlussfolgerung. Weniger als hundert Jahre später, so das zweite Beispiel, im Jahr 1846 sollte ebenjene Bank als Staatsbank reaktiviert werden, um die preußische Krone durch Notenemission zu finanzieren. Seit einem Edikt von 1820 hatte staatliche Neuverschuldung nämlich die Zustimmung der Stände erfordert. Um deren Beteiligung zu umgehen, bat die preußische Krone Privatleute um Kapitalisierung der Notenbank. Hier hatte der Staat in Gestalt des Monarchen ein Interesse daran, seine Macht mit privaten Kapitalgebern zu teilen, um parlamentaristischen und konstitutionalistischen Tendenzen vorzubeugen. Pistor schlussfolgerte: Die Akzeptanz des Geldes durch staatliche Autorität zu begründen, greife zu kurz. Vielmehr sei Geld ein hybrides Konstrukt, das staatliche Sanktionsfähigkeit und private Interessen vereine. Gerade deshalb solle der analytische Blick nicht einseitig auf den Staat verengt werden. Es bedürfe im Hinblick auf das Geld einer Analyse seiner rechtlichen Ausgestaltung oder in Pistors Worten „einer institutionellen Autopsie“.
Dafür konnte Pistor im dritten Teil also wieder auf ihr rechtswissenschaftliches Untersuchungsbesteck zurückgreifen. Der erste Schnitt trennte staatliches Geld von privatem Buchgeld. Sodann zog sie die International Financial Reporting Standards (IFRS) zurate, um deren Begriffsdefinitionen von Schuld, Eigentum, ökonomischer Ressource an den beiden Geldformen zu erproben. Dabei überraschte sie gleich zu Beginn. Staatliches Geld sei nach dem Ende von Bretton Woods kein Kreditgeld mehr. Denn das vorherige Versprechen – die Schuld – des Staates, sein Geld in Gold eintauschen zu können, sei seither nichtig und durch kein anderes Versprechen ersetzt worden. Staatliches Fiatgeld verweise nur noch auf sich selbst. Dass der Staat es zur Tilgung von Forderungen gegen ihn selbst akzeptiert, sei ein Annahmeversprechen, entspreche jedoch nicht der Schuld-Definition der IFRS. Immerhin verstehe der IFRS unter Schulden „gegenwärtige Verpflichtungen, denen ein vergangenes Ereignis zugrunde liegt und deren Erfüllung zu einem erwarteten Ressourcenabfluss führt“. In diesem Sinne sei staatliches Geld kein Kreditgeld.
Hier und da war skeptisches Räuspern im Publikum zu vernehmen. Pistor ließ sich davon nicht beirren. Auch der Eigentumsbegriff der IFRS finde mit Hinblick auf das staatliche Geld keine Anwendung. Am ehesten sei es noch als ökonomische Ressource zu begreifen, da es ein Recht darstellt, „(…) das ökonomische Vorteile schafft“. Dennoch lautete das Zwischenfazit ihrer Prüfung: staatliches Geld ginge weder im Schuld-, noch im Eigentums- oder Ressourcenbegriff auf, sondern sei ein Gut sui generis.
Und das private Buchgeld? Das könne von Banken geschöpft werden, indem sie Kredite vergeben. Hierbei ließ Pistor die IFRS zurück und berief sich stattdessen auf den Soziologen Geoffrey Ingham: „Geld ist immer Kredit, aber nicht jeder Kredit ist Geld“. Moment mal! Hatte Pistor nicht gerade behauptet, staatliches Geld sei kein Kreditgeld mehr? Und hatte nicht Ingham staatliches Geld und privates Buchgeld in seinem bahnbrechenden Buch über die „Nature of Money“ (2004)[10] auf eine Weise miteinander verquickt, die den analytischen Mehrwert einer Trennung der beiden fraglich werden ließ? Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine Diskrepanz zwischen juristischen Begriffen von Staats- und Kreditgeld einerseits und dem konsequenten Geltungsanspruch einer Kredittheorie des Geldes[11] andererseits zutage trat – was Bruchstellen des interdisziplinären Dialogs markierte.[12]
Währenddessen war Pistor schon dazu übergegangen, die seltsame Eigentumsform privaten Buchgeldes zu erörtern. Seit dem britischen Rechtsfall Foley v Hill von 1848 sei jegliches Geld, das die Kundin der Bank einzahle, als Eigentum der Bank zu behandeln. Nun trat Nervosität auf die Gesichter des Publikums. Auch dafür aber war keine Zeit. Denn Pistor warf schon eine schematische Bilanz der Geschäftsbank an die Wand, um den Zaubertrick der Kreditgeldschöpfung vorzuführen. Eine Bank vergebe einen Kredit, registriere das Zahlungsversprechen der Kundin als Aktiva und das neue Guthaben der Kundin als Passiva. Das neue Geld sei also nichts anderes als der Anspruch einer Bank gegen sich selbst. Im Zuge der Kreditvergabe einer Bank gelange neues Geld in die Welt, das unterscheide sie von der Kreditvergabe durch Privatpersonen. Geld sei immer Kredit, aber nicht jeder Kredit sei Geld. Pistor ließ es sich schlussendlich nicht nehmen, darauf hinzuweisen, wie sehr die Banken durch die Befugnis zur Buchgeldschöpfung per Kredit privilegiert würden. Nun nickten die Köpfe des Publikums wieder, zumindest einige.
Was ergab also die institutionelle Autopsie? Das Geld lag zerstückelt vor uns und spätestens jetzt wurde klar, dass die selbstgestellte Aufgabe und das Mittel der Bewältigung nicht so recht zueinanderpassen wollten. Das Wesen einer Sache lässt sich doch kaum durch eine Autopsie erfassen. Nein, durch die Autopsie will man vor allem herausfinden, ob und inwiefern einem Wesen Gewalt angetan wurde. So lieferte Pistor in ihrer ersten Vorlesung weniger eine positive Bestimmung des Geldes, sondern führte vielmehr vor, welchen mangelhaften Zugriffen es ausgesetzt wird – sei es durch funktionalistische Erklärungen, die staatszentrierte MMT oder das Recht. Am Ende ihres Gutachtens stand keine eindeutige Konklusion, sondern vielmehr eine produktive Irritation.
Das könnte ein Schlusspunkt für den Bericht von der ersten Vorlesung sein, wäre da nicht das Frankfurter Publikum gewesen. 4,3 Kilometer beträgt die Entfernung zwischen dem Campus Bockenheim und der Europäischen Zentralbank, zwei Kilometer zur Bundesbank, jeweils etwa zwanzig Minuten mit dem öffentlichen Nahverkehr. Vorab schon hatte man sich fragen können, ob einige Banker diesen Weg wohl auf sich nehmen würden, um Pistor zu hören. Offensichtlich ja. Und auch manch anderer aus dem Frankfurter Bankenviertel hatte sich in Hörsaal IV eingefunden. So erhob sich ein Mann nach dem anderen, stellte sich wahlweise als Bundesbanker oder Buchhalter einer „global systemrelevanten Geschäftsbank“ vor und begann ohne großen Widerspruch mit seiner Frage zu technischen oder rechtlichen Details. Der Name Adorno fiel hingegen nur einmal. Und dann Auftritt Priesemann, ehemaliger Berater von EZB und EU-Kommission, etwas höheres Semester. Erste Frage, eher eine Anmerkung: Wie komme denn das staatliche Geld in die Welt? Indem Banken bei den Zentralbanken Kredite aufnehmen! Demnach müsse doch auch staatliches Geld als Kredit gelten. Zweite Frage, nun ans Publikum gerichtet: „Wer hat beim Vortrag alles verstanden? Finger hoch!“. Die Finger blieben unten. Dem Geld war der Schleier des Selbstverständlichen entrissen, die Irritation des Publikums gelungen.
Liquidität und infrastrukturelle Macht
Und es kam wieder. Auch am zweiten Abend war der Hörsaal IV bis auf den letzten Platz besetzt. Die Frühgekommenen sicherten sich nicht nur die begehrtesten Plätze, ihnen wurde auch das Ausharren durch eine Animation der Waterworks of Money auf der Hörsaalleinwand erleichtert. Die Künstlerin Carlijn Kingma illustriert darin das Undarstellbare, nämlich das globale Finanzsystem, als ein monumentales Wasserwerk mit Schleusen und Mühlen, mit Kanälen und Dämmen. Im heutigen Geldwesen verflüssigt sich das Wesen des Geldes. Und so wurde Liquidität das Thema von Pistors zweiter Vorlesung „Geldverfassung der Gegenwart“. Liquidität sei, so Pistor einleitend, die operative Logik einer Geldverfassung, die auf Kreditgeld gründet. Das war gewiss erklärungsbedürftig. Ihre Vorlesung sollte Abhilfe schaffen und gliederte sich in drei Teile: Zunächst beschrieb sie die hierarchische Organisation des Geldes, dann stellte sie das Konzept des Liquiditätsdreiecks vor, um abschließend ihre Überlegungen auf das globale Geldwesen zu skalieren.
Grundsätzlich lasse sich die Organisation des Geldes in Pyramiden abbilden. An ihrer Spitze stehe die Zentralbank, darunter lägen die Banken mit ihren Zentralbankkonten, wiederum darunter die Firmen und Haushalte mit ihren Bankkonten. Wenn man nicht die Institutionen, sondern ihre verschiedenen Geldformen in den Blick nehme, dann sehe man oben das Staatsgeld, darunter die Reserven, das Buchgeld, versicherte und unversicherte Einlagen. Das Geldwesen der Gegenwart bestehe also aus hierarchisch strukturierten Geldformen, wobei die Sicherheit der Geldformen von oben nach unten abnehme. Pistor war sich der Vereinfachung bewusst und wies auf die Leerstellen dieser Darstellung hin: Wo seien hier die Staatsanleihen, wo die Schattenbankenpraktiken und globalen Verflechtungen? Bevor sie dazu überging, die Leerstellen zu füllen, nutzte sie jedoch die Pyramide, um den Begriff der Liquidität zu definieren: Liquidität meine die Fähigkeit, Anlagen in hierarchisch höhere Geldformen, möglichst in das Staatsgeld, zu überführen.
Die abstrakte Definition veranschaulichte Pistor wiederkehrend durch den Rekurs auf die Finanzkrise von 2007/2008. Damals seien der Finanzmarkt zu einem „sudden stop“ gelangt, die Liquidität der Finanzakteure eingefroren und die Vermögenswerte in einem „run on assets“ auf den Markt geworfen worden. Die Zentralbanken statteten die Finanzakteure mit Liquidität aus, indem sie die problematischen Vermögenswerte mit Staatsgeld aufkauften. Während die Monetarisierung staatlicher Schulden tabuisiert werde, handele es sich hierbei um nicht weniger als eine Monetarisierung privater Schulden. Diese Liquiditätsversorgung in der Krise sei, so betonte Pistor immer wieder, ohne Rechtsanspruch und ohne Mandat erfolgt.[13] Außerdem berge die Notfallrettung die Gefahr, die Risikobereitschaft der Akteure zu erhöhen.
Damit stieß Pistor auf ein theoretisches Problem. Zuerst konnte sie mit dem Wirtschaftswissenschaftler Hyman Philip Minsky dem kreditgeldbasierten Finanzmarkt eine inhärente Fragilität unterstellen. Inhärent fragil sei der Finanzmarkt, weil die in ihm zirkulierenden Versprechen die Ressourcen überstiegen und der Wettbewerb seiner Akteure letztlich spekulative Praktiken normalisierten – bis zur nächsten Krise. Darüber hinaus setzte Pistor die Liquidität auf John Maynard Keynes zurückgreifend ins Verhältnis zur fundamentalen Ungewissheit. Die fundamentale Ungewissheit liege in der Unmöglichkeit, die Zukunft durch Wahrscheinlichkeitsrechnung oder Extrapolationen verlässlich vorherzusagen. Wenn aber die Zukunft fundamental ungewiss sei, dann erscheine Liquidität als Möglichkeit, künftige Unabwägbarkeiten zu bewältigen. Solange Liquidität bereitgestellt werden könne, müsse man sich um Ungewissheiten nicht scheren, so Pistor pointiert. Zugleich befeuere ebenjene Liquiditätsprovision die von Minsky als inhärent fragil beschriebenen Dynamiken des Finanzmarkts. Und jede Rettungsaktion hätte ihren Preis, der von den jeweiligen Gesellschaften gezahlt werden müsse. Es lohnt sich also nach den Bedingungen der Liquiditätsproduktion zu fragen: Wer stellt für wen und welchen Zweck Liquidität bereit?
Damit ging Pistor zum zweiten Teil ihrer Vorlesung über, der dem Publikum einiges abverlangen sollte. Auf die Pyramiden der Geldhierarchie folgten nun die Dreiecke der Liquiditätsproduktion. Zunächst führte sie das „Collateral-Triangle“ (Pfanddreieck) von Fabian Pape und Charlotte Rommerskirchen ein, um zu illustrieren, wie im Zusammenspiel von staatlichen Debt-Management-Offices (in Deutschland der Finanzagentur), Primary Dealern (Privatbanken) und Zentralbanken Staatsanleihen Liquidität verliehen wird. Jede der beteiligten Institutionen profitiere von der ungewöhnlichen Kooperation: die Debt-Management-Offices fänden Abnehmer der emittierten Staatsschulden, die Primary Dealer erhielten mit Staatsanleihen einen besicherungsfähigen Vermögenswert und die Zentralbank könne ihre Zinspolitik mittels besicherter Kredite auf die Märkte übertragen.[14] Anschließend an das Pfanddreieck stellte Pistor das Liquiditätsdreieck vor. An seinen Ecken befänden sich die Staatsverschuldung, die öffentliche und die private Geldschöpfung. Das Template dieses Dreiecks hätte die Gründung der Bank of England geschaffen: Hierbei seien Staatsschulden durch ein Konsortium privater Geldgeber gekauft worden, die sich als Bank of England konstituiert und das Recht zur Notenemission erhalten hätten. Aufgrund ihres Verschuldungsbedarfs hätte die Krone das Privileg der Geldschöpfung an eine privat kapitalisierte Zentralbank abgetreten. Worauf es Pistor an dieser Stelle ankam: In dem seither gleichsam modifizierten wie konsolidierten Liquiditätsdreieck würde Liquidität produziert, ohne dass eine der beteiligten Institutionen allein den Prozess kontrollieren könne.
Die Unkontrollierbarkeit zeigte Pistor exemplarisch an den sogenannten Repo-Märkten. Repo steht für Repurchase-Agreement (Rückkaufvertrag) und meint den Verkauf eines Vermögenswerts einschließlich des Versprechens, ebenjenen Vermögenswert zu einem späteren Zeitpunkt (gewöhnlich am nächsten Tag) wiederzukaufen. Das Versprechen werde dabei mit anderen Vermögenswerten, etwa Staatsanleihen, besichert. Welche Vorteile bietet dieses Geschäft? Laut Pistor diene ein Repo als Mittel zur kurzfristigen Liquiditätsbeschaffung, um damit etwa Investitionen verwirklichen zu können. Mit einer zugrundeliegenden Sicherheit, etwa einer Staatsanleihe, würden mehrere Investitionen möglich. Da Repo-Geschäfte ständig in Bewegung bleiben müssten, seien sie schrittweise von Konkursverfahren ausgeschlossen und somit rechtlich privilegiert worden. Schließlich sei das Schlimmste, was im Zuge von Repo-Geschäften passieren könne, dass der Vermögenswert aufgrund eines Konkursverfahrens bei einer Partei festgehalten werde. Die Schleusen müssen geöffnet bleiben. Derartige rechtliche Privilegierungen sowie Versuche, das Bankenwesen zu regulieren, hätten Schattenbankenpraktiken florieren lassen. Schattenbankenpraktiken speisten einerseits mittels Repos Liquidität in geldgleicher Form in den Finanzmarkt, unterlägen dabei aber andererseits eben nicht den regulatorischen Vorschriften gewöhnlicher Geschäftsbanken.
Das hohe Gebot der Liquidität erfordert also die Anpassung des Rechts sowie staatlichen Handelns an die Praxis des Finanzwesens. Darin erkannte Pistor die Wirksamkeit infrastruktureller Macht. Der Begriff, der von Michael Mann in Abgrenzung von despotischer Macht mitsamt ihrer direkten herrschaftlichen Gewaltausübung eingeführt wurde, verweist auf die Macht, die sich in und durch Infrastrukturen – sei es das Kommunikations-, Transport- oder eben Finanzwesen – realisiert,[15] und erfreut sich in der sozialwissenschaftlichen Finanzliteratur[16] großer Beliebtheit. Pistor nannte etwa Benjamin Braun, der befunden hatte, dass nunmehr die privaten Finanzakteure mittels infrastruktureller Macht Einfluss auf die Zentralbanken ausüben könnten[17]. Michael Mann selbst hatte die wechselseitigen Aneignungen von infrastruktureller Macht durchaus im Blick. Infrastrukturelle Macht, so seine Formel, sei eine „Zweibahnstraße“.[18]
Als wäre all das noch nicht kompliziert genug, müsse man außerdem die globale Verfassung des Geldes berücksichtigen, also zum dritten Teil kommen. Die pyramidale Hierarchie des Geldes setze sich international fort: An der Spitze der globalen Geldordnung throne der US-Dollar, darunter: der Euro, der Yen, der Renminbi und die übrigen Währungen.[19] Auch hier gelte das Streben, Zugang zu höherrangigen Währungen zu erhalten. Da Handel und Finanzgeschäfte nach wie vor hauptsächlich in US-Dollar abgewickelt würden, falle die Aufgabe der globalen Liquiditätsversorgung der Federal Reserve zu. Spätestens nach der Finanzkrise habe sie durch Swap-Lines mit anderen Zentralbanken neue monetäre Kanäle, die bei Bedarf ebenjene Zentralbanken mit US-Dollar versorgen, auf Dauer gestellt. Selbstredend erhalte nicht jede Zentralbank der Welt eine Swap-Line, sondern lediglich jene, die von der Fed für würdig erachtet werden. Handelt es sich dabei um infrastrukturelle oder gar despotische Macht? Die Vormachtstellung des US-Dollar sah Pistor jedenfalls nicht unmittelbar in Gefahr, die globale Geldverfassung schon.
Und so beendete Pistor ihre zweite Vorlesung mit einem gewissen Fatalismus, den auch die erneut zahlreichen Wortmeldungen nicht zu brechen vermochten. Wir hätten uns mit der globalen Geldverfassung ein System schaffen lassen, dass unkontrollierbar sei. Jeglicher Kontrollversuch – etwa durch die Basel-Vereinbarungen – führe zu Evasionsbewegungen und fördere die Schattenbankenpraktiken. Die infrastrukturelle Macht der privaten Finanzakteure sei enorm gewachsen, daran lasse sich nur schwer etwas ändern. Gegenvorschläge, die gleichsam von Assoziierten der Bundesbank und des IfS (hier bahnte sich wirklich eine neue Freundschaft an) formuliert wurden, begegnete Pistor mit großer Ernsthaftigkeit, ließ sich jedoch nicht überzeugen. Dem Appell des Bundesbank-Assoziierten an die Rechtsetzungsmacht des Staates und seine unverzichtbare Rolle in der Geldverfassung entgegnete Pistor mit Verweisen auf die Nachrangigkeit des Rechts gegenüber der Praxis, des öffentlichen Rechts gegenüber dem Privatrecht sowie dem staatlichen Interesse, am Fortbestand der Geldverfassung. Auch ließ die Erinnerung des Kollegen vom IfS an das Potenzial demokratischer Einflussnahme von unten, die sich in historischen Streikbewegungen bewährt hätte, und die Erwägung von Schuldboykotten Pistor nicht zur allgemeinen Zahlungsverweigerung aufrufen. Allerdings, und an dieser Stelle hallten überraschenderweise Töne der österreichischen business cycle theory aus dem 20. Jahrhundert[20] nach, wollte Pistor die nächste Krise zur Liquidierung spekulativer Praktiken genutzt sehen. Doch es blieb bei Andeutungen. So entließ Pistor das Publikum an diesem zweiten Abend um umfangreiches Wissen bereichert und einiger Illusionen beraubt.
Viele Vorschläge und ein trojanisches Pony
„Eine meisterhaftes Beispiel institutioneller Fantasie“, so meldete sich das Publikum am dritten Abend zu Wort. Pistor hatte sich für die abschließende Vorlesung nicht weniger als die „Neuordnung des Geldwesens“ vorgenommen. Das klang ambitioniert, doch gelang ihr durch die Konzeption relevanter Parameter eine systematisierende Sichtung existierender Vorschläge und darüber hinaus der Entwurf einer eigenen Synthese. Als Parameter dienten ihr die Oppositionen von Kreditgeld und Billig-Geld (equity money),[21] Zweckfreiheit und Zweckbindung, Dezentralität und Zentralität sowie Zweckvielfalt und Zweckoptimierung.
Das gegenwärtige Geldwesen lasse sich – gewissermaßen als Kontrastfolie für die darauffolgenden Gegenentwürfe – als profit-optimiertes, dezentrales und zweckfreies Kreditgeld bestimmen. Der Vorschlag der MMT[22] hingegen hebe die Opposition von Kreditgeld und Billig-Geld auf, da Geldschöpfung per Staatsverschuldung erfolgen solle. Die vorgeschlagene Art der Geldschöpfung könne ansonsten als zentral, zweckgebunden und sozial-optimiert bezeichnet werden. Der Staat schaffe hierbei per Verschuldung Geld für öffentliche Zwecke. Davon unterscheide sich der Vorschlag von Biagio Bossone und Abdourahmane Sarr,[23] den Pistor die doppelte Bedeutung von equity aufgreifend „Billig-Geld“ nannte. Ursprünglich im Kontext des Globalen Südens entwickelt und dann verallgemeinert, ziele der Vorschlag auf eine Geldschöpfung ohne Kreditvergabe ab. Stattdessen würden Deposit Creation Instiutions neues Geld als Schenkung (also ohne Rückzahlungsverpflichtung) in Umlauf bringen. Banken hingegen müssten ihre Aktivität auf die reine Vergabe von Darlehen aus bestehenden Einlagen beschränken (was ihnen heute mitunter schon unterstellt wird). Das so entworfene Billig-Geld sei zweckfrei und dezentral, diene also keinesfalls sozialen Zwecken, sondern einer alternativen Liquiditätsversorgung von Unternehmen und Haushalten, sei demnach liquiditätsoptimiert. Der letzte Vorschlag auf Pistors Liste stammte von Aaron Benanav.[24] Er erwäge ein digitales duales Geldsystem, in dem Konsumgeld (Credits) und Investitionsgeld (Points) voneinander geschieden seien. Während die Finanzierung unternehmerischer Investitionen durch Points mittels sogenannter repräsentativer Investitionsräte umgesetzt werden solle, erfolge die Versorgung privater Haushalte durch ein allgemeines Grundeinkommen sowie Lohnzahlungen in Credits. Dieser letzte Vorschlag vereine in sich zweckgebundenes, zentrales Billig-Geld für Unternehmen sowie zweckfreies, dezentrales Billig-Geld für private Haushalte und trage einer Vielfalt an gesellschaftlichen Werten Rechnung.
Nun bekannte sich Pistor keineswegs zu einem der Vorschläge, sondern gewann aus deren Vielfalt Fragen, die für die jegliche Neuordnung des Geldes entscheidend seien. Ihre Antworten konturierten dabei so etwas wie einen eigenen Vorschlag. Zunächst stelle sich die Frage, ob das Zahlungssystem vom Kreditsystem getrennt werden solle? Ja, befand Pistor, denn damit könne der Legitimation der Bankenrettung im Krisenfall die gesellschaftspolitische Grundlage entzogen werden. Wenn spekulationsfreudige Geschäftsbanken nicht mehr auf ihre soziale Rolle als Verwahrungsanstalten privater Einlagen und Abwickler des alltäglichen Zahlungsverkehrs rekurrieren könnten, wäre ihre Notfallversorgung mit staatlichem Geld wohl kein Selbstgänger mehr. Nächste Frage: Solle es mehrere Kriterien guten Wirtschaftens geben? Ja, lautete auch hier die Antwort, sodass die Fragestellungen ihren suggestiven Charakter offenbarten. Die Verengung auf Profitmaximierung sei schädlich, andere finanzierungswürdige, soziale Zwecke würden dabei verunmöglicht. Aussagen, für die einer in Bayern die Lehramtseignung abgesprochen werden kann, die aber bei den Adorno-Lectures auf offene Ohren stoßen sollten. Zuletzt müsse man darüber nachdenken, wer für welche Zwecke Geld schaffen solle. Pistor schwebte eine Orientierung der Geldschöpfung an normativen Grundlagen vor, jedoch wollte sie die Umsetzung einerseits zweckgebundenen Investitionsbanken und andererseits bedarfsorientierten Deposit-Creation-Institutions überlassen. Der Staat könne durch öffentliche Investitionsbanken finanziert werden. Pistor räumte schnell ein, dass dies zwar ein Entwurf für Marktwirtschaften, jedoch nicht unbedingt für kapitalistische Marktwirtschaften sei.
Zudem wusste sie, vom Möglichkeits- zurück in den Realitätssinn zu wechseln. Private Kreditgeldschöpfung lasse sich kaum unterbinden. Der Geist sei aus der Flasche, die Praxis etabliert. Sie habe einige Leute sehr reich gemacht. Aber, und hier sprach wieder die Rechtwissenschaftlerin, man könne dieser Praxis durchaus die rechtliche Vindizierung entziehen. Sie erinnerte an das Common Law, das bis Anfang der 2000er-Jahre spekulativen Geschäften die Inanspruchnahme des Rechtswesens – etwa die Durchsetzung von Ansprüchen vor Gericht – verwehrte. Aus Sicht des Staates hieße das: Spekulation meinetwegen, aber keine Reserven, keine Repos, keine Rettung. Dass derzeit mit Hinblick auf Kryptowährungen das Gegenteil passiere und der Staat erneut zur Versicherung spekulativer Praktiken ansetze, fügte Pistor umgehend hinzu.
Sie gab sich dann auch nicht mit dem Entwurf für ein geschlossenes System zufrieden, sondern zielte auf ein interoperables Geldsystem globaler Dimension. Wie sähen optimale Währungszonen aus politischer Sicht aus? Was folgte, war eine Stippvisite in die Geschichte globaler Geldsysteme. Vom Goldstandard und seiner Unvereinbarkeit mit demokratischen Ansprüchen an das Geld über Bretton Woods und seine Befestigung des US-Dollars als wichtigste Währung der Welt bis hin zu Bretton Woods II, in dem der US-Dollar seine Stellung auch ohne das Versprechen der Golddeckung behaupte. Die Kontingenz der Geschichte illustrierte Pistor mit der Idee des Bancor, die Keynes 1940 gewissermaßen als Alternative zur Bretton-Woods-Ordnung formuliert hatte. Der Idee zufolge hätte eine International Clearing Union (ICU) den Bancor als neutrale Weltwährung zur Abwicklung internationaler Zahlungen bereitgestellt, sodass die Staaten ihre Autonomie weitestgehend behalten, nur Handelsdefizite langfristig sanktioniert werden müssen. Als Aktualisierung dieser nie verwirklichten Idee erwähnte Pistor Überlegungen zum Bancor II, denen zufolge eine internationale Zahlungsabwicklungsunion das gegenwärtige internationale Geldsystem auch ohne Sanktionierung von Handelsdefiziten ergänzen könne. Dabei bliebe die Souveränität nationaler Geldsysteme gewahrt und ebenjene ließen sich trotz vielfaltiger Ausgestaltungen international miteinander verschalten, die Ausrichtung auf den US-Dollar hingegen wäre passé.
Wohl auch in Anbetracht des Frankfurter Publikums mit seiner hohen Dichte an (Zentral-)Bankern ließ es Pistor sich abschließend nicht nehmen, noch einige Worte zum digitalen Euro zu verlieren. Dieser habe das Potenzial, das Zahlungs- und Kreditsystem zu entflechten. Sollten durch den digitalen Euro Bürgerkonten bei der Europäischen Zentralbank eingerichtet werden, sei ein erster Schritt in diese Richtung erreicht. Der digitale Euro könne so zu einem „trojanischen Pferd“ für die Neuordnung des Geldes werden. „Wohl eher ein trojanisches Pony“, flüsterte es keck aus dem Publikum. Gegenwärtig deutet jedenfalls kaum etwas darauf hin, dass der digitale Euro das Geldwesen neu ordnen könnte. Die Berichte der EZB erwähnen Obergrenzen der in digitalem Euro haltbaren Beträge, die Vermittlung durch Geschäftsbanken und das Bemühen, ebenjenen keinesfalls ihr Geschäftsmodell streitbar zu machen. Aber vielleicht saßen ja einige Beteiligte an diesem Abend in Hörsaal IV der Goethe-Universität und haben sich von der dargebotenen institutionellen Fantasie anstecken lassen. Es wäre uns zu wünschen.
Fußnoten
- Für hilfreiche Nachgespräche, Anmerkungen und Hinweise danke ich Clemens Boehncke, Lukas Lachenicht, Malina Stutz, Luca Kokol und Aaron Sahr.
- Katharina Pistor, Der Code des Kapitals. Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft, übers. von Frank Lachmann, Berlin 2020.
- So der seinerseits stets charmant-humorvoll durch die Abende führende Gastgeber Stephan Lessenich.
- Vgl. Aaron Sahr, Die monetäre Maschine. Eine Kritik der finanziellen Vernunft, München 2022.
- Vgl. Stephanie Kelton, The Deficit Myth. Modern Monetary Theory and the Birth of the People’s Economy, New York 2020.
- Vgl. Benjamin Braun, Speaking to the People? Money, Trust, and Central Bank Legitimacy in the Age of Quantitative Easing, in: Review of International Political Economy 23 (2016), 6, S. 1064–1092, doi.org/10.1080/09692290.2016.1252415.
- Siehe hierfür: Samuel Allen Chambers, Money Has No Value, Berlin/Boston 2023, S.40 ff.
- Siehe etwa das einflussreiche Buch von Christine Desan, Making Money: Coin, Currency, and the Coming of Capitalism, Oxford, 2014.
- Fabian Heide, Die rechtliche Konstruktion des Geldes. Über das historisch-rechtsinstitutionelle Verhältnis zwischen Geld, Fiskus und Notenbank, Berlin 2025.
- Vgl. Geoffrey K. Ingham, The Nature of Money. Cambridge 2004..
- Der weite Geltungsanspruch zeigt sich nicht zuletzt darin, dass seine Repräsentanten die Behauptung eines nicht-kreditären Geldes theoretisch zurückweisen. Von Ingham in Auseinandersetzung mit Costas Lapavitsas etwa zugespitzt: „Die Unterscheidung von ‚Geld‘ und ‚Kredit‘ ist falsch“ (Geoffrey Ingham, Further Reflections on the Ontology of Money: Responses to Lapavitsas and Dodd, in: Economy and Society 35, (2006), 2, S. 259–78, doi.org/10.1080/03085140600635730., hier: S.266). Samuel Allen Chambers radikalisiert diesen theoretischen Ansatz in Chambers, Money Has No Value, Berlin/Boston 2023.
- Joseph Alois Schumpeter weist auf diese Diskrepanz bereits hin, wenn er schreibt: „Die Gesetzgebung – man vergegenwärtige sich, daß die meisten Ökonomen, die nicht aus der Wirtschaft stammten, Juristen waren – wurde auf eine scharfe Trennung zwischen dem Geld im Sinne des einzig echten und letzten Zahlungsmittels und dem einen Anspruch auf Geld verkörpernden Kreditinstrument abgestellt. Logisch gesehen steht es jedoch keineswegs fest, daß es die vorteilhafteste Methode ist, die Münze als Ausgangsbasis zu nehmen, selbst dann nicht, wenn wir als Konzession an die Wirklichkeit das nichteinlösbare Staatsgeld einschließen - , um zu den Kredittransaktionen der ökonomischen Realität fortzuschreiten. Es könnte vorteilhafter sein, von diesen auszugehen und das kapitalistische Geldwesen als Clearing-System zu betrachten, in dem Forderungen und Schulden gegeneinander aufgerechnet […] werden“. Joseph A. Schumpeter, Geschichte der ökonomischen Analyse, Göttingen 2009, S. S.876.
- Eine Konstellation, die Pistor selbst einmal als „Law-Finance-Paradox“ beschreibt. Einerseits sei das Finanzwesen durch das Recht konstituiert, andererseits müsse ebenjenes Recht gegebenenfalls zur Rettung des Finanzwesens suspendiert oder zumindest seine Verpflichtungen gelockert werden. Siehe Katharina Pistor, A Legal Theory of Finance, in: Journal of Comparative Economics 41 (2013), 2, S. 315–30, doi.org/10.1016/j.jce.2013.03.003, hier: S. 323.
- Vgl. Fabian Pape / Charlotte Rommerskirchen, Co-Working in the Collateral Factory. Analyzing the Infrastructural Entanglements of Public Debt Management, Central Banking, and Primary Dealer Systems, in: Review of International Political Economy 31, (2024), 5, S. 1371–95, doi.org/10.1080/09692290.2024.2313476.
- Vgl. Michael Mann, The autonomous power of the state. Its origins, mechanisms and results, in: European Journal of Sociology / Archives Européennes de Sociologie / Europäisches Archiv für Soziologie 25 (1984), 2, S. 185–213.
- Siehe etwa die zahlreichen Inanspruchnahmen in folgendem Handbuch: Carola Westermeier u.a. (Hrsg.), The Cambridge Global Handbook of Financial Infrastructure, Cambridge, 2025, doi.org/10.1017/9781009428118.
- Vgl. Benjamin Braun, Central Banking and the Infrastructural Power of Finance. The Case of ECB Support for Repo and Securitization Markets, in: Socio-Economic Review 18 (2020), 2, S. 395–418, doi.org/10.1093/ser/mwy008.
- Michael Mann, The Sources of Social Power, Bd. 2, Cambridge 2012, S.59
- Für eine Erläuterung der durchaus eigenartigen Logiken von binnenstaatlichen und internationalen Hierarchien siehe: Steffen Murau / Jens Van ’T Klooster, Rethinking Monetary Sovereignty. The Global Credit Money System and the State, in: Perspectives on Politics 21 (2023), 4, S. 1319–1336, doi.org/10.1017/S153759272200127X.
- Vgl. Eintrag zu „Austrian Economics“, in: Exploring Economics, 2016, www.exploring-economics.org/en/orientation/austrian-economics/.
- Der Begriff des equity money stammt eigentlich aus der Debatte um die richtige buchhalterische Einordnung von Geld und behauptet, Geld sei adäquater als equity und nicht als debt zu behandeln. Pistor nutzte den Begriff aber vor allem, um über die Idee eines Geldes, das nicht als Kredit in die Welt kommen soll., zu sprechen.
- Pistor verzichtete auf eine konkrete Referenz, sie rief die Arbeiten von Randall Wray, Stephanie Kelton u.a. als eine zusammenhängende Denkschule und politische Bewegung auf. Siehe zur Einführung: Dirk Ehnts, Modern Monetary Theory: Eine Einführung, Wiesbaden 2022.
- Biagio Bassone / Abdourahmane Sarr, A New Financial System for Poverty Reduction and Growth, IMF Working Paper (International Monetary Fund, 2002, . Biagio Bossone, Trailblazing Visions of Money in Economic Theory: Essence, Genesis, and Economic Ramifications, Contributions to Economics, 2025, doi.org/10.1007/978-3-031-82544-6.
- Vgl. Aaron Benanav, Beyond Capitalism 2. Institutions for a Multi-Criterial Economy, in: New Left Review, 154 (2025), newleftreview.org/issues/ii154/articles/aaron-benanav-beyond-capitalism-2.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.
Kategorien: Digitalisierung Geld / Finanzen Gesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Politische Ökonomie Soziale Ungleichheit
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