Peter Wagner | Rezension |

Freiheit neu erfinden

Rezension zu „Überfluss und Freiheit. Eine ökologische Geschichte der politischen Ideen“ von Pierre Charbonnier

Abbildung Buchcover Überfluss und Freiheit von Pierre Charbonnier

Pierre Charbonnier:
Überfluss und Freiheit. Eine ökologische Geschichte der politischen Ideen
Übersetzt von Andrea Hemminger
Deutschland
Frankfurt am Main 2022: S. Fischer
512 S., 36,00 EUR
ISBN 978-3-10-397110-1

Die Geistes- und Sozialwissenschaften fahnden nach wie vor nach den genauen sozialen Ursachen für den Klimawandel. Einige Beobachter:innen machen den Kapitalismus oder das instrumentelle Verhältnis der Menschen zur Natur für die Erderwärmung verantwortlich. Damit erlauben sie die vage Hoffnung, dass diese menschheitsgeschichtlichen Fehltritte überwunden werden können. Dipesh Chakrabarty hingegen nimmt an, das menschliche Freiheitsverlangen selbst basiere auf dem Klimawandel: „Das Haus der menschlichen Freiheiten ist auf einem ständig wachsenden Fundament der Nutzung fossiler Brennstoffe errichtet worden.“ Ich hatte bereits früher Gelegenheit, Chakrabartys prägnanten Satz auf diesem Portal zu zitieren,[1] in der vorliegenden Besprechung geht es aber um etwas anderes. Chakrabarty fügt nämlich noch auf derselben Seite hinzu: „In keiner der Diskussionen über Freiheit seit der Aufklärung gab es ein Bewusstsein von der geologischen Kraft, die die Menschheit in genau jener Zeit des Freiheitsgewinns errangen.“ Die Feststellung ist sicher insofern richtig, als planetarische Auswirkungen menschlichen Handelns erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts intensiv thematisiert werden.[2] Aber sollten wir daraus auch schließen, wie Chakrabarty zu suggerieren scheint, dass die Aufklärungshoffnungen sich nur unter Ausblendung ihrer biophysischen Voraussetzungen (und Folgen) nähren ließen? Dies ist die Frage, der Pierre Charbonnier in seinem bahnbrechenden Werk Überfluss und Freiheit. Eine ökologische Geschichte der politischen Ideen nachgeht, das jetzt in leicht gekürzter Form in der deutschen Übersetzung von Andrea Hemminger vorliegt.

Anders als Chakrabarty fragt sich Charbonnier: „Wie haben die Kämpfe [...] um Emanzipation und politische Autonomie die intensive Nutzung der Ressourcen zur Entfaltung gebracht?“ (S. 14) Die Antwort ist für Charbonnier erst noch zu finden, sie wird jedoch keineswegs so einfach aussehen, wie die Chakrabartys. Und anders als Bruno Latour – auf dessen Denken er sich durchaus stützt ebenso wie auf jenes von Philippe Descola (S. 29) – geht Charbonnier auch nicht von vornherein davon aus, dass sich die Moderne begrifflich darauf gründet, „Natur“ von „Gesellschaft“ getrennt zu haben. Er begibt sich zunächst „auf die Suche nach historischen Transformationen [im ...] Verhältnis zwischen dem Natürlichen und dem Sozialen“ (S. 33).

Seine Nachforschungen und Überlegungen sind überaus fruchtbringend. Charbonnier unterscheidet drei Perioden in der ökologischen Geschichte politischer Ideen: (1) die vorindustrielle Moderne, in der Arbeit und Boden die Grundlagen menschlicher Subsistenz bildeten; (2) der Zugriff auf konzentrierte Energien, erst Kohle, dann Erdöl und -gas; und schließlich (3) die gegenwärtige katastrophale und irreversible Veränderung der globalen Umweltbedingungen (S. 14). Diese Periodisierung mag auf den ersten Blick wenig originell sein, überlappt sie sich doch mit der konventionellen Sichtweise auf den Umbruch durch die Industrielle Revolution im frühen 19. Jahrhundert und durch den mutmaßlichen Beginn von Postindustrialismus und Postmoderne im späten 20. Jahrhundert – heute besser verstanden als Ausbruch der globalen ökologischen Krise. Der Blickwinkel auf diese Zäsuren verändert sich jedoch grundlegend, wenn man wie Charbonnier die vorherrschende historisch-soziologische Lesart der Moderne mit der Geschichte der politischen Ideen verknüpft. Um die Herausforderung deutlich zu machen: Die Industrielle Revolution wird oft als sozio-ökonomischer Beginn der Moderne angesehen, während die Französische Revolution als politischer Beginn der Moderne gilt. Aber meist wird nicht gefragt, ob und wie diese beiden räumlich getrennten, aber zeitlich nahezu zusammenfallenden Ereignisse in Zusammenhang miteinander stehen.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bestand weithin Einigkeit darüber, dass die Verfügbarkeit von Arbeit und Boden dem materiellen Reichtum der Menschen natürliche Grenzen setzen würde. Der Autor, der dies vielleicht zuletzt, aber auch in höchst drastischer Art darlegte, war Robert Malthus. Er nahm an, dass Kriege, Krankheiten und Hungersnöte immer dafür sorgten, dass die menschliche Bevölkerung nicht dauerhaft über die ökologischen Grenzen hinaus anwachsen würde. Ohne die ökologische Limitierung zu leugnen, glaubte die klassische politische Ökonomie, in der Spezialisierung und Arbeitsteilung einen Weg gefunden zu haben, um den Reichtum der Nationen durch Intensivierung der Arbeit statt durch Ressourcenverbrauch zu erhöhen. Charbonnier prägt hierfür den für seine Betrachtung leitenden Begriff des „liberalen Pakts“ (S. 101), den er mit David Hume und Adam Smith verbindet.

Es ist nämlich genau dieser liberale Pakt, der Freiheit mit Überfluss verknüpft, oder expliziter: der die Schaffung von Überfluss zur Bedingung für die Verwirklichung von Freiheit macht. Es ist es wert, Charbonnier direkt zu Wort kommen zu lassen:

„[D]ie politische Autonomie [stützte sich ...] auf die Aussicht auf materiellen Wohlstand, um sich begehrenswert zu machen. So förderte der Überfluss das Projekt der rechtlichen Emanzipation von Individuen und Gruppen, indem er ihm eine greifbare Stütze bot. Es gibt Grund zu der Annahme, dass die Freiheit ohne Überfluss weniger attraktiv gewesen wäre.“ (S. 53)

Somit stellt der Überfluss

„eine der kardinalen kollektiven Bestrebungen dar, um die sich die modernen Gesellschaften organisiert haben [und die sich …] weder auf den bloßen Wunsch nach materiellem Wohlstand noch auf eine verwerfliche Hybris [...] reduzieren lässt: Das Streben nach Überfluss ist nämlich in eine politische Rationalität eingebettet, ohne die es unverständlich ist – in seinen Erfolgen wie in seinen Sackgassen.“ (S. 49 f.)

Aus diesem Blickwinkel lassen sich die genannten Umbrüche verstehen. Adam Smith hatte Freiheit mit Reichtum verbunden, aber angenommen, die Intensivierung der Arbeit würde ausreichen, um den erforderlichen Überfluss zu generieren, ohne eine größere Menge an Arbeit oder Boden zu erfordern. Dies stellte sich als irrig heraus. Der Reichtum wuchs erst, als die Arbeit der afrikanischen Sklaven auf amerikanischem Boden zu einer der Ressourcen wurde, die um 1800 die „große Divergenz“ (Kenneth Pomeranz) zwischen Westeuropa und anderen Weltregionen ermöglichten. Die andere Ressource waren die fossilen Brennstoffe, im ersten Schritt die Steinkohle und im nächsten, am Ende des 19. Jahrhunderts, Erdöl und -gas. Dadurch verschob sich die Perspektive vom intensiven Wachstum durch Spezialisierung auf extensives Wachstum, nämlich durch den Verbrauch biophysikalischer Ressourcen.

Charbonnier spricht hier von einer „zweiten Geburt der Moderne“ (S. 128). Die Beobachtung trifft sich mit anderen ideengeschichtlichen Analysen, etwa mit Quentin Skinners Betrachtungen zum Niedergang des Republikanismus und Aufstieg des Liberalismus an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert oder mit Axel Honneths kritischer Skizze der Transformation des (früh-)sozialistischen Denkens im Zuge der Industrialisierung.[3] In den nuancierten Überlegungen Skinners aber bleiben die Gründe für den Niedergang des Republikanismus im Dunklen, und bei Honneth scheint die Industrialisierung von außen auf das sozialistische Denken zu treffen. In beiden Fällen lassen sich die ideengeschichtlichen Umbrüche besser im Lichte der „ökologischen Frage“ verstehen.

Im Zuge des ökologischen Umbruchs bildete sich eine „extraktive Konzeption der Freiheit“ (S. 156) heraus, die Charbonnier interessanterweise bei Alexis de Tocqueville am deutlichsten entwickelt findet. Daran anschließend schaltet er seinen Begriff von „Demokratie“ sozusagen zwischen die Versprechen von Autonomie und Überfluss. Üblicherweise steht die „soziale Frage“ im Zentrum der Betrachtungen des europäischen 19. Jahrhunderts. Der aufkommende Kapitalismus vergrößerte die soziale Ungleichheit und verschlechterte die Arbeits- und Lebensbedingungen vieler. Dagegen wehrte sich die Arbeiterbewegung, sie interpretierte das Freiheitsversprechen auch als Versprechen gleicher politischer Freiheit. Unter demokratischem Druck antwortete die politische Klasse auf die soziale Frage, indem sie die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse – auch die der unteren Klassen – förderte, was wiederum nur durch die Ausbeutung biophysikalischer Ressourcen möglich war. Auf die soziale folgte also die ökologische Frage. Charbonnier benutzt für das späte 19. Jahrhundert, als man die Grundlagen für den ressourcenintensiven Entwicklungsweg legte, den von Timothy Mitchell geprägten Begriff der „carbon democracy“.[4] Allerdings verwendet Charbonnier den Begriff der „Demokratie“ sehr expansiv für eine Periode, in der demokratische Institutionen sich noch kaum herausgebildet hatten. Damit geht der Analyse etwas an Trennschärfe verloren.

Die Betrachtungen springen sodann in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und die Ära der „großen Beschleunigung“.[5] Die ideengeschichtliche Betrachtung gerät dünner – wohl weil Charbonnier annimmt, dass die interpretativen Grundlagen für das Verständnis der Gegenwart nunmehr gelegt sind und die gegenwartsnahen Quellen sich damit leicht lesen lassen. Allerdings ist es bedauerlich, dass die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum vorkommt. Denn immerhin ist dies die Zeit, in der die Verbindung von Autonomie und Überfluss zu jener gesellschaftlichen Transformation wurde, die uns in die heutige ökologische Krise trieb. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war sie eher ein Vorschlag, der umstritten blieb.

Zum Abschluss seiner Betrachtungen erwähnt Charbonnier die oben zitierte Bemerkung Dipesh Chakrabartys über den Mangel an ökologischem Bewusstsein im Freiheitsdenken seit der Aufklärung und widerspricht ihm:

„[D]ie ökologische Dimension des kollektiven Handelns, wenn man sie etwas weiter fasst, [hat] sehr wohl diese Debatten durchdrungen. [...] Genau das habe ich als ‚liberalen Pakt‘ bezeichnet: die theoretische und praktische Formel, die das intensive und sodann extensive Wachstum zum Vehikel der politischen Emanzipation machte, indem sie den Horizont der Möglichkeiten eröffnete.“ (S. 434)

Es ist eine von Charbonnier überzeugend skizzierte Folge der Geschichte, dass wir heute

„über kein Autonomiekonzept [verfügen], das den Mechanismen des Überflusses wirklich fremd wäre. [...] Zu sagen, dass die Freiheit eine materielle Geschichte hat, bedeutet auch anzunehmen, dass sie ständig von ökologischen Verhältnissen, die nicht neutral sein können, bestimmt oder zumindest grundiert ist“ (S. 435 f.).

Aber im Unterschied zu der Annahme, Freiheit und ökologische Krise seien unweigerlich miteinander verbunden, erlaubt Charbonniers Analyse der politischen Ideen zumindest die Andeutung einer Alternative, nämlich nichts weniger als „die Freiheit neu [zu] erfinden“ (S. 429).[6]

Pierre Charbonniers Arbeit ist ein Pionierwerk. Als solches kann es nicht perfekt sein. Puristische Ideengeschichtler halten die Selektion der diskutierten Werke womöglich für begründungsbedürftig. Man mag auch fragwürdig finden, wie der Autor zwischen Primär- und Sekundäranalysen springt. Mit seinem Fokus auf politische Ideen stellt das Buch auch Fragen, die es selbst nicht beantworten kann, insbesondere solche, die drei analytische Stränge miteinander in Beziehung setzen: den Gang der Ideen mit der Transformation politischer Institutionen – etwa der angesprochenen Entwicklung der Demokratie – und mit der tatsächlichen Entwicklung der Ressourcennutzung, also jener Exploration der ersten und zweiten „vertical frontier“ von Kohle, Öl und Gas.[7] Aber genau dadurch kennzeichnen sich Pionierarbeiten aus: Fragen aufzuwerfen (und offen zu lassen), die zuvor nicht gestellt wurden.

Überfluss und Freiheit ist ein wesentlicher Schritt zu jener „alternativen Geschichte der Moderne“, die Dipesh Chakrabarty eingeklagt hatte.[8] Es ist unabdingbare Lektüre für alle, die unsere ökologische Krise besser verstehen wollen.

  1. Dipesh Chakrabarty, The Climate of History in a Planetary Age, Chicago, IL 2021, S. 32 (der Aufsatz, aus dem dieser Satz stammt, wurde bereits 2009 veröffentlicht); Peter Wagner, In den Klimawandel hineingeschlittert?, in: Soziopolis, 18.10.2021.
  2. Die Hypothese, dass sich die Erdatmosphäre durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe erwärmt, ist immerhin bereits am Ende des 19. Jahrhunderts formuliert worden.
  3. Dies zieht sich durch zahlreiche Arbeiten Quentin Skinners, vgl. insbesondere ders., Liberty before Liberalism, Cambridge 1997; Axel Honneth, Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung, Berlin 2017.
  4. Timothy Mitchell, Carbon Democracy. Political Power in the Age of Oil, London 2011.
  5. Will Steffen / Wendy Broadgate / Lisa Deutsch / Owen Gaffney / Cornelia Ludwig, The Trajectory of the Anthropocene. The Great Acceleration, in: The Anthropocene Review 2 (2015), 1, S. 81–98.
  6. Vgl. auch Ian Baucom, History 40 Celsius. Search for a Method in the Age of the Anthropocene, Durham, NC 2020.
  7. Edward Barbier, Scarcity and Frontiers. How Economies Have Developed through Natural Resource Exploitation, Cambridge 2011.
  8. Chakrabarty, The Climate of History in a Planetary Age, S. 183.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Arbeit / Industrie Kapitalismus / Postkapitalismus Moderne / Postmoderne Ökologie / Nachhaltigkeit Politische Theorie und Ideengeschichte

Peter Wagner

Peter Wagner ist Forschungsprofessor für Sozialwissenschaften am Katalanischen Institut für Forschung und höhere Studien (ICREA) und an der Universität Barcelona sowie gegenwärtig ein Leiter des Research Clusters „Modernity in Central Asia: Identity, Society, Environment“ an der University of Central Asia. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Gesellschaftstheorie, der historisch-vergleichenden Soziologie, der politischen Soziologie und der politischen Philosophie.

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